Kapitel 49 – Der Kuss
Kapitel 49 – Der Kuss
Kelevan
„Sperrt sie ein!“ Ich knurrte. „Und stopft ihnen das Maul! Ich will kein Wort mehr hören, verdammt noch mal!“ Gleichberechtigung, dass ich nicht lachte. Ich lachte auf und spuckte aus. „Was fällt diesem Abschaum nur ein …?“
Während die eingefangenen Magier in Handschellen, gefertigt aus Agolanzyt, aus dem Kettenkarren in den Mak abgeführt wurden, stieg Elindra vom Kutschbock, stellte sich neben mich, senkte unterwürfig den Kopf und biss sich auf die Lippe. Ich runzelte die Stirn. Brauchte sie vielleicht eine Erinnerung daran, wie gut es ihr bei mir ging? Gerade wollte ich sie ermahnen, sich besser nicht dem Denken dieses Pöbels anzuschliessen, da erklang hinter mir die aufgeregte Stimme meines Sekretärs, Cedric.
„Majestät! Majestät! Ihr seid zurück!“
Ich drehte mich um. „Ja?“
„Euer Bruder, Prinz Levran ist gestern angekommen. Prinz Akortis hat seine Ankunft in den nächsten Stunden angekündigt und Prinz Nierwil …“ Ein Diener hastete herbei und flüsterte Cedric etwas ins Ohr. Dieser nickte geschäftig. „Prinz Nierwil und Prinzessin Arrura sind soeben durch die Stadttore geritten.“
All meine Brüder aufs Mal. Wunderbar. Das Fest zur Winterwende war noch etwas hin, aber die Nachricht einer neuen Prinzessin hatte sie früher anreisen lassen. Ich sah zu meinem etwas untersetzten Sekretär hinunter. Dieser biss sich nervös auf der Lippe herum. „Was noch?“ Alomis trat hinter mich und horchte ebenfalls.
„Es wurde gestern von einer erneuten Sicherheitslücke im Mak berichtet.“
Hinter mir nahm ich wahr, wie Elindra die Ohren spitzte.
„Welche Art der Sicherheitslücke?“, knurrte Alomis.
„A…alle Wachen wurden bewusstlos geschlagen, mein König.“ Cedric verbeugte sich zitternd. „Ich habe den Fall augenblicklich an Hauptmann Andol weitergeleitet.“
„Und?“
„Und …“ Andol trat wie gerufen aus dem Schloss, die Stirn gefurcht, in den Armen ein paar Pergamentrollen. Er verbeugte sich. „Das besprechen wir besser im innersten Kreis, mein König. Mein Prinz. Es gibt da allerdings noch etwas, worüber ich Euch in Kenntnis setzen muss.“
Ich nickte ernst und wandte mich noch einmal Cedric zu. „War das alles?“
Der unersetzte, ältere Mensch nickte geschwind. „Ja. Hauptmann Andol wird Euch über den letzten Punkt in Kenntnis setzen, so denke ich.“ Damit verbeugte er sich und verschwand hastig wieder im Schloss.
Ich schüttelte leicht den Kopf. „Auf seine alten Tage wird er immer nervöser.“
Alomis klopfte mir auf die Schulter. „Das kommt davon, wenn man als Mensch einem König wie dir dient.“
Ich schnalzte herablassend mit der Zunge. „Lass uns reingehen, Andol. Alomis, begrüsst du unseren Bruder?“
Ehe Alomis antworten konnte, sprach Andol: „Ich denke, beide Hoheiten sollten anwesend sein.“
Andol atmete schwer aus. Wir hatten uns in die Zentrale, den grossen Besprechungsraum, der vor meinem privaten Arbeitszimmer lag, zurückgezogen. Die Kerzen flackerten und tauchten den nachtdunklen Raum in angenehm dämmriges Licht. Drei Vampire, mehr waren wir nicht. Elindra war bei Besprechungen des Inneren Kreises nicht zugelassen – so weit reichte mein Vertrauen zu ihr dann doch nicht. Sowieso benahm sie sich seit einiger Zeit anders …, auffälliger.
Andol setzte gerade dazu an, zu berichten, da wurde die grosse Flügeltür schwungvoll aufgestossen und Levran trat herein. „Besprechungen ohne mich? Wurde ich denn nicht schon oft genug übergangen, Kelevan?“ Einen Teil seines langen, blonden Haars hatte er zu einem Dutt hochgesteckt, der Rest fiel ihm offen über beide Schultern.
