Kapitel 42 – Purzelbaum

Kapitel 42 – Purzelbaum

 

Aurelie

Willig. Dieses eine Wort schien unter dem Zeltdach wiederzuhallen, als würde es immer und immer wieder gesprochen werden. Ich hatte es ihm sagen müssen. Die Gedanken, die Erinnerungen quälten mich, suchten mich in meinen Träumen heim und jetzt … auch noch in der Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, der ich noch leicht skeptisch gegenüberstand. Noch immer zog ich in Erwägung, dass all dies Glück meinem Kopf entsprang. Denn ich hatte gelernt: Die schlimmste Folter, war Hoffnung. Und so wollte ich sie mir nicht zugestehen, auch wenn sie sich langsam Stück für Stück in meinen Verstand einnistete.

Cyrus hatte mir unter den Rock gefasst und ich hatte gedacht, es wäre einer dieser beiden Männer. Ich hatte ihre Stimmen gehört, ihr Keuchen. Ich hatte die beiden noch nie in meinem Leben gesehen, wusste nicht, wie sie aussahen, aber ich wusste, wie sich ihre Hände auf meinem Körper anfühlten, wie sich ihre Schwänze in mir anfühlten. Und mir rannen Schauder den Rücken hinab, einer nach dem anderen, wenn ich nur daran dachte. Es waren nicht sie. Es war Cyrus. Und ich hatte unsere Lust provoziert. Aber jetzt … wieso musste ich daran denken? Wieso musste ich an die Männer denken, denen ich meinen Körper gegeben hatte? Um zu überleben!

Diese Rechtfertigung hörte sich selbst in meinen Ohren nichtig an. Ich war abstoßend. Spätestens jetzt würde er mich verlassen. Ich hatte mich verkauft. Noch während unser Kind in meinem Bauch weilte. Es war dabei gewesen. Es hatte alles gehört. Die Schmerzen seiner Mutter dabei womöglich gespürt.

Cyrus kam auf mich zu und legte kurz eine Hand an meine Wange. „Das war kein Handel, Nay. Das war purer Überlebenstrieb und sie haben es ausgenutzt. Es spielt keine Rolle, ob du dich gewehrt hast, oder nicht. Sie haben deine Schwäche ausgenutzt. Die Tatsache, dass du blind warst und schwanger bist. Du warst vieles zu diesem Zeitpunkt. Wehrlos. Einsam. Hilfsbedürftig. Aber ganz gewiss nicht willig. Du hast es auch nicht freiwillig getan. Es war nur, um dich und unser Kind zu retten.“ Diesmal legte er seine Hand unter mein Kinn, damit ich ihn ansehen musste.

Mein Blick jedoch wich nach unten aus. Ich konnte es nicht. Ihm in die Augen blicken. Abschaum. Ekel. Verrat. Ohne zu zögern hatte ich ihn und mich selbst verraten. Meine Lippen bebten und Tränen rannen mir ungehemmt die Wangen hinab. Seine Worte änderten nichts daran. War es nötig gewesen, um zu überleben? Vermutlich. Aber machte es das besser? Keineswegs.



„Oh, Liebes …“ Er nahm mich in seine Arme und drückte mich fest an seinen Körper. „Ich wünschte, dass alles wäre nie passiert. Ich wünschte, ich könnte dich das alles vergessen lassen.“

Meine Hände suchten Halt und fanden den Stoff seines Hemds. Ich krallte mich hinein, zog ihn näher und ließ die Tränen laufen, ließ die Schluchzer, die meinen Körper durchschüttelten, zu. „I…ich bin … abstoßend. Ich verstehe es, wenn du … du mich … nicht mehr…“

„Mich wirst du nicht mehr los, Nay, dafür liebe ich dich viel zu sehr. Du hast alles geopfert, um für mich am Leben zu bleiben und unser Kind zu retten. Wie könnte ich dich deswegen abstoßend finden? Das genaue Gegenteil ist der Fall, Liebste. Meine Bewunderung für dich kennt keine Grenzen, denn du kämpfst immer weiter. Stehst immer wieder auf.“

Zögerlich sah ich auf. Mein Körper zitterte. Angst und Anspannung hatten ihn eingenommen. Ein zartes Lächeln breitete sich auf Cyrus’ Zügen aus, sodass ich nicht anders konnte, als meine Lippen sachte auf dieses Lächeln zu legen. „Ich liebe dich auch.“

Und damit war der Bann gebrochen. Cyrus schloss mich fest in seine Arme, vernichtete den Abstand, der noch zwischen uns gelegen hatte, und ließ uns zu Einem verschmelzen. Der Kuss war nicht fordernd oder erregend. Er war ein Ankommen zu Hause, er war ein Zeichen von Akzeptanz und Liebe, ein Symbol von ungebrochenem Willen.

