Kapitel 43 – Zurück im Süden
Kapitel 43 – Zurück im Süden
Cyrus
Die Nacht war kurz gewesen. Das Kind hatte bestimmt ein oder zwei Stunden gebraucht, bis es endlich ruhig geworden war. Und ich hatte weitere ein oder zwei Stunden gebraucht, um Nayara gut zuzureden. Aber ich konnte ihre Angst verstehen. Wusste sie um die Schmerzen einer Geburt?
Während Galderon das Zelt zusammenräumte, aßen Nayara und ich eine Kleinigkeit. Danach wuschen wir uns. Als ich jedoch die Tür zur Kutsche öffnete und Nayara hineinhelfen wollte, schüttelte sie nur vehement den Kopf. Entschieden kletterte sie auf den Kutschbock. Und weil ich sie dort nicht alleine lassen konnte, folgte ich ihr und bat die Grigoroi in die Kutsche.
Galderon starrte mich völlig entsetzt an. „Majestät …!“
Irina trat neben ihn. „Naya, möchtest du nicht lieber in der Kutsche Platz nehmen? Wir dienen euch, da ziemt es sich nicht …“
„Du bist meine Freundin, Irina, nicht meine Dienerin!“
Nun hielt ich die Zügel und Nayara kuschelte sich an mich. Es war nicht die schlechteste Art, zu reisen. Endlich war sie wieder bei mir. Aber die Tatsache, dass wir dorthin reisten, woher sie geflohen war, bereitete mir Sorgen. Es war unverantwortlich von mir, Nayara zu unseren Feinden zu bringen. Ich präsentierte ihnen die Königin praktisch auf dem Silbertablett. Und ich hatte nur Galderon bei mir, der nicht der beste Kämpfer unter meinem Grigoroi war.
„Du könntest dich mit Irina in der Nähe verstecken und warten, bis alles vorbei ist“, schlug ich vor. „Sicher finden wir in der Nähe des Schlosses eine Gaststätte. Oder ihr geht in den kleinen Wald, der in der Nähe …?“
Bestimmt schüttelte die den Kopf. „Ich weiche nicht von deiner Seite, Cyrus. Niemals wieder.“
„Dann werden Galderon und Irina nicht von deiner Seite weichen.“ Ich wusste, dass das Wahnsinn war. Und dennoch konnte ich sie verstehen. „Versprich mir aber, dass du nicht mehr auf eigene Faust losziehst! Du wirst den Kampf nicht suchen und auf mich hören, wenn ich dir eine Anweisung gebe!“
Jetzt nickte sie. „Versprochen“, murmelte sie leise an meine Schulter. „Ich kann mir schließlich nicht einmal mehr mein eigenes Blut jagen …“
„Aber du hast dein Augenlicht wieder. Und wenige Wochen nach der Geburt wirst du auch wieder jagen können. Du bleibst nicht ewig hilflos, Liebes.“ Ich nahm beide Zügel in eine Hand, um den anderen Arm um ihre Schultern legen zu können. „Erinnerst du dich noch an die Worte und Versprechen, die ich dir bei unserem Blutschwur gab?“
Leidig verzog sie den Mund zu einem schmalen Strich. „Die, bei denen du mich nach Strich und Faden belogen hast?“
