Kapitel 34 – Blutvergiftung

Kapitel 34 – Blutvergiftung

 

Xelus

Ich schreckte auf. Zu tief war ich in Gedanken versunken gewesen. Zusammenzuckend umklammerte ich Rjnas Hand fester, die da blass und bewegungslos neben ihr lag. Noch einmal hörte ich ein Geräusch, liess mich davon aber kein zweites Mal erschrecken. Die Haustür war mit einem lauten Krachen ins Schloss gefallen. Mit einem letzten Kuss auf Rjnas Stirn verliess ich ihr Gemach.

„Alomis?“, rief ich den Namen des ersten Prinzen unseres Landes. Gewissermassen der jüngere Bruder unseres Königs. Auf dem Weg zur Treppe hörte ich Schritte im Erdgeschoss. „Alomis?“

Ich konnte nur noch einen Schatten wahrnehmen, da war er bereits die Treppe hochgekommen, hatte mich am Hals gepackt und mich gegen die nächste Wand gedrückt. „Xelus. Du siehst scheisse aus.“

Ich keuchte, während meine Fänge sich ob der unfeinen Behandlung verlängerten. „Und du… eine ganz schmeichelhafte Art der Begrüssung!“ Ich hob beide Hände, steckte sie aus, spannte sie an und liess sie dann in die Ellenbeuge seiner Arme knallen, mit denen er meine Kehle ergriffen hatte.

Seine Mundwinkel zuckten; seine Arme regten sich kein Stück. „Schwach“, kommentierte er nüchtern.

Ein Knurren rang sich meiner Kehle empor. Ich hatte Besseres zu tun, als seine Spielchen zu spielen! In einem zweiten Versuch streckte ich blitzschnell meinen Zeigefinger aus und steckte ihm diesen in den Spalt zwischen den beiden Schlüsselbeinen. Augenblicklich war ich von seinem Griff befreit. Alomis taumelte für den Bruchteil einer Sekunde nach hinten, vom Schmerz in seinem Hals gelähmt. Die Chance nutzend, preschte ich vor, packte ihn bei den Armen und verdrehte sie ihm auf den Rücken.

Alomis lachte, rief: „Du kämpfst wie ein Weib!“, und befreite sich problemlos. Eine Augenbraue erhoben blickte er auf mich hinab, der ich leicht keuchend vor ihm auf Knien gelandet war. „Aber verletzt wirkst du nicht.“

„Das ist sie?“

„Ja. Mein neuer Abkömmling. Mein Schützling. Und meine Tochter.“

Alomis grummelte, während sein Blick prüfend über Rjnas blasses Gesicht und das weisse Nachtgewand an ihrem Oberkörper glitt. Die dicke Bettdecke verwehrte den Blick auf ihre untere Körperhälfte. „Was genau ist passiert?“ Seine Stimme war ruhig und liess nichts erkennen. Weder Gefühle noch seine Meinung. Er war völlig in seinem Element als Heiler und liess keinerlei Emotionen zu – was auch sehr wichtig war, in dieser Tätigkeit.



„Heute Morgen hat sie im Schlaf noch wild gezuckt. Dann wachte sie auf und rannte zum Klosett, wo sie sich … übergab. Sie hat Unmengen an Blut gespuckt, ich weiss gar nicht, woher sie so viel haben könnte. Gestern Abend hat sie nichts mehr getrunken. Sie ist früh eingeschlafen und eigentlich wollte ich heute Morgen mit ihr zum Bluthaus…“

Alomis hörte mir längst nicht mehr zu. Als ich erwähnte, dass sie sich übergeben hatte, setzte er sich neben sie aufs Bett und schlug die Decke bis zur Hüfte zurück. Dann untersuchte er ihre nun freigelegten Handgelenke. Als wäre es völlig logisch, dass diese ihm den Grund für ihren Zustand verraten könnten. Schwer seufzend starrte er auf ihren rechten Arm und schüttelte leicht den Kopf. „Kann es sein, dass sie sich weigert, von Menschen zu trinken?“