 

Später in dieser Nacht hatten wir es uns gemütlich gemacht, und hingelegt und die Gedanken, im Arm des jeweils anderen liegend, schweifen lassen. Immer wieder fuhr meine Hand über seine Brust, seinen Arm, oder sonst eines seiner Körperteile. Ich brauchte die Sicherheit, dass er hier war, denn ich wollte nicht aufwachen und ihn nicht mehr bei mir wissen. Mein Fels in der Brandung, meine Rettung in der Not, mein Jetzt und für immer. Irgendwann nuschelte ich leise: „Wir müssen trotz allem in den Süden, habe ich recht?“

„Ja. Aber jetzt liegen die Karten offen. Ich werde Andyr einen Kopf kürzer machen. Zuerst wird er mir jedoch sagen, warum er so gehandelt hat, denn er hat mir seine Treue geschworen.“

Ich nickte bedächtig. „Dann wird die Trauerfeier also ein Gemetzel. Was wird aus dem Kind?“



„Seine Sohn? Er ist noch ein Kind und ich werde ganz sicher keine toten Kinder mehr auf mein Gewissen laden. Zudem sollten Kinder nicht für die Fehler ihrer Eltern mit dem Leben bezahlen.“ Cyrus seufzte laut. „Außerdem hat er gerade erst seine Mutter verloren, und das, als sie dir geholfen hat zu fliehen. Aber wir werden ihn in den nächsten Jahren im Auge behalten müssen.“ Immer wieder strich seine Hand über meinen Bauch. Und unser Kind, erfreut darüber, seinen Vater wieder bei sich zu wissen, strampelte wild. Cyrus atmete scharf ein. „Unser Knirps stimmt mir wohl zu.“

Ich schmunzelte. „Du bist immer noch sicher, dass es ein Junge wird?“

„Nun, ich wäre auch mit einem Mädchen glücklich. Aber bei dem Tritt gerade eben …“ Cyrus streichelte in immer größeren Kreisen über meinen Bauch. „Wenn der Bauch noch größer wird, dann kannst du bald gar nicht mehr laufen.“

„Bin ich länger auf den Beinen, schmerzt mir alles, der Rücken, die Beine … Ich bin froh, wenn es raus ist.“ Nur vor der Geburt hatte ich schreckliche Angst. In den letzten Wochen war es immer anstrengender geworden, mich anzukleiden. Oder Schuhe anzuziehen. Dabei konnte ich mich noch an sein Versprechen vor drei Jahren erinnern. Er wäre an meiner Seite, würde mir die Schuhe anziehen, wenn ich es nicht mehr könnte. Er hatte gelogen. Aber es war nicht sein Verschulden.

Unsere Gespräche wurden träger. Immer längere Pausen schlichen sich zwischen die Antworten, bis mir schließlich die Augen zufielen. In Cyrus’ Armen lag ich wohl, behaglich, sicher. Und mit diesem Gedanken schlief ich ein.

 

„Huch!“ Ich fuhr hoch. Es dauerte einen Moment, bis sich meine Augen an das durchdringende Dunkel um mich herum angepasst hatten. Was war das? Mein Bauch … irgendetwas stimmte nicht! Ich keuchte. „Cyrus?“ Hastig tastete ich nach seinen Schultern und begann dann, daran zu rütteln. „Cyrus, irgendetwas stimmt nicht!“ Mein Leib erlitt einen Tritt nach dem anderen! War dem Kind etwas passiert? Es fühlte sich an, als schlüge es um sich, als hätte es einen Albtraum!

„Nay? Was ist denn los?“ Cyrus legte sofort eine Hand an meine Schulter und legte sich noch dichter an mich. Dann wanderte seine Hand zu meinem Bauch. Wieder ein heftiger Tritt. „Ist das normal?“



Ich schüttelte den Kopf. „Das ist noch nie passiert. Immer wieder mal ein bisschen, wenn es sich bewegt hat, aber nie so stark!“ Ich bemühte mich um eine feste Stimme, doch die Angst in mir, ließ sich nicht leugnen.

„Warte kurz …“ Cyrus gab mir einen Kuss auf die Stirn. Kurz darauf verließ er das Zelt.

In der Zeit seiner Abwesenheit bewegte sich das Kind erneut. Es zog heftig und ziemlich unangenehm nach unten. Wollte es etwa schon raus?

Cyrus kam wieder. Irina war bei ihm, die sich nun neben mich setzte und beide Hände auf meinen Bauch legte. „Wie geht es dir?“

„Gut, eigentlich, es tut nicht weh, aber es ist … es fühlt sich seltsam an. Das Kind ist ganz unruhig!“ Wieder bewegte es sich in meinem Bauch. Es drückte nach links, nach rechts … Cyrus wurde blass, als er beobachten konnte, wie sich mein Bauch vor seinen Augen verformte.

Irina lächelte sacht. „Es ist alles gut, Naya“, meinte Irina beruhigend. „Ich habe davon schon gehört oft gehört. Das passiert kurz vor der Niederkunft. Ich glaube, das Kind dreht sich. Das muss so sein.“

Vor … der Niederkunft?! „Wie lange war ich verdammt nochmal gefangen?!“, kreischte ich hysterisch.

