Kapitel 7 – Ankommen bei den Leliers
Kapitel 7 – Ankommen bei den Leliers
Cyrus
Es dauerte zwei weitere Tage, bis das große Herrenhaus von Herzog und Herzogin Lelier in Sichtweite kam. Mit der Kutsche hätten wir die Strecke schnell zurückgelegt, aber da ich bewusst einen Umweg um Dörfer und Siedlungen machte, zog sich der Weg. Zum Glück war es nachts warm genug. Dennoch wäre es gut, wenn Nayara bald wieder in einem vernünftigen Bett schlafen und ein Bad nehmen könnte. Von einer ausgewogenen Mahlzeit mal abgesehen.
Ein kleines Waldstück vor dem Anwesen gab uns Schutz. Hier konnte ich Nayara guten Gewissens zurücklassen. Da später Nachmittag war, entschied ich mich dafür, diese Nacht noch hier zu bleiben. So hatte ich Gelegenheit, erst zu beobachten, was im Herrenhaus vor sich ging.
Ich setze Nayara auf dem Boden ab, sodass sie sich an einen Baum lehnen konnte. „Ich hole Feuerholz. Hast du Hunger? Dann versuche ich, zu jagen.“
„Was, wenn sie das Feuer sehen?!“ Panisch schüttelte sie den Kopf. Ihre Hand fuhr rastlos über ihren Bauch. Das hatte sie die letzten zwei Tage immer häufiger getan. Ihre Gedanken rastlos, ohne Pause und Halt.
„Das Feuer werden sie so oder so sehen. Oder zumindest den Rauch. Aber wie du siehst, steht aktuell keine Kutsche vor dem Gebäude. Das heißt, es ist kein Besuch da. Es könnte höchstens ein Diener ausgesandt werden, der nach dem Rechten sehen soll. Und so einer wird uns kaum Schwierigkeiten bereiten.“ Tatsächlich war das sogar mein Plan. Vielleicht wurde sogar ein Grigoroi geschickt. Das wäre perfekt. Aber wenn Nayara von diesem Plan wüsste, bekäme sie Zustände.
Schluckend und kopfschüttelnd vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen. Von Emotionen überflutet, begann sie zu weinen.
„Ach, Nay“, stieß ich seufzend aus. Sie war doch sonst nicht so ängstlich. Aber die letzten Tage … Ich nahm sie in den Arm und zog sie ganz dicht an mich. „Das Feuer machen wir heute Abend erst an, wenn ich da bin. Und morgen früh lösche ich die Glut sofort. Dann suchen wir einen neuen Ort, wo du auf mich warten kannst, während ich zu Lelier gehe.“ Schniefend nickte sie gegen meine Brust, ließ mich aber nicht los. Fest hielt sie sich an mich geklammert, als befände sie sich in einem Sturm, der, ließe sie los, sie haltlos mit sich reißen würde. Also setzte ich mich etwas bequemer hin und zog sie auf meinen Schoß. „Es wird alles gut, Nay. Ich werde nicht lange weg sein.“
Es dauerte seine Zeit. Immer wieder schluchzte sie auf, wimmerte und weinte. Versteckt in meiner Halsbeuge und umschlungen von meinen Armen, ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf.
Irgendwann wurde sie wieder ruhiger. „Es wird alles gut. Es wird alles gut“, flüsterte sie vor sich hin und wiederholte meine Worte wie ein verzweifeltes Mantra. „Es tut mir leid, ich weiß nicht, wieso ich so bin …“, schniefte sie und schüttelte wieder den Kopf. „Es ist alles zu viel.“
„Vermutlich willst du einfach nur ein kleines Nest für unser Kind bauen. Einen Ort, an dem es heimisch ist, ohne Gefahr, Verrat und Intrigen. Und das ist vollkommen verständlich.“ Während ich sprach, strich ich ihr sanft über den Rücken. „Aber wir können das Goldene Reich zu solch einem Ort machen. Wir werden Gefahr, Verrat und Intrigen ausmerzen, damit nicht nur unser Kind, sondern alle Kinder in Zukunft sorglos und frei aufwachsen können. Ganz gleich, ob Vampir oder Mensch. Aber dafür müssen wir erst ein wenig zurückstecken.“ Mehr als ohnehin schon. Doch diesen Gedanken behielt ich für mich. Die Flucht war einfach gewesen. Das, was vor uns lag, war steinig, anstrengend und vor allem langwierig.
