Kapitel 47 – Die Erfüllung eines Schwurs
Kapitel 47 – Die Erfüllung eines Schwurs
Aurelius
„Wo ist er?“
Ihre Stimme klang fordernd. Das zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Sie hatte sich verändert. Sie klang stark. Doch die Tatsache, dass sie nach meinem Erschaffer fragte, und nicht nach mir, sorgte für einen schmerzhaften Stich direkt in mein Herz. Bei unserer letzten Begegnung hatte sie mich gebeten, ihr das Leben zu nehmen. Ich hatte es nicht über mich gebracht. Und jetzt, wo nur eine einzige, lächerliche Tür uns noch trennte, konnte ich mich kaum zurückhalten.
Ein tiefes Knurren war zu hören, ehe die Stimme Tadurials drohenden Tones durch den Wohnbereich schallte: „Was fällt Euch ein, so unverantwortlich durch die Welt zu gehen?!“
Tiefe Falten breiteten sich auf meiner Stirn aus. Was wagte er sich, meinem Abkömmling zu drohen? Mein Blut kochte.
„Bitte?“
„Gerüchte über ein Monstrum mit intensiv orange-leuchtenden Augen, das jede Nacht im Schloss herumstreunert, machen verhältnismässig schnell die Runde. Wollt Ihr mich mit Eurer Ignoranz schmähen?“
„W…was geht Euch das an?“
„Was?“, murmelte ich leise, nicht verstehend, worüber die beiden sprachen. Sollte ich zu ihnen in den Wohnbereich treten? Man hatte mich im Zimmer neben dem des Königs untergebracht, damit ich ihr möglichst nah war und der Bindungsentzug abflauen konnte, sie sich aber nicht gleich erschreckte. Dabei brannte alles in mir, sie endlich in meine Arme zu schliessen.
Tadurial fauchte erregt. „Xelus hat mir Euer Wohnbefinden anvertraut! Wenn Euch Zeit seiner Abwesenheit etwas passiert, fällt das auf mich zurück!“
„Dann … könnt Ihr jetzt doch beruhigt zurücklehnen! Mir geht es besser, das heisst Xelus…!
Tadurial lachte auf. „Nicht Xelus. Euer Ersch…“
Ein dumpfer Schlag unterbrach die Rede des aufgebrachten Hauptmanns und liess ihn verstummen. Es folgte ein Keuchen, ein Schrei!
Wie ein geölter Blitz schoss ich aus dem Zimmer, direkt auf die beiden Gestalten zu. Rjna hatte sich am Boden zusammengerollt und wimmerte leise in ihre Arme hinein, die sie sich schützend um den Kopf gelegt hatte. Die Hände hielt sie fest auf ihre Ohren gepresst. Schnell kniete ich mich neben sie zu Boden, drehte sie auf den Rücken und sprach ihr sanft, und zugleich getrieben vor unbändiger Sorge, gut zu.
Irgendwann unterbrach mich Tadurial barsch: „Sie hat das Bewusstsein verloren.“
Knurrend entgegnete ich: „Das sehe ich selbst!“ Wütend sah ich auf. „Was sollte das vorhin? Wieso hast du sie so angefahren?!“ Die Stichwunde in meinem Bauch, die Drego mir kurz vor meiner Rettung, kurz vor seiner Flucht, als Abschiedsgeschenk dagelassen hatte, erinnerte mich bei jeder Bewegung höhnend an mein Versagen.
Tadurial hob spöttisch die Augenbraue. Dieser Mann war mir stets wie ein strenger Onkel gewesen, der mit Xelus immer wieder einmal ein Glas zu viel gehoben hatte – doch heute fehlte davon jede Spur. „Und du? Lässt ein Neugeborenes allein zurück?“ Damit machte er sich aus dem Staub und liess mich mit verbitterter Miene neben meinem Sprössling knien. Ich hatte gewusst, dass das früher oder später auf mich zurückfallen würde. Der Spott, nicht für Rjna da gewesen zu sein. Die Wut, dass ich mich dem Gesetz widersetzt hatte, aber nicht dafür belangt wurde, weil es ausser Landes geschehen war. Kontrolliert stiess ich die Luft aus meiner Lunge und hob Rjna in meine Arme.
„Da täuschen sie sich“, murmelte ich leise, während meine Beine mich in Richtung des Gemachs des Königs führten. Immerhin schien sie sich da wohlzufühlen. „Die Blicke der anderen Vampire …“ Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie wütend Xelus erst wäre. Er, der mir meinen ersten Vampirsprössling praktisch unter der Nase weggeschnappt hatte, ihr damit aber auch das Leben gerettet und ihr zu einem gesellschaftlichen Stand verholfen hatte, den ich ihr nie hätte bieten können. Er hatte mir einst mit viel Hingabe und Geduld beigebracht, was es bedeutete, ein guter Meister zu sein. Und ich hatte ihn rege enttäuscht.