Die Antwort interessierte ihn nicht. Er stellte die Frage nur meinetwegen, damit ich selbst auf die Lösung kommen konnte. Dieses Verhalten war ich von ihm gewohnt. Auch er hatte mir in meiner Ausbildung einige Lehreinheiten zukommen lassen, welche, so nebenbei gesagt, die schlimmsten waren, die ich je durchleben musste. Dennoch antwortete ich: „Ja. Sie … lässt sich nur schwer überzeugen“

Alomis’ Stirn runzelte sich besorgt. Und Alomis war jemand, bei dem man nie, und ich meinte verdammt nochmal niemals wollte, dass er die Stirn runzelte, wenn er gerade eine Person untersuchte, die einem wichtig war!

„Alomis?!“, sprach ich alarmiert. Als er darauf nicht reagierte, wurde ich nervös. „Alomis, sag mir, dass alles in Ordnung ist!“ Es war nicht so, dass ich die Befugnis hätte, ihm Befehle zu erteilen, aber ich wollte sofort wissen, wieso er – über Rjna gebeugt – so verdammt besorgt aussah!

„Dass sie sich übergeben hat, ist nicht weiter schlimm – insofern wir schnell handeln“, fing er an, doch da war noch mehr. „Sie hat sich selbst gebissen und getrunken. Hatte wohl Durst“, fuhr er murmelnd fort, aber das war noch immer nicht alles! Das hörte ich an seiner Stimme! Was könnte bitte schlimmer sein, als dass sich meine Tochter lieber selbst biss und damit ihr Leben riskierte, als von Menschen zu trinken?! „Xelus. Sie hat Fieber.“

Was? „Das ist nicht möglich, Alomis! Vampire können nicht…“



„Widersprich mir nicht! Sie ist wärmer als ein Mensch. Und in Anbetracht dessen, dass wir keine Menschen sind, ist das extrem schlecht! Du weisst, unsere Körpertemperatur liegt im Normalfall fünf Grad unter der eines Menschen. Strengen wir uns an, kann es zwar dazu kommen, dass wir der menschlichen Temperatur nahekommen, aber niemals, niemals erreichen oder überschreiten wir sie! Wann hat das Fieber angefangen?“

Ich …? War sie vorher schon so heiss gewesen? Auf dem Ritt sicher nicht. Genau sagen konnte ich es aber auch nicht, immerhin war sie da immer gut in meinen Mantel eingepackt gewesen. Und seit wir hier waren, war doch auch alles in Ordnung gewesen! „Ich weiss es nicht. Ich kann es mir nicht erklären! Wie kann das passieren? Ich kenne keinen Vampir, der je…!“

„Ich auch nicht, Junge“, unterbrach er mich und sah stirnrunzelnd, jedoch mit neutraler Miene auf Rjna hinab.

„Die … letzten beiden Tage war sie müde. Hat lange geschlafen.“

„Anzeichen von allgemeiner Schwäche? Hat sie über Hitzewallungen geklagt?“, hakte er nach.

„Nein …“

„Wir müssen sie kühlen. Etwas Besseres fällt mir nicht ein. Und sie braucht schnell Blut, um der Vergiftung entgegenzuwirken. Hast du…“

„Leonhard ist schon auf dem Weg, um welches zu besorgen“, gab ich erschüttert von mir.

„Gut“, sagte er nur und machte sich an die Arbeit.

„Von sich selbst zu trinken, was dieser Jugend nur wieder einfällt … Wenn sie nicht bald Blut bekommt und rechtzeitig heilt, stirbt sie an der Vergiftung.“ Kopfschüttelnd sprach Alomis seine Gedanken laut aus, die mir direkt das Blut in den Adern gefrieren liessen, während er kaltes Wasser in die Wanne laufen liess. Als die Wanne voll war, kam Alomis zurück ins Zimmer gelaufen, schlug die dicke Daunendecke zurück und besah sich Rjnas Nachthemd. „Das muss weg. Es ist viel zu warm“, entschied er und machte sich daran, ihr das Nachtgewand auszuziehen.

