Kapitel 4 – Eine erquikende Abmachung
Kapitel 4 – Eine erquikende Abmachung
Aurelie
Verschlafen stöhnte ich auf. Langsam hob ich meinen Kopf vom Tisch und betrachtete meine Spucke auf dem Pergament. Daneben eine abgebrannte Kerze. Einen Moment. Noch einen … Dann riss ich die Augen auf, schüttelte den Kopf und rieb mir die Augen. „Meine Güte …“ Ein langes Gähnen unterbrach mein kleines Selbstgespräch. „Bin ich etwa eingeschlafen? Während ich die Handelsdokumente gesichtet habe?“ Noch einmal rieb ich mir mit den Händen durchs Gesicht. Schwerfällig erhob ich mich von dem hölzernen Stuhl und streckte mich ausgiebig. Kurz fiel mein Blick auf den Briefumschlag, den ich Irina mitgeben musste. Den Brief hatte ich erst letzte Nacht geschrieben. Seitdem ich ihr den Auftrag erteilt hatte, hatte ich sie nicht mehr gesehen.
Wie lange mochte ich jetzt in dieser unangenehmen Position gesessen sein? Mein Brustbein, welches auf der Tischkante gelegen hatte, schmerzte schrecklich. Und das ziehende und irgendwie schmerzhafte Gefühl in meiner Brust war auch nicht besser geworden. Wie auch, wenn ich stundenlang darauf lag?
Ein Blick aus dem Fenster zeigte die Sterne. Den Mond. Heute fand ich Ignis-Robur nicht. Aber die Göttin konnte wohl auch nicht jederzeit am Himmel darauf warten, dass ich zu ihr emporblickte. Meine Hände in den Rücken stützend, drehte ich mich nach einer Weile um und betrachtete das Stundenglas. „Fünf Uhr morgens“, murmelte ich gähnend und streckte mich wieder. Eigentlich sollte ich mich hinlegen und schlafen gehen. Der Tag würde nicht sehr viel entspannter als der Gestrige. Ein Tag war ich allein im Schloss, ohne meinen Gemahl, und ich war komplett überfordert. Was für eine Misere.
Meine Laune besserte sich keineswegs, als ich auf den Schreibtisch schaute. Dieser war mit Pergamentrollen, Briefen, Plänen und Verträgen regelrecht überfüllt. Und das war noch nicht einmal die Hälfte, ja noch nicht einmal ein Viertel dessen, was mir Eber hinterlassen hatte. Kopfschüttelnd trat ich von dem Schreibtisch weg. Nein. Ich wollte mich nicht gleich wieder an die Arbeit setzen. Ich brauchte etwas, was mich ablenkte. Noch immer schwirrten mir die unzähligen Zahlen wild im Kopf herum. Ich blickte an mir hinunter und realisierte, dass ich mich noch nicht einmal für die Nacht eingekleidet hatte. Nach wie vor trug ich Hose und Hemd.
„Nun denn“, nuschelte ich und ging müde auf die Tür zu. Schnell schlüpfte ich aus dem Zimmer und wollte mich den dunklen Gang entlang schleichen. Zu schleichen war in Anbetracht dessen, dass sich sonst niemand auf diesem Stockwerk befand, zwar reichlich unnötig, dennoch blieb ich leise. Oder hatte es zumindest vorgehabt. So lange, bis etwas nach meinem Handgelenk schnappte und mich festhielt.
„Meine Königin?“
Erschrocken keuchte ich auf; meine freie Hand schnellte zu meinem Herz. „Lee? Was machst du hier?“
„Ich halte Wache, Eure Majestät. Nur, weil der König nicht anwesend ist, vernachlässige ich nicht meine Pflichten.“ Er schenkte mir ein Lächeln und verneigte sich dabei. „Was Euren Hausarrest angeht, so denke ich, dass sich darüber reden lässt, wenn Ihr ein wenig im Garten spazieren gehen möchtet.“
„Äh … fällt der jetzt nicht aus? Während er weg ist, muss ich alles übernehmen. Da kann ich nicht im Schloss eingesperrt sein. Des Weiteren …“ Ich musterte seinen Gesichtsausdruck, oder das, was ich davon sehen konnte. „Muss ich in die Küche. Du kannst ruhig hierbleiben, ich bin gleich zurück.“ Unauffällig versuchte ich mich von ihm zu befreien. „Könntest du mich bitte loslassen?“, fragte ich, nachdem ich mir wohl oder übel eingestehen musste, dass das mir dem unauffälligen Befreien heute nichts mehr werden würde.