Die Nacht hindurch hielt ich Rjna in meinen Armen und beobachtete mit nachhaltiger Freude jeden Teil von ihr. Ihre Figur, die sich durch die regelmässige Nahrungsaufnahme langsam der einer ausgewachsenen Frau annäherte, ihre Gesichtszüge, die nicht mehr nur gequält und gezeichnet von Leid waren, sondern auch das ein oder andere Mal glücklich zuckten. Sie hatte hier ein Leben gefunden, das es sich auch zu leben lohnte. Und es war gut, dass Xelus sie gefunden hatte, auch wenn ein unterschwelliger Schmerz mit diesem Gedanken einherging. Dennoch freute ich mich unbändig auf den Moment, in dem sie aufwachen und bemerken würde, dass ich bei ihr war. Ein zaghaftes Lächeln fand seinen Platz in meinem Gesicht, als sie sich im Schlaf zu mir herumdrehte und ihr Gesicht tief einatmend in meine Brust drückte. Liebevoll legte ich meine Arme um sie und zog sie näher. So sollte es sein, dachte ich zufrieden, und legte ihr sachte eine Hand an den Hinterkopf.
Doch auf einmal änderte sich etwas. Ich hielt den Atem an. Die Luft im Raum schien zu vibrieren. Eine Spannung zog durch unsere Umgebung und raubte mir jeden Gedanken, der noch in meinem Kopf verblieben war.
„Lass uns los, Vampir!“ Rjna befreite sich bestimmt aus meiner Umarmung und stand auf. Stumm blickte sie an sich hinunter, murmelte: „Das wird gehen“, und schritt dann zur Tür, ohne mir auch nur einen Blick zuzuwerfen.
„Rjna“, sprach ich leise, ungläubig und einen scharfen Stich im Herzen fühlend. War das die Reaktion, auf die ich so hingefiebert hatte? So sehr hatte ich mich darauf gefreut, wieder bei ihr zu sein. Hatte mir ausgemalt, wie es wäre, wenn sie aufwachte und mich hier vorfände, in Genral, an ihrer Seite und für sie da. Aber sie schenkte mir nicht einmal einen Blick und ging davon? Wortlos? Ihre Hand hatte die Türfalle bereits umschlossen, da fragte ich: „Hast du mir denn nichts zu sagen?“ Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, die Enttäuschung in meiner Stimme zu negieren.
Langsam drehte sie sich um, den Körper aufgerichtet, den Rücken gerade und den Kopf stolz erhoben. Mit Augen, die der Sonne Konkurrenz machen können, starrte sie auf mich nieder und liess mich mit weit aufgerissenen Augen in meiner Position erstarren. „Oh, sie hätte dir einiges zu sagen. Bevorzugt mit einer scharfen Waffe in der Hand. Aber dafür ist sie wohl zu weich.“ Sie drehte sich um. „Und mir … bist du schlichtweg egal. Du bist ein Mittel zum Zweck.“ Ihre Schultern hoben sich in einer leichten Bewegung, dann verschwand sie in Vampirgeschwindigkeit aus dem Zimmer und liess mich sprachlos zurück.
Sie beherrschte Magie? Sie … diese Macht, die die Luft hatte flimmern lassen, war von ihr ausgegangen? Was hatte … ich nur geschaffen?
„Rjna!“ Auf dem grossen Flur holte ich sie ein. Nur interessierte sie sich nicht für mich, sondern rannte weiter, und weiter, immer tiefer ins Schloss hinein, bis wir schliesslich vor einer Tür standen, von der ich als Letztes erwartet hätte, dass sie ihr Ziel gewesen war. „Wie kannst du schon so schnell sein?!“
„Prinzessin?“ Die Wache vor der Tür hatte die Stirn tief in Falten gelegt.
Rjna packte ihn am Hals – so schnell, dass er vor Überraschung gar nicht dazu kam, sich gegen sie zu wehren – und knallte ihn mit einer ruckartigen Bewegung mit dem Kopf gegen die Wand. Der Kopf des Wachmanns sackte zur Seite und hing leblos herab.
Mein Mund öffnete und schloss sich, aber ein Wort brachte ich nicht hervor. Sie hatte ihn mit einem Arm hochgehoben. Und ihn mit einem Knall gegen die Wand bewusstlos geschlagen.
Mit einem kräftigen Stoss stiess sie die schwere Stahltür auf, die der Wachmann hätte bewachen sollen. Bevor sie jedoch eintrat, wandte sie den Kopf halb herum und sprach: „Fall mir nicht in den Rücken.“ Sie setzte schon an, einen Schritt hineinzuwagen, da hielt sie nochmals inne. „Und steh mir nicht im Weg herum.“
Ich schluckte schwer. Ich wusste, ich müsste sie aufhalten und augenblicklich melden. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war – mein Blick hing fassungslos an dem bewusstlosen Wachmann, an dem ich jetzt apathisch vorbeilief – hatte ich wohl keine Chance. Denn diese Wache war mir allein schon durch ihr Alter deutlich überlegen gewesen. Und bei Rjnas Angriff hatte er gewirkt … wie eine hilflose Puppe. Überlegend kaute ich auf meiner Unterlippe herum. Sie hatte gewonnen, weil sie ihn gar nicht erst zum Zug hatte kommen lassen. Wenn sie mich nicht kommen sähe …
Fall mir nicht in den Rücken.
Unzufrieden schüttelte ich den Kopf. Rjna ging vor mir her und wandte mir den Rücken zu. War das nicht ein Beweis ihres Vertrauens? Wollte ich wagen, dieses Vertrauen gleich wieder zu zerbrechen?