Sie nickte stumm. „Na los.“ Schwach stieß sie mich von sich und kletterte von meinem Schoß. „Du musst Holz suchen gehen, um ein Feuer zu machen, das uns verrät.“
Diese Frau war klüger, als gut für sie war. „Bevor es noch dunkel wird, ja.“ Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und stand auf. „Bin bald wieder zurück.“
Tatsächlich brauchte es nicht lange, um ein Tier zu finden und zu fangen. Hungrig biss ich dem Fuchs ins rostrote Fell am Hals und trank. Anschließend hing ich ihn zum Ausbluten an einem Baum auf. Danach schlich ich mich zum Herrenhaus der Leliers.
Es war ruhig. Nur vier Pferde standen im Stall, inklusive einer Kutsche. Demnach war wirklich niemand zu Besuch. Im Innern des Hauses gingen Diener ihrem Tagewerk nach. In der Küche herrschte reges Treiben, immerhin würde bald das Abendessen aufgetischt werden. Ein Kuchen stand so verlockend am offenen Fenster, dass ich ihn mir einfach nahm und damit wieder verschwand.
Zurück am Wald suchte ich erst Nayara auf, die mich erleichtert und tadelnd zugleich ansah, als ich ihr den Kuchen unter die Nase hielt. Mit zusammengekniffenen Augen verschränkte sie die Arme. „Hättest ihnen ja auch gleich sagen können, dass wir hier sind! Jetzt fällt ihr Nachtisch aus. Sicher sind sie überglücklich und uns wohlgesinnt!“
Ich musste fast lachen, denn die ganze Ansprache lang hatte sie kein einziges Mal den Blick vom Kuchen abgewandt. Stattdessen leckte ihre Zunge fast schon flehend über ihre Lippen, während ihr Mund derart viel Spucke produzierte, dass sie immer wieder schlucken musste.
„Ich konnte bei dem Kuchen nicht widerstehen. Aber früher hast du freudiger reagiert.“ Ich legte ihr den Teller mit dem Kuchen auf den Schoß und zwinkerte. „Iss aber bitte nicht alles auf einmal auf. Ich hole eben Feuerholz und bereite das Tier vor, damit wir es nachher über dem Feuer braten können.“
Ihre Züge wurden weich. „Du wolltest mich also freudig sehen?“
Ein melancholisches Lächeln schlich sich auf meine Lippen, als ich daran denken musste, wie sehr ihre Augen früher bei der Aussicht auf Kuchen gestrahlt hatten. Oder als ich ihr erlaubt hatte, Hosen zu tragen. Diese kindliche Freude damals war mir in gestochen scharfer Erinnerung geblieben. „Natürlich. Ich dachte, der Kuchen zaubert ein Lächeln auf dein Gesicht.“ Ich beugte mich wieder zu ihr herunter. „Aber es reicht mir, wenn du lächelst, während du ihn isst.“
Sanft platzierte sie einen Kuss auf meiner Nasenspitze und lächelte schwach. „Danke.“
„Siehst du, du kannst ja doch lächeln.“
Feuerholz war schnell gesammelt und der Fuchs ausreichend ausgeblutet. Ich nahm ihn direkt an Ort und Stelle aus. So konnten wilde Tiere die Überreste hier fressen und würden nicht in unser Lager kommen. Zudem wollte ich Nayara den Anblick ersparen, sollte sie wirklich schon vom Kuchen naschen.
Wenig später kam ich zurück und machte mich sofort daran, ein Feuer zu entzünden. Dabei spähte ich zum Kuchen. Sie hatte ordentlich zugelangt. Als mein Blick ein Stück weiter hochglitt, erkannte ich Nayara, die roten Wangen mit einem Blick zum Wald hin kaschierend.
„Hast du überhaupt noch Hunger?“, erkundigte ich mich belustigt und pustete vorsichtig gegen die kleine Flamme, um das Feuer anzufachen. Dann legte ich nach und nach Stöcke dazu.
