Kapitel 42 – Wo warst du?

Kapitel 42 – Wo warst du?

 

Cyrus

Kaldor lief im Garten herum, schnüffelte an jeder Pflanze und an jedem Baum. Dann suchte er sich einen Platz in der Sonne, legte sich hin und streckte alle Viere von sich.

Eigentlich sollte ich zurück ins Schloss gehen. Es wartete noch Arbeit auf mich. Aber ich konnte nicht. Kurz kam mir sogar die Idee, Kaldor anzuleinen und mit ihm in die Stadt zu gehen. Aber warum? Es war der letzte Ort, an dem ich sein wollte.

Ich streckte die Füße von mir, schloss die Augen und gönnte mir einige Augenblicke der Ruhe. Aber sie währte nicht lange. Eine seltsame Aufregung, sowas wie Vorfreude, erfasste mich. Also stand ich auf. Sofort war Kaldor bei mir und rannte um meine Beine. Er wollte sicher wieder zurück in Aurelies Gemächer, um mit ihr zu kuscheln. Irrationalerweise war ich sogar kurz eifersüchtig darüber, dass sie den Welpen streichelte, mit ihm kuschelte und freiwillig seine Nähe suchte.

Bei den Göttern, was waren das für Gedanken? Schnell schüttelte ich sie ab und ging aus dem Garten. Dabei schien sich Kaldor besonders viel Mühe zu geben, mir vor die Beine zu laufen und mich zu Fall zu bringen.

Gerade als ich ins Schloss gehen wollte, blieb ich stehen und drehte mich um. Ohne zu befreien, warum, ging ich auf das hohe Tor zu, das von zwei Männern bewacht wurde. Eine Person näherte sich dem Tor; mein Herz klopfte kurz höher.

Aurelie. Dabei hatte ich die Person gar nicht richtig gesehen. Trotzdem wusste ich, dass sie es war, sodass meine Beine mich ganz von selbst zu ihr hintrugen. Die Wachen machten doch tatsächlich Anstalten, ihr den Weg zu versperren.

„Lasst sie passieren“, gab ich unzufrieden von mir. Warum war sie vor dem Tor? „Sofort!“, fügte ich harsch hinzu. Der Wunsch, sie an mich zu drücken, war beinahe übermächtig. Dabei sollte ich sie eigentlich sofort wieder in den Kerker werfen.

„Vielen Dank für die Erlaubnis, werter Gatte.“ Ihre Stimme triefte vor Arroganz und Sarkasmus.

Die Wachen ließen die Königin durch. Bevor sie noch etwas sagen oder tun konnte, war ich bei ihr und zog sie in meine Arme. Dabei vergrub ich mein Gesicht in ihren Haaren. Scheiße, ich hatte sie vermisst. Ganz tief atmete ich ihren Geruch ein. Aber im selben Moment versteifte ich mich ebenso wie sie. Denn sie stank nach Blut und einem fremden Mann! „Wo warst du?“, kam es leise knurrend über meine Lippen.



„Nicht hier“, grummelte sie, hakte sich wie selbstverständlich bei mir ein und lief los. Selbst aus dem Mund stank sie nach fremdem Mann. Mir wurde schlecht. Trotzdem gab ich mich äußerlich gelassen und schaffte es sogar zu lächeln. „Natürlich.“

Ich nickte den beiden Wachen zu und ging mit Aurelie auf das Schloss zu. Kaldor rannte vor, blieb aber alle paar Meter stehen und drehte sich zu uns um.

Im Schloss ging ich direkt zu den königlichen Gemächern, brachte Aurelie in ihr Zimmer und führte sie von dort aus sofort in ihr Badezimmer. „Lass dich waschen! In einer Stunde erwarte ich dich in meinem Zimmer.“ Ich atmete tief durch. „Und bring die Unterlagen mit, die du gesichtet hast. Wir müssen über ein paar Dinge reden.“ Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich von ihr ab.

„Wie du wünschst“, spach sie leise und zog den Geräuschen nach den Umhang aus. Bevor ich in meine eigenen Gemächer verschwand, warf ich noch einen Blick über meine Schulter und erschrak. Ihre – nun eigentlich meine – ganze Kleidung war blutgetränkt. Außerdem prangten an ihren Mundwinkeln noch Reste von Blut; ihre Hände waren ebenso wenig verschont geblieben. Wobei alles Blut mittlerweile getrocknet war und die Stoffe steif gemacht haben mussten.

Ich verließ ihre Gemächer, ging in meine eigenen hinüber und lief dort wie ein wildes Tier auf und ab. Was hatte sie nur getan? Wo war sie gewesen? Wieso war sie so voller Blut?

