Kapitel 33 – Fluchtversuch

Kapitel 33 – Fluchtversuch

 

Aurelie

Wo ich war? Das wussten nur die Götter. Wie viel Zeit vergangen war? Ebenfalls. Weder konnte ich mich an der Umgebung, noch am Tageslicht orientieren. Denn ich sah nichts. Und in die Kutsche gelang kein Sonnenlicht, das mir hätte Wärme spenden können. Am Abend oder in der Nacht wurde die Tür geöffnet und mit etwas zu essen hineingestellt. Raus durfte ich nur, um mich zu erleichtern. Und das wiederum nur in Begleitung.

An ein Entkommen war nicht zu denken. Schwanger, blind und orientierungslos, wäre ich jedem Vagabund, Vergewaltiger oder Mörder hilflos ausgeliefert. Aber wäre das so viel schlechter, als mein momentaner Zustand? Ich hatte mich vergewaltigen lassen. Um an Wasser, Nahrung und Blut zu gelangen. Um die Möglichkeit einer Flucht zu schaffen! Zumindest körperlich. Mehr denn je zuvor war ich tollpatschig, verlor meinen Gleichgewichtssinn und strauchelte des Öfteren mal, nur beim Versuch, ein paar Schritte in den Wald zu gehen, um mich zu erleichtern. Das zusätzliche Gewicht vorne und dazu der fehlende Sehsinn machten die Welt, insbesondere einen Wald, zur reinsten Stolperfalle.

Wieder einmal hörte das Ruckeln auf. Wir hatten angehalten. Und heute war es so weit. Ich hatte beschlossen, durchzuziehen, wofür ich meinen Körper verkauft hatte. Und selbst wenn es mich umbrächte. Ein totes Kind war besser, als ein Kind in den Händen des Hohepriesters. Des Mannes, der König Alaric damals empfohlen hatte, das schwächliche Kind seines Weibes zu foltern, um eine Reife zu erzwingen. Ja, er hatte es mir gestanden. Oder wohl eher damit geprahlt. Oh, wie stolz er geklungen hatte. Er wäre immer ein zuverlässiger, treu ergebener Diener und Berater der Krone gewesen. Mit Freuden hätte er dem König den Ratschlag erteilt, ein Kind zu foltern. Also: Lieber sähe ich mein eigees tot, als in seinen Händen. Lieber verließ ich zusammen mit ihm diese Welt, als es hier zurückzulassen, ohne meinen Schutz – so erbärmlich er auch sein mochte.

Zögerlich klopfte ich an die Kutschenwand. „Ich müsste ganz dringend …“, piepste ich beschämt. Standhaft versuchte ich alle Vampire und Grigoroi, die mit uns reisten, davon zu überzeugen, dass ich alles andere als eine Gefahr darstellte. Jung, dumm, beschämt, tollpatschig. Dies waren die Wesenszüge, die mir hoffentlich einen Weg in die Freiheit schaffen würden. Uns … Zärtlich strich ich über meinen Bauch und wiederholte die Worte in meinem Kopf. Wir würden entkommen. Und irgendwo auf gütige Menschen treffen, die uns aufnahmen. Die uns vielleicht sogar zu Cyrus zurückbringen konnten. Und wenn nicht, dann schnappte ich mir eben einen Stock, klaute Proviant und machte eine Wanderung.



Die Nägel aus der Tür gezogen. Frische Luft flutete den Innenraum der Kutsche. „Na, komm, Hoheit. Ich begleite dich.“

Erleichtert atmete ich aus. Besser hätte ich es nicht treffen können. „Danke, Maluk.“ Tastend stieg ich aus der Kutsche heraus, den Blick stets geradeaus gerichtet. Danach spürte ich die Hand des Mannes, der mir in dieser Gruppe noch am sympathischsten war.

„Kein Problem, Hoheit.“ Wortlos führte er mich in den Wald. Oder in die Büsche? Das wäre für meine Flucht ungeeignet. Was wiederum aber dafür sprach, waren die Stimmen, die ich vor einer Weile gehört hatte. Wir mussten ein Dorf passiert haben.

„Wie sieht es aus?“, fragte ich leise.

„Zwei Tage noch“, brummte er kurz angebunden.

Das war … nicht gut. Es bedeutete, dass dies hier vielleicht wirklich die einzige Möglichkeit zur Flucht war, die sich noch ergeben würde.