Wir schlichen durch den Mak, bogen ab und gingen weiter. Irgendwann hielt ich die Stille nicht mehr aus. „Rj…“
Blitzschnell schlug sie mir ihre Hand auf den Mund, der hellleuchtende Blick warnend und scharf.
„Hast du das gehört?“
Rjnas Augenbrauen senkten sich unzufrieden ab. Harsch nahm sie ihre Hand von meinem Mund und duckte sich hinter die nächste Ecke.
„Ja. Habe ich. Es geschieht wieder.“
„Schon wieder?“
Ein tiefes Brummen hallte durch die dunklen Kerkerwände. „Hol Verstärkung. Miuk muss bereits beseitigt worden sein.“ Das unverkennbare Geräusch eines gezogenen Schwerts zischte durch die Luft. „Komm hervor, Eindringling!“ Rjna warf mir einen dunklen Blick zu. „Wieso versteckst du dich, Feigling?!“
Rjna liess die Schultern kreisen, legte den Kopf einmal zu beiden Seiten und trat dann entschlossen hinter der Wand hervor. Mir deutete sie, stehen zu bleiben.
„Prinzessin …?“
Rjna ging einen Schritt auf die Wachmänner zu, die Arme erhoben und den Kopf gesenkt, wohl um ihre Augen zu verbergen, und verschwand damit aus meinem Blickfeld. Auf einmal schrie sie schrill auf, taumelte gegen die Wand – wodurch sie wieder in mein Blickfeld trat – und glitt daran zu Boden. Das Gesicht hatte sie vor Schmerz verzogen, die linke Hand auf ihre Brust gelegt und verkrampft zur Faust geballt.
„Prinzessin!“ Während ich mich zähneknirschend zurückhielt, eilte einer der beiden Wachmänner auf sie zu. Ich wich weiter zurück. War das Teil ihres Plans gewesen? So hatte es nicht gewirkt. Der Vampir machte Anstalten, Rjna hochzuheben. „Ich bringe Euch zurück.“
„Zum König“, korrigierte derjenige, der stehengeblieben war, scharf. „Sie ist hier eingedrungen.“
„Noah, sie verliert gerade das Bewusstsein!“
„Ich habe dir einen Befehl erteilt, Anuk!“
Meine Augen weiteten sich. Anuk und Noah?
Anuk zischte, nickte aber widerwillig und hob die leblos in seinen Armen liegende Rjna hoch. Noch einmal wich ich ein paar Schritte zurück, die Lippen angespannt aufeinandergepresst.
„Sie regt sich! Prinzessin? Prinzessin Rjna! Kommt zu Euch!“
„Was ist …?“
„Ihre Augen!“, stiess Anuk entsetzt aus. Dem dumpfen Geräusch nach zu urteilen, das folgte, hatte er Rjna fallen lassen.
Erst murrte sie leise, dann fluchte sie: „Dieser Körper ist einfach zu schwach …!“
„Was bedeutet das, Prinzessin?“, forderte Noah zu wissen.
„Hm?“
„Bei den Göttern …“, murmelte er, als wohl auch er ihre Augen zu sehen bekam.
Rjna richtete sich auf, ballte die Hände zu Fäusten, was für ein hallendes Knacken in dem dämmrigen Kerkerflur sorgte, und zischte abfällig. „Jetzt wisst ihr zu viel.“
Angespannt näherte ich mich wieder der Ecke, um ihr, wenn nötig, zur Hilfe eilen zu können.
Rjna schoss vor, während sich Noahs Griff um sein halb erhobenes Schwert festigte und seine Miene entschlossen wurde. In einer blitzschnellen Bewegung hob Noah das Schwert, sodass Rjna, da sie sich nicht aufspiessen wollte, erschrocken innehalten musste.
„Ich schenke Euch ein Wort der Warnung, Prinzessin. Lasst Euch friedlich abführen, ansonsten wird dieser Kampf nicht zu Euren Gunsten ausgehen.“
Es war ihm ernst, ging es mir bitter durch den Kopf. So war er immer schon gewesen. Resolut, wenn es um die Durchsetzung von Regeln und Befehlen ging. Doch Rjna liess sich davon nicht einschüchtern. Stattdessen stiess sie ein höhnisches Lachen aus, duckte sich unter dem Schwert hindurch und schlug ihre Faust in Noahs Magen. Während dieser überrascht über die Wucht ihres Schlags keuchte und kurz taumelte, hatte sich auch Anuk in Bewegung gesetzt und mit sichtlichem Widerwillen sein Schwert gezogen.
„Prinzessin, gebt auf. Ihr habt keine Chance …“
Rjna drehte sich um. In ihren Augen funkelte ein Wahnsinn, wie ich ihn nur selten gesehen hatte. Eine Mordlust, die man nur in den Augen derer fand, die bereit waren, ihr Leben ganz und gar dem Schlachtfeld zu widmen. Aber sie sprach nicht. Stattdessen bewegten sich ihre Beine, flink wie die einer Tänzerin. Sie umrundete Anuk, nahm ihn von hinten in die Mangel und stiess ihm ihre Fänge durch die Haut im Nacken. Ihr kehliges Stöhnen sandte mir einen Schauder den Körper hinab. Wie konnte sie nur Vampirblut trinken?
„Nicht!“ Noah starrte sie entsetzt an. Nicht nur, dass sie sich selbst schwächte und in Lebensgefahr brachte, sie war auch in der Position, Anuk einfach den Hals umzudrehen.