Nach einer Stunde klopfte es wie angekündigt an der Verbindungstür zwischen unseren Gemächern. Wieso klopfte sie? Ungeduldig schritt ich zur Tür und öffnete. Sofort sprang mir ein riesiger Stapel Papier in die Augen. Erschrocken blickte zu meinen Füßen, wo ein aufgeregter Kaldor sich herumtrieb und leise winselte.

„Könntest du bitte aus dem Weg?“, keuchte es hinter dem Stapel hervor, der Aurelie noch einige Zentimeter über den Kopf ragte.

„Das alles hast du in den letzten Wochen bearbeitet?“, fragte ich schockiert, trat aber zur Seite. Aurelie schwankte mit dem Pergamentturm auf ihren Armen hinein und brachte ihn in mein Arbeitszimmer, wo sie ihn lieblos auf dem Schreibtisch abstellte. Ohne mir eine Antwort zu geben, wollte sie wieder an mir vorbei in ihr Gemach. „Wo willst du hin?“, fragte ich streng.



Arrogant die Augenbrauen erhoben, drehte sie sich zu mir um. Dabei strahlte sie eine Anspannung und Konzentration aus, die ich nicht recht einordnen konnte. „Ich dachte, du wolltest alles?“

Genervt winkte ich sie fort. Was hatte sie denn bitte alles getan? Hoffentlich hatte sie die Situation mit den verschollenen Vermögen der Krone nicht noch schlimmer gemacht als ohnehin schon. Ich wusste nicht, wann sie ihre Reife zur Vollendung gebracht hatte. Oder wie verantwortungsvoll sie davor – und auch danach – mit den Anträgen umgegangen war. Mir war ja nicht einmal bewusst gewesen, dass ihre Reife eingesetzt hatte! Auch dazu sollte ich sie noch befragen,dachte ich seufzend und starrte in die Leere des Raums. Der Schreibtisch war jetzt schon überladen mit Arbeit. Hatte sie überhaupt irgendeine Ordnung gehalten?

„Au!“ Der knappe Laut, der aus Aurelies Gemächern drang, war kein Schrei. Viel eher hörte es sich an, als jaule sie auf.

Sofort hastete ich in mein Schlafgemach, weiter durch die Verbindungstür und rannte in Aurelies Wohnzimmer, in welchem sie augenscheinlich ihren Schreibtisch hatte hinstellen lassen. Oder wie ich sie kannte, hatte sie das Möbelstück vermutlich selbst dahin geschleift. Tiefe Sorge wallte in mir auf und ließ mich den Atem anhalten.

„Aurelie?“ Das Mädchen … nein, die junge Frau stützte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Schreibtisch und atmete schwer. „Aurelie?“, fragte ich erneut.

Sichtlich spannte sie sich an. „Alles bestens!“ Verbissen richtete sie sich auf. Sofort glitt ihre Hand zu ihrem Brustkorb, doch als sie mir entgegensah, waren ihre Züge kalt und emotionslos. Keine Spur mehr von dem Schmerz, der vor wenigen Sekunden noch ihr Gesicht geziert hatte.

„Wir müssen noch reden. Setz dich.“ Ich deutete aufs Sofa und blieb stehen. „Was ist während meiner Abwesenheit alles passiert? Du hast zwei Minister hängen lassen. Wo ist der Dritte? Und wie kam es dazu?“

Genervt seufzend, strich sie sich mit einer Hand durchs Gesicht. Dachte ich zumindest, wurde aber eines Besseren belehrt. Denn als sie die Hand wieder senkte, sah sie für einen Sekundenbruchteil erschöpft aus, bevor sie fein säuberlich wieder diesen abweisenden Gesichtsausdruck aufsetzte. „Natürlich.“ Sie ging zum Sofa und deutete mir mich zu setzen, ehe sie es tat.



Ich setzte mich, ging allerdings ganz an den Rand. Ich wollte sachlich bleiben und dafür brauchte ich Abstand. So wie wir uns verhielten … Das war nicht normal. Es musste am Blutchwur liegen, dass sie meine Anwensenheit überhaupt so stoisch über sich ergehen liess. „Also? Was ist passiert?“

Die Beine im Schneidersitz setzte sie sich auf die andere Seite. Wieder trug sie meine Kleidung, was auch der einzige Grund war, wieso sie sich überhaupt so undamenhaft hinsetzen konnte. „Zuallererst habe ich meine Anstandsdame, die weniger Anstand verkörperte als meine Entführer alle zusammen, gefeuert“, berichtete sie trocken.

