Kapitel 9 – Die Hinrichtung
Kapitel 9 – Die Hinrichtung
Cyrus
Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen. Dichter Nebel hatte sich über das Land gelegt. Perfekt, um sich unbemerkt der Hauptstadt des Goldenen Reiches zu nähern. Wie besprochen steuerten wir das östliche Tor an, hinter dem sich schutzversprechende Felsen und Wälder befanden. Es war der kürzeste Weg zum Richtplatz und zudem ideal, um sich anschließend zu verstecken.
Am Tor standen zwei Wachen, die uns kritisch betrachteten. Nayara und ich waren in dreckige Lumpen gekleidet. Unsere Haare hatten wir mit Schlamm unkenntlich gemacht. Zudem trug Nayara einen Umhang mit Kapuze, ich selbst eine schlichte Gugel. Die beiden Wachen musterten uns eingehend und tauschten danach verwirrte Blicke aus. Der Rechte, ein blonder Hüne, der selbst mich um einen Kopf überragte, neigte schließlich kurz den Kopf. Er klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust, wobei er den Daumen unter der Hand versteckte.
Das Erkennungszeichen. Es sah so zufällig aus. Als ob man sich bloß räusperte. Aber der versteckte Daumen war eindeutig der Beweis, dass sie zu uns gehörten. Boris hatte sich das ausgedacht. Kluger Junge.
Wir erwiderten den Gruß. Kurz darauf wurden uns die Tore geöffnet und wir traten ein. Hinter dem Tor, im Inneren der Stadt, trennten sich unsere Wege. Obwohl ich mich dabei gar nicht wohlfühlte, musste ich sie diesen Teil machen lassen. Wenn sie fertig wäre, würden wir uns wieder hier treffen. Nayara würde nichts geschehen.
Ich selbst schlängelte mich durch die engen Gassen der Stadt. Es war noch früh, aber die Hähne krähten schon. Vereinzelt gingen bereits ein paar Menschen ihrer Arbeit nach oder kamen gerade von dieser. Meine Augen spähten immer wieder nach links und rechts. Überall, wo ich Männer der Stadtwache sah, machte ich einen großen Umweg. Auf dem Richtplatz waren mit Sicherheit noch weitere Soldaten positioniert. Darunter hatten wir drei Spitzel. Dasselbe in Grün bei den Wachen, die die Verurteilten zur Schlinge führen würden. Doch aufgrund des Spektakels wäre die halbe Stadtwache zugegen, wenn nicht gar die ganze. Wir waren also gerade mal eine Handvoll Kämpfer gegen … Ja, wie viele? Niemand hatte es in Erfahrung bringen können. Wir waren im besten Fall eins zu zehn unterlegen. Eine Waffe trug ich nicht am Leib. Das wäre zu auffällig gewesen.
Genau in der Mitte der Stadt, vor dem Gericht, das einzig das Recht des Königs sprach, befand sich der Richtplatz. Der Richter, ein Vampir von hohem Rang, hatte freie Hand, wenn es darum ging, Menschen zu richten. Eine weitere Regelung, die dringend der Neuerung bedurfte. Fünf Galgen waren in einer Reihe in der Mitte des Platzes aufgestellt worden. Dicke Seile hingen, bereits zu Schlaufen gebunden, daran, die Knoten präpariert.
Ich atmete tief durch und versteckte mich im Schatten zweier Häuser. Immer mehr Menschen und Vampire betraten den großen Platz. Normalerweise wurden hier an Markttagen Waren angeboten. Heute kamen die Bewohner der Stadt jedoch nicht, um Nahrung, Stoffe, Werkzeuge und andere Dinge zu kaufen.
Recht weit vorne stand eine Gruppe von jungen Vampiren. Ob sie sich den Wachen anschließen würden? Würden sie die Flucht verhindern und sich vielleicht sogar gegen mich stellen? Schnell schüttelte ich die Gedanken ab. Ich durfte mich nicht ablenken lassen. Ich durfte keine Zweifel an unserem Plan bekommen.
