Kapitel 50 – Träume und Sehnsüchte
Kapitel 50 – Träume und Sehnsüchte
Aurelie
Zwei Wochen nach unserem kleinen Stelldichein auf dem Esstisch hatte sich ein gewisser Alltag eingependelt. Ich kochte, ging auf dem Markt einkaufen, brachte der Jägersfrau mit Elok zusammen die gejagte Beute und … wich Cyrus‘ Blicken aus. Seinen Blicken, die mich immerzu auszuziehen schienen, die mich verfolgten, wohin ich auch ging und mir eigentlich schmeichelten … eigentlich.
Es hatte der Abend Einzug gehalten. Und wie jeden Abend saßen wir zusammen, zu zweit am Tisch. Jeden Abend redeten wir über dies und das, während wir uns mein selbst gekochtes Essen munden ließen. Es hatte eben doch Vorteile, einmal Sklave gewesen zu sein … nun, oder so in der Art. Zumindest konnte ich deswegen kochen. Doch mein Verstand wiederholte Gedanken so lange, bis er auch in den letzten Winkel meines Bewusstseins eingebrannt war. War es deswegen? Die krankhafte Ekstase, die ich in meiner Unterdrückung fand? Weil ich einmal Sklave gewesen war? Einem bösartigen König gedient hatte? Oder viel eher seinem Sohn …
Mein Blick ging starr geradeaus. Die letzten Nächte hatten mich Träume geplagt. Welche vom Kerker. Welche, in denen Ashur mich zu seinem machte. In diesen Träumen war ich erwachsen; kein Kind mehr, wie ich es zu seinen Lebzeiten gewesen war. Dies alles musste also meiner Fantasie entspringen! Und doch fühlten sie sich so schrecklich echt an. Ich hatte es bildlich vor Augen, wie er mich demütigte, mir Schmerz zufügte und mich dabei nahm. Aber das Schlimmste war nicht sein Gemächt, das unaufhörlich in mich stieß, oder seine Fratze, die mir beim Aufwachen nicht mehr aus dem Geiste schwinden wollte. Das Schlimmste waren meine Schreie in diesen Träumen. Schreie, die vor Lust und Ekstase trieften. Schreie, die meinen Willen, von ihm erniedrigt und kontrolliert zu werden, laut stark kundtaten.
Lust und Angst verband sich in meinem Kopf zunehmend, und ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Ich hatte mein Essen noch nicht einmal angerührt. Heute sprachen wir nicht, sondern aßen schweigsam, jeder vertieft in seinen Gedanken. Und in der Zeit, die ich so vor mich hinstarrte, griff Cyrus bereits zum dritten Mal in Folge nach seinem Humpen.
„Schmeckt … es dir nicht?“, fragte ich zögerlich.
„Es ist …“ Cyrus trank einen Schluck und stellte den Humpen wieder ab. „Es ist etwas salzig.“ Als täte ihm die Aussage leid, verzog sich sein Gesicht gequält.
„Oh … entschuldige“, murmelte ich. Ausgerechnet das teure Salz. „Ich schaue, ob ich etwas anderes finde.“ Ich stand auf und lief zur Ecke in die kleine Küche. Etwas Schnelles …? Brot. Davon hatten wir noch, auch wenn es nur noch wenig und schon leicht angetrocknet war. Ich schnitt es in Scheiben und ging zurück zum Tisch. „Hier. Ich war beim Kochen wohl in Gedanken, verzeih.“ In einer fließenden Bewegung setzte ich mich wieder an meinen Platz.
„Was beschäftigt dich so sehr?“ Cyrus nahm das Brot, zupfte kleine Stücke heraus und warf sie in den Eintopf. „Denn du bist nicht erst seit vorhin in Gedanken. Du weichst mir aus, Nay.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Und ich frage mich, ob es ein Fehler war, mit dir geschlafen zu haben.“
„Was? Ich… ich… also…“ Zittrig schloss ich meine Augen und wandte den Kopf von ihm ab. „Du hast … nichts falsch gemacht, wenn du das meinst.“ Beschämt blickte ich auf meinen Schoß hinunter. „Es liegt nur an mir. Ich schlafe nicht so gut und dann ist da …“ Ich schluckte. „Naja, die Art wie … wir es getan haben.“
„Nay, du musst offen und ehrlich zu mir sein. Aber auch zu dir selbst.“ Er seufzte tief, blickte für einen Moment zu seiner Schüssel hinab und stocherte mit dem Löffel darin herum. Als er wieder aufsah, war sein Blick ernst. „Immer wieder ziehst du dich zurück, nachdem wir miteinander geschlafen haben. Vor allem, wenn du Neues ausprobiert hast und es dir gefiel. Und jedes Mal gebe ich mir die Schuld dafür.“
Eine Träne löste sich aus meinem linken Auge. „So ist es nicht!“, presste ich hervor. „Mit mir stimmt nur etwas nicht. Das muss dir doch klar sein …!“ Zittrig holte ich Luft. „Eben die Tatsache, dass mir das gefallen hat, ist … ist … krank!“ Schniefend wischte ich mir die Träne aus dem Gesicht. „Es fühlt sich befreiend an, wenn das jemand mit mir macht. Ich fühle mich dann gut! Aber es ist alles so falsch! Wie kann ich mich gut fühlen, wenn das, was man mit mir macht, erniedrigend ist? Mein Leben früher … die Versklavung, Ashur … das hat sich nicht gut angefühlt! Und doch war es dasselbe! Und dann sind da diese Träume…“ Schluchzend versteckte ich mein Gesicht in meinen Händen und schüttelte den Kopf. Das war einfach nicht mehr normal. Das war doch nicht gesund. Das war vollkommen realitätsfern. Geisteskrank.