Anuk presste die Lippen zusammen, legte sein Schwert in die linke Hand und ballte die Rechte zur Faust, um Rjna kurz darauf seinen rechten Ellbogen in die Magengrube zu rammen.
Erstickt keuchend, stolperte sie zurück. Meine Fäuste waren weiss vor Druck und mein Gemüt kochte. Ich konnte nicht tatenlos mitansehen, wie sie von den beiden geschlagen wurde!
„Nicht!“ Warnend durchschnitt ihre Stimme die Luft. Meine Beine, die sich soeben in Bewegung gesetzt hatten, kamen abrupt zum Stehen. Ich war nicht mehr in der Lage dazu, sie von der Stelle zu bewegen. Ich schüttelte den Kopf. Was für ein Unsinn! Wieso wollte ich ihr helfen? Das wäre Verrat!
Mithilfe der Wand fand sie ihr Gleichgewicht wieder. Die Augen wütend zusammengekniffen, musterte sie die beiden Wachmänner. Sie kämpften zurückhaltend, was bei diesem Gegner nicht überraschend kam. Die Männer waren ihr weit überlegen. Doch ungeachtet dessen versprühte Rjna reine Selbstsicherheit.
Unterbewusst glitt ihre Hand erneut an ihre rechte Brust und krampfte sich dort zusammen. Leise keuchend sprach sie: „Lasst mich durch. Ich muss da durch! Der König hat es erlaubt!“
Noahs Augenbrauen hoben sich synchron, der Ausdruck in seinem Gesicht nur so vor Unglauben sprühend. Plötzlich wich sein Blick jedoch zur Seite, an Rjna vorbei, und die Ungläubigkeit machte der Verwirrung Platz. „Aurelius?“
Ertappt fuhr ich mir mit einer Hand über den Nacken, machte aber einen Schritt vor und trat in den kleinen Lichtkegel der Fackel. „Guten Abend, Noah. Anuk.“
Noahs Gesicht verfinsterte sich, während er sein Schwert wieder höher hielt. „Was wird das hier?“
Meine Schultern hoben sich in einer Geste der Ahnungslosigkeit. „Das muss ich noch herausfinden.“
„Mh …!“
„Rjna!“ Besorgt trat ich an sie heran. Sie hatte sich, den Oberkörper zusammengekrümmt, an die Wand gelehnt und atmete schwer. Kalter Schweiss stand ihr auf der Stirn.
„Lass mich!“, fauchte sie energisch.
Anuk trat näher. „Ich kenne diese Symptome.“ Seine Hand lag in seinem Nacken, da, wo Rjna ihn zuvor noch gebissen hatte, und drückte auf die Wunde. Mit dem Schwert in der Hand deutete er auf Rjnas rechten Arm. „Schau dir ihre Hand an.“ In einer sauberen Bewegung verstaute er sein Schwert wieder in der Halterung an seinem Gürtel.
Besorgt folgte ich seinem Blick und trat daraufhin vorsichtig näher an meinen Schützling heran. „Rjna? Zeig mal…“
Doch Rjna liess mich nicht ausreden, zog ihre Hand ruckartig fort und zischte scharf: „Lass das!“
„Du hast Schmerzen“, sprach Anuk ruhig und näherte sich vorsichtig, die Hände vor sich erhoben. „Lass uns dir helfen.“
Rjna fauchte, bleckte dabei die Zähne und präsentierte dadurch vier elegant geschwungene Fänge. „Spricht man so mit seiner Prinzessin?!“ Eine Welle der Macht ging von ihr aus, und bescherte mir eine dicke Gänsehaut. „Anuk Machmèl, sorge dafür, dass dein Freund da“, sie nickte in Noahs Richtung, „mir nicht mehr in die Quere kommt! Töte ihn.“
Erst starrte ich nur verwirrt zwischen Rjna, Anuk und Noah hin und her, wobei auch letzterer nicht zu wissen schien, was hier gerade passierte, sein Schwert aber dennoch – durch die überwältigende Macht, die von Rjna ausging, gewarnt – fester umklammerte. Entsetzt sah ich dabei zu, wie jeder eigene Wille aus Anuks Augen verschwand. Sein Gesicht glich einer, aus rauem Stein geschlagenen Maske, die sich nicht mehr verformen liess. Seine Hand, die eben noch in seiner Halsbeuge gelegen hatte, wanderte hinunter zu seinem Schwert und zog es. Er hob es. Und stürzte sich auf Noah, der die Überraschung hastig aus seinen Zügen verbannte und den Ernst der Lage anerkannte.
„Magierin“, fluchte er noch, da war er auch schon in einen halsbrecherischen Kampf mit seinem besten Freund verwickelt.
„Rotäugige“, brummte Rjna indessen genervt und schleppte sich, an den Kämpfenden vorbeiduckend, den Gang entlang.