„Nein!“, rief ich, schluckte schwer und schüttelte gleichzeitig schon über meine eigene Reaktion den Kopf.

„Nein?“, fragte Alomis ungläubig nach. „Ich bin Heiler, Xelus. Sie ist nicht die erste und auch nicht die letzte Frau, die ich entkleidet sehe“, stellte er klar.

Er hatte recht. Natürlich hatte er recht! Wir mussten sie abkühlen und das dicke Nachtgewand trug wohl kaum dazu bei! Ergeben nickte ich und half ihm dabei, es von ihrem Körper zu ziehen. Was darunter lag, wusste ich ja bereits und so war ich auf den schmerzlichen Anblick mental vorbereitet.



Er nicht. Und wie sollte er? Sowas überlebte man eigentlich nicht. Eigentlich.

Der Schock in Alomis Augen war nicht zu übersehen, als wir das Nachtgewand von ihren Schultern zogen und damit ihre Schulterblätter freilegten. Dennoch zogen wir sie noch weiter aus, ehe es für ihn zu viel wurde und er innehielt. Ihr halber Rücken war freigelegt. Ich kannte den Anblick. Und er liess mich schlucken.

Bestürzt wandte Alomis den Blick von ihrem Rücken ab und schaute zu mir auf. In seinem Blick, wie wohl auch in meinem, als ich sie das erste Mal gesehen hatte, lag purer Hass. Und mochte Alomis in jeder erdenklichen Situation noch so kalt und gefühllos wirken, jetzt übermannte der Zorn auch ihn. Emotionen. Der Feind eines jeden Heilers, der etwas auf sich hielt. Mit einem Kopfschütteln zwang er sich wieder zur Konzentration. Er ignorierte die Gefühle, die in ihm Fuss zu fassen versuchten. Vermutlich machte er das später mit sich selbst aus, wenn er keine Zuschauer und eine versorgte Hilfsbedürftige hatte.

Stoisch befreiten wir auch den Rest ihres Körpers von dem warmen Nachtgewand. In Alomis’ Blick spiegelte sich das Grauen wider, welches ihn verfolgte, seitdem ihm seine Gemahlin gewaltvoll entrissen worden war. Danach war er nie mehr derselbe gewesen.

Doch das war eine andere Geschichte. Es war eine grauenvolle Geschichte, und ich hatte nicht einmal die Hälfte davon mitbekommen. Zu dieser Zeit war ich noch ein stürmischer Jungvampir gewesen. Da wurde man noch nicht in wichtige Geschehnisse eingeweiht. Aber den Gesichtsausdruck von Alomis dazumal würde ich nie wieder aus meinem Gedächtnis verbannt bekommen. Zumal er mir gerade jetzt wieder entgegenstarrte. Endlose Traurigkeit, vermischt mit unersättlicher Wut. Nach diesem Tag war der einst freundliche Prinz zu einem gänzlich anderen Mann geworden.

„Was jetzt?“, fragte ich nach einer Minute bedrückten Schweigens, woraufhin auch er wieder in die Realität zu finden schien.

„Wir legen sie ins Bad.“ Ich nickte, drehte mich um und wollte schon ins Badezimmer laufen, um die Wassertemperatur zu überprüfen, da sprach Alomis weiter: „Du wusstest es.“ Keine Frage. Eine Feststellung.

„Ja.“

„Deshalb wolltest du mich aufhalten.“



Einen kurzen Moment schwieg ich, ehe ich leise antwortete: „Ja.“

Wieder war es still. Ich konnte fast schon sehen, wie er jede einzelne Narbe genau untersuchte, genauestens betrachtete und für sich vermerkte. Vermutlich hatte er deren Ursache ebenfalls bereits erkannt und würde sie mir nachher mitteilen. Um diese selbst zu bestimmen, kannte ich mich nicht gut genug aus.