„Aber natürlich! Schließlich esse ich für zwei! Und deine Tochter ist halt eine Naschkatze, dafür kann ich doch nichts!“ Die Nase hocherhoben und den Mund spitzig verzogen, drehte sie sich um und verschränkte zusätzlich noch die Arme. Unter ihren Armen wölbte sich mir ihr Bauch entgegen. Zwar war die Wölbung noch nicht überragend, aber deutlich zu sehen allemal.
Tochter, so so. Vielleicht wuchs ja auch ein Junge in ihr. Aber darüber würde ich mich sicher nicht mit ihr streiten.
Es dauerte eine Weile, bis sich genügend heiße Glut angesammelt hatte, damit ich das Fleisch darüber braten konnte. Nayaras Kräfte spannen herum, manchmal hatte sie Zugang zu ihnen und manchmal nicht, somit oblag es mir, das Fleisch zu braten. Der herzhafte Geruch ließ meinen Magen knurren.
Nay war mittlerweile zu mir gerobbt und hatte sich spürbar müde seitlich an mich gelehnt. „Was hast du beim Haus gesehen?“
„Es ist niemand zu Besuch. Ein paar Diener habe ich gesehen. Nichts Auffälliges. Und das Essen, das sie zubereitet haben, war auch nur für wenige Personen.“ Da das Fleisch über dem Feuer hing und ich nur warten konnte, bis es fertig war, machte ich es mir möglichst bequem auf dem Waldboden. Einen Arm legte ich um Nayaras Schultern, den anderen legte ich auf ihren Bauch. „Morgen früh werde ich den Leliers einen Besuch abstatten.“
Ich spürte sie nicken, aber ebenso, wie sie fast unmerklich begann, zu zittern. „Aber sei bitte auf der Hut. Ich kann dich nicht verlieren, Cyrus.“
„Natürlich.“ Ich drückte sie noch enger an mich.
Als das Fleisch gar war, aßen wir zusammen, ehe wir uns über den kläglichen Rest des Kuchens hermachten. Nayara kuschelte sich an mich. Satt, zufrieden und müde. Ihre Augen fielen rasch zu, während ich die ganze Nacht wach blieb. Ich wollte nicht überrascht werden. Doch es blieb ruhig. Im Morgengrauen weckte ich meine Verbundene. Sie grummelte leise, rieb sich den Schlaf aus den Augen und erinnerte mich erneut daran, vorsichtig zu sein.
Wenig später war ich auf dem Weg zum Herrenhaus der Leliers. Noch immer war es ruhig. Vom tüchtigen Werken der Diener abgesehen. So dauerte es nicht lange, bis sich die Tür öffnete, gegen die ich zuvor geklopft hatte.
„Guten Morgen“, grüßte ich den Diener. „Ich wünsche Herzog Lelier zu sprechen.“
Die Augenbrauen des Mannes hoben sich, während sein Blick an mir auf und ab glitt. Seine Mundwinkel verzogen sich unmerklich. Zugegeben, mein letztes Bad schien Ewigkeiten her zu sein, und meine momentane Kleidung war kaum meinem Stand angemessen. „Und wer seid Ihr?“
„Cyrus aus dem Geschlecht des Ora-Fides, König des Goldenen Reiches.“
Der Mann blinzelte mehrmals. Offenbar war er sich nicht sicher, ob er mich auslachen oder sich vor mir verbeugen sollte. Tatsächlich tat er nichts dergleichen. „Wartet bitte hier“, entgegnete er stattdessen und schlug die Tür vor meiner Nase zu.
Ich erblickte Nayara schon von weitem, wie sie ohne Ruhe zu finden, im Wald wo ich sie zurückgelassen hatte, hin und her lief. Immer wieder schüttelte sie den Kopf, fasste sich an die Schläfen oder stiess leise Worte aus, die stark an Flüche erinnerten.