Mein Blick huschte ununterbrochen zwischen den drei Gestalten umher. „Rjna …! Bitte, tu das nicht …!“, rief ich ihr hinterher, doch diese entfernte sich nur weiter, Schritt für Schritt, offensichtlich noch immer von Schmerzen geplagt. Anuk schlug auf Noah ein, was das Zeug hielt, und Noah tänzelte leichtfüssig durch den schmalen Gang, und parierte nur, wenn ihm nichts anderes übrig blieb. Die Zähne hatte er fest aufeinandergebissen. Dann, auf einmal, liess Noah seine Machtausstrahlung los. „Komm, alter Freund! Reiss dich aus ihrem Bann!“
Mein Blick glitt hinab. Meine Beine schlotterten. Und Anuk erging es nicht anders. Die Macht rotäugiger Vampire war nicht zu unterschätzen. Aber Anuk brach nicht ein. Die Angst, die Noah in seinem Freund auslöste, reichte nicht an Rjnas heran.
Anuk liefen die Tränen übers Gesicht, während er seinem Körper keinen Einhalt gebieten konnte. „Es tut mir leid, Noah!“ Anuk schniefte und glich für einen kurzen Moment mehr einem hilflosen Kind als einem ausgewachsenen Mann. Er hob den Schwertarm und schlug ein weiteres Mal schwungvoll zu. „Ich kann … die Königin … nicht enttäuschen!“
„Die was?! Anuk! Sie hat dich geblendet!“
Rjna bog um die nächste Ecke. Es kam mir vor, als hätte ich mich in einem verrückten Traum verloren, doch ich folgte ihr, quetschte mich an den Kämpfenden vorbei, wich dabei um Haaresbreite Anuks wild in der Luft herumzischenden Schwert aus und setzte meinem Abkömmling nach. Magie, Magie im Mak, Rjna, es war unmöglich und doch … Meine Gedanken machten wilde Sprünge, während meine Beine mich vorwärts trugen. Den Kampflärm liess ich hinter mir.
Als ich um die Ecke bog, bekam ich gerade noch zu sehen, wie Rjna und ein junger Mann sich voneinander lösten. Noch einmal strichen ihre Lippen lasziv über seine, und er beantwortete ihre Frage mit einer leidenschaftlichen, wenn auch müden Antwort. Als die beiden sich wieder voneinander trennten und dabei ein unangenehmes Schmatzgeräusch verursachten, zog er gerade seine Hand unter ihrem Nachthemd – nein, eigentlich war es eher ein Reizhemdchen, das viel zu wenig bedeckte! – hervor. Ich kochte. Nein, ich überkochte! Übelkeit stieg in mir auf.
Deshalb all dies? Wegen einer verbotenen Liebelei mit einem gesetzesbrüchigen Magier? Hatte sie ihm vielleicht gar geschworen, ihn zu befreien? War das der schwarze Fluch auf ihrem Arm, der ihr Leben zu beenden drohte? Meine Fangzähne wollten raus, voller Drang, dem Mann, der sich so schamlos an meinem Schützling vergriff, die Kehle herauszureissen. Doch bevor ich etwas sagen oder tun konnte, hatte Rjna bereits die Hand in meine Richtung gehoben und deutete mir, vorsichtig zu sein, was ich jetzt sagte oder tat. Und so blieb ich still, wie ich es schon die ganze Zeit gewesen war. Sie hatte kaum ein Wort mit mir gesprochen. Ich war hier bloss ein unerwünschter Zuschauer! Ich biss mir auf die Lippe, bis sie blutete, sagte aber nichts, sondern ermordete den jungen Mann stattdessen mit Blicken.
„Bist du in Ordnung?“ Rjna bewegte sich noch ein Stück von ihm weg und gab damit den Blick auf ihn frei. Er war mager und leichenblass. Und doch war sein Anblick ein Abbild von in Mitleidenschaft gezogener, einst sicher makelloser Schönheit. Er musste früher einen atemberaubenden Anblick abgegeben haben, mit dem verwegen-verstrubbelten, blonden Haar, der geraden, symmetrischen Nase, den vollen Lippen, hohen Wangenknochen und der nicht zu verachtenden, grossgewachsenen, agilen Statur.
„Mir ging es nie besser“, murmelte er rau. „Ihr wart mehrere Tage nicht mehr hier?“
Rjna nickte abwesend. „Das musst du mir nachsehen.“ Sie strich ihm zärtlich über die Wange, hob sein Gesicht dadurch an und lächelte. Meine Stirn runzelte sich leicht. Sie hatte ein wirklich schönes Lächeln. Aber ich konnte mich nicht daran erinnern, es zuvor jemals gesehen zu haben. „Die Pläne haben sich leicht geändert. Du wirst fliehen, aber nicht allein.“
„Und Ihr?“
„Ich bleibe noch hier. Vorerst.“ Sie neigte den Kopf in meine Richtung. „Ansonsten müssten wir ihn mitnehmen. Und die kleine Vampirin ist noch nicht so weit, das, was sie gerade erst als zu Hause wahrnimmt, schon wieder zu verlassen.
„Verstehe.“ Der junge Mann nickte stoisch. „Und wer wird mein Reisebegleiter sein, meine Königin?“
Rjnas Mundwinkel zuckten. „Das wirst du gleich sehen. Wir sollten uns sowieso nicht mehr allzu viel Zeit lassen. Eine Konfrontation mit Kelevan würde ich gern vermeiden.“
„Nein.“ Bestimmt schüttelte der junge Mann wenig später den Kopf. „Ganz sicher nicht.“
„Doch.“ Rjna verschränkte grinsend die Arme vor der Brust, ehe sie erneut zusammenzuckte und das Grinsen sich zu einer gequälten Grimasse verwandelte.