Der Grigoroi ließ mein Handgelenk los und trat einen Schritt zurück. „Verzeihung. Im Übrigen ist Kaldor wohlauf. Ich werde dafür sorgen, dass er die nächsten Tage nicht von Eurer Seite weicht. Ich werde sein Quartier auch wieder in Euer Schlafzimmer verlegen lassen, wenn Euch das Recht ist, Eure Majestät.“
„Bitte tu das, danke. Weißt du, ob Dreidolch zurechtgekommen ist? Und stehen zwei Wachen vor den Kerkern?“
„Graf Targes hat Wort gehalten. Der Kerker wird rund um die Uhr bewacht. Die Wachablöse ist diese Nacht ohne Probleme erfolgt. Und in den Gemächern von Graf Dreidolch brannte noch bis tief in die Nacht das Licht. Allerdings weiß ich nicht, ob er … zurechtkam. Es steht mir nicht zu, danach zu fragen, Majestät.“
„Stimmt. Das wäre ihm sicher in den falschen Hals gekommen“, murmelte ich leise. Auch wenn er jung war, war er doch geblendet von dem Reichtum, mit dem sich Vampire tagtäglich umgaben. So auch deren Gepflogenheiten. „Gut. Ich bin bald zurück.“ Oder auch nicht. Bald war glücklicherweise ja weit auszulegen. „Mach dir keine Sorgen!“, fügte ich noch hinzu, da er sonst sicher ein Suchkommando starten würde, wäre ich nicht in den nächsten zwanzig Minuten zurück.
„Dann werde ich derzeit anderweitigen Aufgaben nachgehen.“ Leeander verneigte sich und ging in die Richtung der Grigoroi Quartiere.
Kurz sah ich ihm noch verwirrt nach, zuckte aber bald schon die Schultern. Ich drehte mich um und ging auf direktem Weg in mein ehemaliges Kinderzimmer. Dort suchte ich die Tür zu den Geheimgängen und tapste in den folgenden Minuten durch die Dunkelheit bis in den Weinkeller. Es war Zeit, dass ich wieder regelmäßiger übte. Dieses Mal versuchte ich das, was mir Cyrus bei unserem gemeinsamen Kampf gezeigt hatte, zu verbessern. Nicht, dass er mir freiwillig Manöver oder Attacken beigebracht hätte. Aber allein dadurch, dass ich ihn hatte beobachten können, dadurch, dass ich nun wusste, wo er mich getroffen hätte – mit diesem Wissen konnte ich arbeiten. Das Nachdenken hatte mich weit gebracht. Ich hatte meine Bewegungen stets selbst analysiert und verbessert. Und wie so manches Kind hatte ich eine ausgesprochen große Fantasie. Also hatte ich mir meine Kampfpartner bisher immer vorgestellt. Aber natürlich nie so realistisch, wie es in echt der Fall war.
Nach dem Training im Fackellicht versteckte ich mein Schwert wieder, löschte die Fackel und machte mich auf den Rückweg. Ich hatte gerade mein altes Kinderzimmer verlassen und war dabei, mir den Dreck von der Kleidung zu klopfen, als ich Schritte hörte. Ich sah zurück, entschied mich dann aber schnell in meine Gemächer zu laufen, als ich die Stimme von Graf Targes vernahm.