„Auch wenn der Blutschwur damals nur eine Inszenierung war, den Schwur meinte ich ernst. Ich werde dich vor deinen Feinden beschützen. Du wirst dich von mir nähren. Und mit meiner Hilfe wirst du körperlich und geistig wachsen, damit du eine starke Frau und eine noch stärkere Königin sein kannst.“ Ich platzierte einen sachten Kuss auf ihrer Schläfe, dann richtete ich den Blick wieder auf den Weg, der vor uns lag. „Wenn wir wieder im Schloss sind, sich die Wogen geglättet haben und du dich von deiner Niederkunft erholt hast, werde ich dich trainieren. Mit dem Schwert, Pfeil und Bogen und im waffenlosen Nahkampf.“ Letztere Worte brachten sie dazu, ihren Kopf vertrauensvoll an meine Schulter zu schmiegen. „Ich möchte noch gern einen vierten Schwur hinzufügen. Auch, wenn das hier vermutlich nicht der richtige Ort ist. Aber ich bin mir sicher, dass uns die Götter zuhören, auch ohne dass ein Hohepriester anwesend ist.“ Diesmal küsste ich ihren Scheitel, da ihre Stirn an meiner Brust ruhte. „Ich schwöre, dich und das Kind nicht mehr allein zu lassen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass ich dich damit nicht beschütze, weil du irgendwelche anderen Ideen im Kopf hast. Du kleines, starrköpfiges Ding.“
„Ich fühle mich geehrt, geliebter Gemahl.“ Ihr Haupt hob sich, in ihren Augen lag tiefe Dankbarkeit. „Aber so oder so wärest du mich nicht mehr losgeworden. Und so schwöre ich, stets an deiner Seite zu bleiben, so wahr die Götter es zulassen. Oder nicht. Niemand soll es mehr vermögen, uns zu trennen.“ Ihr Blick zuckte zu meinen Lippen hinab.
„Niemand“, wiederholte ich und legte sanft meine Lippen auf ihre. Als würde dieser Kuss unseren Schwur besiegeln. Ganz leicht ließ ich meine Fänge hervortreten, gerade genug, um ihr vorsichtig in die Unterlippe zu beißen.
Leise stöhnte sie in meinen Mund, während ich, mein eigenes Stöhnen unterdrückend, nach so langer Zeit endlich wieder von ihrem Blut kostete. Ihr Atem wurde schwerer und der Geruch ihrer Erregung brauchte nicht lange, um meine geweiteten Nasenflügel zu erreichen. Um nicht die Beherrschung zu verlieren, biss ich mir selbst in die Unterlippe, sodass sich unser Blut vermischte. Kein Priester, keine Zeremonie, und dennoch wollte ich diesen Schwur mit Blut besiegeln. Ich löste den Kuss und richtete meine Aufmerksamkeit wieder nach vorn. Die Pferde trabten brav den Weg entlang.
Nayaras Atem beruhigte sich nur langsam. Sie war erregt. Sie wollte mehr. Und zugleich fürchtete sich ein Teil in ihr davor.
„Magst du eigentlich Rätsel?“ Ich setzte mich etwas anders hin, damit meine Erregung nicht zu auffällig war. Ich wollte sie. So sehr. Aber ich wollte nicht, dass sie sich unter Druck setzte oder es wie gestern Nacht wurde. Was ihr Körper wollte, war nicht das, was sie wollte. Und das musste ich respektieren, auch wenn es mir schwer fiel.
„Wieso willst du das wissen?“, entgegnete sie murmelnd.
„Als du weg warst, war ich oft im Heiligtum.“ Und so erzählte ich ihr von dem geheimnisvollen Gedicht, das mir Vide-Ludoris vorgetragen hatte.
