Kapitel 8 – Pyromane
Kapitel 8 – Pyromane
Aurelie
„Sie wollen was?!“, schrie ich entsetzt, sodass Cyrus mich sanft, aber bestimmt auf seinen Schoß zog und seine Arme um meinen Körper legte, um mich zu beruhigen. „Was fällt ihnen ein?! Diese Schweine!“ Mit schmerzhafter Wucht schossen meine Fänge aus meinem Zahnfleisch.
„Liebste, ruhig. Denk daran, die Kräuterhexe hat gesagt…“
„Nicht so viel Stress, ja, ja!“, stieß ich halb knurrend, halb schnaubend aus. Und da sollte man ein Königreich führen. Nein, erst noch zurückerobern! Von einem Feind, den wir nicht kannten!
Seine Arme zogen sich enger um mich, sodass ich meine aus seiner Umarmung befreien und sie um seinen Hals legen musste. „Entspann dich“, raunte er leise. Natürlich zog er mich noch ein Stück näher. Er wusste, was sein Geruch für eine Wirkung auf mich hatte. Beruhigend, zentrierend und in den richtigen Situationen erregend.
„Wie soll ich mich beruhigen?“, zischte ich angespannt, wenngleich sein Ziel bereits erreicht war. „Sie wollen sie töten, Cyrus!“
„Ich weiß. Und wir werden es verhindern. Keiner von ihnen hat es verdient, unseretwegen ihr Leben zu lassen. Wir finden einen Weg, garantiert.“
„Vielleicht“, setzte Aurillia händereibend an, „wäre es besser, ihr würdet weiter versteckt bleiben.“
Aurillia hatte uns vor drei Wochen hier gefunden. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Gastfreundschaft der Leliers bereits zwei Wochen in Anspruch genommen, womit wir mittlerweile bei der fünften Woche angelangt wären. Und noch immer hatten wir nichts geschafft. Nichts, bis auf den Kontakt zur Stadt. Aurillia und Elaboris wechselten sich mit den Botengängen ab, wobei sie zurzeit die Aufgabe unserer Augen und Ohren einnahmen. Gefunden hatten wir uns über den Sohn der hier angestellten Köchin, der den Weg zu Gileads Akademie auf sich genommen hatte – glücklicherweise aber noch vor dem Betreten dieser von Boris abgefangen worden war. Sonst hätte er es dort nicht mehr lebendig rausgeschafft. Boris’ Informationen zufolge wurden die Jugendlichen darin gezwungen, praktisch dauerhaft Blut zu spenden.
Ruckartig drehte ich den Kopf zu meiner Freundin, die mich sichtlich unbehaglich anschaute. „Hierbleiben, Aurillia? Wir bleiben doch schon die ganze Zeit hier! Ich habe das Gefühl, wir tun überhaupt nichts, und das, obwohl wir den ganzen Tag über irgendwelchen Plänen brüten! Wir haben keine Männer, verflucht! Wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, müssen wir handeln!“
Vor unserer hiesigen Ankunft war ich mit einem Bündel Angst gleichzusetzen gewesen. Irgendetwas hatte sich verändert. Aber Stimmungsschwankungen hatte ich in letzter Zeit häufiger. Selbst Cyrus hatte sich mittlerweile daran gewöhnen müssen, dass ich von einer Sekunde auf die andere von überglücklich zu elend traurig wechselte. Oder von ruhig und besonnen zu einem regelrechten Wirbelsturm wurde.
„Ich sehe es wie die Nayara“, meinte Cyrus mit ruhiger Stimme. „Wie müssen handeln. Wir müssen die Minister und Berater befreien.“
Herzog Lelier verzog die Lippen zu einem schmalen Strich. „Wie stellt ihr Euch das vor? In der Stadt sind zu viele Wachen. Insbesondere auf dem Richtplatz, wo sie die Männer hängen wollen, werden sie zu Scharen stehen.“
„Dann müssen wir sie ablenken“, entgegnete Cyrus und rieb sich nachdenklich sein Kinn. „Mit etwas Grossem. Es darf nicht zu ignorieren sein.“
„Ja, am besten marschieren wir einfach in die Stadt. Ausgerüstet mit Trommeln und Pauken gäben wir recht schnell eine beträchtliche Ablenkung her!“
Die Herren der Schöpfung – inklusive Aurillia – sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. „Aber ihr könnt doch nicht einfach in die Stadt! Man wird euch suchen!“, protestierte Aurillia entsetzt.
„Meine Königin“, setzte Lelier zögerlich an, „Ihr habt doch … Seid Ihr nicht … mit den Kräften der Göttin gesegnet?“
Meine Augen wurden groß. Wollte er etwa die Stadt abfackeln? Nein, er wollte, dass ich die Stadt abfackelte! Doch noch ehe ich etwas dazu sagen konnte, wurde ich schon unterbrochen.