Cyrus stand auf, ging um den Tisch herum und hockte sich neben mich. „Nein, es ist nicht dasselbe, Nayara.“ Seine Hand landete auf meinem Knie, während sein Blick ernst und beständig den Meinen suchte. „Es ist absolut nicht dasselbe. Denn das, was Ashur getan hat, diente dem Zweck, dich zu brechen, dir Schmerzen zuzufügen und dich schlecht fühlen zu lassen. Er wollte dir wehtun. Auf jede erdenkliche Weise. Er wollte dich erniedrigen und fühlte sich dadurch stark.“ Cyrus unterbrach seine Rede nur kurz, doch seine Augen blickten unentwegt zu mir auf. So ernst. Und doch war das sonst so kalte Grau-blau seiner Iris voller Wärme. „Ich will das komplette Gegenteil. Ich will, dass du dich wohlfühlst. Du sollst dich fallen lassen können. In dem Wissen, dass ich da bin, um dich aufzufangen. Und du weißt tief in dir, dass ich aufhören werde, wenn du es willst. Das heißt also, dass du immer und zu jeder Zeit die Kontrolle und die Macht hast. Aber du willst sie dennoch angeben. Eher unbewusst, denke ich.“
Er fand das normal? Mein Kopf schien wie leer gefegt. Immer wieder tauchten Bilder meiner Träume vor mir auf und wollten mir einreden, dass es normal war. Doch das war es nicht. Cyrus hatte selbst gesagt: Was Ashur gemacht hatte, das war nicht … das hatte nicht in meiner Hand gelegen. Zu keinem Zeitpunkt.
Mir fiel es schwer, Luft zu holen. Was eigentlich normal sein sollte und regelmäßig wie von selbst geschah, brauchte plötzlich einen Gedanken als Auslöser. Einatmen. Langsam und doch viel zu flach gehorchte die Luft meinem Befehl. Ausatmen. Genauso flach verließ sie mich wieder, so langsam, zu langsam. Gebrochen und mit spürbar spröden Lippen krächzte ich: „Halt mich fest, bitte.“
„Natürlich.“ Augenblicklich zog mich Cyrus von meinem Stuhl, setzte sich zugleich im Schneidersitz auf den Boden und bettete mich auf seinen Schoß. Sanft und kräftig zugleich legte er seine Arme um mich. Mit einer Hand streichelte er über meinen Rücken und spendete mir damit Wärme und Trost. „Nay“, flüsterte er an mein Ohr, „du bist eine wunderbare Ehefrau und eine gute Königin. Du musstest in zu jungen Jahren über dich hinaus wachsen und schon vor deiner Reife wichtige Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die selbst einem erwachsenen Vampir schwergefallen wären. Du musstest kämpfen, auf so vielen Ebenen. Warum schockiert es dich nun also, wenn du das Bedürfnis hast, dich in einem vertrauten Umfeld zu ergeben? Dich fallen zu lassen?“
Einst war er alles andere als das gewesen. Wie war es gekommen, dass er in so kurzer Zeit von meiner größten Angst zu … meinem zu Hause geworden war? „Und was ist das für eine Königin, die gern bettelt?“, schniefte ich, während ich mein Gesicht tief in seinem Nacken vergrub.
„Eine Königin, die vertraut, sich fallen lassen und die Führung abgeben kann, wenn sie will. Das kann auch eine Form der Freiheit sein, Nay.“ Sachte vergrub er seine Nase in meinem Haar. „Eine Königin, die selbst entscheidet, wann sie herrscht und wann sie, zugunsten ihrer eigenen Ekstase, beherrscht werden will.“
Es dauerte seine Zeit, bis ich seine Worte verarbeitet hatte. Ganz langsam nickte ich schliesslich. Also fand er es in Ordnung. Dann … „Kennst du andere, die das mögen? Oder bin ich damit allein?“, wollte ich unsicher wissen.
