Kapitel 33 – Ein Klosett für einen Vampir

Kapitel 33 – Ein Klosett für einen Vampir

 

Xelus

„Ich habe keine Angst vor meinem Vampirvater. Ihr habt mir das Leben gerettet.“

Ihre Worte hallten in meinem Kopf nach und erwärmten mir das Herz. Ich würde immer für sie da sein. Ich würde sie niemals wieder alleine lassen. Es war mir ernst mit meinem Versprechen. Ich würde sie beschützen, was es auch kosten möge. Und … sie hatte mich als ihren Vampirvater akzeptiert. Nicht nur als ihr Meister, der ihr beistand, auf sie aufpasste und sie lehrte. Sondern auch als Vater. Und ich spürte, dass ihr sehr wohl bewusst war, wozu sie da zugestimmt hatte. Auch sie spürte das Band zwischen uns, welches sich deutlich stärker anfühlte als das einer einfachen Meister-Schützling-Bindung.

Worüber sie sich aber wahrscheinlich nicht im Klaren war, war, dass wir von nun an als richtige Familie angesehen werden würden. Sie war jetzt nicht mehr nur einer meiner Sprösslinge: Nein, sie war meine Tochter, meine Vampirtochter. Sie würde meinen Familiennamen tragen – welcher auch der des Königs war. Damit hatte sie unweigerlich den Titel der Prinzessin ergattert, auch wenn ich mir nicht so sicher war, ob das etwas war, was sie wollte. Geschweige denn, ob sie sich darüber freuen würde.

Bei jedem anderen Mädchen hätte ich mein Haus darauf verwettet, dass der Prinzessinnentitel mit höchstem Ehrgefühl entgegengenommen würde, aber Rjna? Sie war selbst für mich ein Rätsel. Ganz zu schweigen von ihrer Vergangenheit, ihren Wünschen oder ihrer menschlichen Familie. Ich wusste so gut wie nichts über sie. Und doch war mir das vollkommen egal. Sie war meine Vampirtochter, Prinzessin Rjna Melur.

Zwei Dinge bereiteten mir allerdings jetzt schon Kopfzerbrechen. Zum einen müssten wir zu König Kelevan, gewissermassen einem meiner Onkel, und ihn um sein Einverständnis betreffend der Adoption bitten. Normalerweise würde sich ein König nicht mit solch trivialen Belangen herumschlagen, jedoch ging es hier um die Weitergabe des königlichen Familiennamens. Und zum anderen würde Rjna von nun an eine Zielscheibe auf dem Rücken tragen. Wenn sie eine solche nicht schon als einer meiner Abkömmlinge getragen hatte, dann jetzt garantiert als meine Tochter. Und als Mitglied der königlichen Familie.



Ruhig sah ich auf Rjna hinab. Sie schlummerte so friedlich in meinen Armen. Es war mittlerweile lange nach Sonnenaufgang, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, sie zu wecken, geschweige denn sie zu verlassen, um an die Arbeit zu gehen. Was ich, ganz nebenbei bemerkt, wirklich dringend tun sollte. Ich hatte seit Tadurials Nachricht gestern noch keine Befehle zur Ergreifung dieser … Erscheinung ausgesprochen. Es würde nicht mehr lange dauern und meine Untätigkeit würde Aufmerksamkeit in den höheren Etagen erregen. Aber so friedlich wie sie aussah, während sie schlief, so sorglos, konnte ich sie nicht allein hier liegen lassen. Zumal sie sich so ganz sicher nicht hinausschleichen konnte.

Wenn sie schlief, fiel die immense Anspannung, die sie sonst den ganzen Tag immer mit sich herumtrug, von ihr ab und liess ihr junges Gesicht klarer werden, beinahe kindlich. Und doch hatte sie die erwachsenen Züge einer Frau. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, könnte sie irgendwo zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Menschenjahren alt gewesen sein. Sie hatte teils harte Gesichtszüge, gerade wenn sie aus einem ihrer Albträume erwachte. In diesen Momenten gab es nichts Kindliches mehr an ihr. Dann war sie eine erwachsene, junge Frau, die schon viel mehr Leid in ihren jungen Jahren erlebt hatte, als irgendein Mensch das je sollte. Und in Momenten wie diesem, wenn sie schlief oder sich bei mir ankuschelte, wirkte sie so hilflos wie ein kleines Kind, dem man nie die Welt erklärt hatte. Wie ein Mädchen, das man, frei jeder Erklärung, in einen Vampir verwandelt und schutzlos im Wald zurückgelassen hatte.