Ich stöhnte stumm. „Du bist nicht geeignet, ein Land zu führen, Levran.“
„Absolut“, brummte Andol angefressen, was dafür sorgte, dass wir uns alle sofort zu ihm umdrehten. Weder stand ihm so eine Bemerkung zu, noch hatte er je zuvor solche Dreistigkeit an den Tag gelegt. Doch Andol liess uns nicht lange Rätsel raten. „Er hat die Prinzessin und ihren Erschaffer, Aurelius, gleich bei seiner Ankunft in den Kerker gesperrt.“
Die Information brauchte einen Moment, um bei mir anzukommen. Ganz langsam wandte ich mich wieder Levran zu. „Du hast was getan?“
Levran hob in einer Unschuldsgeste seine Schultern. „Sie haben sich unerlaubt auf den Schlossmauern befunden. Das Mädchen sah aus, wie eine hässliche Dirne, und ihr sogenannter Erschaffer…“
„Ist der Sprössling von Xelus – deinem Sprössling! Idiot.“ Alomis machte auf dem Absatz kehrt und verliess den Raum.
„Hast …“ Unfähig meine Empörung in Worte zu fassen, fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht. „Hast du überhaupt eine Ahnung, was du da getan hast?!“ Rjna hatte schon einmal Zeit in einem Kerker verbracht. Eine lange Zeit sogar, wenn man den Umfang eines Menschenlebens bedachte. Was würde es wohl mit ihr machen, wieder an einem solch dunklen Ort festzustecken?
„Kelevan …“ Andol räusperte sich. „Da ist noch etwas … weitaus Schlimmeres.“
Levran, der mich soeben noch wütend, wie ein kleines Kind, angefunkelt hatte, verdrehte die Augen. „Du machst doch aus jeder Mücke einen Elefanten, Andol! Kelevan, ich verstehe nicht, wie du so jemanden deine Stadt führen lassen kannst …!“
Andol hatte bloss noch einen verachtenden Blick für Levran übrig und wandte sich schnell mir zu, den Blick ernst, ohne jeden Schalk darin. „Ifurel ist ausgebrochen.“
Mir fiel das Herz in die Hose. „Was hast du gesagt?“ Sicher hatte ich mich verhört. Sicher …
„Ifruel. Ist. Ausgebrochen.“
„Du lügst!“ Levrans Hände zitterten; in seinen Augen funkelte eine Angst, die man bei ihm nur höchst selten zu Gesicht bekam.
Doch Levran war nicht der Einzige, dem es kalt den Rücken hinunterlief. Ifruel war beinahe so alt wie ich. In Stärke und Kampffähigkeit waren wir immer gleichauf gewesen. Doch das war gewesen, bevor er uns seine wahre Macht und die Niedertracht, die damit einherging, offenbart hatte. Unser Vampirvater hatte es mit meiner und Alomis’ Hilfe gerade so geschafft, ihn ruhigzustellen. Doch unseren Vampirvater hatte ich ermordet. Und einen mächtigeren Vampir gab es nicht mehr. Wir konnten auch nicht mit Bestimmtheit wissen, wie stark Ifruel nach all der Zeit war.
Levran brauste auf: „Wir hätten ihn längst töten sollen! Wieso hast du ihn nicht längst getötet?!“
„Das haben wir einstimmig beschlossen“, knirschte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Erneut öffneten sich die Flügeltüren. Stöhnend drehte ich mich um. „Was denn jetzt noch?“
Tadurial blieb wie angewurzelt stehen, den Blick zwischen uns dreien herumschweifend. „Komme ich ungelegen?“
„Mach die Tür zu.“
Kaum war das geschehen, echote Levran Andols Worte von vorhin: „Ifruel ist ausgebrochen.“
Tadurial nickte ruhig. „Ich weiss.“ Er hob seine rechte Hand, in der eine Pergamentrolle lag. „Darum bin ich hier.“ Er ging zum Tisch und breitete das Pergament aus. „Das hier ist ein Plan vom Mak und der dazugehörigen Schlossetage. Es gibt keine Geheimgänge, nichts. Er musste an unseren Wachen vorbei. Ich habe mir auch erlaubt, die drei Wachen schon zum Verhör heranzuziehen.“
Levran lachte auf. „Du lässt Andol ganz schön dumm dastehen, als Hauptmann der Internen Einheit. Ausserdem … Ich habe gehört, du hättest dich gefangen nehmen lassen?“
Wenn er so weitermachte, dann würde ich meinen Bruder bald schon höchstpersönlich wieder aus meinem Schloss werfen!