„Oh, ich hatte schon einige Frauen im Bett, die zunächst seltsame Wünsche äußerten. Frauen, die sich fesseln lassen wollten. Schläge ins Gesicht oder auf anderen Körperteilen. Ich wurde auch schon gebeten, meinen Samen ins Gesicht einer Frau zu spritzen. Oder … nun, ich wurde auch einmal gebeten, eine Frau, die vor mir gekniet hat, anzupinkeln.“
Hatte sich meine Mitte bei ersteren Aufzählungen irgendwie noch angespannt, erwartungsvoll zusammengezogen und Feuchtigkeit produziert, trocknete es zwischen meinen Beinen bei letzterem ganz schnell aus. „Ih! Pfui, Cyrus! Vergiss es, das ist ja ekelhaft!“ Entgeistert sah ich zu ihm auf, verließ meinen Platz auf seinem Schoß aber nicht.
Cyrus schmunzelte und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Jede Frau ist anders, Nay. Und jede Frau hat ihre ganz eigenen Grenzen.“ Seine Lippen auf meiner Stirn kräuselten sich. „Hast du schon mal einen Höhepunkt bewusst zurückgehalten?“
Meine Stirn runzelte sich verwirrt. Sowohl über den schnellen Themawechsel als auch über die Aussage selbst. „Nein? Wieso hätte ich das tun sollen?“ Oh. Aber war es nicht das, was Grellos mit mir gemacht hatte?
Cyrus löste sich von mir, legte eine Hand unter mein Kinn und schmunzelte, während er mein heiß glühendes Gesicht betrachtete. „Du weißt, wie gut mein Blut schmeckt, wenn du lange darauf verzichten musstest. Was glaubst du, wie gut sich ein Höhepunkt anfühlt, wenn du während des Aktes mehrmals darauf verzichten musstest? Wenn du dann kommen darfst, nachdem du dich so oft zurückhalten musstest?“
„A…ach so meinst du das.“ Und schon wieder war ich nass, sodass meine Flüssigkeit mir den Schenkel hinablief. Ich kam nicht umhin, mir vorzustellen, wie er mir einen um den anderen Orgasmus verwehrte. Und ich immer frustrierter würde …
„Du machst im Grunde genommen genau das Gleiche mit mir, Liebes.“
„Wie?“ Entgeistert sah ich ihn an. „Wie kommst du darauf?“
„Schon vor dem Akt. So wie jetzt.“ Er schob mich etwas auf seinem Schoß zurecht. Meine Augen weiteten sich als ich seine angeschwollene Männlichkeit unter mir spürte. „Nur allein der Geruch deiner Erregung bringt mich beinahe um den Verstand.“ Er schluckte. Fasziniert beobachtete ich, wie sein Kehlkopf hüpfte. „Und wenn ich in dir bin und sehe, wie sehr du es genießt … Wenn ich höre, wie du stöhnst, möchte ich diesen Moment so lange halten, wie ich nur kann. Ich halte meinen eigenen Höhepunkt zurück, damit du maximal zufrieden bist.“ Seine Mundwinkel zuckten kurz. „Ansonsten wäre das Vergnügen kurz und immer nur auf meiner Seite.“
„Oh …“ Wieso wusste ich davon nichts? Obwohl … „So hast du es früher gemacht, oder?“, fragte ich leise, den Blick gesenkt.
„Ja“, gab er zögernd zu. „Darauf bin ich wirklich nicht stolz, Nay. Ich wollte meinen Druck loswerden und du warst bloß ein Mittel zum Zweck.“
„Nein, das ist nicht richtig. Du bist bei meinem Anblick nicht einmal hart geworden.“
„Manchmal, wenn ich nicht in Stimmung war. Aber meistens reicht nur ein Blick von dir. Oder wenn du dir auf die Unterlippe beißt. Der Anblick deiner Fangzähne lässt meinen kleinen Freund regelmäßig zucken. Oft reicht es schon, wenn du nur rot wirst.“
Heute vielleicht. Damals aber fand er mich nur abstoßend. So wie ich ihn … gewissermaßen. Wann hatte sich das alles geändert? Wann hatte ich mich in diesen Dummkopf von König verliebt?



























































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