„Majestät! Habt Ihr einen Moment?“
Überrascht drehte ich mich um. „Oh, Graf Targes! Seid … Ihr wegen der Dokumente hier?“ Meine unschickliche Aufmachung hatte ich bereits wieder vergessen. Ich nahm Haltung an, als wäre ein Schalter in mir umgelegt worden, hob mein Haupt und streckte meinen Rücken durch.
„Ja und nein. Tatsächlich bin ich hauptsächlich hier, weil mir dieser Grigoroi über den Weg gelaufen ist, als ich beim Kerker nach meinen Männern sah.“ Der Graf trat auf mich zu und sein Blick huschte über meinen Körper. Eine weisse Augenbraue wanderte langsam hinauf zu seinem Haaransatz.
„Äh …“ Kurz aus der Fassung gebracht guckte auch ich noch einmal an mir herunter. Schweißflecken unter den Achseln, die Kleidung von Spinnweben und Schmutz vom Hinfallen überzogen. „Also …“ Ich räusperte mich. „Welcher Grigoroi?“ Ich wollte gar nicht daran denken, wie mein Haar aussehen musste.
„Dieser Leeander. Er bat mich, die Wachen rund um das Schloss zu verdoppeln und notfalls Männer aus der Stadtwache dafür abzuziehen. Er befürchtet Aufstände wegen der gestrigen Aktion. Vor allem, da der König aktuell nicht vor Ort ist.“
„Das … ist gut, schätze ich.“ Ich seufzte leise. „Aber er hätte mich darüber informieren müssen. Ich rede später noch mit ihm. Besser wäre es aber vielleicht, den Eingang zur Stadt strengeren Kontrollen zu unterziehen“, fügte ich nachdenklich hinzu.
„Ich werde dies veranlassen, Eure Majestät. Dann nur erhöhte Kontrollen an den Stadttoren oder auch an denen zum Schloss?“, hakte der Graf nach.
Ich runzelte die Stirn. Was suchte Cyrus da draußen? Lee wusste darüber Bescheid. Und so wie er sich verhielt, wollte er verhindern, dass etwas ins Schloss kam. Dieser Befehl hing ganz sicher nicht nur mit dem aufständischen Verhalten der ehemaligen Minister zusammen. Sicher, sie könnten im Volk für einige Unruhen sorgen, jedoch rechnete ich nicht mit einer Revolte. Nun, vielleicht von den Vampiren. Sicher waren die meisten nicht besonders glücklich darüber, ihre Sklaven freilassen und Arbeiter entlohnen zu müssen. „Erhöht auch die Wache an den Schlosseingängen. Sollte jemand Unruhen im Volk bemerken, möchte ich darüber sofort informiert werden. Ebenso will ich auffälliges Verhalten gemeldet bekommen. Die Patrouillen sollen sich achten. Werden die Köpfe misstrauisch herumgedreht, bevor jemand ein Haus betritt? Gibt es größere Menschenansammlungen? Ich will keine Volksrevolte. Ich will den Bürgern nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben, aber ich möchte sichergehen, dass nicht noch mehr Blut vergossen wird.“ Ich verstummte einen Moment und warf einen flüchtigen Blick hinter mich. Auf das Zimmer, das ich mir so unglaublich lange mit Alexander geteilt hatte. Ehe ich noch damit begann, zu weinen wie ein kleines Kind, wandte ich mich wieder dem Grafen zu. „Sollten verdächtige Aktivitäten bemerkt werden, soll sich die Patrouille unauffällig verhalten, gleichzeitig aber versuchen, mehr darüber herauszufinden“, beschloss ich.
„Gibt es ein Problem, von dem ich wissen sollte, Eure Majestät?“ Des Grafen skeptischer Blick traf mich mit voller Wucht.