Wir standen vor einem Mann, der penibler nicht hätte angekettet sein können. Beine, Arme, Hände, Finger, Hals, Stirn, überall fanden sich verstärkte Lederriemen, die den Vampir an die Wand hinter sich zurrten. Mund und Augenpartie waren abgedeckt. Sicher war er sich unserer Anwesenheit bewusst; reagieren konnte er darauf aber nicht.
„Ihm gilt der Schwur?!“, stiess ich ungläubig aus, als ich die feinen Linien entdeckte, die sich seinen Arm hochschlängelten. Doch im Gegensatz zu Rjnas waren seine nicht schwarz, sondern weiss, wie Narben. Und Narben würden es werden, wenn Rjna daran sterben sollte. Das Zeichen eines gebrochenen Schwurs, der zwei Personen selbst über den Tod hinaus miteinander verband.
Rjna stiess ein leises Zischen aus, keuchte und richtete sich wieder auf. „Ja.“ Ohne weiter Zeit zu verlieren, ging sie auf den Vampir zu, und begann, ihn von seinen Fesseln zu befreien. Nach dem ersten Riemen drehte sie sich zu uns um, die Augenbrauen gehoben. „Worauf wartet ihr?“
Der junge Mann neben mir seufzte hörbar: „Mitgehangen, mitgefangen“, und half ihr, den Fremden zu befreien.
„Rjna …“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Aber irgendwie musste ich sie aufhalten.
Doch sie schüttelte den Kopf, schnalzte missbilligend mit der Zunge und erklärte trocken: „Das war der Preis für dein Leben, Aurelius. Es wäre besser, du hilfst.“
Sie öffnete das Scharnier, das den Maulkorb an Ort und Stelle hielt. Schon schnellte die Zunge des Vampirs hervor und fuhr sich über die spröden Lippen. Mit krächzender Stimme sprach er: „Du hast ganz schön lange gebraucht, Prinzesschen.“
Rjna verpasste ihm augenblicklich eine schallende Ohrfeige. „Kronprinzessin Rjnaria, für dich.“ Mit einer ruckartigen Bewegung, die ihre Wut widerspiegelte, befreite sie auch seine Augen von dem darübergespannten Lederstreifen.
Blinzelnd wurde sich der Vampir seiner Umgebung gewahr. Kaum hatten sich seine Augen an das dämmrige Fackellicht gewöhnt, lag sein Blick auf mir. „Den da habe ich für dich gefunden. Mir war nicht bewusst, was für eine erbärmliche Gestalt er abgibt, bis ich in seinem Kopf war.“ Mein Mund öffnete sich, doch der Mann liess mich nicht zu Wort kommen. Er interessierte sich auch nicht weiter für mich, sondern wandte seine Aufmerksamkeit ganz dem jungen Magier zu. „Und du bist ihr Liebchen.“
„Ihr Untertan“, korrigierte dieser postwendend, während er jeden einzelnen Finger des Vampirs von den Lederriemen befreite.
Rjna knurrte: „Wirst du wohl helfen, Aurelius! Kelevan hat ihn an die Wand genagelt wie ein verdammtes Gemälde!“
Seit wann war sie per Du mit dem König? „Wieso?“
Rjna fuhr herum. „Bitte?!“
„Das hier ist Verrat!“ Ich brauste auf. „Du bist doch nicht mehr ganz bei Sinnen!“ Anuk war gerade dabei, mit reiner Mordlust in jeder einzelnen Bewegung auf Noah loszugehen, und sie interessierte sich nur dafür, diesen Verbrecher hier rauszuholen!
Rjna runzelte die Stirn, wandte ihre Konzentration aber gleich wieder dem Vampir zu. „Deswegen? Wegen den beiden Männern?“
„Du hast ihm befohlen, ihn zu töten!“
„Sie haben meine Augen gesehen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich möchte noch ein wenig hierbleiben, und das unbehelligt. Wenn die beiden weiterleben, geht das nicht.“
„Du zwingst Anuk, seinen besten Freund zu töten!“ Ich hörte den Kampflärm, ihr Keuchen. Fähigkeitentechnisch befanden sich die beiden Männer auf ähnlichem Niveau.
Rjna fuhr herum und stampfte einen Fuss in den Boden. „Und du hast uns unsere Schwester genommen!“ Sie schnaufte schwer. „Du bist der Letzte, von dem ich erwartet hätte, dass er ein Problem damit hat, anderen den Tod zu bringen. Würde die kleine Vampirin dich sehen – sie hätte dir längst das Genick gebrochen. Also sei lieber froh, dass sie dich noch nicht gesehen hat, und ich so viel Verstand habe, zu wissen, dass ich dich aufgrund dieser beschissenen Bindung noch brauche!“ Damit wandte sie sich wieder dem Vampir zu und fuhr damit fort, ihn zu befreien. „Und jetzt hilf gefälligst!“
Der festgebundene Vampir schmunzelte leise vor sich hin, als auch ich mich dazu herabliess, ihm zu helfen, was Rjna aber alles andere als lustig fand.