„Xelus.“

„Was?“ Was konnte jetzt noch passiert sein?!

„Geh raus. Schliess die Tür. Ich muss sie eingehender untersuchen.“ Ich bewegte mich nicht von der Stelle. „Ohne einen sorgenvollen Vampirvater!“ Das konnte er vergessen! Meine Fangzähne wuchsen an. Ich würde Rjna ganz sicher nicht allein lassen! Das kam nicht infrage!

„Das ist ein Befehl, Xelus! Raus!“

„Nein!“ Vehement schüttelte ich den Kopf. „Es ist mir egal, was du befiehlst, ich verlasse sie jetzt nicht!“ Das konnte ich nicht. Das könnte ich nie! Das hatte ich ihr versprochen!

Doch Alomis war nicht nur ein Heiler. Er war auch der zweitälteste Vampir der Welt. Im Bruchteil einer Sekunde befand ich mich in meinem eigenen Gemach und wurde von tiefroten Augen angestarrt, welche ein Wissen in sich trugen, das über Jahrtausende genährt worden war.

„Du verweigerst dich nicht meinem Befehl! Wann habe ich dir den Eindruck gegeben, du hättest das Recht auf Einwände? Du bleibst jetzt hier, bis ich dich rufe und bewegst dich keinen Finger weit, hast du das verstanden?“

Seine Worte waren laut und eindringlich. Noch nie hatte ich ihn so erlebt. Doch was noch erschreckender war: Noch nie hatte er seine vampirische Machtausstrahlung aktiv gegen mich eingesetzt. Ich fühlte mich wie ein winziges Häufchen Elend. Mein ganzer Körper zitterte und wie ein feiger Hund zog ich den Schwanz ein und nickte verängstigt.

„Ich habe dich nicht gehört, Xelus! Habe ich mich klar ausgedrückt?!“

„Ja“, antwortete ich; meine Stimme kaum mehr als ein ersticktes Flüstern.

Im nächsten Moment war er aus meinem Gemach verschwunden, die Tür knallte laut ins Schloss und Tränen liefen mir über die Wangen.

Als rotäugiger Vampir war ich es gewohnt, Macht auszustrahlen. Ich konnte sie notfalls verwenden, um Schwächere, Menschen oder auch Vampire zu befehligen, oder um mir Respekt zu verschaffen. Ich wusste, es konnte keineswegs ein angenehmes Gefühl sein, das bei den Betroffenen ausgelöst wurde, aber … Ich konnte doch mein krankes Vampirkind nicht einfach allein lassen! Sie brauchte mich doch! Ich musste zu ihr! Und doch konnte ich keinen Finger rühren.



Wie festgefroren stand ich da, eingesperrt und gezügelt durch Alomis’ Befehl, mich nicht zu rühren. Meine Gedanken rasten. Was konnte er entdeckt haben, was ihn so beunruhigte? Was wollte er von mir verheimlichen? Das war mein Schützling, oh Götter!

Vereinzelt rannen mir Tränen über die Wangen. Die Angst hatte mich im Griff, nährte sich von mir, als wäre die Sorge um meine Tochter ein reichhaltiges Buffet.

 

„Xelus!“ Alomis rief. In Vampirgeschwindigkeit hetzte ich in Rjnas Zimmer. Die Tränen waren auf dem Weg getrocknet, hatten aber zweifellos ihre Spuren hinterlassen. Erwartungsvoll betrachtete ich den Vampir mir gegenüber. Doch als dieser keine Regung zeigte, schoss mein Blick zu Rjna. „Xelus …, setz dich neben sie und halte ihre Hand. Es wird nicht mehr lange gehen.“

Schock durchflutete mich. Ich bewegte mich nicht vom Fleck. Ich konnte es nicht. „Aber …“

Alomis schüttelte sachte den Kopf.