„N…nein. Ich habe aber drei Grafen ihres Amtes enthoben. Einer davon sitzt jetzt wegen versuchtem Königsmord im Kerker, der andere hat mir sowohl gedroht als mich hinterher auch noch beleidigt. Es wäre nur rechtens, auch Achos hinter Gitter zu sperren, aber wie gesagt: Ich will kein unnötiges Blutvergießen. Und Achos traue ich es durchaus zu, im Volk Unruhen gegen mich zu schüren. Seiner Meinung nach bin ich ein verzogenes, ahnungsloses Kind. Er sieht sich im Recht. Und uneinsichtige Männer, noch dazu in ihrem Stolz gekränkt, sind gefährlich.“ Ich atmete tief durch. „Sollte also er, oder gar Eber gegen mich aufbegehren wollen, werde ich das als Hochverrat werten müssen. Die beiden besitzen sensible Informationen. Das Königreich ist sich seiner Herrschaft noch nicht sicher, dafür ist unsere Amtszeit noch zu kurz. Wenn sie also dabei gesichtet werden, wie sie Leute gegen mich oder den König aufzubringen versuchen, sollten sie möglichst unauffällig gefasst werden.“
Die Augen des alten Mannes hatten sich, mich musternd, zu Schlitzen verengt. „Ihr fühlt Euch nicht sicher. Ihr habt trainiert. Was genau versucht Ihr, zu erlernen?“
Für einen kurzen Moment stand mein Mund weit offen; meine Augen waren geweitet. „Ich … wie kommt Ihr darauf? Das wäre … ja wohl nicht sehr …“ In einem lächerlichen Versuch, ihn davon zu überzeugen, dass ich mich niemals so gegen die Traditionen stellen würde – immerhin konnte ich Graf Targes‘ Treue nicht auch noch verlieren – stammelte ich vor mich hin. „… damenhaft“, beendete ich, nach langer Überlegung.
„Also habt Ihr eine Waffe in die Hand genommen? Ich gebe zu, ich dachte zunächst an Kraft- oder Ausdauertraining. Aber Euer Verhalten und Eure Wortwahl sind eindeutig.“ Er ging einen Schritt auf mich zu. „Welche Waffe versucht Ihr zu erlernen?“
Fest biss ich mir auf die Lippe. Mein Blick senkte sich beschämt. Aber ich war die Königin! Ich konnte vor einem meiner Grafen nicht mit gesenktem Kopf dastehen! Also hob ich ihn wieder und begegnete Targes‘ Blick.
Dieser war mittlerweile noch einen Schritt näher auf mich zu getreten, sodass ich begann, mich eingeengt zu fühlen.
„Das Schwert“, brachte ich rau über meine Lippen. „Ich trainiere mit dem Schwert.“
„Mit wem?“, wollte er wissen.
Dieses Mal biss ich mir auf die Innenseite meiner Wange. Wieder kostete es mich enorme Anstrengung, den Blick nicht zu senken. „Niemandem.“
Seine dunklen, fast schwarzen Augen fixierten mich. „Das ist leichtsinnig und noch dazu völlig inakzeptabel!“ Graf Targes verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich werde mit Euch trainieren. Täglich, bis der König wieder zurück ist. Welche Uhrzeit ist Euch recht?“
Erstaunt sah ich auf. Dann begann ich zu strahlen. „Wirklich? Wirklich, wirklich, wirklich?“ Energiegeladen hüpfte ich auf und ab, und strahlte den in die Jahre gekommenen Grafen an. Mein Lächeln war so breit, dass mir beinahe schon die Wangen schmerzten.