Ich kicherte leise, hörte mich dabei an, als wäre ich sturzdebil, und festigte meinen Griff um seinen Arm. „Aber ich meinte doch die Umgebung.“

„Oh, natürlich. Nun, die Wolken ziehen sich zusammen. Es gibt bestimmt bald Regen. Hm … Vor uns liegt ein Wald.“ Langsam führte er mich eine Böschung hinunter. „Laubbäume, so weit das Auge reicht. Mehrere Sträucher und Farne. Es ist üppig und grün. Hin und wieder sind wilde Blumen zwischen den Bäumen zu erkennen. Den Duft kann man bis hierhin riechen, nicht wahr?“

Ich atmete ein und lächelte ehrlich. „Ja“, seufzte ich leise. „Ich wünschte, ich könnte es sehen.“

„Vielleicht liegt es an der Schwangerschaft? Ich habe schon von Fällen gehört, da konnte die Frau mehrere Monate nicht mehr laufen. Aber nach der Geburt ging es wieder.“ Maluk führte mich noch ein Stück weiter. Er ergriff meine Hand und legte sie an die Rinde eines Baumes. „Hier ist ein guter Ort. Ich warte ein paar Schritte entfernt. Ruft mich, wenn Ihr Hilfe braucht.“ Seine Schritte entfernten sich.

Fast tat es mir leid. Er war gütiger als die anderen. Freundlicher. Aber … eben nur fast. „M…maluk? Ich glaube … ich glaube, … ich brauche Hilfe …!“ Meine Stimme klang panisch. Langsam ließ ich mich am Baum hinter mir herab, atmete schwer und hielt mir den Bauch. Mein Gesicht verzerrte ich zu einer schmerzverzerrten Maske und meine Fänge wuchsen an.“



Augenblicklich drehte er um. Eine Hand legte sich behutsam auf meine Schulter. „Was ist los? Liegt Ihr etwa schon in den Wehen? Aber … wäre das nicht zu früh?“

Ich nickte hastig. „Ein Jahr zu früh!“, krächzte ich, während ich mich fragte, ob es nicht vielleicht schon viel weniger war. Wie lange hatte ich in diesem Käfig festgesessen? Ich verdrängte den Gedanken. Stattdessen griff ich nach seiner Hand, die er auf meiner Schulter platziert hatte, zog sie zu mir runter und zwang ihn damit neben mir auf die Knie. Dann tastete ich nach seinem Gesicht, seinem Hals.

„Hoheit …“

Ich ignorierte den kargen Einwand und ließ meine Hände, in scheinbarer Panik getrieben, weiter über seinen Körper wandern. Dann, als ich mit dem Bild vor meinem inneren Auge zufrieden war, griff ich ihn mit beiden Händen an den Schultern und presste mein Gesicht in seine Halsbeuge.

„Ich sollte nicht …“ Sein Versuch, mich wegzudrücken, war nur halbherzig.

Bevor mich das schlechte Gewissen überkommen konnte, versenkte ich meine Fänge in dem warmen Fleisch und war unfähig, ein Stöhnen zu unterdrücken. Das abgefüllte bisschen Blut, das ich in der Kutsche jeweils gereicht bekam, schmeckte ranzig. Dieses hier jedoch …, oh Götter! Meine Finger krallten sich in seine Schultern, während ich mir mit hastigen Schlucken sein Blut einverleibte. Gleichzeitig ließ ich mein Gift fließen. Erneut überkam mich ein Anflug von Reue. Er war freundlich gewesen. Noch war er unwissend und empfand Erregung, doch das viele Gift würde ihn umbringen. Aber auch diesen Gedanken schob ich beiseite. Mein Kind und ich, oder er.

„Majes…“ Er ächzte leise, halb stöhnend, halb ängstlich. Seine Hände, die versucht hatten, mich wegzudrücken, fielen kraftlos herunter und sein Körper wurde schlaff.

Zögerlich löste ich meine Fänge aus seiner Haut. Er war bewusstlos geworden. Aber ob er überhaupt noch einmal aufwachen würde, bevor es zu Ende ging …? „Es tut mir leid“, wisperte ich leise, schluckte das letzte Blut und leckte mir mit der Zunge über die Lippen. „Aber ich will sehen, wie mein Kind aufwächst.“ Und damit drehte ich mich um und lief los. Weg von den Geräuschen, die vom Aufbau eines Nachtlagers sprachen. Tiefer in den Wald hinein.



