Kapitel 6 – Wohin jetzt?
Kapitel 6 – Wohin jetzt?
Aurelie
Als ich die Augen aufschlug, graute soeben der Morgen. Das Feuer zu meiner Rechten glomm noch schwach; seine Wärme hatte es verloren, sodass eine leichte Gänsehaut meinen Körper überzogen hatte. Der Arm, der mich von hinten umschlungen hielt, machte es wieder wett. Leise gurrend schmiegte ich mich in Cyrus’ Arme, inhalierte seinen Geruch und gab mir Mühe, nicht dabei zu stöhnen. Ich mochte meinen Mann nämlich, wenn er schlief. Dann war er nicht so verlangend. Ständig wollte er mich besteigen … Gut, vielleicht machte ich mit. Eventuell hatte ich auch nichts dagegen. Ganz versehentlich stachelte ich ihn allenfalls das eine oder andere Mal ein klein wenig dazu an. Denkbar, dass es auch unter Vorsatz geschah.
Zufrieden spürte ich das Kleben zwischen meinen Beinen und das wunde Gefühl, das nur zu genau in Erinnerung rief, was wir gestern Abend getan hatten. Ich liebte es, wenn er mich benutzte. Ja, ich wollte Befehle von ihm bekommen, wollte ihm gehorchen und mich von ihm anleiten lassen. In einem Teil meines Lebens wollte ich von der Pflicht, zu denken, befreit sein. Zeitgleich war ich mir stets darüber im Klaren, dass er das alles nur so lange machte, wie ich es wollte.
Meine Mundwinkel zuckten. Es würde sich furchtbar anhören, spräche man diese Gedanken laut aus. Ich wollte benutzt werden. Ihm gefallen und hören, wenn ich etwas gut machte. Ich mochte seine dominante Art – wenn wir Beischlaf hielten. In allen anderen Belangen konnte ich die Verantwortung nicht so einfach abgeben. Und ungeachtet des Gefühls des benutzt Werdens, fühlte ich mich keine Sekunde ungeliebt. So sanft wie er mich gestern berührt hatte … Gegen Ende hätte ich vor Schmerzen heulen können, aber ich hatte schlichtweg nicht gewollt, dass er aufhörte. Ich hatte dermaßen auf meinen eigenen und auch seinen Höhepunkt hingefiebert, dass der Schmerz untergegangen war. Zumindest, bis wir fertig gewesen waren. Da hatte er mich wieder überrollt. So schnell würden wir das nicht wiederholen.
Meine Gedanken führten mich zu dem kleinen Wunderwesen in meinem Leib. „Dir hat es nicht wehgetan, oder?“, flüsterte ich leise und legte meine Hand auf meinen Bauch, wo zu meinem Entzücken bereits schwer und warm die meines Verbundenen lag. „Nein, du bist eine kleine Kämpferin. Mamis und Papis kleine Prinzessin. Ganz egal, ob du als eine geboren wirst, oder wir uns irgendwann aufs Land zurückziehen und ein Stück davon bewirtschaften. Dein Papa würde sich sicher gut als Bauer machen, findest du nicht? So ganz ohne Hemd käme er vom Feld zurück, weil er zu sehr geschwitzt hat. Und dann erwartet er auch noch, dass ich mich mit meinem Gift zurückhalte …“
Cyrus brummte verschlafen neben mir und sein Daumen streichelte über meinen Bauch. „Ohne Hemd, weil ich geschwitzt habe?“ Ein leises, amüsiertes Schnaufen kam über seine Lippen. „Heißt das, du magst den Geruch von meinem Schweiß so sehr, dass du mich mit deinem Gift markieren willst?“
Erschrocken zuckte ich zusammen, ehe ich mich tiefer in seine Arme schmiegte. „Nein, ich mag deinen oberkörperfreien Anblick. Obwohl, dem unterkörperfreien kann ich auch nicht widerstehen …“ Leise stöhnend drehte ich meinen Kopf herum, sodass ich seinen Geruch in mich aufnehmen konnte. „Wieso genau erlaube ich dir überhaupt noch Kleidung zu tragen?“
„Damit dieser Anblick nur die gehört“, raunte er mir entgegen. „Du teilst höchst ungern.“
„Stimmt, da hast du recht.“ Hatte er. Es gab keinen Grund, es zu leugnen. „Du bist meins.“ Hätte er kein Oberteil an, hätte ich ihm jetzt in die Brustwarze gebissen.
„Warum haben wir das nicht schon früher erkannt?“ Seine Lippen legten sich auf meinen Scheitel.
„Dass du mir gehörst?“, brachte ich amüsiert an. Mir war durchaus bewusst, dass eine Person keiner anderen gehören konnte. Nicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Aber was, wenn er mein Herz gestohlen hatte? Und ich mir im Gegenzug seins? Fairness musste sein.
„Dass wir zusammen gehören. Vielleicht hat der Hohepriester doch recht und die Sterne standen in dieser einen, falschen Zeremonie wirklich perfekt.“ Er legte sich bequemer hin, sodass er mir noch mehr Wärme spenden konnte.