„Ihr habt viele Feinde, Eure Majestät. Außerhalb sowie innerhalb der Mauern. Dies habt Ihr trotz Eures jungen Alters erkannt. Ebenso die Notwendigkeit daraus, Euch zu verteidigen. Daher ja. Ich werde mit Euch trainieren.“ Sein Gesicht war immer noch ernst, ohne Anzeichen eines Lächelns. „Aber ich erwarte Fleiß, Disziplin und Demut!“
„Natürlich!“ Sofort wurde ich wieder ernst und schloss die Freude tief in mir ein. „Passt Euch der Sonnenaufgang? Dann treffen wir uns morgen auf dem Kampffeld?“
„Nein“, erwiderte er sofort. „Wir müssen hinter verschlossenen Türen trainieren. Nicht auf öffentlichen Plätzen. Unser Training muss unter uns bleiben.“
Nachdenklich rieb ich mir über das Gesicht. Ich konnte dem Grafen wohl kaum vorschlagen, in einem dunklen, feuchten und relativ engen Weinkeller zu trainieren. „Dann in meinen Gemächern“, entschied ich. „Dort würde niemand es wagen, uns zu stören, geschweige denn unaufgefordert einzutreten.“
„Das wird genügen. Ich werde morgen früh bei Sonnenaufgang bei Euch sein.“ Der Graf verneigte sich vor mir. „Und ich lasse alles weitere in die Wege leiten.“
Ich nickte. „Ich danke Euch. Kommt, ich übergebe Euch noch Achos‘ Dokumente.“ Er deutete mir vorzugehen und folgte einen halben Schritt hinter mir. „Schliesst zu mir auf“, forderte ich, was er kurz darauf tat, wenn auch ein wenig zögerlich. Dennoch wirkte er zu keiner Zeit unsicher. Das machte wohl das Alter. Sobald wir in meinen Gemächern waren, sprach ich ihn wieder an: „Um eine Waffe für mich müsst Ihr Euch nicht kümmern. Ich habe eine.“
„Gut. Das macht es unauffälliger.“ Der Graf sah durch die offene Tür ins geräumige Wohnzimmer. „Hier sollte Platz genug sein.“
Ich gab einen zustimmenden Laut von mir. Gerade als ich auf die Dokumente, die neben meinem Schreibtisch lagen, zugehen wollte, stürmte plötzlich Aurillia aus ihrer Kammer und auf mich zu. Augenscheinlich wollte sie mich in den Arm nehmen, hielt sich aber mit Blick auf meinen Besucher zurück.
Ich räusperte mich kurz. „Graf Targes, das ist Aurillia, eine meiner Zofen. Und meiner engsten Vertrauten“, fügte ich noch hinzu, als ich den skeptischen Blick des Grafen sah.
Stumm nickte er und deutete auf den Korb voller Pergament. „Ist das Achos‘ Arbeit?“
„Ja. Mit der von Eber habe ich bereits begonnen, mich zu befassen …“ Entschuldigend sah ich zum Grafen auf. „Es sollten wirklich nur einige Tage sein. Ihr müsst auch nicht allen Aufgaben von Achos nachkommen. Nur sollte die Stadt in der Zwischenzeit nicht komplett auf den Kopf gestellt werden.“
„Achos und ich haben in der Vergangenheit häufiger miteinander über unsere Aufgaben gesprochen. Tatsächlich weiß ich ziemlich genau, welche Aufgaben er hat.“ Targes nahm den Korb mit den Dokumenten entgegen. „Und ich weiß, welchen Aufgaben er nur leidlich nachkam.“
„Danke“, sagte ich aufrichtig. Dann verbeugte er sich auch schon und entschuldigte sich.
Aurillia stand mit fragend erhobenen Augenbrauen im Raum. „Sag mal, wo warst du? Und … was hast du da an? Und wieso siehst du wieder so aus?“
„Ich war kämpfen üben. Und ab morgen werde ich von Graf Targes unterrichtet!“ Am Ende schwoll meine Stimme aufgeregt an und ich hüpfte einmal mehr aufgeregt herum. „Oh, ich freue mich so! Ich kann es gar nicht glauben! Es will es mir wirklich beibringen!“ Ich hüpfte auf eine sprachlose Aurillia zu und packte sie an den Schultern. Mein Hüpfen kam zum Erliegen. „Verstehst du denn nicht? Ich übe seit Jahrzehnten allein! Und jetzt habe ich einen Lehrer! Ich kann es endlich richtig lernen!“
Aurillia schüttelte ungläubig den Kopf. „Du willst was … genau?“
Ich verdrehte die Augen. Gerade als ich dazu ansetzen wollte, ihr zu erklären, dass mein Herz für die Schwertkunst schlug, kam Emili zur Tür hinein, einen Haufen sauberer Bettlaken auf dem Arm.