Das Pferd unter mir wieherte. Nay blickte auf. „Cyrus …“
Kurz vor ihr stoppte ich das Pferd. „Entschuldige, dass es so lange gedauert hat. Lelier und ich haben lange geredet.“
Erleichtert ausatmend legte sie ihre Wange an mein Schienbein. „Den Göttern sei Dank.“
Ich runzelte die Stirn. Sie hatte Mühe, ihr Gleichgewicht zu halten. Wie lange war sie auf den Beinen gewesen, anstatt sich weiter auszuruhen? Ich rutschte im Sattel zurück, löste einen Fuss aus einem Steigbügel und hielt ihr die Hand hin. „Schaffst du das so, oder soll ich runterkommen und dir aufhelfen?“ Das Pferd blieb ruhig stehen und erfreute sich an dem wenigen Gras, das dem Waldboden entspross.
Die Lippen zusammenpressend schwang sie sich aufs Pferd. Ein schmerzhaftes Keuchen verliess meiner Verbundenen Mund, als sie sich erschöpft an mich lehnte.
Mit meinen Armen umfasste ich sanft ihren Oberkörper und zog ihn an meine Brust. „Du weißt, dass ich dir geholfen hätte, oder?“ Vorsichtig legte ich meine rechte Hand an ihre Seite. „Geht es wieder?“
„Wird“, keuchte sie leise. Murmelnd, fügte sie hinzu: „Außerdem bin ich schon unfähig genug.“
Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Diese Frau war sturer als ein Esel. Und liebenswürdiger als jedes andere Wesen dieser Welt.
Wenig später fanden wir uns im Salon der Leliers wieder. Nayara hatte es sich auf meinem Schoss bequem gemacht und klammerte sich an mich, als befürchte sie, man könnte mich ihr wegnehmen.
„Ich verlasse dich nicht“, murmelte ich leise und strich ihr beruhigend durchs spröde Haar. Doch zeigten meine Worte kaum Wirkung.
Dampfend heisser Tee wurde serviert, dazu leichtes Gebäck. Kaum war das Dienstmädchen verschwunden, öffneten sich die Türen zum Salon erneut. Dieses Mal betraten Herzog Lelier und seine Frau den Salon. Die Herzogin blickte sichtlich ungläubig drein, als sie uns in dreckiger, teils blutiger Kleidung auf ihrem einst sauberen Sofa sitzen sah, zudem … Nay doch recht unköniglich wirkend auf meinem Schoss sass und ihr Gesicht in meinem Nacken versteckte. Der Herzog deutete eine Verbeugung an, während seine Frau stocksteif stehen blieb.
Zögerlich löste Nay ihr Gesicht aus meiner Halsbeuge und blickte auf. „Verzeiht die Störung“, murmelte sie kaum hörbar. Ihr Körper zitterte.
„Nicht doch … Ihr stört keineswegs, Majestät“, beteuerte Herzog Lelier sofort. „Euer Besuch ist uns eine Ehre.“ Er kam auf uns zu und setzte sich nach kurzem Zögern in einen Ohrensessel. Unmerklich rümpfte er die Nase. „Euer Gatte, der König, berichtete uns bereits davon, dass Ihr für einige Tage ein warmes Bett und neue Kleidung benötigt. Auch sollte das Bad bald fertig sein.“
„Danke“, entgegnete ich knapp.