„Blut! Leonhart holt doch noch…!“

„Es ist zu spät. Selbst wenn sie jetzt noch Blut bekäme, ist sie schon zu schwach. Ihr Kreislauf kommt gerade zum Erliegen. Ihr Körper hat aufgegeben. Jetzt tu, was ich dir sage. Tust du es nicht, wirst du es den Rest deines Lebens bereuen. Vielleicht … erleichtert es eure Bindung.“

„Das wird sie nicht“, flüsterte ich hauchleise, von einer Traurigkeit ergriffen, die mich schier blendete. Dennoch setze ich einen Fuss vor den anderen, näherte mich langsam dem Bett, in dem ich mit Rjna noch vor wenigen Stunden, ohne Böses zu ahnen, gelegen hatte. Es kam mir vor, als hätte die ganze Welt ihre Arbeit niedergelegt. Eine ohrenbetäubende Stille hatte mich erfasst, umgab mich und betäubte mich vollständig. Wie hatte das passieren können? Es fühlte sich an, wie ein Albtraum, aus dem man nicht mehr aufwachte. Wie ein Scherz, der deutlich zu lange andauerte. Sie hatte doch so viel überstanden! Sie war so unermesslich stark!

Ich setzte mich auf die Bettkante; meine Hand schwebte über ihrer. Ich schüttelte den Kopf, streckte meine beiden Hände über ihren Körper aus und überprüfte ihren Kreislauf selbst noch einmal. Doch Alomis sollte recht behalten. Und als ich die trägen, kaum noch vorhandenen Bewegungen ihres Kreislaufs registrierte, schluchzte ich bitterlich auf. Neue Tränen liefen mir übers Gesicht, als ich zitternd nach Rjnas Hand griff, so wie Alomis es mir geraten hatte. Doch ich zuckte zurück, einen leisen Schrei ausstossend.



„Xelus?“ Sofort war Alomis an meiner Seite, griff nach meinem Handgelenk und zog es mit Bestimmtheit zu sich hin. „Heilige Götter …!“ Alomis zog scharf die Luft ein. „Was hast du angefasst? Was hast du getan?“

Brandblasen hatten sich auf meiner Haut gebildet. Rote, grosse Brandblasen, die zogen, ziepten und schmerzten. Mein Blick jedoch galt Rjna. War das ihre Magie gewesen? Ein letzter Aufschrei? Ein letzter Hilferuf?

„Xelus?!“

Nichtssagend zuckte ich mit den Schultern. Ich fühlte mich leer. Von Schmerz erfüllt und doch so … allein. Leer. Ohne Sinn. „Ich wollte nur nach ihrer Hand greifen, Alomis.“

„Sie… Du hast dich an ihr verbrannt?“ Alomis umrundete das Bett, die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen, und streckte seine Hände über Rjnas Körper aus, um ihren Kreislauf erneut zu prüfen. Aus den Augenwinkeln sah ich ihn leicht den Kopf schütteln.

„Nein!“, flüsterte ich, die Stimme bebend. „Sie hat schon so viel gelitten! Das darf nicht passieren!“

Draussen auf der Strasse kam es zu einem Tumult. Doch mit meinem Gehör konnte ich dem Geschehen problemlos folgen. Ob freiwillig oder nicht. „Haben wir dich!“ Das war einer von Tadurials Leuten.

„Nein, nein, ihr versteht nicht! Ich muss da rein! Ich muss da rein, lasst mich los!“ Die Stimme dieses Jungen kam mir vertraut vor.

„Du gehst jetzt auf direktem Weg wieder in den Kerker! Und dieses Mal kommst du garantiert nicht mehr raus!“. Den Geräuschen nach wurde jemand überwältigt und über die Strasse gezogen. Ein entflohener Häftling. Normrin, den jungen Mann, den ich mit nach Genral geschleift hatte. Aber das alles hatte keine Bedeutung mehr. Meine Augen waren auf Rjna fixiert und niemanden sonst.