„Ah, hier bist du.“
„Weißt du, worüber sie sich so freut?“, gab Aurillia verwirrt von sich.
„Schwertkampf. Sie übt seit einer Ewigkeit. Und liebt es.“
„Wa… eine Frau die das Schwert führt?“ Ich nickte heftig. „Moment, woher weißt du das schon wieder?“, hackte Aurillia bei Emili nach. „Hattest du etwa wieder eine deiner magischen Vampirgöttervisionen?“
Emili schnaubte leise. „Weißt du, nicht alles, was ich weiß, hat übermenschliche Gründe.“ Sie deutete auf mich. „Ich habe sie mit dem König draußen auf dem Übungsplatz das Schwert kreuzen sehen. Und sie war viel zu gut, als dass sie das erst seit kurzem machen könnte. Außerdem haben ihre Augen gestrahlt wie die Sterne in einer klaren Nacht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Und ich habe euch reden gehört.“
Kurz darauf klopfte es an der Tür. Aurillia öffnete diese auf mein Nicken hin. Das Erste, was ich sah, waren riesengroße Ohren. Und schon im nächsten Moment stürmte Kaldor meine Gemächer. Leeander, der ihn offensichtlich vorbeigebracht hatte, verneigte sich knapp. „Irina ist bereits fort. Elok sagte, Ihr habt sie auf eine Mission geschickt. Ich habe Ihr noch den Brief, der auf Eurem Schreibtisch lag, mitgegeben. Schließlich war der Umschlag an sie adressiert.“ Kurz zog er seine Tasche zurecht, öffnete sie und holte einen Brief heraus. „Diesen Brief hat mir Darleen gestern, bevor sie abgereist ist, übergeben. Bitte verzeiht, dass ich ihn Euch erst jetzt gebe.“
Ich nahm den Brief entgegen, legte ihn aber erst mal zur Seite. Mit ihm würde ich mich später befassen, wenn es etwas ruhiger war. „Danke, Lee.“
Er sah sich flüchtig im Zimmer um. „Übrigens habe ich mit Graf Targes gesprochen.“
Es klopfte wieder an der Tür. Gerade, als Aurillia diese öffnen wollte, stürmte Carina herein und erschlug Aurillia beinahe mit der Wucht, mit der sie die Tür aufstieß. „Ich werde Euch nicht…!“ Sie stockte, als sie Lee sah, fixierte mich dann aber wieder. „Ich werde Euch nicht mehr unterrichten! Der König hat mir eine unmögliche Aufgabe gestellt!“
„Sehr gut. Ein Problem weniger“, murmelte ich leise, sodass es niemand gehört haben dürfte. „Natürlich akzeptiere ich Eure Entscheidung. Würdet Ihr mir aber noch erklären, wieso ausgerechnet die Person, die mir etwas über Anstand beibringen sollte, ohne Aufforderung einen Raum betritt? Dazu noch die privaten Gemächer ihrer Königin?“
„Ihr seid noch ein Kind! Ich würde Euch wohl kaum in einer unvorteilhaften Situation vorfinden!“, schnaufte sie. „Zudem könnt Ihr mit Eurem Verhalten keinen Anstand erwarten. Die Königin sollte immer mit gutem Beispiel vorangehen. Aber es mangelt Euch ja nicht bloß an Anstand und Manieren!“
„Was fällt Euch ein, so mit der Königin zu sprechen?“, mischte sich Leeander ein. „Der König wird davon erfahren!“
„Und wenn schon!“, gab sie schnippisch zurück. „Die Königin kann keine Dinge einfordern, die sie selbst nicht einhält!“
„Lee, hilf mir … wann bin ich das letzte Mal unaufgefordert in Carinas Gemach gestürmt?“, fragte ich beiläufig.
„Es geht ums Prinzip!“, rief Carina empört, wandte sich um und ging wieder.