„Das ist tatsächlich eine gute Idee. Wir suchen uns natürlich nur leer stehende Häuser, Scheunen und andere Hütten heraus. Aber wir brauchen mehrere Brände und das zeitgleich.“ Cyrus streichelte meinen Bauch. Seine Stirn hatte er nachdenklich in Falten gelegt. „Jedoch würde ich Nayara gerne an einem Tor platzieren und nicht als Feuerdämon durch die Stadt jagen.“
Ein angriffslustiges Lächeln zuckte über meine Lippen. „Aber ich als Pyromanin? Mich übertrifft darin zumindest keiner so schnell.“ Belustigt streckte ich meinen Finger aus und setzte ihn in Flammen. Die Göttin hatte sich in den letzten Wochen scheinbar besonnen. „Was bringe ich dir am Tor, wenn ich viel unauffälliger und schneller für Ablenkung sorgen kann, als die Männer, die wir nicht haben?“
„Ich wüsste dich in Sicherheit“, erwiderte mein Gemahl und pustete die Flamme an meinem Finger aus. „Vielleicht kannst du einen Teil der Feuer legen. Aber wir brauchen sicher noch zwei oder drei Freiwillige, die es dir gleich tun.“ Cyrus wandte sich an Aurillia. „Frag bitte nach, wer dazu bereit wäre. Und stell mit Elaboris die Ziele zusammen.“
„Ich kümmere mich darum“, versicherte Aurillia. Ihr Gesicht war ernst, die Züge reif. So schnell war sie erwachsen geworden. Mir kam es vor, als wäre es gestern gewesen. Die Nacht, in der wir uns die Zelle geteilt und uns zum ersten Mal getroffen hatten. Nicht, dass ich von dieser Nacht noch besonders viel wusste. Den größten Teil der Zeit hatte ich damals mit Schmerzen, verursacht durch Ashurs Gift in meinem Kreislauf, und ohne richtiges Bewusstsein verbracht.
Meine Hand strich über meinen Bauch. Unseres würde nicht so schnell erwachsen werden. Und ganz sicher würde ich es nie einer Gefahr aussetzen, wie wir es mit Aurillia taten. Doch auch das war mir alles andere als recht. Ich sollte sie beschützen. Immerhin war sie noch ein halbes Kind!
„Und wie wollen wir sie befreien? Wir haben niemanden, der uns unterstützt. Wildfremde Personen können wir schlecht fragen. Und dann, wenn wir die Ablenkung haben … was unternehmen wir, um die Hinrichtung selbst aufzuhalten?“
„Es gibt ein paar Palastwachen, mit denen wir trainiert haben. Ich bin mir sicher, dass sie sich uns anschließen werden. Wenn sie noch leben.“ Cyrus hielt einen Moment die Luft an; sein Blick ging ins Leere. Eine tiefgründige Sorge ging von ihm aus.
Sanft legte ich meine Hand an seine Wange und führte seinen Blick zu mir. „Was ist los?“, fragte ich besorgt.
Cyrus schüttelte ganz leicht den Kopf und seufzte tief. „Ich musste gerade an meine Grigoroi denken. Ich mache mir Sorgen um sie. Aber vielleicht erfahre ich in der Stadt mehr.“
Betroffen legte ich meine Stirn an seine. Auch Irina war unseren Informationen nach in den Händen der Feinde. „Es wird ihnen gut gehen. Sie brauchen sie … als Indikator, dass du noch lebst.“ Oder zumindest einen von ihnen … ebenso wie Irina mein Leben bezeugen müsste. Zumindest der Auffassung unserer Feinde nach, denn Irina war in Wahrheit frei.
„Sie denken …, wir beide leben noch!“, verkündete ich aufgeregt, was mir konsternierte Blicke verschaffte. Schnell winkte ich ab. „Ja, ich weiß, dass sie das sowieso denken, aber sie sind sich nur sicher wegen der Grigoroi! Wenn wir sie auch befreien könnten … Ich meine, sie müssen festgehalten werden. Timm oder Elok wären nie darauf reingefallen, dass jemand behauptet, wir wären einfach noch immer weg. Lyssa und Sharifa sind bei Leo untergekommen, wenn ich das richtig verstanden habe.“ Aurillia nickte. „Und Aurillia und Elaboris geht es auch gut. Ihr zwei seid fähig.“ Das war der einzige Grund, wieso ich ihnen die Gefahr, uns Nachrichten zu übermitteln, überhaupt erlaubte auf sich zu nehmen. Auch wenn mir die Freiheit, einfach Nein zu sagen, fehlte …