Der Herzog sah zu seiner Frau, die an der Tür stehen geblieben war. Dann wandte er sich uns wieder zu. „Was euch zugestossen ist, tut uns zutiefst leid. Ich habe meine Frau mit ins Vertrauen gezogen, mein König. Ich hoffe, das war in Ordnung.“ Ich nickte knapp. „Nun denn, wie kann ich dienen?“
Müde blickte Nay zu mir auf, wandte sich dann aber dem Herzog zu: „Wurdet Ihr vielleicht angefragt, ob Ihr an einer erneuten Revolte interessiert wärt? Denn uns fällt niemand ein.“ Sie atmete angestrengt. „Irgendjemand muss uns verraten haben. Und das in einer hohen Position, sonst wäre der Überfall nicht so reibungslos verlaufen. Fast schon wie damals im Thronsaal … aber da wusste das ganze Volk, dass ich dann dort wäre. Jetzt jedoch … woher wussten sie von der Ratssitzung …? Und wer? Fällt Euch jemand ein, Lelier?“
Das Gesicht des Herzogs wurde zu einer undurchdringlichen Maske. „Es hieß, das Königspaar sei immer noch verschwunden oder auf Reisen. Manche Gerüchte besagen, ihr wäret gestorben. Aber mir kam auch zu Ohren, der Rat habe einen Putsch gewagt und die Krone an sich gerissen.“
Nay runzelte die Stirn. „Wer aus dem Rat hätte so gehandelt? Ich kann mir beim besten Willen keinen vorstellen.“
Zumal“, wandte ich ein, „der Rat ebenfalls abgeführt wurde. Das kann natürlich eine Farce gewesen sein. Aber das glaube ich nicht. Die Überraschung und der Schock in den Gesichtern waren echt.“
Die Herzogin trat zwei Schritte näher und erhob zum ersten Mal in diesem Gespräch die Stimme: „Ich habe Verbindungen ins Schloss. Zur neuen Akademie Seiblings.“
„Gilead hat eine Akademie eröff …? Natürlich hat er das“, sprach Nay mit einem Lächeln. Nachdenklich starrte sie vor sich hin. „Aber Gilead wird das gleiche Schicksal wie den Rest des Rates erwarten. Oder erwartet haben?“ Ihre Augen weiteten sich. „Habt Ihr Informationen darüber, was mit dem Rat geschehen ist?“
„Der Rat regiert. Angeblich. Aber es ist nicht möglich, einen von ihnen zu sprechen“, entgegnete der Herzog. „Alle Hilfslieferungen an Menschen gestoppt.“
„Hilfslieferungen?“, hakte ich nach.
Der Herzog nickte. „Der Winter war sehr streng und lang. Vor allem für die Menschen. Sie wurden krank, die Ernten fielen aus und sie brauchten Hilfe. Der Rat tat alles, um gerecht zu handeln. Doch nun haben sie diese Hilfe eingestellt und sagen, die Menschen sollten wieder in der Lage sein, selbst für sich zu sorgen.“
Nayara stieß ein wütendes Knurren aus. „Verdammte Schweine!“
„Nay …“ Sachte strich ich ihr über den Arm.
„So gern die Herrschaften sicher weiterreden möchten, so sollte Ihrer Majestät aufgrund ihrer Umstände doch etwas mehr Ruhe gegönnt werden“, mischte sich die Herzogin bestimmter Miene ein.
Nayara machte sich ganz klein. Die Situation war ihr unangenehm. Und sie zu müde, um sich damit richtig auseinanderzusetzen.
„Absolut. Ihr erwähntet, dass ein Bad hergerichtet wurde?“
Wenig später saßen Nayara und ich in einem Gästezimmer mit eigenem Bad und Kaminzimmer sowie einem Schlafzimmer mit großem Bett. Es war alles geschmackvoll eingerichtet. Dunkle Möbel, helle Wände, bunte Teppiche und Stoffe. Getränke und Speisen wurden uns in das Wohnzimmer gebracht; im Schlafzimmer lag saubere Kleidung bereit.
Nayara war direkt in dem angrenzenden Badezimmer verschwunden, in dem ein großer Zuber mit dampfendem Wasser stand und eine große Auswahl an Seifen ausgelegt worden war. Ich trug einen schlichten Stuhl aus dem Kaminzimmer ins Bad und setzte mich schräg gegenüber des Zubers. „Soll ich dir helfen?“
Müde gab sie ein Nicken von sich, drückte mir den Schwamm in die Hand und drehte mir sitzend im Zuber den Rücken zu.