„Es ist mir egal, wie die Sterne standen.“ Süchtig nach seinem Geruch drückte ich meine Nase in sein Oberteil. „Es ist mir egal, was die Götter wollen.“ Tief atmete ich ein und aus.
Wenig später machten wir uns auf. Cyrus nahm mich Huckepack, die Vorräte trug er auf seiner Bauchseite. Beschämend kraftlos hingen meine Arme über seinen Schultern. Ich heilte, aber nicht schnell. Und doch nahm die Heilung, so langsam sie auch sein mochte, kombiniert mit der Schwangerschaft, mir dermaßen viel Energie, dass ich den ganzen Tag schlafen könnte.
Meist liefen wir durch den Wald, was Cyrus aber schnell ermüdete. Der unebene Boden, das Gestrüpp und die umgefallenen Baumstämme machten ihm das Leben schwer. Manchmal versuchte ich, müde scherzend ihn aufzumuntern, doch generell verlief unsere Wanderung eher schweigsam und bedrückt.
Bei Leonards Familie hatten wir schon einige Male darüber gesprochen, was uns beide beschäftigte. Jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis. Wir wussten nicht, wer uns verraten hatte. Wir kannten unseren Feind nicht, und das machte ihn umso gefährlicher. Den Rat hatten wir ausgeschlossen. Ich hatte seine Berater verdächtigt, er hatte Gilead in Verdacht gezogen – schlussendlich mussten wir uns eingestehen, dass wir die Schuld keinem von ihnen zuschieben konnten. Unser Reich, unsere Verantwortung. Der Rat hatte uns ganz sicher nicht verraten. Aber wer sonst hatte solch heikle Informationen? Wie waren unsere Wachen überlistet worden?
„Ich frage mich mittlerweile, ob du wirklich sesshaft werden magst oder das Leben eines Nomaden liebgewonnen hast.“
„Soll das ein Scherz sein, Liebster?“ Gurrend drückte ich mein Gesicht in seine Halsbeuge. „Ich liebe das einfache Leben. Wir bräuchten nicht die ganze Zeit zu reisen – schon gar nicht in einer Kutsche – aber die Freiheit dazu macht es doch erst so schön. Im Palast sind wir eingesperrt.“ Gedankenverloren kaute ich mir auf meiner Unterlippe herum. „Als ich damals blutüberströmt aus der Stadt zurückgekommen bin … da war ich das erste Mal wirklich dort. Das erste Mal unter Leuten. Ich habe das erste Mal die Hauptstraße und ihre Geschäfte gesehen. Habe mich das erste Mal überhaupt irgendwie normal gefühlt …“
„Als König und Königin sind wir alles andere als normal. Wenn wir die Krone allerdings wirklich verloren haben, dann ist unser Leben fortan keine Reise, sondern nur noch eine ständige Flucht.“
„Bis zum bitteren Ende. Sagen die Menschen es nicht so in ihren Gelübden?“
„Das Ende muss nicht immer bitter sein, auch wenn es der Tod oft ist. Die Menschen leben ein so kurzes Leben. Sie sterben, bevor sie wirklich angefangen haben zu leben. Da wundert es mich, dass sie den Tod fürchten.“
„Tja.“ Ich platzierte einen sanften Kuss in seinem Nacken. „Dann eben bis zum süßen Ende. Betrachte es als ernst gemeinten Blutschwur“, wisperte ich.
Es ging einen leichten Abhang hinab und Cyrus hatte Mühe, den Schritt gleichmäßig zu halten. Immer wieder sah er zu den Bäumen und betrachtete das Moos, das dort wuchs. „Wir sind gerade erst am Anfang, Liebste. Wieso also schon über das Ende reden? Viel lieber würde ich mit dir über die nächsten Jahrhunderte reden. Über all die Dinge, die wir machen können.“
Und er würdigte meine Worte keinerlei Aufmerksamkeit … Irgendwie versetzte mir seine Gleichgültigkeit deretwegen einen Stich ins Herz. Ich seufzte tief. Die Enttäuschung in meinem Innern beiseiteschiebend, sprach ich leise: „Dafür müssen wir erst einmal überleben. Was hast du eigentlich vor? Wohin bringst du uns?“ Darüber hatten wir noch nicht gesprochen.
Cyrus blieb stehen. Rutschte aber noch ein Stückchen den Abhang hinab. „Herzog Lelier. Ich hatte auch an Markgraf Irming gedacht, aber der ist wahrscheinlich nicht mehr im Goldenen Reich.“
„Lelier? Cyrus, wieso bei den Göttern denn Lelier?!“ Ich verkrampfte mich, was mich sogleich schmerzhaft keuchen ließ.
„Weil er uns die Treue geschworen hat, schon vergessen? Und vielleicht hat er noch alte Kontakte. Vielleicht weiß er, wer hinter dem feigen Angriff steckt.“ Cyrus ließ mich herunter, legte beide Hände an seinen Rücken und beugte ihn durch.