„Also …“, begann ich wieder. Mit meinen Händen klopfte ich ungeduldig auf Cyrus’ Brust herum, während mein Blick erwartungsvoll in die Gruppe ging. Wobei die Herzogin heute fehlte. „Ich habe im Schloss ein paar Kontakte geknüpft. Ich glaube, es waren ungefähr fünf Wachen, mit denen ich zu tun hatte. Einer hieß …“ Bei den Göttern, wie hieß der noch gleich? „Al…am… Amond Al…geres? Ja, ich glaube, das wars! Er und zwei seiner Wachkollegen vor dem Kerker. Ein weiterer hieß Joe. Er hatte sich Sorgen darum gemacht, weil ich als Kind einen Vampir gefoltert habe … Ich glaube, ihn und seinen Kollegen – der wiederum ordentlich Respekt vor mir hatte“, oder vielleicht eher Angst?, „müsste man auch fragen können. Ihnen sollte zu trauen sein …“ Nachdenklich legte ich die Stirn in Falten. „Wer ihre Wachkollegen waren, müssten Algeres und Joe dir sagen, Lia. Sie müssten alle Teil der Palastwache sein.“ Entschuldigend sah ich sie an, doch sie nickte lediglich verbissen. Ich bürdete ihr ganz schön viel Arbeit auf. Dann ging mir noch ein Licht auf. „Ich weiß noch jemanden!“ Langsam wurden das aber ganz schön viele. Und mit den meisten davon hatte ich meine Späßchen getrieben …
Noch zwei, genauer gesagt. Da ist zum einen Dilos. Den Familiennamen kenne ich nicht. Er ist sehr pflichtbewusst und ein aufmerksames, fähiges Mitglied der Stadtwache. Naja, zumindest mich hat er im Schwertkampf besiegt. Und dann noch Josh. Auch seinen Familiennamen habe ich nie erfahren, aber er ist ein ehrenloser Hund. Wenn es um Treue geht, würde ich davon abraten, ihn hinzuzuziehen.“ Brummend fügte ich hinzu: „Er mag es, von hinten zuzustechen.“
„Also wirst du einige Personen aufsuchen müssen, Aurillia. Sei dabei unbedingt vorsichtig“, mahnte Cyrus. „Aber selbst wenn wir nur fünf Wachen auf unserer Seite haben, ist es mehr als genug. Verrate trotzdem niemandem, wo du aktuell dein Lager hast. Nenne keine Treffpunkte, damit könntest du in einen Hinterhalt gelockt werden.“
Und so wurde der Plan geschmiedet. Ein Plan mit einer zum Verzweifeln geringen Anzahl Verbündeter und in etwa so wasserdicht wie ein Sieb. Aber wenn man erst einmal am Boden war, gab es bekanntlich ja nur eine Richtung, in die es gehen konnte.
Zwei Wochen später huschte ich von Haus zu Haus. Ein schwerer Mantel verdeckte meinen Körper und mein Gesicht. Schweiß, entstanden aus einem Gemisch aus Angst, Aufregung, Vorsicht und körperlicher Anstrengung, lief mir in Bächen den Rücken hinab. Schwer schnaufend drückte ich mich zwischen die Schatten zweier Häuser und nahm die Karte hervor. Ungeduldig wischte ich mir den Schweiß von den Wimpern, der mir drohte, ins Auge zu laufen.
Es dauerte eine Weile, in der ich relativ orientierungslos meine Gegend nach etwas Auffälligem absuchte. Meine eigene Stadt und ich hatte nicht den leisesten Schimmer, wo was lag. Peinlich.
Kaum hatte ich begriffen, in welcher Richtung das nächste, markierte Gebäude lag, hastete ich wieder los. Leerstehende Gebäude natürlich. Nichts Dramatisches. Nur ein kleines Feuer. Eins nach dem anderen, bis ich jede einzelne Wache von dem Hinrichtungsgelände weggelockt hatte. Miese, stumpfsinnige Verräter! Selbst bei Targes, dem Mann, der jeden einzelnen von ihnen ausgebildet hatte, würden sie nur tatenlos dabei zusehen, wie er seine letzten Atemzüge tat.
Strauchelnd kam ich zum Stehen. Nach diesem hier nur noch eins. Nur noch ein Gebäude, dann hatte ich meinen Auftrag erfüllt und würde vor dem Stadttor, im Schutze der Schatten der Gebäude, auf die anderen warten. Ohne zu zögern, legte ich meine Hand auf das Holzhaus und setzte es in Flammen. Bei den Holzhäusern hier im äußeren Bereich der Stadt, nahe der Mauer, war es fast schon zu einfach. Die im inneren Teil, Häuser aus Stein, hatten größere Probleme dargestellt. Doch auch sie hatten sich der Macht der Drachengöttin gebeugt.
„Was machst du da?“
Ich erstarrte. Das Haus begann bereits zu brennen. Meine Hand hielt ich wie festgewachsen mitten ins Feuer. Ganz langsam glitt mein Blick zur Seite. Dann nach unten. „Kleines, was machst du denn hier?“, fragte ich mit hörbarer Anspannung in der Stimme. „Wo sind deine Eltern?“ Das kleine Mädchen musste hier weg! Ein Brand war nichts für so ein kleines Kind!
Fasziniert und mit neugierigen Augen starrte es auf das Feuer. „Kann man das anfassen?“
Das Kind streckte schon die Hand aus, um es mir gleichzutun und die Hand ins Feuer zu strecken, da riss ich sie zurück. Vor ihm ging ich in die Hocke. „Nicht anfassen! Feuer ist heiß!“
„Oh … deine Augen! Sie sind so schön!“ Und schon wieder streckte es seine Hand aus und wollte was anfassen.
„Ne…“
„Pyromane! Der Vermummte da hat Feuer gelegt, ich habe es genau gesehen!“, schrie plötzlich eine kräftige Männerstimme durch die Gasse.
Meine Augen wurden groß. „Verflucht!“




























































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