Kapitel 43 – Die Phiole mit der Freiheit drin

Kapitel 43 – Die Phiole mit der Freiheit drin

 

Aurelie

Ich hatte ihm nichts von Seiblings Abmachung mit dem König erzählt. Denn dann wäre er irgendwann darauf zu sprechen gekommen, wo denn das ganze Gold hin sei. Und bestimmt war es ihm nicht recht, dass ich wusste, dass er es eingesackt hatte. Im Versprechen, Seiblings Tochter irgendwann zu ehelichen. Götter, sie hätte ihn haben können. Aber leider musste er ja den Blutschwur vollziehen. Und danach gab es kein Zurück mehr. Wenn er mich nicht mehr wollte, würde er mich töten.

Ich war überrascht gewesen, wie schnell er von mir abgelassen hatte. Er hatte nicht darauf gepocht, wie ich aus dem Schloss gekommen war. Was ich da draußen wirklich getan hatte. Wieso so viel Blut an mir gewesen war. Wer beim Trinken so sehr schluderte, der musste schon ein Kleinkind sein. Und die tranken kein Blut. Es war unmöglich, dass er seinen eigenen Vorschlag mit dem Trinken ernst gemeint hatte.

Kaldor hopste auf mein Bett und sah mich schüchtern an. Zuvor hatte er noch im Wohnzimmer vor dem Kamin gelegen, doch sobald Cyrus und ich laut geworden waren, hatte er das Weite gesucht. Vorsichtig leckte er mir über mein Gesicht, was mich zu einem schwachen Lächeln veranlasste. Jedoch war es nicht echt. Es war nur da, um mir selbst vorzumachen, die Situation wäre gar nicht so schlimm.

„Jetzt sind wir wohl allein“, nuschelte ich und strich ihm vorsichtig über den Kopf. Ich presste mein Gesicht in sein Fell. „Nur noch Irina und dann sind sie alle in Sicherheit“, flüsterte ich leise und spürte, wie mich ein Schluchzen überkam. Und dann noch eins. Und dann das nächste. „Weißt du, wen ich jetzt gerne sehen würde?“

Kal schaute mich an, als wolle er mich warnen. Das ist keine gute Idee, sagte mir sein aufmerksamer Blick, und doch richtete ich mich auf und wischte mir die Tränen vom Gesicht. „Wieso eigentlich nicht …?“

Ich stand auf und ging hin zu meiner Zimmertür. Bestimmt war mein Liebster wieder einmal in der Bibliothek. Kaum stand ich davor, klopfte es. Erschrocken zuckte ich zurück, machte aber schließlich auf. „Hohepriester!“, rief ich überrascht aus. „Ihr, hier? Wie kann ich Euch helfen?“

„Darf ich eintreten, Majestät?“, fragte er und sah sich dabei kurz im Flur um. Mir schien, dass er es eilig hatte.



„N…natürlich“, entgegnete ich und trat zur Seite. Hoffentlich kam er nicht auf die Idee, zu fragen, wo meine Zofen abblieben. Normalerweise hätten diese ihm die Tür geöffnet.

Der Hohepriester trat ein und seufzte schwer. Sein Blick huschte durch mein Wohnzimmer. „Seid Ihr allein, Eure Majestät?“

„Ja. Hohepriester, was verschafft mir die Ehre?“ Eigentlich hatte ich woanders hinwollen. Aber für den alten Herrn würde ich mir Zeit nehmen.

Seine Augen gingen noch einmal durch den Raum, bevor er mich fixierte. Dabei griff er in eine seiner vielen Taschen und holte eine kleine, gläserne Phiole heraus. „Hier, nehmt dies. Aber versteckt es gut!“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und er klang ungewohnt … Irgendwie unsicher oder ängstlich. „Es tut mir leid, was ich gestern tun musste. Es tut mir so unfassbar leid, Majestät! Als der Thronräuber Euch vor einigen Wochen hier festhielt, glaubte ich, Euer Leben zu retten. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Eure Reife plötzlich so früh einträte!“

Er ließ mich gar nicht zu Wort kommen, sondern redete sofort weiter: „Der falsche König ließ sich von mir zu einem gefälschten Blutschwur überreden. Ich dachte, ich hätte ein paar Monate, um Euch aus dem Schloss zu schaffen und in Sicherheit zu bringen. Aber nun …“ Seine Schultern sanken in sich zusammen. „Nun gibt es nur noch einen Ausweg, Majestät. Der König muss sterben. Entweder er oder Ihr! Bald wird er das Interesse an Euch verlieren, Euch töten und eine andere Königin krönen!“

„Das ist mir durchaus bewusst, Hohepriester“, antwortete ich ruhig. Hatte ich mich mit diesem Schicksal etwa abgefunden?