Tadurial liess sich von den Sticheleien Levrans allerdings nicht beeindrucken. „Du brichst unter Stress zusammen, Levran. Sicher, dass du dich an dieser Besprechung beteiligen möchtest?“
Levran knurrte zur Antwort einmal laut auf, während sowohl Andol als auch ich uns ein Lachen verkneifen mussten.
„Gut, jetzt wo das geklärt ist“, Tadurial deutete auf die Karte. „Die Wachen wurden niedergeschlagen. Zwei davon erinnern sich an rein gar nichts. Noah und Anuk haben beide unzählige Wunden davongetragen, können sich aber nicht daran erinnern, wie sie entstanden sind.“ Tadurial wandte seinen grünäugigen Blick mir zu. „Vielleicht kommt ihnen etwas in den Sinn, wenn Ihr es versucht, mein König.“ Ich nickte stumm. „Der dritte, Miuk, hat vor dem Mak Wache gehalten.“ Tadurial warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. „Er hat Prinzessin Rjna und Aurelius gesehen. Er wurde … von ihr niedergeschlagen.“
„Von“, mein Mund bewegte sich stumm, als wäre er sich noch nicht sicher, ob er nun etwas sagen wollte oder nicht, „ihr?“
Erneut wurde die Tür aufgestossen. „Freunde! Brüder!“ Strahlend betrat Nierwil die Zentrale. Als er die düsteren Gesichter bemerkte, blieb er abrupt stehen. „Komme ich ungelegen?“
Unterbewusst beschleunigten sich meine Schritte immer mehr. Ich wollte zu ihr. Und wissen, was sie damit zu schaffen hatte! Ifruel zu befreien war kein kleiner, unüberlegter Streich eines Jungvampirs! Er war eine Kraft, die ganze Staaten zu Fall bringen konnte! Eine Gefahr, für jeden, der seinem Geist unterlag! Meine Hände ballten sich.
„Kelevan!“
Augenblicklich blieb ich stehen. Schwer stiess ich die Luft aus und setzte ein Lächeln auf, ehe ich mich umdrehte. „Arrura!“ Grüssend öffnete ich die Arme, um die quirlige Gemahlin meines Bruders zu begrüssen.
Arrura kicherte wie ein kleines Kind, als sie ihre Arme um mich legte. „Götter, du riechst …“
Ich hob die Augenbrauen. „Meist du, wir bekommen es nie mit, wenn du und Nierwil wieder einmal nicht die Finger voneinander lassen könnt?“ Ich schob sie an den Schultern von mir weg. „Ich bin ein Vampir.“
Arrura schnaubte. „Lass mich raten? Das Bluthaus? Ts … Ausbeutung nenne ich das!“ Dramatisch warf sie sich das halboffene, rote Haar über die Schulter und verschränkte die Arme vor der Brust.
Diese ewigen Diskussionen, die Weiber immer über Recht und Ordnung führen wollten. Dabei hatten sie keine Ahnung von dergleichen Angelegenheiten. „Nein, wenn du es genau wissen willst, waren wir die letzten beiden Tage auswärts. Magieraufstände.“
Arrura stockte. Ihre Augen wurden gross und sie trat einen Schritt zurück. „Du hast doch nicht etwa … du hast dich doch nicht an einem Magiermädchen …?“
Ich hob eine Augenbraue. „Was denkst du von mir?“ Nicht zu fassen. Allein der Gedanke, eine Magierin anzufassen, war mir ein ekelerregender Gedanke.
Arrura lächelte unbeholfen. „Ich … suche Nierwil. Er wollte eigentlich vorgehen und euch begrüssen …“
„In der Zentrale.“
Sie nickte, schenkte mir noch einmal eines ihrer unbeholfenen Lächeln und verschwand um die nächste Ecke.
Kopfschüttelnd wandte ich mich um und setzte meinen Weg, dieses Mal deutlich ruhiger, fort. Arruras Unterstellung ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Sah ich für sie wirklich aus, wie jemand, der es nötig hätte, Frauen gegen ihren Willen zu nehmen? Mein Blick glitt hinter mich, zu Elindra, die mich wie immer stumm und leise verfolgte. Würde ich jemals Hand an sie legen? Schnell schüttelte ich den Kopf. Nicht einmal, wenn ich ansonsten abstinent leben müsste. Stattdessen projizierte mein Kopf mir das Bild einer gewissen Jungvampirin in reizend knappem Nachthemd vor Augen, die gerade ernsthaft in der Klemme steckte.