Carina. Stimmt, mit ihr musste ich auch noch reden. Auch wenn ich dazu absolut gar kein Bedürfnis verspürte. „Und weiter?“ Ich musste mich zusammenreißen, um nicht wieder auszurasten. Diesem Weib musste ich einfach alles aus der Nase ziehen.

„Die Auseinandersetzung mit den Ministern … war, ähm, nun, ich habe Leeander zu den Ratssitzungen mitgenommen.“ Nachdenklich kaute sie auf ihrer Lippe herum, während ich mich anspannte. „Seibling, Achos und Eber wollten das nicht akzeptieren. Also habe ich gesagt, dass sie natürlich auch gehen könnten und ich niemanden dazu zwingen würde, direkt für die Krone zu arbeiten.“

Meine Augenbrauen hoben sich leicht. Ihr Kopf war gesenkt, trotzdem erkannte ich, dass sie sich auf die Lippe biss. Eine Angewohnheit, die sie schon als Kind ständig an den Tag gelegt hatte. Nur dass es jetzt gänzlich andere Reaktionen in mir hervorrief.

„Die drei nörgelnden Minister waren bereits aufgestanden und dabei, den Raum zu verlassen, als meine Worte zu ihnen durchsickerten. Sie erzürnten, erhoben die Stimme und ließen die Hüllen des falschen Respekts fallen. Daraufhin entzog ich ihnen die Titel, nahm ihnen ihre Grafentümer und verwies sie des Schlosses.“ Sie atmete ein, starrte aber immer noch auf ihre Hände. „Eber hat die Entscheidung wortlos, aber sichtlich gebrochen hingenommen. Er hat nichts weiter gegen mich unternommen oder gesagt, weshalb ich ihn später … auf Lees Rat hin … als Haushofmeister eingestellt habe. So kann er seine Familie weiterhin versorgen, hat Arbeit und konnte mir auch bei Fragen, die ich zu den Handelsbeziehungen hatte, weiterhelfen.“ Sie wischte sich übers Gesicht. „Bei Seibling und Achos verhielt sich das ein wenig anders. Die beiden waren absolut nicht zufrieden mit dem Verlust ihrer Titel und Ländereien.“



Ach was.

„Beschimpfungen sind gefallen, ich wäre nur ein undankbares Kind, irgendetwas in diese Richtung. Anschließend hat Seibling versucht, mich anzufallen. Vor den Augen des ganzen Rates. Naja, der zwei verbliebenen Minister und Lee.“ Sie wurde leiser und schluckte sichtlich. „Lee ist dazwischen gegangen …“ Ihre Stimme erstickte. Erneut schluckte sie schwer. „Die Entscheidung war schnell getroffen. Versuchter Königsmord.“ Desinteressiert zuckte sie die Schultern. „Ich ließ seine Familie kommen. Wollte es ihnen selbst sagen.“ Ihre Hand wischte über ein Auge. „Bei Achos war es anders. Ich habe den ehemaligen Ministern von Anfang an gesagt, dass alles, was sie jemals in Bezug mit der Krone in den Händen hatten und jedes Wissen, von Verhandlungen und Sitzungen, alles der Geheimhaltung unterliegt. Verrieten sie etwas, gälte das als Hochverrat und würde entsprechend gestraft. Wenige Tage später haben Graf Targes‘ Männer ihn bei einer aufrührerischen Rede in einer Schenke erwischt. Das hat ihm den Tod neben Seibling gewährleistet.“ Sie überlegte kurz, dann sagte sie: „Beide Besitztümer, inklusive allem Gold der beiden Familien, befinden sich in unseren Schatzkammern. Dreidolch hat sich als geeigneter Schatzmeister herausgestellt. Er kann gut mit Zahlen.

„Und Seiblings Sohn?“ Ich musste zugeben, dass ich ziemlich beeindruckt war. Ich wünschte nur, ich könnte mit Lee darüber reden. Obwohl es mir schwerfiel, verscheuchte ich den Gedanken und atmete tief durch, um mich zusammenzureißen.