„Göttin“, flüsterte ich nach einer Weile leise, „Bitte, hab Gnade und gebe mir mein Augenlicht zurück. Ich will retten, was du mir geschenkt hast. Ich will es in Sicherheit bringen! Bitte, hilf mir dabei!“ Doch nichts geschah. Meine Welt blieb dunkel, und innerlich verfluchte ich mich. Wie hatte ich je daran glauben können, wir würden den Göttern etwas bedeuten? Sie nutzten uns aus. Wir waren für sie nicht mehr als Figuren auf einem Spielbrett, die sie lachend zu Speis und Trank hin und her schoben.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, oder wie viel Weg ich mittlerweile zurückgelegt hatte. Waren sie mir schon auf den Fersen? Immer wieder zuckte mein Kopf herum und mein Blick glitt suchend in der Dunkelheit umher. Eine lächerliche Angewohnheit. Zeitgleich horchte ich aber auch stets. Auf knirschendes Geäst, oder einen Herzschlag zu viel. Aber nichts. Hatten sie meine Flucht noch nicht bemerkt? Konnte es so einfach sein?

Von Zeit zu Zeit stolperte ich. Ununterbrochen stieß ich irgendwo an. Zwar bewegte ich mich mit ausgestreckten Armen fort, aber dann waren da die Bäume, die mich plötzlich am Ellenbogen streiften, Wurzeln, oder ein Stumpf, der im Weg war, und mich ins Straucheln brachte. Ich keuchte, Schweiß rann mir in Bächen den Rücken hinab. Wie lange war ich jetzt schon auf der Flucht? Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren.

Ein Rascheln in den Bäumen zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Schnell huschte ich hinter den nächsten Baum und hielt den Atem an. Mein Herz donnerte in meiner Brust.

„Selbstmord, wirklich?“, schallte es plötzlich aus den Bäumen. „Das hätte ich einer Schwangeren jetzt weniger zugetraut.“

Meine Stirn runzelte sich.

„Gleich vor dir, dummes Weib. Da ist ein ganz schön steiles Gefälle.“ Es kicherte; Schritte näherten sich. „Ich könnte ja sagen, ich wäre zu spät gekommen … aber das würde dem Alten mit Sicherheit nicht besonders gefallen. Außerdem ist er ziemlich erbost über die Zwischenmahlzeit, die du dir unerlaubt genehmigt hast. Das wird Konsequenzen nach sich ziehen.“

Plötzlich war da eine Hand in meinem Haar und riss mich hinter dem Baum hervor. Erschrocken kreischte ich auf. Mit meinen Händen versuchte ich, mich zu wehren, traf aber nur ins Leere.



Er lachte hämisch. „Mir war ja klar, dass Maluk mit seiner Gutmütigkeit von dir ausgenutzt wird. Aber dass du ihn gleich tötest … Nicht schlecht. Der einzige Kerl, der dir vermutlich sogar freiwillig zu einer Flucht verholfen hätte. Aber du tötest ihn lieber, anstatt ihn um Hilfe zu bitten.“ Ich wurde mit dem Rücken gegen den Baum gepresst. Die Rinde grub sich schmerzhaft in meinen Rücken. Den Atem des Mannes vor mir spürte ich ganz nah an meiner Wange. „Du solltest beten, dass dein Kind nicht deine grenzenlose Dummheit erbt!“

Ich schluchzte auf, wandte mein Gesicht von ihm ab. Hätte Maluk mir wirklich geholfen? Wieso?! Wieso konnte ich nicht einmal richtig handeln?! Hätte ich ihn nur fragen müssen? Hätte ich ihn am Ende vielleicht wirklich als Verbündeten gewonnen? Oder wollte mir das Scheusal vor mir nur ein schlechtes Gewissen einreden? Wenn ja, dann hatte er damit auf jeden Fall Erfolg. „Du lügst“, krächzte ich leise.

Anstatt zu antworten, packte er meinen Oberarm und riss mich herum. Gnadenlos zog er mich die ganze Strecke zurück. Dabei war ihm egal, wenn ich stolperte oder umknickte. Er zog einfach fester und knurrte bei jedem meiner Fehltritte ungeduldig auf.

Wenig später spürte ich, wie ich eine Böschung hochgezogen wurde, und hörte im selben Moment die Stimmen der anderen Männer.