Der Nebel wurde noch dichter, sodass ich spürte, wie Feuchtigkeit in meine Kleidung kroch. Zwar erklomm die Sonne den Horizont, aber dichte Wolken verhinderten, dass sie den Nebel, der schwer über dem Platz des nahenden Grauens lag, vertrieb.
Heute würde ich nicht sterben. Niemand von uns. Unser Plan war gut und es würde uns gelingen, sie aus der Stadt zu bringen. Das alles. Es musste gelingen!
Meine Umgebung wurde lauter und lauter. Tief in Gedanken versunken, nahm ich gar nicht richtig wahr, wie sich der Platz zunehmend füllte. Schaulustige, mitleidige oder stirnrunzelnde, unzufriedene Blicke – alles war vertreten. Dass sich die Menschen und Vampire, unser Volk, noch kein genaues Bild von uns hatten machen können, war verständlich. Aber dass sie es einfach so hinnahmen, dass unschuldige Ratsmitglieder gehängt wurden? Was würden wohl für Anklagepunkte verlesen werden? ‘Standen treu hinter ihren Herrschern’ wohl kaum.
Mein Blick war auf das Podest in der Mitte fixiert. Auf dass man die Todgeweihten auch ja gut sehen konnte. Sich an ihrem Leid noch zur Genüge ergötzen konnte. Verabscheuungswürdige Gedanken. Ich hatte nur Berichte gehört, wie oft dieser Platz in der Vergangenheit, zu Herrschaftszeiten von Nayaras Onkel, genutzt worden war. Einmal hatte das Scheusal zehn junge Mädchen am Vormittag eines der Bankette hier richten lassen, mit der Begründung, sie hätten sich ihm nicht freiwillig gebeugt, was ihnen als Teil der menschlichen Spezies ein Grundbedürfnis hätte sein sollen. Mir kam fast die Galle hoch, dachte ich an dieses Scharmützel.
Nein, seit Nay und ich den Thron bestiegen hatten, hatte es nur zwei Hinrichtungen gegeben. Seiblinigs und Achos’. Beides Männer, die es nicht anders verdient hatten. Heute jedoch …
Die laut tuschelnde Menge wurde leiser, nur um gleich darauf in Beifall spendendes Gegröle auszubrechen. Die lautesten Rufe und Beleidigungen stammten von außerhalb meines Sichtfeldes. Lediglich Köpfe, die sich auseinanderbewegten, als würde sie jemand auf magische Art und Weise teilen, bekam ich zu sehen. Das Geschrei klingelte mir in den Ohren. Das normalerweise zu erwartende Geräusch von verfaultem Gemüse, das auf Körper traf, blieb – wohl der Nahrungsmittelknappheit geschuldet – aus.
Allesamt in Ketten gelegt, wurden sie die kurze Treppe hoch auf das Podest geführt. Zu forderst Graf Targes, an dessen Seite zwei kräftige Vampire der Stadtwache standen. Die beiden dachten nicht einmal im Traum daran, ihn aus ihrem Griff zu entlassen. Und das trotz der vor dem Bauch gefesselten Hände.
Targes hatte gekämpft. Mehrere blaue Veilchen schmückten sein vom Alter gegerbtes Gesicht, über das sich nicht wenige feine Narben zogen. Mache der blau-violetten Flecken begannen erst gerade, sich zu bilden. Sein Blick glitt mordend über die Menge, sodass selbst mir die Nackenhaare zu Berge standen. In seinen Augen tobte ein Kampf, der sein Alter Lüge strafte, wobei sein ungepflegtes, grau-schwarz meliertes Haar – welches er normalerweise stets in strengen, dünnen Zöpfen den Kopf entlang geflochten trug, heute aber kraftlos und offen über seinen Schultern hing – ihm wiederum eher Ähnlichkeiten mit einem alten, gebrechlichen Mann verschaffte.