Ich spürte, wie ich mich beim Gedanken daran versteifte und der Wunsch, ihrem Erschaffer den Kopf abzureissen, grösser wurde.

Als sie sich langsam regte, und ich bemerke, dass ich meinen Arm beinahe schon schmerzhaft fest um sie gelegt hatte, versuchte ich mich geschwind zu beruhigen und wandte mich meinem immer unruhiger werdenden Schützling zu. Rjna wand sich geradezu in meinen Armen und da ich bereits eine weitere klaustrophobische Attacke erahnte, löste ich meinen Arm um sie schliesslich zur Gänze. Auf das, was aber dann kam, war ich nicht gefasst. Auf einmal fing ihr ganzer Körper an, zu zucken. Jedes Glied, selbst ihr Kopf, riss sie in scharfen Bewegungen hin und her, als würde sie unter unerträglichen Qualen leiden.



Fest griff ich sie nach ihren Schultern – vergessen war die Vorsicht aufgrund ihrer Klaustrophobie – und schüttelte sie vorsichtig. Als das nicht half, rüttelte ich fester, doch auch das bewirkte nichts. Hatte sie einen Albtraum? So extrem hatte sie noch nie auf einen davon reagiert! Nicht körperlich! Vielleicht war es, weil sie gestern nichts mehr getrunken hatte? Nachdem ihre Erinnerungen sie so sehr mitgenommen hatten, hatte ich ihr nicht auch noch Blut aufzwingen wollen. Aber auch das ergab keinen Sinn! Ich kannte keinen Vampir, der wegen einer verspäteten Mahlzeit eine solch extreme körperliche Reaktion gezeigt hätte! Stimmungsschwankungen und Gereiztheit – das war normal. Aber das war nichts, was dem gleichkäme, was gerade mit ihr geschah!

Plötzlich riss meine Kleine die Augen auf. Die Situation schien sie aber nicht wirklich zu begreifen. Auch meine Hände, die noch immer sanft, aber bestimmt auf ihren Schultern verweilten, bemerkte sie nicht. Erst als sich ihre Augen weiteten und sie ihre Hand urplötzlich vor ihren Mund klatschen wollte, bemerkte sie die Bewegungseinschränkungen, welche meine auf ihr ruhenden Hände mit sich brachten.

Wie auch schon einige Male zuvor, versuchte sie sich aus meinem Griff zu winden, woraufhin ich sie sofort losliess. Nur, dass sie nicht zum Fenster oder gar in den Garten rannte. Sie hechtete ins Badezimmer, machte sich noch nicht einmal die Mühe, die Tür hinter sich zu schliessen und rannte direkt auf das Klosett zu, welches kein Vampir je brauchte. Zumindest dachte ich, dass Vampire es nicht bräuchten. Gerade wurde ich von meinem Schützling eines Besseren belehrt, wenn auch zweckentfremdet. Hastig öffnete sie den Deckel, beugte sich über die Schüssel und würgte.

„Um der Götter Willen, Rjna!“, rief ich bestürzt.

Sie erbrach Unmengen an Blut ins Klosett. Ihre Hände umklammerten verkrampft den Sitz und ihre Hautfarbe liesse sich höchstens noch mit Pergament vergleichen. Mit neuem, hochwertigem Pergament, nicht mit den bereits vergilbten Schriftrollen in der Bibliothek des Königshauses – obwohl mir das nicht weniger Sorgen bereitet hätte.

Woher kam das ganze Blut? Sie hatte gestern nichts mehr getrunken! Woher sollte sie so viel Blut im Kreislauf haben? Und dann auch noch nicht verwertetes? Wenn ein Vampir Blut trank, dann wurde es von unserem Körper augenblicklich aufgenommen. Tranken wir bis zur Übelkeit, konnte ein kleiner Vorrat angelegt werden, doch diese Praktik wurde nur höchst selten angewandt. Also wie bei den Göttern kam Rjna an eine solche Menge unverwertetes Blut?



Schneller als das menschliche Auge es hätte wahrnehmen können, war ich bei ihr. Allerdings stand ich nun ziemlich unbeholfen hinter ihr und wusste nicht so recht, was ich nun tun sollte. Vampire übergaben sich nicht. Nie! Das überliessen wir getrost den Menschen!

Menschen! Das ist es!