„Du bist still!“ Der Vampir hob spöttisch seine Augenbraue. Rjna knurrte und zeigte ihre Fangzähne. „Wage es nicht noch einmal, in meinen Kopf einzudringen oder mir zu drohen!“
Das Schmunzeln des Vampirs wurde breiter. „Aber es war so interessant. Da haust ein unschuldiges, kleines Mädchen in diesem Körper und hat keinen blassen Schimmer davon, wie lange du schon bei ihr bist.“ Rjna knurrte aggressiv. „Weiss sie überhaupt von deiner Existenz?“
„Nein!“, zischte sie. „Und das soll vorerst auch so bleiben!“
„Fertig.“ Der junge Magier trat einen Schritt zurück, wodurch er die Aufmerksamkeit des Vampirs auf sich lenkte.
„Und du?“ Der Vampir bewegte sich vorsichtig, drehte seine Handgelenke und streckte sich ausgiebig. „Was bist du? Einen Herzschlag besitzt du, aber keine Magie. Ihr Blut hat Wunder gewirkt, weisst du? Seit ich es getrunken habe, kann das Agolanzyt nur noch beschränkt Einfluss auf mich nehmen. Aber in deinen Kopf …“, der Vampir runzelte die Stirn, „da komme ich nicht hinein.“
„Er ist ein Incubus. Und du wirst dich nicht an ihm laben, ganz gleich, wie gut er schmeckt.“
Der Junge sollte was sein?
Der Vampir hob beide Augenbrauen an. „Wieso sollte ich mich noch länger mit ihm abgeben?“ Seine Mundwinkel zuckten. „Mit einem Fabelwesen aus längst vergangener Zeit?“
„Du wirst ihn mit dir nehmen. Und ihn in Sicherheit bringen.“
Der Vampir stiess ein spöttisches Glucksen aus. „Wieso sollte ich?“
„Hm …“ Rjna legte sich gespielt nachdenklich eine Hand unters Kinn. „Vielleicht aus demselben Grund, wieso dir das Agolanzyt nichts mehr anhaben kann, dummer Mann.“ Ein gefährliches Grinsen breitete sich auf ihren Lippen aus, als sie immer näher an den Vampir herantrat. Ihre Augen glühten noch intensiver auf. „Du hast mein Blut in dir. Ich kann dich finden, immer und überall. Du bist mein Diener, mein Untergebener, und wenn ich es verlange, dann wirst du gehorchen.“
Plötzlich stiess der Vampir einen gellenden Schrei aus. „Was … ist das?!“ Er fuhr mit seinen Krallen über seine Haut, als wolle er sich von ihr trennen. Tränen schossen ihm in die Augen, während er sich immer weiter zusammenkrümmte.
Mein Blick glitt zu Rjna, die vollkommen entspannt dastand, allerdings ein auffällig zufriedenes Gesicht machte. Rjnas Hand hatte sich geballt … Jetzt entspannte sie sie. Und die gellenden Schreie nahmen ein Ende. „Das war eine Warnung.“
Vorsichtig tippte der Incubus Rjna auf die Schulter. „Eure Hoheit? Wir sollten uns beeilen.“
Rjna nickte. „Du hast recht. Wir gehen.“
Da der befreite Vampir noch etwas zittrig auf den Beinen war, und Rjna den Incubus stützte, fiel es mir zu, dem Vampir zu helfen. Wie er aber in diesem Zustand fliehen wollte, war mir ein Rätsel.
„Rjna …“
„Was?!“
„Anuk und Noah. Ich bitte dich, verschone sie.“ Wir waren gerade an ihnen vorbeigelaufen. Noah war erschöpft. Lange würde er Anuks Angriffen nicht mehr standhalten können, der ohne jedes Erschöpfungssymptom weiterkämpfte wie ein Verrückter. Rjna schnaubte. „Bitte!“
Sie wandte sich um, und blickte den Vampir an, den ich stützte. „Kannst du sie vergessen lassen?“
Der Vampir neigte vage den Kopf. „Was bekomme ich dafür?“ Rjna ballte die Hand zur Faust. Und da spürte ich, was er zuvor schon erlitten haben musste. Sein Körper erhitzte sich unerbittlich. Gequält stöhnte er auf. „Ja! Ja, kann ich!“ Rjna löste ihre Hand und deutete mit einem Nicken auf die beiden kämpfenden Vampire. Über die dunkelbraunen Augen des Flüchtigen zog für einen kurzen Moment ein violetter Schimmer, der sogleich aber auch wieder verschwand. Er runzelte die Stirn. „Ich kann ihnen die Erinnerung an dich nehmen, Prinzessin. Aber der eine da wird nicht aufhören zu kämpfen. Die Angst, die sich mit deinem Befehl in seinem Herzen eingenistet hat, hat sich manifestiert.“
Rjna nickte und sprach: „Anuk, du kannst aufhören.“
Kaum hatte Anuk den Befehl gehört, liess er das Schwert fallen, taumelte und sackte kraftlos zusammen. Noah starrte schweissgebadet von Anuk zu Rjna und wieder zurück. Erneut flackerten die Augen des befreiten Vampirs auf. Er nickte. „Erledigt. Wenn wir den Kerker verlassen haben, werden sich beide an nichts mehr erinnern.“ Unmerklich wurde sein Griff um meine Schulter fester, als hätte es ihn einiges an Kraft gekostet, seine Magie zu nutzen. Ernst sah er zu Rjna hinab, die Müdigkeit, die sein Körper ausstrahlte, kaschierend. „Jetzt bring mich hier raus und erfülle deinen Schwur.“
Rjna nichte ernst und setzte sich wieder in Bewegung, dieses Mal schneller. Bald schon liessen wir den kläglich beleuchteten Kerker hinter uns und stromerten durch die Gänge des Schlosses, angeleitet von dem befreiten Vampir.