Wie immer öffnete mir Elindra mit ihrer Geisterhand die Tür zum königlichen Wohnbereich. Doch darin war es vollkommen still. Stirnrunzelnd wandte ich mich um und ging weiter durchs Schloss. Den nächsten Diener hielt ich an. „Wo ist Alomis?“
„Ich habe ihn zuletzt im Krankenflügel gesehen, Hoheit.“
Im Krankenflügel? Wortlos nickte ich dem Diener zu und schritt, bedacht darauf, nicht zu eilen, weiter. Es war nur eine Nacht, die sie im Kerker verbracht hatte. Vielleicht war es sogar ganz gut so, wenn man bedachte, dass sie beim Mak … Meine Stirn runzelte sich. Was hatte sie nur mit alledem zu schaffen? War sie am Ende Ifruels Verbündete? Aber wie sollte sie mit ihm in Kontakt getreten sein? Nein … Wahrscheinlicher war, dass er sie irgendwie trotz Agolanzyt unter seine Kontrolle hatte bringen können. Und wenn dem so war, dann war es möglich, dass sie sich an nichts mehr davon erinnern konnte. Und doch musste ich herausfinden … ob ich nicht falsch lag. Denn … sollte sie willentlich Verrat begangen haben – sollte sie sich mit den Magiern verbündet und Ifruel befreit haben – würde ich selbst das Schwert führen, das ihr den Kopf abtrennte. Ganz egal, wie sehr der Vampir in mir darauf brannte, sie sich endlich zu nehmen und sie zu seiner zu machen.
Vor dem Krankenflügel angekommen, hob ich die Hand. „Bleib hier.“ Ehe ich eintrat, erinnerte ich mich an Alomis’ unerbittliche Mahnungen, keinen unnötigen Dreck in diesen Flügel zu bringen, und löste den schweren Reiseumhang von meinen Schultern, der am Saum mit einer Mischung aus Schnee und Schlamm vollgesogen hatte. „Und nimm das.“
Elindra blieb, mit meinem Mantel im Arm, am Eingang stehen, während ich anklopfte und eintrat. Alomis hob kurz den Kopf, sein Blick finster. Er hatte sich auf einem Stuhl neben einer Liege niedergelassen, auf der Rjna zusammengesunken, den Rücken gekrümmt, dasass und ins Nichts starrte. Einen bandagierten Fuss streckte sie dabei von sich weg. Zahlreiche kleinere Wunden zogen sich über ihren ganzen Körper.
„Was ist hier los?“
Alomis nickte nur müde mit dem Kopf zu der apathisch geradeaus starrenden Rjna. Er stand auf, kam auf mich zu und blieb kurz vor mir stehen. „Sie reagiert nicht. Den Fuss darf sie vorerst nicht mehr belasten.“ Er schnalzte wütend mit der Zunge. „Hätte sie so weitergemacht, hätte sie sich irgendwann den Fuss abgerissen.“ Mit diesen Worten liess er mich stehen.
Mein Blick folgte meinem Bruder, bis sich die Türen zum Krankenflügel wieder geschlossen hatten. Ich zögerte. Doch schliesslich näherte ich mich der verletzten Jungvampirin vorsichtig. „Rjna?“ Sie sah wirklich nicht besonders gut aus. Ihre Haltung war gebückt, die Haut aschfahl. Ihr Gesicht trug keine Freude, kein Lachen und keine Zärtlichkeit mehr – eigentlich war es gänzlich ausdruckslos. Unter ihren Augen zeichneten sich dunkle Augenringe ab und die Augen selbst waren geschwollen, als hätte sie stundenlang geweint. Noch immer trug sie Arurras Reizhemdchen, welches die Nacht im Kerker ebenfalls nicht sonderlich gut überstanden hatte und das verwahrloste Bild, das sich mir darbot, nur noch unterstrich.
In der ganzen Zeit, in der ich sie betrachtete, sagte sie kein Wort. Noch nicht einmal geblinzelt hatte sie indessen, geschweige denn, zu mir aufgeblickt.
„Rjna?“ Erneut trat ich einen kleinen Schritt näher. Bei Betrachtung ihrer emotionslosen Züge sehnte ich mich nach dem Mädchen, das sich getraut hatte, mich mit einem Scherz aufzuziehen – gleichwohl sie sich danach dafür geschämt hatte. Sowohl besorgt als auch irritiert hob ich die Hand und schwenkte damit vor ihren Augen herum. Keine Reaktion, nicht einmal ein Blinzeln, war mir vergönnt.