Mein Blick glitt zu der Phiole in seiner Hand. „Was ist das?“

„Es ist Gift, Majestät. Gebt drei Tropfen davon jedem Tag in ein Glas Wein. Es wird den König nicht sofort töten. Es dauert etwa sieben bis zehn Tage, bis es seine volle Wirkung entfalten kann. Danach seid Ihr frei!“

Bestürzt starrte ich auf das kleine Fläschchen. So etwas Winziges sollte so einen großen Mann töten? „Ich weiß nicht, ob ich das kann …“, gestand ich ehrlich.

„Ihr müsst es tun, Majestät. Dieser Mann hat Eure Familie ermordet und er wird auch Euch töten. Ihr müsst einfach als Erstes handeln!“



Ich seufzte tief und nahm das Fläschchen an mich. „Danke, Hohepriester.“ Ich atmete tief durch und schloss die Augen. Wenn ich das wirklich machen würde … könne ich ihn wirklich umbringen? „Was wird es mit mir machen, wenn er stirbt?“

„Der Blutschwur ist noch frisch. Ihr werdet ein paar Tage traurig sein.“

Ich würde Trauer für einen Mann empfinden, der mir alles genommen hatte. Welch Grausamkeit des Schicksals. „Gut. Danke. Sonst noch etwas?“

„Ihr müsst vorsichtig sein. Wenn mal ein Tag ausfällt, ist es nicht besonders schlimm. Es dauert nur länger.“ Der Hohepriester wandte sich bereits wieder zum Gehen um. „Ach, er wird über Schwindel und Kopfschmerzen klagen. Seht zu, dass Ihr es als unwichtig abtut. Schiebt es auf die Arbeit, wenig Schlaf … Lasst Euch etwas einfallen.“

„Verstanden.“

Er nickte mir knapp zu und verließ genauso schnell meine Gemächer, wie er sie betreten hatte.

Unsicher sah ich auf das Gift in meinen Händen. Es … könnte mich befreien. Aber was wäre das für eine Freiheit? Ich würde mir selbst das Königreich aufzwingen. Ich würde für lange Zeit allein herrschen. Auch wenn das die letzten Wochen gut geklappt hatte, war mir beim Gedanken daran, Cyrus zu vergiften und seinem Leben ein Ende zu bereiten, mulmig im Magen. Ich war doch keine Carina. Ihr würde ich es zutrauen, jemandem etwas ins Getränk zu schütten. Aber ich … bevorzugte tatsächlich die blutigere Variante.

Seufzend ging ich in mein Schlafzimmer und sah mich um. Ich schüttelte den Kopf und ging ins Badezimmer. Wieder drehte ich um und kehrte in mein Schlafgemach zurück. Vielleicht im Frisiertisch? Schulterzuckend ging ich auf den kleinen Tisch zu, zog die Schublade auf und legte das Fläschchen hinein. Diesen Tisch würde ich fortan sowieso nicht mehr gebrauchen. Es gab ja niemanden mehr, der mir die Haare richten könnte. Was mich zu meineM nächsten Gedanken führte. Irina musste hier weg. Und das am besten schon gestern.

Ich trat aus meinen Zimmern und war erleichtert, niemanden auf den Fluren zu sehen. Ein Wunder eigentlich, dass Cyrus mich nicht strengstens bewachen ließ. Auf die Gänge hatte ich heute herzlich wenig Lust. Viel zu lange war der heutige Tag gewesen. Und eigentlich hatte Cyrus recht. Ich sollte mich ausruhen. Später.



Auf gut Glück versuchte ich es in Irinas Gemächern. Und ich sah deutlich mehr, als mir lieb war, als ich ohne anzuklopfen, das Gemach meiner Vertrauten betrat.

„Bei den Göttern!“ Ich drehte mich auf der Stelle um und lief wieder nach draußen.

„Naya!“, keuchte Irina schwer, kurz darauf hörte ich Schritte. „Was ist los? Gib mir bitte einen Moment. Ich muss mich noch anziehen.“

„Ja. Galdi auch“, stellte ich nüchtern fest.