Hinter ihm trat schwitzend und zitternd, mit bebenden Knien, Dreidolch auf das Plateau. Sein Blick war, ganz im Gegensatz zu Targes’ kämpferischer Natur, bebend vor Angst, stur auf den Boden gerichtet, auf dass er seinem nahenden Ende auch ja nicht entgegensehen musste.
Es folgten Mir und Loich. Beides treue Berater, die ich von Kindesbeinen an kannte. Ich war mit ihnen in meinem näheren Umfeld aufgewachsen, kannte ihre Frauen und Kinder. Beiden sah man die Hoffnungslosigkeit in den Augen an, welche sie nur sporadisch und eher unfreiwillig durch die Menge gleiten ließen. Mein Herz krampfte bei ihrem Anblick. Gerade Mir so zu sehen, ein Mann, der stets großen Wert auf sein Äußeres gelegt hatte, versetzte mir einen Stich. Doch – so bemerkte ich nicht ohne Stolz – gingen sie aufrecht und hatten das Kinn gereckt.
Zu guter Letzt trat der einstige Geliebte meiner Verbundenen auf den Plan. Die Kiefer so sehr aufeinandergebissen, dass die Wangenknochen einem geradezu ins Auge sprangen, hielt auch er den Kopf stolz gereckt. Den Mund hatte er zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Akribisch suchten seine Augen die Menge ab. Wen er wohl suchte? Wusste er, dass seine kleine Schwester in Sicherheit war, oder vermutete er sie gar unter den Zuschauern?
Vorsichtig schob ich mich nach vorne. Mal rechts, mal links an den Schaulustigen vorbei. Dabei sah ich zu den fünf Männern, denen soeben die Schlingen umgelegt wurden. Die Minister mussten auf einen Schemel steigen. Graf Dreidolch verlor dabei beinahe das Gleichgewicht und hätte sich um ein Haar jetzt schon stranguliert. Und dabei unser Überraschungsmoment zunichtegemacht.
Herzog Mir reckte den Kopf und sah hinauf in den wolkenverhangenen Himmel. Baron Loich tat es ihm gleich. Ihr letzter Blick gälte Ora-Fides, unserem Leitstern, der irgendwo hoch oben am Himmel stand.
Der Soldat rechts neben Graf Targes machte einen Schritt zurück und klopfte sich mit der flachen Hand zweimal kurz hintereinander auf die Brust. Den Daumen unter der Hand versteckt. Um einige Sekunden versetzt klopften sich auch jeweils eine der Wachen hinter Mir und Loich auf die Brust. Das Zeichen wurde von drei weiteren Männern, die über den Platz verteilt positioniert waren, wiederholt. Dennoch war ich nicht erleichtert. Es waren zu viele Wachen auf dem Richtplatz. Wo…?!
„Feuer!“, schrie plötzlich jemand.
„Da hinten brennt es!“, rief ein anderer.
„Nein, dort!“, meinte ein anderer.
Vampire wie Menschen drehten sich um und zeigten in verschiedene Richtungen. Schwarzer, dichter Rauch stieg aus verschiedenen Ecken der Stadt auf. Es wurde hektisch. Viele der Schaulustigen rannten in verschiedene Himmelsrichtungen davon. Männer der Stadtwache rannten ihnen hinterher.
„Das ist eine Falle!“, brüllte eine der Palastwachen. „Hängt sie! Jetzt!“
„Aber die Urteile wurden nicht verlesen“, widersprach einer der loyalen Palastwachen hinter Graf Targes.
„Nein! Hängt sie!“
Ich drängte mich weiter vor. Die Schemel unter den Beratern und Ministern wurden weggetreten. Und bei allen lösten sich die Schlingen, sodass sie auf den Füßen landeten. Bei allen außer bei Graf Targes, der mit zappelnden Beinen und Strick um den Hals gegen die Luftnot ankämpfte.