In Windeseile stürmte ich zum Gemach von Sillia. Ohne einen Gedanken an Banalitäten wie Anklopfen zu verschwenden, ging ich hinein und … kam abrupt zum Stehen. Die Bettlaken waren aufgewühlt, darin Sillia. Daneben … „Leonhard?!“, stiess ich ungläubig aus und starrte auf den unbekleideten und sehr erschrockenen Vampir meiner Einheit. Im Bett meines Hausmädchens. Dann sah ich zu Sillia, welche mich böse anfunkelte. Hinter dieser Emotion jedoch stand eine Ungewissheit.

„Xelus, was erlaubt Ihr Euch?!“, schimpfte sie zittrig, doch weiter kam sie nicht. Auch sie hatte praktisch nichts am Leibe. Bei meinem unangekündigten Eintreten musste sie reflexartig das Laken hochgerissen und über ihre Blösse gezogen haben. Leonhard knurrte mich drohend an, was verdeutlichte, in welcher Beziehung die beiden standen. Der Vampir in ihm verteidigte sein erwähltes Weibchen.

Götter, ging mir gerade ein Licht auf! Aber dafür hatte ich jetzt keine Zeit! Schnell schnappte ich mir Sillia, mitsamt dem ganzen Lake um sie herum, und eilte genauso schnell wie ich hergekommen war, auch wieder zurück zu Rjnas Gemach. Dort brachte ich Sillia direkt ins Badezimmer – welche sich nur erschrocken an mir festgeklammert hatte – und stellte sie auf eigene Beine. Orientierungslos sah sie sich um. Eine Sekunde später entdeckte sie Rjna über der Schüssel hängend.

Sillias Blick flog zwischen uns beiden Hin und Her, bevor er schliesslich an Rjna haften blieb. Ihre Hände hielten zwischenzeitlich das ganze Deckenkonstrukt um sie herum an Ort und Stelle, damit sie sich vor mir nicht völlig die Blösse gab. Nicht, dass es mich irgendwie interessiert hätte.

„Sillia, ich weiss nicht, was ich tun soll!“ So hilflos hatte ich mich seit meiner Jungvampirzeit nicht mehr gefühlt. Und es war beileibe kein schönes Gefühl!

Sillia brauchte nicht lange, um zu verstehen. Sie verdrehte die Augen, nuschelte etwas von wegen ‚Männer‘ und ging neben Rjna in die Knie. Während sie ihr die langen Haare aus dem Gesicht zog, streichelte sie ihr sanft über den Rücken und flüsterte leise Worte der Beruhigung.



Rjna spuckte noch immer Blut. Glücklicherweise hatte aber sowohl die Menge als auch die Intensität ihres Würgens nachgelassen. Als alles draussen war, sank sie kraftlos in Sillias Arme, welche Rjna vorsichtig mit dem Rücken auf den Boden legte und ihren Kopf behutsam auf ihren Schoss bettete.

Mittlerweile hatte sich Leonhard, nun sogar mit einer leichten Hose bekleidet, ebenfalls am Eingang des Badezimmers eingefunden und starrte bestürzt auf das Geschehen. Offenbar versuchte er gerade Worte zu finden, um einen kotzenden Vampir zu erklären – was ihm nicht gelang.

„Geht’s wieder?“, fragte Sillia fürsorglich an Rjna gewandt, die mittlerweile aber mehr weggetreten als anwesend schien.

„Leonhard, geh …, zieh dir was an und hole mir Prinz Alomis her. Sag ihm, es ist dringend. Anschliessend gehst du beim Bluthaus vorbei und besorgst ausreichend Blut“, wies ich den mir untergebenen Vampir an, der seinen freien Tag heute dazu genutzt hatte, sich in mein Haus zu schleichen.

Die Situation, die ich da zu Gesicht bekommen hatte … Ich wollte eigentlich gar nicht darüber nachdenken. Strenggenommen war es ihre Sache und ging mich nichts an. Das Einzige, wobei ich effektiv Mitspracherecht besass, was ihre Beziehung anging, war, wenn ich nicht wollte, dass sie ihre Liebeleien in meinem Haus trieben, was mir aber eigentlich ziemlich gleichgültig war. Es durfte nur niemand mitbekommen, was die beiden da taten, denn ihre Beziehung war in höchstem Masse verpönt, was wohl auch der Grund für die bisherige Geheimhaltung war. Ein Vampir mit mittelhohem militärischem Rang, mit einer menschlichen Bediensteten? Das wurde nur sehr ungern gesehen. Etwas ganz anderes wäre es, wenn er sie verwandeln würde. Sowieso fand ich es überraschend, dass das nicht bereits geschehen war. Sein innerer männlicher Vampir war bereit, für sie auf mich loszugehen. Seinen Vorgesetzten. Sein Vampir und auch er selbst schienen völlig vernarrt in Sillia. Also, wieso hatte er sie noch nicht verwandelt?