„Himmel, wieso denn ausgerechnet ein Gedicht? Hat der liebe Gott nichts Besseres zu tun?“
Ich musste lachen. Laut und herzlich. „Vermutlich hat er mich deshalb so lange warten lassen. Er musste erst noch passende Wörter finden, die sich reimen.“ Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf. „Ich denke, die letzten Worte beziehen sich auf mich oder besser gesagt, auf uns. Ich darf nicht allein regieren, sondern soll die Aufgaben mit dir teilen. So, wie du es mir einst beim Blutschwur versprochen hast. ‚Gib zurück, was du erhalten hast, und teile deine schwere Last.’“
„Der letzte Vers könnte sich aber genauso gut darauf beziehen, dass einst alle vier Nachkommen gemeinsam über das Land regiert haben. Ich weiß, es war lediglich eine Vermutung, die wir aufgestellt haben, aber … der Hohepriester hat sie bestätigt. Nicht, dass ich dem viel Bedeutung beimessen würde – der Mann war verrückt – aber vielleicht … Ich denke, Götter denken in anderen Dimensionen. Eintausend Jahre sind für uns ein Viertel unseres Lebens. Für einen Menschen aber sind sie unvorstellbar. Selbst ein Grigoroi lebt nur halb so lange. Also, wie müssen unsere viertausend Jahre für einen Gott aussehen? Sicher ist die frühere, von uns längst vergessene Zeit, für sie nur einen Wimpernschlag entfernt.“
„Wahrscheinlich hast du recht.“ Ich legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Also vier Könige, die über ein Land herrschen. Niemand ist bevor- oder benachteiligt. Wir alle haben dieselben Rechte und Pflichten. Das klingt gut.“ Nachdenklich blickte ich geradeaus. „Und das mit dem gebrochenen Herzen? Der Eifersucht? Das kann ich nicht recht zuordnen. Aber die Gier nach Macht könnte zum Hohepriester gepasst haben. Dann wäre dieser Teil vom Rätsel ebenfalls gelöst.“
Nay seufzte. „Mit gebrochenen Herzen ist nicht zu scherzen. In unwissender Dunkelheit ist Eifersucht gereift. Es lockt die Gier nach Macht bei Tag und auch bei Nacht. Verzicht ist keine Schwäche, hör hin, wenn ich spreche. Sei im Herzen rein, erspare anderen die Pein. Gib zurück, was du erhalten hast, und teile deine schwere Last.“
Überrascht hob ich die Augenbrauen. „Du kannst es schon auswendig?“
Nay zuckte abwinkend mit den Schultern. „Aber wer ist in der heutigen Welt denn nicht von Gier zerfressen? Alle wollen sie mehr, keiner aber will abgeben. Nein, sie nehmen es sich ganz einfach von denen, die ihnen nichts entgegenzusetzen haben. So ist es heute und wird es immer sein. Selbst mit der Herrschaft über ein ganzes Königreich können wir diese Sünde nicht vertreiben. Geiz und Gier sind feste Bestandteile unserer Gesellschaft. Wenngleich eher der gehobenen Gesellschaft.“
„Ja, aber ich ersuchte ja um Hilfe. Deines Verschwindens wegen. Also denke ich, es war ein Hinweis auf den Hohepriester. Denn Gier als solche können wir nicht bekämpfen. Selbst Menschen haben diese Eigenschaft.“ Ich schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich würden mir diese Zeilen bis in alle Ewigkeit ein Rätsel bleiben. „Gib Bescheid, wenn du eine Rast brauchst.“
Die nächsten Tage vergingen viel zu schnell, obwohl wir oft Pausen einlegten, damit Nay sich erleichtern konnte. Nachts lagen Nayara und ich eng umschlungen im Zelt. Vor allem abends, wenn wir zur Ruhe kamen, bewegte sich das Kind aufgeregt. Zum Glück aber nicht mehr so stark, wie das erste Mal. Tagsüber saßen wir auf dem Kutschbock. Manchmal lenkte auch Nayara die Pferde. Wir sprachen über das Rätsel, über die Götter und mehr. Und mit jedem Tag sah Nay etwas besser aus, obwohl ich spürte, wie sehr es ihr zusetzte, dass wir in den Süden reisten.
Es war früher Nachmittag, als das Schloss vor uns aufragte. Als wir uns näherten, eilten bereits Diener herbei, um uns zu empfangen.
Ich wandte mich Nayara zu: „Bereit? Ich nehme an, du wirst sofort mit Andyr konfrontiert …“
Hörbar stieß sie die Luft aus; ihre Hände ruhten, wie so oft, schützend auf ihrem Bauch. „Er wird uns in Empfang nehmen. Lass es uns hinter uns bringen.“
























































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