„Galderon. Oder soll ich Euch Majestätchen nennen?“, brummte der Grigoroi unfreundlich. „Zudem kann ich mich nicht anziehen, wenn Irina mein Hemd trägt.“

Irina seufzte leise. „Warte bitte kurz vor der Tür, Naya. Bin gleich bei dir!“

„Ich bin vor der Tür.“ Nur war die Tür nicht verschlossen, was ich im nächsten Moment aber nachholte.

Trotz geschlossener Tür hörte ich die beiden Grigoroi miteinander reden. Wenig später trat Irina zu mir vor die Tür und strich sich die Haare zurück.

„Entschuldige …“, murmelte sie kleinlaut.

„Galdi? Wirklich? Dieser Miesepeter?“

Irina sagte eine Weile nichts. So lange, dass ich schließlich selbst einsah, dass es mich nichts anging. „Tut mir leid. Ist deine Sache. Komm. Ich wollte mit dir reden.“ An einem Ort, an dem uns nicht irgendwelche Grigoroi meines Gemahls belauschen konnten.

Ich führte Irina in eines der schalldichten Besprechungszimmer. Einfach, weil sie näher waren, als meine eigenen Gemächer aufzusuchen.

„Also, was ist los, Naya?“, fragte Irina, sobald die Tür hinter uns ins Schloss gefallen war.

Ernst wandte ich mich zu ihr um und schluckte schwer, ehe ich die Worte streng und befehlend herausbrachte. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass ich genau wusste, dass sie mich von sich aus niemals allein lassen würde. „Du wirst gehen. In den Osten. Such Darleen auf und bitte um Unterschlupf. Außerdem wirst du mit niemandem über diesen Plan sprechen können, sobald wir dieses Zimmer verlassen haben.“ Eine einsame Träne kullerte meine Wange hinab, als ich auch meiner letzten Vertrauten den Befehl erteilte, zu gehen. „Sieh zu, dass dich keiner sieht.“ Ich schluckte. „Hast du noch Fragen?“

„Warum?“, fragte sie irritiert. „Warum soll ich gehen? Und was ist mit dir?“

Ich senkte das Haupt und sprach leise: „Cyrus droht mir bei jeder noch so kleinen Verfehlung mit deinem oder dem Leben der Mädchen. Deshalb musst du weg. Und ich … finde schon einen Weg“, murmelte ich im Anschluss, unbehaglich an die Phiole in meinem Frisiertisch denkend.



„Was? Aber warum droht er dir?“ Sie sah einen Moment so aus, als würde sie mir gar nicht glauben. „Übertreibst du nicht ein wenig?“

„Nein Irina. Ich habe … die Kräfte der Ignis-Robur geerbt. Das ist seit Abertausenden von Jahren nicht mehr vorgekommen und nun bin ich für ihn mehr denn je eine Gefahr, die er unter Kontrolle halten will. Und wie ginge das besser als mit den Menschen, die mir mein Leben bedeuten?“

„Kräfte? Du meinst, du kannst auch Grigoroi kontrollieren?“ Sie sah mich prüfend an und presste die Lippen zusammen.

„Nein, ich kann nur dich kontrollieren. Dir Befehle erteilen, da du unter meiner Herrschaft stehst. Und deshalb wirst du auch noch heute, so schnell wie möglich ungesehen diese Gemäuer, diese Stadt verlassen!“, sagte ich verbissen. „Ignis-Robur ist die Göttin der Stärke und des Feuers …“, fügte ich kleinlaut hinzu.

„Feuer …“, flüsterte sie leise. „Ich habe gehört, dass Leeander Brandwunden hatte. Aber Cyrus hat seinen Grigoroi verboten, darüber zu reden. Oder generell über seinen Tod.“ Irina senkte den Blick. „Ich weiß, du hast Ashur nicht freigelassen. Aber habt ihr früher mal über den Toten Wald geredet? Oder weißt du, warum er ausgerechnet dorthin gegangen ist?“

„Ich habe keine Ahnung, was in diesem wahnsinnigen Verstand vor sich gegangen ist. Und Lee …“ Zitternd atmete ich ein, nur um den Atem als leisen Schluchzer wieder auszustoßen. „Das war ein Unfall!“ Tränen kamen in mir auf. „Ich wollte das nicht! Das hätte ich doch niemals getan, er war mir ein Freund! Wie soll ich mir das je verzeihen, Irina? Wie nur?“