„Aber … Nein! Selbst wenn er uns die Treue geschworen hat …“ Ich stotterte. „Wer versichert uns, dass er es bei unserem Feind nicht ebenfalls getan hat?! Seine Frau hasst uns und er selbst musste sich unseretwegen mit Menschen abgeben! Was, wenn er an dem Angriff beteiligt war? Dann laufen wir ihnen direkt in die Arme!“
„Er ist mit seiner Frau und seinem Kind allein in dem Herrenhaus. Von den Dienern mal abgesehen. Falls er uns wirklich verraten würde, würde er das Leben seiner Familie riskieren. Der Familie, deretwegen er uns die Treue schwor.“ Cyrus legte eine Hand an meine Wange und sah mir tief in die Augen. „Wir können ihm vertrauen. Ich hatte viel Zeit, mit ihm zu reden. Aber wenn du einen anderen Vorschlag hast, wohin wir gehen können …“
In meinem Kopf ratterte es. Auf keinen Fall wollte ich zu Lelier. Er hatte mir damals bei der Entführung geholfen, ja, aber doch nur aus dem Affekt heraus. Einsichtig hatte er sich ebenfalls erst dann gezeigt, als er seinen Sohn in den Händen halten wollte – was ich ihm auch gönnte, nur schürte das nicht zwingend Vertrauen. Ginge es nur um Cyrus und mein Leben, dann hätte ich es vermutlich gewagt. Aber nicht mit unserem Kind im Leib!
Ich schüttelte den Kopf. Nein, zu ihm wollte ich wahrlich nicht. Viel zu groß die Gefahr des Verrats! Aber wohin sonst? „Was sind überhaupt unsere nächsten Schritte?“, fragte ich verzagend. „Es bringt nichts, einen Ort auszuwählen und dann doch nichts zu tun. Dann könnten wir genauso gut unter freiem Himmel schlafen und uns irgendwo hier eine Hütte bauen.“
„Und das Volk im Stich lassen? Nay, wir waren uns einig, dass Sklaverei abgeschafft werden muss. Wir wollten der Korruption und Bestechung ein Ende bereiten. Wir wollten das Reich neu aufbauen! Nach unseren Wünschen. Ist dir das nicht mehr wichtig?“
Ich biss mir auf die Lippe und schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn ich dafür mein Kind in Gefahr bringe. Nicht ohne Plan. Wir brauchen einen Plan, Cyrus! Was bringt es uns, wenn wir ohne einen bei Lelier auftauchen? Am Ende verrät er uns und wir haben nichts! Ich will nicht noch einmal ein Schwert im Rücken haben!“ Meine Hände hatten sich halt suchend in meine Bauchdecke gekrallt. Die Wölbung und der Herzschlag des kleinen Wesens in mir gaben mir Hoffnung und brachten mich zeitgleich zum Verzweifeln. „Ihm darf nichts geschehen!“, hauchte ich kopfschüttelnd, mit Tränen in den Augen. Und wenn ich dafür mein Volk im Stich lassen müsste …
„Aber ohne Verbündete kommen wir nicht weiter, Liebes.“ Cyrus strich mir sachte eine Strähne aus dem Gesicht. „Lelier hat alles für seinen Sohn getan. Er ist Vater. Deswegen wird er auch alles für uns tun.“
In meinem Kopf überholten sich die Gedanken einer um den anderen. Alles überlagerte sich, mein Verstand kam nicht hinterher und meine Schläfen pochten schmerzhaft. Zischend sank ich zu Boden, wobei ich mir mit einer Hand an den Kopf griff und mit der anderen an den Bauch. Die Wunde ziepte und zog. Jedes Mal, wenn ich meinen Bauch anspannte, könnte ich aufschreien.
Cyrus ging vor mir in die Hocke. Seine Stirn war sorgenvoll gefurcht. Beide Hände legte er an meine Oberarme. „Wir können dieses Königreich nicht zu zweit zurückerobern. Wir brauchen jemanden, der für uns schaut, wie es in der Stadt aussieht. Wir brauchen zuverlässige Quellen aus dem Schloss. Aber weder du noch ich können dies in Erfahrung bringen.“
Dieses Königreich konnte mich mal kreuzweise! Was hatte es mir je gebracht? Stress, Leid, Furcht und Schmerz. Und Liebe. Ergeben seufzte ich. „Ich weiß.“
Seine Hände wanderten zu meinem Gesicht. Innig presste er seine Lippen auf meine. „Also zu Herzog Lelier?“
Eine Weile kaute ich unschlüssig auf meiner Unterlippe herum. „Du spielst Kanonenfutter.“ War das gemein? „Ich liebe dich, aber sollte das ein Hinterhalt sein, bist du da schneller wieder weg, als wenn du mich tragen musst.“
Cyrus nickte ernst. „Ja, ich hatte auch im Sinn, dass du in der Nähe wartest und ich dort alleine hingehe. Wenn er nicht unser Feind ist, kann er zu einem wertvollen Verbündeten werden.“ Noch einmal zog ich meinen Verbundenen zu einem beruhigenden Kuss heran, dann ließ ich mir von ihm aufhelfen und mich hochheben, sodass unsere Reise fortgesetzt werden konnte.


























































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