„Ignorierst du mich jetzt?“, flüsterte ich hauchleise, hoffte zugleich aber, sie hätte es nicht gehört. Wie wir das letzte Mal auseinandergegangen waren, war nicht besonders schön gewesen. Sachte führte ich meine Hand an ihre Wange und streichelte darüber. Anhand ihrer ausbleibenden Reaktion musste ich annehmen, dass sie mich wirklich nicht gehört hatte. Doch anstatt mich dadurch besser zu fühlen, fühlte ich mich zurückgewiesen und ignoriert. Ich schloss die Augen, nahm die Hand von ihrer Wange und trat zwei Schritte zurück. „Rjna Melur, Prinzessin meines Reiches, sieh mich an!“
Ein Blinzeln. Ein zweites. Ihre Augen schienen sich zu fokussieren. Dann fuhr sie plötzlich erschrocken hoch, sprang von der Pritsche und landete mit einem unterdrückten Schmerzenslaut in einem tiefen, wackeligen Knicks. „M…mein König…!“
Ein Schnauben unterdrückend, verschränkte ich die Arme vor der Brust. „Das sieht nicht sehr elegant aus.“ Eigentlich war es als Scherz gemeint gewesen. Doch sie verlagerte augenblicklich ihr Gewicht, begab sich tiefer in den Schmerz hinein und hörte auf, ihren Fuss zu schonen. „Hör auf damit!“ Wütend löste ich meine Arme und legte meine Hände an ihre Taille, um sie wieder auf die Pritsche zu setzen. „Was fällt dir ein?!“ Das Haupt gesenkt, spielte sie an ihren Krallen herum, deren Häutchen teils schon regelrecht in Fetzen lagen und bluteten. Meine Nasenflügel bebten. „Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“
„Dafür …“, ich sah sie schlucken, „müsste ich wohl erst wissen, was mir Majestät genau zur Last legt.“
Ich knurrte: „Selbstverletzung“, packte sie an den Handgelenken und zog diese auseinander, „Hochverrat“, mein Gesicht befand sich direkt vor ihrem, „möglicherweise.“
Als sie nun sprach, spürte ich ihren Atem auf meinem Gesicht. „Wieso?“
„Du wirst beschuldigt, einem Magier zur Flucht verholfen zu haben.“
„Was? N…nein!“ Mit grossen, dunklen Augen blickte sie zu mir auf.
Meine Hände liessen von ihren Handgelenken ab. Die Rechte legte ich unter ihr Kinn und hob es noch ein Stückchen höher. „Nein?“ Meine Linke wandte sich ihrem Ausschnitt zu. Ich knurrte. „Und was ist das?“ Mit einem Ruck, den ich so gar nicht beabsichtigt hatte, zerriss das Kleidchen und legte die helle, narbenüberzogene Haut frei. Mein Blick senkte sich. „Das schwarze Mahl ist weg.“ Meine Zähne mahlten. „Und Ifruel auch.“
In Rjnas Augen standen Tränen. Hilflos versuchte sie, sich mit ihren Händen zu bedecken. „Ich weiss nicht, von wem Ihr sprecht!“
„Ich spreche von einem sehr gefährlichen Mann, Rjna!“ Jedes Wort sprach ich eindringlicher und lauter als das letzte. Rjna zuckte zusammen und machte sich klein. Ihre Stirn hatte sich gerunzelt; die Tränen sich gelöst. „Du wolltest doch das Kämpfen erlernen, nicht? Oder wolltest du viel eher das Können meiner Wachen ausspionieren? Immerhin konntest du drei von ihnen ohne Probleme niederschlagen!“ Oder geschah das wirklich alles unter Ifruels Kontrolle? Alles andere schien mir nicht möglich zu sein. Und doch war ich wütend. Wenngleich es nicht nur Wut war, sondern auch nackte Angst, die sich in mir breitmachte, wenn ich an einen möglichen Racheakt Ifruels dachte.
Rjna zuckte zusammen, weinte und zog sich zurück, immer tiefer in ihr Schneckenhaus hinein. Ununterbrochen schüttelte sie den Kopf. „Nein“, murmelte sie. „Nein …!“ Auf einmal sprang sie auf, huschte unter meinem Arm hindurch und rannte hinkend und schluchzend aus dem Krankenflügel hinaus.
Meine Hände ballten sich zu Fäusten, bis sie knackten. „Rjna, komm zurück!“
Vor der Tür hielten ihre Schritte inne. Ich atmete scharf aus. Hatte sie also doch noch gehört. Kluges Mädchen.
„Danke“, hörte ich sie hauchen, dann nahm sie ihre Flucht wieder auf.
Ich korrigierte meine Gedanken. Dummes Mädchen. „Ist ihr denn nicht bewusst, dass Vampire Raubtiere sind?“ Knurrend wandte ich mich der Tür zu und begab mich auf die Jagd.