Sofort schob ich mich weiter vor und sprang auf das Podest. Im selben Moment hatte einer der loyalen Palastwachen den Strick von Graf Targes durchtrennt. Ohne zu überlegen, rannte ich auf einen Wachmann zu, der Graf Seibling mit dem Schwert um einen Kopf kürzer machen wollte, und verpasste ihm einen Fausthieb in die Seite, sodass er keuchte und ins Taumeln geriet. Schnell nahm ich ihm das Schwert ab und schlug mit dem Knauf gegen seine Schläfe. Augenblicklich sackte er in sich zusammen und blieb reglos liegen.
„Legt die Waffen nieder!“, brüllte ich über den Lärm hinweg.
„M…Majestät…!“ Graf Seibling starrte mich aus ungläubigen Augen an.
„Später!“, knurrte ich und sondierte die Lage. Einige Wachen hatten tatsächlich die Waffen niedergelegt. Andere hatten sich auf meine Seite gestellt. Die Anzahl der Gegner glich sich annähernd aus!
„Lauft zum Tor!“, brüllte die Palastwache, die Graf Targes befreit hatte. „Wir halten sie auf!“
Ich sah mich um. Am Tor war Nayara … Sie sollte dort sein. Aber ein seltsames Gefühl sagte mir, dass sie in der Nähe war. Wie…? Doch es blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich griff nach Herzog Mir und zog ihn mit mir. „Folgt mir!“
Wir liefen los. Zu langsam. Die Soldaten, die auf meiner Seite waren, mussten unsere Flucht decken und die eigenen Leute zurückhalten. Eigentlich hatte ich kämpfen wollen. Aber es fühlte sich nicht richtig an, gegen die Männer zu kämpfen, die einst für meine Sicherheit gesorgt hatten. Auch wenn vermutlich einige von ihnen am Putsch beteiligt gewesen waren.
Die Ratsmitglieder waren von den Wochen im Kerker unten geschwächt und ausgelaugt; die Männer, die sich uns vehement entgegenstellten, verbissen, vital und zu allem bereit. Fraglich nur, ob sie wussten, gegen wen sie hier kämpften. Sicher nicht alle. Die, die es nicht wussten und nicht aktiv gegen uns vorgingen, waren Mitläufer. Die einzige Schuld, die ich ihnen zusprechen konnte, war die, sich nicht selbst ihres Verstandes zu bemächtigen und nachzudenken!
Die Lage wurde brenzlig. Targes hielt sich nur schwer auf den Beinen. Die wenigen Sekunden in der Luft hängend hatten ihn mitgenommen. Er war eben auch nicht mehr der Jüngste, ob er es einsehen wollte oder nicht.
„Macht den Weg frei!“, schrie ich. Eine Traube von Wachen hatte sich vor uns versammelt. „Verdammt! Hier kommen wir nicht durch.“ Zudem die Männer alles andere als ruhig und gelassen dastanden. Nein, sie waren drauf und dran, anzugreifen!
Ich runzelte die Stirn. Die Härchen in meinem Nacken stellten sich auf.
„Percy!“
Wie bitte? Ich drehte mich um. Suchen musste ich den Ursprung der Stimme nicht. Die Hände in wild züngelnde Flammen getaucht und in die Luft gestreckt, stieß Nayara eine unübersehbare Stichflamme hoch hinauf. Mit dem Kopf nickte sie zur Seite zu … einer schmalen Gasse. Kaum einer stand davor, und wenn, dann galt seine Konzentration ganz sicher nicht mehr uns. Hastig schaute ich zurück.
Eindringlich sah sie mich an, drängte mich stumm dazu, ihrer Anweisung Folge zu leisten. Um die Aufmerksamkeit nicht doch wieder auf uns zu lenken, befahl sie den Flammen an ihren Händen, höher zu steigen. „Hört, denn ich bin die Inkarnation der flammengeküssten Göttin!“, schrie sie über die Meute hinweg und hielt somit jeden der fassungslosen Blicke auf sich geheftet. „Ich bin gekommen, um euch Kunde zu bringen!“ Eindringlich blickte sie von mir zur Gasse. Aber ich konnte sie doch nicht einfach …
























































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