„Nun, bei Vampiren dauert alles etwas länger… Es kann auch noch ein paar Wochen dauern“, beschwichtigte Irina.

„Vielleicht sollten wir doch zurück ins Goldene Reich fahren?“ Cyrus hatte meine Hand ergriffen und strich mit dem Daumen über meinen Handrücken.

„Und weiter mit Gefahren an jeder Ecke leben? Nein, Cyrus! Andyr wird seinen Kopf lassen, und damit beenden wir die Sache!“ Die Aufstände, die Streitereien zwischen den Reichen. „Sicher war es Andyr, der das Goldene Reich in unserer Abwesenheit dem Erdboden gleichgemacht hat!“, knurrte ich, während sich das Kind in meinem Bauch energisch in allerlei Posen streckte, sodass mein Bauch sich verformte und dabei ein recht abnormales Bild abgab. „Diese angeblichen Banditen, denen auch Amaro zum Opfer gefallen ist! Die waren angeheuert, ganz sicher! Sonst hatten wir doch noch nie ein solches Problem!“ Ja, das ergab absolut Sinn! „Er muss sie bezahlt haben! Damit sie die Handelsstraßen überfallen. Das Volk leiden lassen, schwächen und gleichzeitig mit unserer Herrschaft unzufrieden werden!“



„Möglich. Uns wurden von Anfang an Stöcke zwischen die Beine geworfen. Selbst Ashurs Flucht. Vermutlich hat der Hohepriester ihm damals geholfen …“

Irina streichelte meinen Bauch und stand kurz darauf wieder auf. „Ich setze mich wieder zu Galderon. Ruf mich, wenn du etwas brauchst.“

Stimmt, Galdi war auch noch hier. „Äh, Irina? Wie lange … geht das noch so?“ Ich deutete auf meinen Bauch. Es schmerzte nicht, keineswegs. Angenehm war es aber genauso wenig.

„Keine Sorge“, tat Irina ab und war schon halb aus dem Zelt, „vielleicht eine Stunde, vielleicht etwas weniger.“ Im nächsten Moment fiel der Vorhang zu.

Cyrus lachte wieder, diesmal befreiter, als das Kind erneut einen Purzelbaum in meinem Bauch vollführte. Dann wurde er melancholisch. „Ich habe so viel verpasst.“

„Ja, das Anstrengendste! Die ersten drei Monate stehst du also in der Nacht auf, wenn es irgendetwas will.“ Und dann könnte er wiederum mich aufwecken, weil es trinken wollte. Aber vorerst ließ ich ihn in dem Glauben, ihm diese Aufgabe aufzubürden. Es nervte ihn. Meine Sturheit, nicht einfach jemand Fremden auf mein Kind aufpassen lassen zu wollen. Und ich genoss es in vollen Zügen, wie er hier neben mir stand und sich größte Mühe gab, sich selbst davon abzuhalten, mir zu widersprechen.

„Und wenn er die Windel voll …“ Cyrus rümpfte die Nase, gesellte sich kurz darauf wieder zu mir und legte eine Hand auf meinen sich wild bewegenden Bauch. „Aber vielleicht hast du recht. Vielleicht sollten wir unser Kind wirklich Tag und Nacht bei uns haben. Es ist unser Kind und unsere Verantwortung. Wie können wir ein Land regieren, wenn wir nicht mal unser Kind selbst aufziehen?“

Mein Herz machte einen freudigen Hüpfer. „Wir werden wirklich Eltern.“

„Ja. Und ich kann es kaum erwarten“, flüsterte er an meiner Seite.

„Cyrus …“ Ich schluckte, wandte mein Gesicht zu ihm hin und legte meine Stirn auf seine. „Wenn mir etwas passiert …“

„Mach dir darüber bitte keine Sorgen. Sobald wir unsere Feinde besiegt haben, werden wir ein langes und glückliches Leben führen. Gemeinsam.“

„Das meinte ich damit nicht“, murmelte ich leise und zwang mich regelrecht, ihn anzusehen. Trotz der Tränen, die gefährlich nahe an der Oberfläche lauerten. „Die Rate der Unfälle bei Niederkünften ist hoch. Ich will nur, für alle Fälle, dass du weißt …, dass ich dich liebe.“



Sanft legte er seine Hand unter mein Kinn. „Und ich liebe dich, Nay. Ich werde während der Geburt nicht von deiner Seite weichen und du bekommst alles, was du brauchst.“ Cyrus wischte die Tränen weg, die nun doch über meine Wangen liefen. „Wir räumen im Süden auf, lassen ein paar Köpfe rollen und fahren sofort wieder ins Goldene Reich. Und dort bekommst du alles, was du brauchst. Ich kann auch nach Emili schicken lassen. Alles, damit du der Geburt ohne Sorgen entgegensehen kannst.“

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