Elindra musste ihr meinen Mantel gegeben haben. Deswegen das Danke. Deswegen das Innehalten. Die Magierin diente mir schon zu lange, als dass sie Rjna unbekleidet an sich hätte vorbeirennen lassen. Aber mein Mantel war ihr viel zu lang. Sie stolperte, strauchelte und fing sich mit rudernden Armen wieder. Dann rannte sie weiter, zwang sich wieder zu beschleunigen und wechselte unkontrolliert zwischen Vampirgeschwindigkeit und menschlichem Rennen hin und her.
Sie näherte sich einem Bedienstetenausgang. Wenn ich sie jetzt nicht aufhielt, würde sie sich schneller in der Stadt wiederfinden, als ihr lieb war. Gleichzeitig machte diese Jagd mir aber einen Heidenspass! Sie brachte mein Blut in Wallung, regte meinen schläfrigen Jagdinstinkt und liess mich für einen Moment wieder vor Verlangen brennen, wie ich es zuletzt in deutlich jüngeren Jahren erlebt hatte. Was ich wohl bekam, wenn ich sie einfing? Was ihr vermutlich nicht bewusst war, war, dass wir Männchen unsere Weibchen im Paarungsritual gerne zuerst verfolgten und einfingen. Es war ein Spiel, das zwischen Dominanz und Lust hin und her wankte.
Natürlich kam sie nicht gegen mich an. Nicht die geringste Chance hatte sie, selbst der Tatsache bedacht, dass sie für einen Jungvampir ausserordentlich begabt war. Es wäre kein Problem, sie aufzuhalten …
„Rjna!“ Sie drehte den Kopf herum, rannte aber blindlings weiter. Und auch wenn es mir einen ordentlichen Dämpfer versetzte; ich begab mich vor sie, wartete, bis sie mich erreicht hatte, und hielt sie dann an den Schultern fest. „Hab ich dich.“ Das war viel zu schnell vorbei, mokierte sich mein Unterbewusstsein.
Rjna schrie auf und sprang von mir weg, die Augen weit aufgerissen. Doch sie kam nicht zur Ruhe. Fahrig suchten ihre Augen nach einem Ausweg, nach einer Lösung, nach einem Entkommen. „Nein!“, brachte sie hervor, von einem Laut begleitet, der irgendwo zwischen einem Keuchen und Wimmern lag. Sie war wie in einem Rausch.
„Rjna.“ Ich trat einen Schritt näher und legte meine Hände erneut auf ihre Schultern, damit sie zur Ruhe kommen konnte. „Beruhi…“
Die Fänge bis zum Anschlag verlängert, fauchte sie mich an, die Zähne gebleckt. Was folgte, war das ruckartige Heben ihres Knies, was ich aufgrund des für sie viel zu grossen Umhangs zu spät bemerkte.
Mein Atem stockte und mein Körper krampfte. Meine Hände schossen augenblicklich zu meinen Lenden – reichlich spät. Rjna suchte bereits wieder das Weite. In gekrümmter Haltung drehte ich mich um und sah ihr nach, „Verfluchtes Weibsstück!“
Hektisch blickte sie um sich. Der Atem röchelnd, wandte sie sich, als sie mich direkt hinter sich entdeckte, schnell wieder ab und lief weiter. Ihre nackten Füsse knirschten leise auf dem schneebedeckten Boden. Ihr musste kalt sein. Und doch stoppte sie nicht. Sie war erschöpft. Aber gönnte sich keine Pause. Ihre Beine führten sie durch die Stadt, in Viertel, in die sie besser nicht hätte gehen sollen, und Gassen, bei denen ich froh war, dass es helllichter Tag war. Sie hatte keine Ahnung, wo sie gerade war.
Wieder zeigte ich mich ihr. Ich bewegte mich unbemerkt an ihr vorbei und tauchte am Ende der Gasse auf, die sie entlangrannte. Streng verschränkte ich meine Arme vor der Brust und füllte die enge Gasse damit aus. Bewusst hob ich das Kinn und blickte auf die nahende Gestalt herab.
„Nein!“, keuchte sie panisch. Tränen liefen ihr über die Wangen, trockneten aber sofort wieder im eisigkalten Wind. Ihre Hände umklammerten die Enden meines Umhangs von innen, um möglichst wenig ihrer sensiblen Haut der frischen Luft auszusetzen. Ehe sie mich erreichte, schlug sie einen Haken und tauchte in eine Nebengasse ein.