„Zurück in die Kutsche mit ihr“, befahl der Hohepriester. „Wenn sie wieder muss, bleibt jetzt jemand bei ihr und hält sie dabei fest.“

Mit Schwung wurde ich zurück in die Kutsche befördert und wieder eingesperrt. Kaum war ich allein, schluchzte ich leise auf. „Cyrus …“ Bitterlich rannen mir die Tränen über die Wangen, meine Hände zitterten und meine Augen brannten. „Wo bist du nur?“

So verdammt hilflos. So verdammt blind! Und das Frustrierendste daran war: Ich hatte mich selbst in diese Situation gebracht! Hätte ich nur dem Hohepriester nicht vertraut! Hinzu kam, dass ich nicht nur mich und mein Kind, sondern auch Aurillia in Gefahr gebracht hatte! Wo war sie? Was hatte er mit ihr gemacht? Auf diese Fragen hin hatte der alte Schweinehund nur gelacht. Mögen ihn die Götter möglichst schnell zu sich holen und mit ihrer arroganten, stumpfsinnigen Art bis in alle Ewigkeit foltern! Die fünf hätten sich verdient!



Immer wieder murmelte ich leise vor mich hin. „Cyrus, wo bist du? Wieso bist du nicht hier? Cy …“ Und mit dieser Silbe auf den bebenden, tropfnassen Lippen dämmerte ich irgendwann weg.

 

Die nächsten zwei Tage wurde noch penibler auf mich geachtet. Beim Erleichtern im Wald kamen stets zwei Männer mit und hielten mich dabei fest. Es war die reinste Demütigung, auch wenn ich mich glücklich schätzen konnte, ein Kleid zu tragen. Mein Essen war zur Strafe reduziert worden. Aber die Maßregelung ging unbemerkt an mir vorbei. Mein Versagen bei meiner Flucht hatte mir zugesetzt. Immer mehr nahm mich die Verzweiflung ein. Immer weniger konnte ich essen. Es war, als wäre da ein Kloß in meinem Hals. Ich konnte nicht schlucken. Dafür hatte ich aber einen ungesunden Blutdurst entwickelt. Die Entfernung zu Cyrus zerrte an meinem Verstand. Und langsam aber sicher verlor ich ihn. Immer öfter ertappte ich mich bei Selbstgesprächen, von denen ich nicht einmal bemerkt hatte, dass ich sie führte. Meine Fänge ließen sich nicht mehr einziehen, sondern tropften durchgehend vor Gift, sodass jeder Vampir, der in meine Nähe kam, äußerste Achtsamkeit an den Tag legte. Und mein Blutdurst …, der hatte mich schon zwei Mal dazu verleitet, meine Toilettenbegleiter geist- und gedankenlos anzugreifen, denn ich hatte Durst!

Nach zwei Tagen kamen wir an. Wo auch immer wir waren, verraten wurde mir nichts. Aber sowieso sprach niemand mehr ein Wort mit mir. Oder kam auch nur freiwillig in meine Nähe. Jedermann, der es wagte, sich mir oder meinem Kind auch nur zu nähern, wurde angefaucht, sodass das Gift geradezu spritzte. Und so kam es, dass ich gefesselt, geknebelt und nur unter größter Anspannung aus meiner Kutsche befördert und in eine andere Unterbringung verfrachtet wurde. Als ich die vermaledeiten Eisenstangen eines Käfigs unter meinen Fingern spürte, hätte ich laut aufschreien können, wäre da nicht noch immer der Knebel in meinem Mund gewesen.

„Wenn du lieb bist, bringen wir dir morgen etwas zu essen.“

Der erste gab einen belustigten Laut von sich. „Vielleicht steht sie ja auf Jungfrauen und Kinder, wie der alte König!“

Die Schritte der beiden Männer entfernten sich.



Mir lief ein Schauder nach dem anderen den Rücken hinab. Wenn sie mir ein Kind brächten, wüsste ich nicht, was ich tun sollte. Ein Kind als Grigoroi? Undenkbar! Es würde sterben. Es würde einfach, sinnlos, sein Leben verlieren …

Meine Schluchzer wurden von dem Knebel geschluckt und auch meine Schreie gingen in dem Stoff unter. Wild geworden, hämmerte ich gegen die Käfigstäbe. Mit etwas Glück würden sie mir aufgrund meines Aufruhrs doch niemanden bringen. Ich wollte nicht töten! Meine Fänge, die sich noch ein Stückchen mehr aus meinem Zahnfleisch drückten, protestierten, und so hatte ich zu korrigieren: Ich wollte töten. Oh, ich würde töten! Aber meine Beute waren keine unschuldigen Menschen, oder gar ihre Kinder.

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