Ich nahm ihr den Schwamm aus der Hand. Vorsichtig wusch ich ihren Körper, nahm immer wieder von der Seife und entfernte den ganzen Dreck der letzten Tage von ihrer hellen Haut. Im Anschluss richtete sie sich schwerfällig auf, damit ich auch an ihren Unterkörper herankommen konnte. Immer wieder blickte ich skeptisch auf ihre Wunde. Die Krusten weichten schon auf. „Es wird sicher anfangen zu bluten, wenn du dich abtrocknest.“
Sie brummte. Ein stures ‚Nein’ ließ meine Mundwinkel zucken. Mittlerweile stützte sie sich mit ihren Armen an meinen Schultern ab, um ihr eigenes Gewicht halten zu können. „Hat das bei dir auch so lange gedauert? Drei Wochen sind es schon.“
„Du meinst die Wunde an der Schulter? Das war eine reine Fleischwunde. Ein wenig Haut, ein paar Sehnen und verletzte Muskeln. Nicht vergleichbar damit, den ganzen Körper durchstochen zu bekommen, Nayara.“ Ich machte ihre Haare nass und verteilte danach großzügig Seife darauf.
Ein zynisches Lachen entkam ihr. „Stimmt. Mit mir wollten sie Königin am Spieß spielen. Über dem Feuer geröstet, hätte ich sicher hervorragend geschmeckt!“
Nein. Wer auch immer sie feige von hinten erstochen hatte, hatte den zweiten Herzschlag in ihr gehört und dem Leben in ihr ein Ende setzen wollen. Aber das konnte ich Nayara nicht sagen. „Erstaunlich, wie viele Mordversuche du bereits in deinen jungen Jahren hinter dir hast. Mich wollte man nur einmal ermorden. Und bestimmt ein, zweihundert Mal töten.“
„Worin machst du den Unterschied?“
„Töten ist meist aus dem Affekt heraus. Ein Entweder-oder. Ermorden erfordert Kalkül und geht mit dem Wissen einher, dass man selbst weiterlebt. Es kann spontan erfolgen oder sogar von langer Hand geplant sein. Aber solange das Leben des Täters nicht gefährdet ist, während er zum tödlichen Schlag ausholt, ist es Mord.“
„Aber ich hatte ja auch das Schwert gegen ihn erhoben, also …“ Sie seufzte schwer. „Ich bin zu müde, für solche Gespräche. Bin ich fertig?“
Ich nickte leicht und verkniff mir die Bemerkung, dass sie in dem Moment, wo der Mann sie feige von hinten erstochen hatte, keine Bedrohung für ihn war. Sie war ihm abgewandt gewesen.
Ich hatte Nayara in ein kuscheliges Handtuch gepackt und sie ins Bett gelegt, mit der Anweisung, sie solle noch etwas von dem Essen zu sich nehmen. Doch als ich selbst, nur mit einem Handtuch um die Hüfte gewickelt, wieder aus dem Badezimmer trat, hatte Nayara die Speisen nicht angerührt. Die Reise musste sie mehr ausgelaugt haben, als sie es gezeigt hatte. Jetzt lag sie friedlich schlafend da, das ruhige, entspannte Gesicht in meine Richtung gewandt.
Bei dem Anblick musste ich lächeln. Ohne sie zu wecken, stellte ich das Tablett beiseite und zog ihr die Bettdecke höher, auf dass sie auch ja nicht frieren möge. Danach nahm ich die Kleidung, die uns herausgelegt worden war, und kleidete mich an. Mit einem letzten Blick zu Nayara verließ ich das Schlafzimmer.
Herzog Lelier fand ich in der Bibliothek. Er deutete auf einen freien Stuhl im gegenüber. „Meine Glückwünsche. Vorhin war das Thema zu ernst, um die Schwangerschaft zu erwähnen. Zumal ich erst glaubte, ich hätte mich verhört. Ihre Majestät ist immerhin noch ausgesprochen jung.“
„Danke. Ein Geschenk der Götter, das wohl“, entgegnete ich schwammig. „Wir brauchen Informationen aus der Stadt und auch aus dem Schloss. Wir müssen wissen, was mit dem Rat geschehen ist. Leben seine Mitglieder noch?“ Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn meine Berater für ihre Hilfe ihr Leben gelassen hätten. Wenn ich ihren Familien durch meine Bitte um Unterstützung Ehemann und Vater genommen hätte.