Kurz spiegelte sich Schock in ihren Augen, die für einen Moment weit aufgerissen waren. „Der …“, fing sie dann jedoch mit nüchterner Stimme wieder an: „Nun ja. Seibling hat … statt zu reden nur davon gesprochen, dass sein Sohn schon wüsste, was er zu tun hätte. Also habe ich ihn hierbehalten. Ich wollte ihn um mich wissen. Seine Post wird kontrolliert und er darf keine Besuche empfangen. Aber eigentlich … denke ich nicht, dass diese Kontrollen weiterhin nötig sind. Er hat sich meines Erachtens als vertrauenswürdig erwiesen – in mehreren Belangen. Zudem ist er belesen und hat fortschrittliche Ideen. Ich habe ihn als inoffiziellen Berater weiter im Schloss behalten. Natürlich auch, um ihn weiter im Auge zu behalten. Aber das nur noch … nebenbei? Als Sicherheit.“ Wieder biss sie sich auf der Lippe herum. Dann glitt ihr Blick aus dem Fenster, sie stand auf, die Hand an ihren Brustkorb gepresst, und trat vors Fenster. Nach einer Weile, in der sie wortlos hinausgestarrt hatte, sagte sie wie aus dem Nichts: „Wir müssen den Menschen mehr Unterstützung geben. Frauen- und Kinderheime eröffnen. Das ist der nächste Schritt, der getan werden muss.“



„Und woher willst du die finanziellen Mittel nehmen?“ Diese verfluchte, geheime Schatzkammer. Wenn wir sie finden würden, wären alle Probleme behoben. Ich könnte hier dieselbe soziale Struktur aufbauen wie in den Ostlanden. Schulen, Wohnheime, Waisenhäuser und … ja, auch Frauenhäuser.Ich betrachtete Aurelies Gesicht im Profil und verspürte den Drang, zu ihr zu gehen und meine Arme um sie zu legen.

Aufgebracht drehte sie sich zu mir um. „Weiß ich doch nicht, verdammt!“ Ihre Hände ballten sich und ihre Miene wurde verschlossener den je. Aber ihre Augen sagten mehr als tausend hasserfüllte Worte. „Wieso sitzt du hier überhaupt mit mir?!“, schrie sie. „Frag Dreidolch! Frag Targes! Frag deine Berater! Ich bin nur die kranke Königin, die du vergewaltigt hast, also geh verdammt noch mal und klär den Scheiß alleine!“

Da war sie. Die Verbitterung. „Oh, mit den Ministern habe ich schon geredet. Ich hätte auch gerne Lee befragt, aber den hast du ja praktischerweise getötet.“ Ich bemerkte, wie sich meine Fänge herausdrückten und hob leicht die Oberlippe. „Stattdessen muss ich lügen und erzählen, es habe ein Attentat auf dich gegeben und Lee habe dich mit seinem Leben verteidigt!“ Ich sprang auf und war im nächsten Augenblick bei ihr.

Sie wich zurück und stieß mit der Hüfte am Fensterbrett an. Ihre Fänge schossen unkontrolliert heraus und auch sie hob die Oberlippe, wobei sie in die Enge gedrängt fauchte.

Verflucht, der Anblick ihrer Fänge, das Fauchen und ihr Blick regten meinen kleinen Freund dazu an, in der Hose freudig zu zucken. Mir würde sie allerdings mehr gefallen, wenn sie angriffslustiger wäre und nicht so ängstlich wie jetzt. Am liebsten würde ich meine Fänge in ihrem Hals vergraben. Aber ich konnte nicht. Nicht jetzt! „Wo warst du heute? Warum hattest du überall Blut an dir?“

„Draußen.“

„Ach was!“ Ich trat näher an sie heran und streckte eine Hand nach ihr aus, um ihre Wange zu berühren. „Wolltest du ein bisschen Blut trinken?“ Mein Daumen berührte ihren rechten Mundwinkel, wo zuvor noch Blut geklebt hatte.

„Genau“, stimmte sie zu, während ihr Kopf zur Seite ruckte, um meiner Berührung zu entkommen.

Mein Blick glitt sofort tiefer, auf ihren Hals. „Und was noch? Hast du versucht, ein Feuer zu machen? Ein paar Bäume mit deinen Händen abzufackeln?“



Schnell schüttelte sie den Kopf. „Ich will das niemals wieder tun!“

„Wirst du aber“, knurrte ich und wandte mich von ihr ab. Mein Schwanz drückte unangenehm in der Hose. Würde ich jetzt noch von ihr trinken, könnte ich mich nicht mehr beherrschen. Und das wäre nicht schlimm, wenn sie es nur auch wollen würde. Aber das würde nicht geschehen. Was gestern passiert war, war nie meine Absicht gewesen. Verdammter Blutschwur. Verdammter Rausch! „Ruh dich aus. Morgen kommt der Schneider.“ Bevor sie etwas erwidern konnte, drehte ich mich um und verließ ihre Gemächer. Zurück in meinen Zimmern ließ ich Timm rufen und betrachtete die Pergamente auf meinem Schreibtisch argwöhnisch. Das würde mich Wochen kosten.

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