Den Mund zu einem siegessicheren Lächeln verzogen, setzte ich ihr nach. Erneut stolperte sie über den Saum des Mantels. Schneller wäre sie ohne …, aber das würde ich bei dieser Eiseskälte keiner Frau zumuten. Auch nicht, wenn sie sich vor mir auf der Flucht befand und meine Lenden mit ihrer erfrischenden Widerspenstigkeit härter werden liess als Stein.
So ging das noch drei weitere Male. Ich zeigte mich ihr und liess sie damit in eine Gasse meiner Wahl rennen. So lange, bis sie in einer Sackgasse stand und starr auf die Mauer vor sich blickte. Ich stand hinter ihr, roch ihren Schweiss und hörte ihren Atem pfeifen vor Anstrengung. Sie schluchzte leise, aber drehte sich nicht um. Erst als ich meine Hand hob und ihr eine Schweissperle aus dem Nacken strich, da fuhr sie herum, wie von der Tarantel gestochen, und stolperte direkt noch einen Schritt weiter nach hinten, bis sie ihren Rücken förmlich an die kalte Backsteinmauer presste.
Kurz glitt ihr Blick an mir vorbei und ihre Augen wurden noch grösser. Ich brauchte nicht hinzusehen, um mir der Blutspur, die sie hinterlassen hatte, bewusst zu sein. Sie hatte die Verletzung an ihrem Fuss vollkommen ignoriert, doch momentan interessierte mich das nicht. Ich tat einen Schritt vor. Meine beiden Hände landeten zu beiden Seiten ihres Kopfs und liessen den Backstein bröckeln.
Rjnas eben noch so schneller Atem stockte; jeder Laut, den sie eben noch von sich gegeben hatte, verstummte. Ihr Blick glitt von der Blutspur, die sie hinterlassen hatte, zurück zu mir, und kam am oberen Ansatz meiner Brust, welcher bei ihr auf Augenhöhe lag, zum Stehen.
„Was habe ich dir gesagt?“ Zitternd biss sie sich auf die Unterlippe, blieb aber stumm. Meine Stimme wurde bedrohlicher, tiefer. „Was. Habe. Ich. Dir. Gesagt?!“ Ihre Nasenflügel weiteten sich, als ich mich tiefer zu ihr hinabbeugte.
Sie zitterte. Unauffällig brachte ich meine Nase noch ein Stückchen näher an ihre Haut und atmete tief ein. Der Geruch von Angst … und Erregung schlug mir entgegen. Meine Fänge drückten sich durch und meine Zunge tastete gierig nach meinen trockenen Lippen. Wie ein Süchtiger atmete ich noch einmal ein, genoss den Geruch ihrer Erregung in vollen Zügen und bemühte mich, nicht laut zu stöhnen. Ich könnte das Weib auf der Stelle, hier und jetzt, nehmen. Mein Glied kommentierte den Gedanken mit einem zustimmenden Zucken. Meine Gedanken wurden träger. Wie auch nicht, immerhin verflüchtigte sich alles vorhandene Blut aus meinem Kopf.
„Ich will nicht mehr zurück in den Kerker“, flüsterte sie heiser und so leise, dass ich sie nur zum Teil verstehen konnte. „Ich will nicht mehr zurück in die Dunkelheit. Die Gerüche des Todes …“
„Was?“ Meine Stimme klang rau, durchdrungen von Lust.
„Ich will nicht mehr zurück.“ Ihr Kinn hob sich und in ihren Augen glomm ein nicht zu deutender Funke auf.
Ich hatte keine Ahnung, wovon sie da sprach. Mein Blick fiel auf ihren gereckten Hals und verweilte dort. Wie gern hätte ich sie gekostet? „Du präsentierst mir gerade äusserst willig deinen Hals.“ Meine Stimme klang selbst in meinen eigenen Ohren fremd, so tief war sie geworden. Meine Nase berührte die zarte Haut ihres Halses. „Ist dir das klar?“
Sie schluckte. Ihr Kehlkopf hüpfte auf und ab und ihr Körper wurde von einem Beben erschüttert. „Ja“, hauchte sie. „Ist mir klar.“
Mit meinem Mund liebkoste ich sanft ihren Hals. Ein zaghafter Kuss, Salz, das meine Zunge kostete – sie schmeckte köstlich. Meine Fänge drängten meinen vor Lust vernebelten Verstand regelrecht dazu, sie zu beissen. Meine Fangzähne kratzten sachte über ihre Haut und entlockten ihr ein Stöhnen. Ob sie unter dem Umhang ihre Oberschenkel aneinander rieb? Ich knurrte leise und zwang mich zur Kontrolle. Ich konnte sie nicht beissen. „Ich wünschte, ich wäre es gewesen, der dich gewandelt hat.“ Ein federleichter Kuss fand seinen Platz auf der weichen Haut ihres Halses. „Dann hätte ich dich schmecken können …“
Ich konnte sie nervös schlucken hören. „Grinsebacke meinte einmal … ich hätte vorzüglich … geschmeckt.“ Ihre Beine brachen unter ihrer Last. Doch noch ehe sie an der Wand zu Boden gleiten konnte, packte ich sie an den Hüften und hielt sie aufrecht. Mein innerer Vampir schnurrte zufrieden über den Körperkontakt, wenngleich ich mich, um sie aufzufangen, ein Stückchen von ihr entfernt hatte.