„Da der Rat angeblich das Goldene Reich regiert, müssten sie leben.“
„Gab es Sichtungen?“
„Nein. Nächste Woche wäre wieder eine Audienz für das Volk angesagt. Ich könnte hingehen.“
Nächste Woche … Das waren weitere Tage, die unnütz im Sand verliefen. Aber besser als nichts. „Ihr könntet vorgeben, mehr Silber für Euer Projekt zu benötigen.“
„Ja, da die Hilfsmittel gestrichen wurden, geht tatsächlich das Gold aus.“
Ich nickte knapp. „Aber Ihr müsst vorsichtig sein. Bringt die Bitte nur an, wenn Ihr Euch sicher seid, dass dies keine Gefahr für Euch darstellt. Ansonsten solltet Ihr etwas anderes, Unverfängliches angeben.“
„Ja, mir wird schon etwas einfallen, das ich dann stattdessen vortragen kann. Vielleicht eine Erweiterung meines Wappens. Das bedarf immer königlicher Zustimmung.“
Ich zog anerkennend die Augenbrauen hoch und nickte. „Und was hat es mit der Akademie von Seibling auf sich?“
Der Herzog schüttelte mit schmalem Lächeln den Kopf. „Da müsst Ihr meine Frau fragen. Sie setzt sich stark dafür ein, dass auch Frauen unter den Menschen lesen und rechnen lernen. Bisher werden nur die Söhne der Menschen unterrichtet.“
Söhne von wohlhabenden Menschen, vermutlich. Wobei ich Seibling zutraute, dass er das Angebot jedem Menschen kostenlos offerierte. Menschen benötigten jedoch jede helfende Hand für die Arbeit in Haus und Hof. Männer erbten, Männer waren Familienoberhäupter, somit war es aus menschlicher Sicht unlogisch, einer Frau das Lesen beizubringen.
Ich beugte mich interessiert vor. „Und wo ist diese Akademie?“
„In der Stadt. Ein Waisenhaus der Menschen wurde geräumt. Dort sind aktuell einige lernwillige Menschen untergebracht worden.“
„Wenn die Akademie noch steht, wäre auch dies eine gute Möglichkeit, um an mehr Informationen zu kommen.“
Der Herzog nickte. „Ich schicke morgen den Jungen unserer Köchin.“
„Aber nur, wenn er es will. Es kann gefährlich sein. Ich möchte, dass er diese Aufgabe nur aus freien Stücken übernimmt.“
„Natürlich, mein König. Alle Diener arbeiten mittlerweile freiwillig hier, obwohl ich sie aktuell nicht angemessen bezahlen kann. Die meisten sind frühere Sklaven. Sie sind hier sicher, haben bequeme Betten und genug zu essen. Das schätzen sie wert.“
Es klopfte. Auf das Ja des Herzogs hin wurde die Tür geöffnet. Ein Diener in hauseigener Livree verbeugte sich. „Herzog, Majestät, die angeforderte Kräuterhexe ist da.“
Ich erhob mich. „Danke für das Gespräch, Herzog Lelier. Ich hoffe, wir erhalten bald gute Nachrichten.“
Als ich mit der Kräuterhexe eintrat, schlief Nayara noch immer tief und fest. Ihr Atem ging gleichmäßig und ihr Herz schlug ruhig. Das des Kindes hingegen kräftig und schnell.
Die Kräuterhexe, eine schmächtige Frau mit dünnem, braunem Haar mit wenigen grauen Strähnen und einem unscheinbaren Äußeren, trat leise ans Bett heran. „Was fehlt ihr?“
„Sie wurde durch einen Schwertstoss schwer verletzt, zudem ein Biss am linken Knöchel. Die Verletzungen sind etwa drei Wochen her. Sie verheilen gut. Oberflächlich. Aber sie isst zu wenig und ist stetig müde.“
Die Frau hob die Decke, begab sich zu Nayaras Füßen und untersuchte ihn, insoweit das ging, ohne meine Verbundene anzufassen und sie damit zu wecken. „Hatte sie Fieber?“
„Ja, beinahe drei Tage lang.“
„Gut, dann sehe ich sie mir an. Ihr dürft gehen.“
„Nein, ich werde bei meiner Frau bleiben. Bei ihr und unserem Kind, das sie unter ihrem Herzen trägt.“






















































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