Leonhard schien mit sich zu hadern. Oder vielleicht eher mit seinem inneren männlichen Vampir, der seine halbbekleidete – oder eher unbekleidete, aber mit einer Decke umwickelte – Gefährtin nicht so zurücklassen wollte. Schon gar nicht bei einem anderen männlichen und allem voran ungebundenen Vampir.



Nach einem scharfen Blick meinerseits zog er allerdings den Kopf ein, besann sich und machte sich auf den Weg zu Alomis. Wenn er sich mit Sillia vergnügen wollte und sich an sie band, war das seine Sache. Aber mir zu gehorchen, gehörte zu seiner Arbeit. In Anbetracht dessen, dass er mir direkt unterstellt war, war meinen Befehlen zu gehorchen sogar der Inbegriff seiner Arbeit. Das sollte er nicht vergessen, ganz egal, mit wem er schlief – und sei es mein Hausmädchen.

Rjna war wieder zur Ruhe gekommen, jedoch nur noch halb bei Bewusstsein. Dabei zierte ihre Haut noch immer eine ungesunde Blässe … das hiess, noch ungesünder als sonst schon, und ihre Augen flatterten, als ob sie grosse Mühe hätte, sie irgendwie offenzuhalten. Ich trat auf die beiden Mädchen zu und legte meine rechte Hand auf Sillias Schulter ab. „Danke“, sagte ich ernst.

Vorsichtig sah sie mich an. „Verzeiht bitte mein Benehmen vorhin. Ich wollte Euch nicht beschimpfen, ich war nur…“

„Ich weiss. Dein Verhalten ist nachvollziehbar. Es war das Meinige, welches in jenem Moment unangebracht erschien. Dafür muss ich mich entschuldigen.“ Ihr dankbarer Blick traf den meinen und, um meine Aussage zu unterstreichen, nickte ich. „Nun geh und zieh dir etwas an, bevor Leonhard noch ein Trauma davonträgt, weil auch Alomis dich so spärlich bekleidet sieht“, wies ich sie leicht amüsiert an, woraufhin ihre Wangen von leichter Röte geziert wurden und ihre Augen sich vor Scham senkten. „Das ist doch einvernehmlich, richtig?“, fragte ich sicherheitshalber nach. Eigentlich traute ich es Leonhard nicht zu, sich mittels Gewalt einer Frau zu bedienen, doch man hatte nie ausgelernt. Wenn auch selten, kam es doch auch heute noch vor, dass mich der eine oder andere Mensch oder Vampir überraschte. Erleichtert sah ich, wie sie hastig nickte, ihre Wangen noch drei Farbtöne dunkler wurden und sie damit bestätigte, dass es sehr wohl einvernehmlich war. Das war gut. Wäre es das nicht gewesen, hätte ich jetzt einen guten Mann weniger in meinen Reihen.

Vorsichtig hob ich Rjna vom Badezimmerboden hoch, trug sie in ihr Gemach hinein und legte sie dort mittig auf dem grossen Himmelbett ab. Ich klopfte das Kissen unter ihrem Kopf auf und deckte sie zu. Den Kampf, ihre Augen offen zu behalten, hatte sie mittlerweile aufgegeben. Friedlich, aber blass, lag sie da und sah aus, als hielte sie nur einen Mittagsschlaf.



Sillia machte sich unterdessen auf den Weg in ihr eigenes Gemach, um sich etwas passender zu kleiden, auf dass ihrem Geliebten ein weiterer Schock erspart bliebe.

Alomis würde sich vermutlich darüber ärgern, dass ich ihn holen liess … Allerdings war mir sein Ärger gleich, wenn es um die Gesundheit meines Schützlings – nein – meiner Tochter ging! Sie gehörte momentan zwar erst inoffiziell zur königlichen Familie, aber dennoch verdiente sie den besten zur Verfügung stehenden Heiler. Und das war und würde nun mal immer nur Alomis sein. Denn er war schlichtweg die Koryphäe auf seinem Gebiet.

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