Zufrieden beobachtete ich, wie die Vampirin in ihr ihre Eckzähne verlängerte und sich auf die Paarung einstellte. Ihr Geruch, ihre Haltung, ja selbst ihr herausfordernder Blick waren für mich praktisch eine offene Einladung. Ihre Fangzähne funkelten im vom Schnee reflektierten Sonnenlicht. Wieder beugte ich mich zu ihr hinunter, die Augen auf ihre leicht geöffneten Lippen fixiert. Mit meinen Händen an ihrer Taille zog ich sie näher, sodass kein Pergament mehr zwischen unseren Körpern Platz gefunden hätte. „Vorzüglich also, ja?“ Ohne weiter zu zögern, überwand ich den restlichen Abstand zwischen unseren Lippen. Sanft eroberte ich sie, liebkoste sie und umspielte ihre rauen Lippen mit meiner Zunge. Rjna öffnete ihren Mund und gewährte mir so, den Kuss zu vertiefen. Nur stimmte etwas nicht. Sie regte sich nicht. Sie …
„Wieso hast du mir nicht gesagt, wie stark deine Schmerzen sind?!“ Ungestüm peitschte der Wind um unsere Körper. Ich hatte sie auf meine Arme gehoben. Kaum hatte ich mich stirnrunzelnd von ihren Lippen zurückgezogen, und hatte den Griff um ihren Körper gelockert, war sie zusammengebrochen. Mein Körper bebte wütend, als ich daran dachte, dass sie sich geweigert hatte, den Kuss zu erwidern. Sie hatte es gewollt! Vermutlich hatte sie die Kraft bereits verlassen …
Ein leises Schnurren drang aus ihrer Brust und beruhigte den aufgewühlten Vampir in mir, der mit Zurückweisung noch nie zuvor in Kontakt gekommen war. Sie hatte sich nicht dagegen gewehrt, als ich sie hochgehoben hatte. Jetzt kuschelte sie sich an meine Brust. Das gefiel mir.
Kaum waren wir durch die Schlosstore getreten, verstummte das Gurren in ihrer Brust abrupt.
„Wieso zitterst du?“, fragte ich irritiert. Jetzt, wo wir wieder im Warmen waren, begann sie plötzlich, zu zittern?
„I…ich …“ Beschämt versteckte sie ihr Gesicht an meiner Brust. Den ganzen Weg zurück zum Schloss, hatte sie keinen Ton von sich gegeben. Aber solange ich ihrem Schnurren lauschen durfte, war mir das gar nicht weiter aufgefallen.
„Sie hat Angst, dass du sie wieder in den Kerker steckst, Bruder!“ Selbstsicheren Schrittes trat Nierwil um die Ecke und warf Rjna einen mitleidigen Blick zu.
„Nein.“ Wieso sollte ich? Ich schüttelte den Kopf und runzelte noch in derselben Sekunde die Stirn. Hatte sie vorhin nicht irgendwas von wegen Kerker genuschelt? „Du kommst wieder in meinem Zimmer unter.“
„Schwachsinn. Wir haben genügend Gästegemächer.“ Ich knurrte. Doch Nierwil liess sich davon nicht beeindrucken. „Wollen wir der Prinzessin dann nicht vielleicht die Möglichkeit einräumen, auch wie eine solche auszusehen?“ Tadelnden Tones fügte er etwas leiser hinzu: „Oder zu riechen?“
Trotz der gesenkten Stimmlage vernahm sie seine Worte klar und deutlich, denn sie verkrampfte sich augenblicklich.
„Das hat sie gehört“, knurrte ich erzürnt. Sowieso wollte ich meinen Bruder jetzt nicht in ihrer Nähe haben. Rjna trug unter meinem Umhang nichts am Leib! „Gib Alomis Bescheid. Ihr Fuss.“


































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