Leeander trat neben mich und starrte auf die Tür, die laut ins Schloss knallte. „Was ist passiert?“, fragte er, schüttelte dann aber direkt den Kopf. „Nein, eigentlich geht es mich gar nichts an. Carina ist eifersüchtig und Cyrus zu dumm, es zu bemerken. Benötigt Ihr wirklich Unterricht, Majestät?“
„Natürlich nicht“, sagte ich ruhig. „Selbstverständlich kann ich noch nicht alles und auf die Position einer Königin wurde ich niemals vorbereitet. Aber von Irina lerne ich höchstens, wie man mit offenen Augen schläft.“ Ich verdrehte die Augen. Dabei fiel mir auf, dass ich noch immer völlig verdreckt war. Aber ehe ich mich umzog, sollte ich für morgen noch mein Schwert holen. Kopfschüttelnd wandte ich mich wieder Leeander zu. „Nun, nach dieser Unterbrechung … was wolltest du sagen?“ Kaldor huschte unruhig um meine Beine herum. Ich bückte mich und nahm ihn auf den Arm. Sachte streichelte ich ihm durch sein Fell.
„Ich halte es für ratsam, die Wachen rund um das Schloss zu verdoppeln. Immerhin wird ein Minister gehängt und zwei weitere Minister wurden ihres Amtes enthoben. Das kann zu Unruhen führen. Und aus Cyrus‘ Leibgarde sind nur Elok und ich hier, um Euch zu schützen.“ Leeander drehte sich zu mir um. „Ich mache mir ernsthafte Sorgen, Eure Majestät.“
Ich nickte zufrieden. „Danke, dass du mich informiert hast. Ich habe den Befehl bereits abgesegnet. Wenn auch verschärft.“ Ruhig fuhr ich durch Kaldors Fell, blickte hinunter und lächelte sanft, als ich sah, dass er entspannt seine Augen geschlossen hatte.
„Ich empfehle im Übrigen, noch mit Seibling im Kerker zu reden. Vielleicht sollte er noch einen letzten Wunsch äußern dürfen. Ob Ihr diesen erfüllt, obliegt jedoch Euch.“
„Ich werde heute noch hingehen“, murmelte ich, den Blick nach wie vor auf das süße, graue Fellbüschel in meinen Armen gerichtet. Ich seufzte. „Ja, ich werde heute noch hinuntergehen.“ Ich würde mir keine Schwäche erlauben dürfen. Ich durfte dort unten sowieso nichts an mich heranlassen. „Soll ich ihn foltern?“, fragte ich abwesend. „Ich meine, wenn er nicht reden will?“ Ich kannte es nicht anders. Wer Fehler beging, der wurde bestraft. Und wer nicht reden wollte, der wurde gefoltert. Mit der Peitsche, oder dem Messer …
„Foltern?“, fragte Lee sichtlich entsetzt. „Worüber wollt Ihr denn noch mit ihm reden? Welche Geheimnisse sollte er ausplaudern, die für Euch von solcher Bedeutung wären?“
„Es wäre interessant zu wissen, wie viel Gold er unterschlagen hat. Wo er es versteckt hat. Ob seine Familie involviert ist. Ich muss wissen, wie ich mit ihnen verfahren soll“, murmelte ich noch immer tief in Gedanken. Im Kerker, wo kein bisschen Sonnenlicht hineinstrahlte. In der feuchten, stickigen, stinkenden Dunkelheit, die ich so einige Zeit mein Zuhause nennen durfte. Ich nahm Lees Entsetzen nicht einmal wahr.
„Mit Verlaub, wenn er Gold unterschlagen hat, wird ein Großteil davon sicher schon längst ausgegeben worden sein. Sollte seine Familie involviert sein, wird er es selbst unter Folter nicht zugeben. Cyrus hat mir einmal gesagt, der Blutpakt sei sehr mächtig. Aber es wäre dennoch interessant, zu erfahren, wie Seibling zu seiner Frau steht.“
Diese Antwort schien mir zweischneidig. War das jetzt ein ‚Ja, foltere ihn‘ oder ein ‚das wird sowieso nicht bringen‘?







































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