„Nein! Verdammt, ich muss sie retten!“, schrie es von draussen. „Lasst mich!“ Die Stimme wurde leiser. Er wurde weggebracht.

In Vampirgeschwindigkeit fand ich mich plötzlich draussen auf der Hauptstrasse wieder. Ich entriss Nomrin einem der Soldaten, warf ihn mir über die Schulter und kehrte, ohne auch nur ein einziges Wort der Erklärung an den Soldaten zu richten, zurück. „Na, los!“ Vor dem Bett stellte ich den Jungen auf seine eigenen Füsse. „Hilf ihr, wenn du weisst wie!“

Erst wirkte er komplett desorientiert. Dann sah er mein Mädchen und wurde blass. „Nein! Nein, Rjnaria!“, rief er und stolperte auf sie zu. Alomis runzelte die Stirn, sagte aber nichtd zu dem Ganzen. Er hatte aufgegeben, doch ich nicht. Und wenn es nur ein Strohhalm war. Ich würde es ergreifen!



Der Junge stützte sich auf dem Bett ab und liess seine Hand vorsichtig über ihrer Stirn schweben, berührte sie aber nicht. Woher wusste er das? Woher konnte er wissen, dass man sich an ihr verbrannte? Der Gedanke allein brachte mich zur Weissglut! Wieso wusste er mehr über meinen Schützling als ich?! Heftig schüttelte Nomrin den Kopf und murmelte immer wieder: „Nein. Noch nicht Rj! Komm schon!“ Suchend liess er den Blick durchs ganze Zimmer schweifen, ehe er bei Alomis’ Krallen hängen blieb. Schnell drehte er sich zu dem Prinzen um und hielt ihm sein Handgelenk hin.

„Blut wird ihr jetzt nicht mehr helfen, Kleiner“, sagte dieser ernst, doch Nomrin schüttelte energisch den Kopf.

„Meins schon! Jetzt macht schon! Und schneidet tief!“

Mit leichtem Kopfschütteln kam Alomis seiner Aufforderung nach. Der Schnitt, den er ihm zufügte, war tief, aber nicht so, dass er daran verbluten würde. Schnell drehte sich Nomrin wieder zu Rjna um, drückte ihr mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kiefer auf und presste sein Handgelenk auf ihren nun offenstehenden Mund. Gequält durch die Verbrennungen, die der direkte Hautkontakt mit ihr auslöste, verzog sich sein Gesicht. Nichtsdestotrotz zog er den Arm nicht weg. Nein, er streichelte ihr sogar mit der freien Hand, die vom Öffnen ihres Kiefers auch schon Brandblasen bildete, sanft durch die Haare.

Kurz zwang ich mich, meinen Blick von Rjna zu reissen. Alomis stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Der Geruch von Nomrins Blut nahm den ganzen Raum ein, vollmundig und rein. Als bestünde der Junge aus reiner Magie. Magie, die in Genral verachtet wurde, gleichzeitig aber auch nur zu gern von Vampiren verköstigt wurde. Alomis’ Fänge hatten sich herausgedrückt, genauso wie meine. Härte stand in seinem Gesicht. Wo er vorhin noch von Nomrins Mut beeindruckt gewesen war.

„Noch nicht Rj. Du bist noch nicht so weit! Komm zurück!“ Dann machte er etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Noomrin entzog Rjna seinen Arm und … küsste sie! Presste seine Lippen auf die meiner Vampirtochter! Das … ging zu weit!

Erbarmungslos riss ich Nomrin von meiner Tochter herunter. Ein Krachen irgendwo in der Zimmerecke verlautete, dass er der Schwerkraft erlegen war. Stumm weinend starrte ich auf Rjna hinunter, ohne Idee, was ich noch tun könnte. Ohne Möglichkeit, sie noch einmal in meine Arme zu schliessen.



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