Irina nahm mich in den Arm und streichelte beruhigend über meinen Rücken. „Ich glaube, dass dir jemand in diesem Schloss etwas Böses will, Naya. Wie sonst lassen sich all die Gerüchte erklären? Vor allem, so kurz, bevor Cyrus wieder da war.“ Sie holte tief Luft und drückte mich noch etwas fester an sich. „Cyrus hat zwei seiner Grigoroi im Toten Wald verloren. Das hat ihn schwer getroffen. Und dann Leeander …“

Ich nickte schwach an ihrer Brust und atmete tief ein. Ihr vertrauter Geruch drang mir in die Nase und beruhigte mich zusehends. So wie er es immer tat.

„Du musst gehen. Bevor Cyrus noch auf die Idee kommt, dich wirklich in den Kerker zu sperren und verdursten zu lassen.“ Noch einmal drückte ich sie ganz fest, ehe ich mich von ihr löste und aufschaute. Ihre Augen glitzerten, genauso wie meine. „Na los“, schniefte ich schwach. „Lass dich bloß nicht erwischen!“



„Warte, Naya! Ich glaube, ich bin wertvoller, wenn ich hier bleibe. Weißt du, ich hatte zuerst versucht, mich an Leeander zu schmeißen, aber er hatte für Frauen nichts übrig. Ich habe dann ein paar Mal mit Timmok geschlafen. Aber er redet auch so schon genug. Und kurz bevor Cyrus mit seinen Männern los ist, habe ich eine Affäre mit Galderon angefangen. Ich kann wertvolle Informationen für dich beschaffen. Außerdem würde Cyrus mich nicht töten wollen!“ Sie legte ihre kalten Hände an meine Wange und sah mir in die Augen. „Cyrus blufft. Ganz bestimmt.“

„Aber darauf kann ich nicht gehen“, sagte ich bestimmt und schluckte. „Irina, das ist ein Befehl. Du wirst gehen.“ Ich könnte es nicht ertragen, stieße ihr etwas zu.

Sofort versteifte sich Irina, ging einen Schritt zurück und sah mich anklagend an. „Naya …“ Sie stockte. Sie konnte mir nicht mehr widersprechen. „Wann?“ Ihre Stimme klang kühl, aber gefasst.

Meine Unterlippe bebte. „Nimm nur das Nötigste mit. Und dann gehst du, sobald du kannst. Am besten heute noch.“ Wenn Cyrus erst herausfand, dass Aurillia und Emili verschwunden waren, ginge es nicht lange und Irina säße im Kerker.

Irina keuchte. „Heute noch …?“ Sie nickte langsam. „Sonst noch etwas?“

Mit beiden Händen griff ich nach einer von ihren; mit brennenden Augen sah ich zu ihr auf. Noch immer war sie ein wenig größer als ich, aber das würde fortan wohl nun so bleiben. „Ich hab dich lieb.“

„Ich habe dich auch lieb, Nayara. Bitte versprich mir, dass wir uns wieder sehen.“

Ich nickte. „Sicher. Das werden wir.“ Ich durfte nicht sterben, denn sonst wäre es auch mit Irina vorbei.

Irina ließ die Schultern hängen, wandte sich von mir ab und verließ den Besprechungsraum. Sie würde ihre Sachen packen und im Schutz der Dunkelheit gehen. Vielleicht könnte sie sogar Emili und Aurillia einholen. Dann wären die Mädchen sicher.

Ich saß noch eine ganze Weile allein in diesem Raum, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte. Aber die Einsamkeit, die mein Herz nun einnahm, sprengte alles mir bekannte. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so allein, so verlassen gefühlt.

Meine Schritte trugen mich wie paralysiert zurück in meine Gemächer. Das war genug. Ich brauchte Schlaf. Ich war so unsäglich müde. Doch anstatt mich zu meinem Bett zu bringen, trugen mich meine Füße gedankenverloren zu meiner Frisierkommode. Ich öffnete die Schublade und griff nach der kleinen Phiole. Nachdenklich starrte ich es an.



Wenn Cyrus nicht mehr wäre, dann könnte ich Emili und Aurillia bald schon zurückhaben. Und Irina müsste auch nicht gehen. Doch das würde sie, aber sie könnte bald zurückkehren. In ein paar Tagen schon … Eigentlich war es ganz leicht. Die Lösung war so klar, und meine Freiheit lag wortwörtlich in meinen Händen.

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