„Stopp!“, klang es in meinem Kopf. „Wache.“
Rjna reagierte augenblicklich und zog den Incubus mit sich in einen Alkoven. Ich folgte mit dem Vampir und biss die Zähne zusammen. Selbst war ich im Besitz einer Stichwunde im Bauch. Und trotzdem war ich dabei, einem Schwerverbrecher zur Freiheit zu verhelfen. Der Incubus hielt den Atem an, gleichzeitig verpestete er mit seinem Gestank nach Kerker, Exkrementen, Schweiss und Angst die Luft, sodass es an ein Wunder grenzte, dass der Wachmann an uns vorbeiging und lediglich einmal laut schnaubte.
Frische Luft umspielte mein langes Haar, als wir die äusseren Palastmauern erreichten. Der befreite Vampir neben mir atmete tief ein, schloss die Augen und murmelte: „Tausendfünfhundert Jahre, sechs Monde und sieben Tage …“
Meine Augen wurden gross. „So lange warst du da drin?“ Dann müsste er um die dreihundert Jahre vor meiner Verwandlung eingesperrt worden sein. Der Vampir nickte schwach und blinzelte in die aufgehende Morgensonne. „Wie alt bist du?“
„Dreitausendachthundert und sechsunddreissig Jahre zählt mein Vampirleben mitlerweile.“
Beinahe verschluckte ich mich an meinem eigenen Speichel. „Dann bist du beinahe so alt wie der König!“
Der Mann sah mich an, eine Augenbraue gehoben. „Einst rief man mich Ifruel, Erster meines Namens.“ Er blickte geradeaus, auf die unendliche Weite der Stadt hinaus. „Erster Abkömmling Kelevans und drittmächtigster Vampir dieser Welt.“ Ein kaum hörbares Seufzen stahl sich aus seiner Kehle. „Als ich zuletzt auf diesen Mauern stand, gab es hier noch keine Stadt.“ Er zeigte vor sich, die Mauer hinab. „Damals gab es hier einen ausladenden See.“ Sein Blick glitt weiter in die Ferne. „Und da hinten einen Wald.“
„Ifruel. Es bleibt keine Zeit mehr. Unser Pakt ist erfüllt.“ Rjna streckte ihre Hand aus.
Ifurel sah eine Weile einfach nur auf sie hinab. Dann löste er sich von mir, hob seinen Arm von meiner Schulter und ergriff ihre Hand. Zeitgleich durchfuhr die beiden ein Schauder. Die Linien, die sich unter ihrer Haut ausgebreitet hatten, zogen sich zurück und hinterliessen ein Gefühl der sichtlichen Erleichterung.
„Wohl wahr. Du hast wirklich Wort gehalten, Kronprinzessin Rjnaria. Auch wenn ich nicht weiss, welches Land du das deine nennst.“ Sein Blick glitt zu dem Incubus. „Einen Untergebenen zumindest scheinst du zu haben.“
„Und du wirst für mich auf ihn aufpassen.“
Ifruel nickte steif. „Wie du wünschst.“
Fassungslos glitt mein Blick vom einen zum anderen. Irrte ich mich, oder hatte sich ihr Umgang von jetzt auf gleich gänzlich verändert? War es Respekt, den Ifruel durch die Erfüllung ihres Schwurs nun für Rjna empfand? Oder Dankbarkeit?
Eine mürrisch klingende Stimme holte mich zurück ins Jetzt. „Wieso muss ich mit dem Maiger-Vampir gehen? Das ist eine Abnormität. Nicht genug, dass er Magier ist, er beschmutzt damit auch noch den Ruf eines jeden Vampirs.“
„Nomrin!“ Rjna fuhr herum. Doch sie sollte nicht mehr dazu kommen, ihren Freund und Liebhaber zu rügen.
Ifruel stürzte vor, packte Rjna von hinten und schlug ihr seine Fänge ins Fleisch. Erschrocken schrie sie auf, während Ifruel sich Schluck für Schluck ihr Blut einverleibte. Noch ehe ich hätte intervenieren können, liess er bereits wieder von ihr ab. „Nur zu deinem Besten, Kleines“, hörte ich ihn noch flüstern, ehe er kehrtmachte, Nomrin über seine Schulter warf und ohne ein weiteres Wort von der Mauer sprang.
Rjna taumelte. Schnell fing ich sie auf. „Rjna …“ Besorgt legte ich sie auf dem Boden ab und beugte mich über sie. Ihr Hals blutete ohne Ende, doch anstelle mich helfen zu lassen, hob sie nur schwach die Hand. Es wirkte, als wäre sie benebelt, als hätte sie gerade mit etwas ganz anderem zu kämpfen, als einer einfachen Wunde.
„Du darfst ihr nichts sagen. Und du darfst ihnen nichts sagen. Sie würden es nicht verstehen …“





































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