Kapitel 7 – Lyssa

Kapitel 7 – Lyssa

 

Aurelie

Der nächste Tag begann mit Kopfschmerzen. Kaum öffneten sich meine Augen ein kleines Stück, schloss ich sie auch schon wieder, der viel zu grellen Sonne wegen. Als ich mit der Hand neben mir das Bett abtastete, grummelte ich verstimmt. Ich hätte jetzt zu gern gekuschelt. Wo war Lyssa, wenn man sie brauchte?

„Naya? Hast du die Tücher aufgebraucht? Ich finde sie nicht.“ Lyssas Stimme klang unnatürlich laut in meinem Kopf. Kurz darauf roch ich Blut.

„Schrei nicht so, Lys“, klagte ich, drehte mich im Bett um und suchte blind nach einem Kissen, um es mir auf das freiliegende Ohr zu drücken.

„Du hast doch nach mir deine Blutung gehabt. Im Harem hattest du sie zumindest nach mir. Und ich hatte meine Blutung zwei Wochen nach dem Brand. Ich hatte die Tücher wieder zurück in den Schrank gelegt, nachdem ich sie sauber gemacht habe. Aber da sind sie jetzt nicht.“

Mein träger, schmerzender, unglaublich schwerer Verstand begriff nur langsam. „Du hast dein Monatsblut?“ Ich brauchte ein paar Sekunden, um die nächsten Worte zu formen. „Und die Tücher sind weg?“, gab ich schließlich müde wieder. „Dann frag Galdi“, brummte ich. „Der ist doch sowieso immer da. Ich weiß nicht, wo sie sind.“

„Wirklich? Aber du hattest sie doch zuletzt! Also hast du die Tücher verlegt! Ein Grigoroi kümmert sich doch um so was nicht, Naya!“

„Aber ich weiß nicht, wo sie sind, Lys!“, stöhnte ich entnervt. Meine Blutung? Meine Blutung … Wann war die denn zuletzt? Stöhnend richtete ich mich auf und blinzelte Lyssa durch die blendenden Sonnenstrahlen entgegen. „Wie war das?“

„Die Tücher sind…“

„Nein, ich meine …, wie lange sind wir schon hier? In meinen Räumlichkeiten?“

„Na, gute sechs Wochen. Ich bekomme meine Monatsblutung immer sehr pünktlich. Alle vier Wochen.“ Sie setzte sich zu mir auf das Bett und hob die Augenbrauen. „Du siehst aus, als hättest du zu tief ins Glas geschaut.“

Ich schüttelte schwach den Kopf. „Weißt du noch, wie ich hierhergekommen bin? In mein Bett? In meine Räumlichkeiten?“

„Dein Gatte hat dich ins Bett gebracht. Und dich umgezogen. Als ich ihn ausgeschimpft habe, hat er nicht darauf reagiert. Aber er hat dich nicht unsittlich berührt. Dafür habe ich gesorgt.“ Sie stand wieder auf. „Ich frage mal Galderon, ob er mir Tücher bringen kann.“ Und fort war sie. Trotzdem blieb der Blutgeruch in der Luft. Das Blut roch eigentlich wirklich lecker. Irgendwie reiner als normalerweise. Nur eine Nuance.



Blut. Monatsblut. Meine Augen rissen auf. Monatsblut! Gilead hatte mir erklärt, dass ich es regelmäßig bekommen würde, und dass … wenn ich es nicht mehr bekäme …

Panisch werdend starrte ich auf meine Hände, dann auf meinen Bauch, auf meinen Schoss und wieder auf meine Hände. Oh, Götter, vielleicht war es sogar von Gilead?! Cyrus würde ihn umbringen! Aber wenn man nur … in anderen Umständen war, wenn das Blut nicht mehr kam, dann konnte es doch nicht von Gilead sein. Denn nachdem wir beieinander gelegen hatten, hatte ich wieder geblutet. Aber seit … dem Ball … nicht mehr. Wir hatten nur einmal … nur einmal!

„Lys?!“, kreischte ich hysterisch. Nein, es war ganz unmöglich. Bestimmt war ich nur krank und deshalb kam es nicht. Emili hatte es immerhin auch beinahe zwei Jahre nicht gehabt. Und Vampire kamen nicht so schnell in andere Umstände. Wirklich nicht! Das war vollkommen absurd! Es dauerte Jahrhunderte! Jahrhunderte, bis eine Vampirin den Samen eines Vampirs empfing!

„Moment …!“, kam es aus dem Badezimmer zurück.

„Nein nicht Moment, verflucht!“, zischte ich leise, nahe den Tränen und klammerte meine Hände in mein Nachtgewandt.

Trotzdem dauerte es noch eine Weile, bis Lyssa wieder das Schlafzimmer betrat. Sie glättete ihren Rock und seufzte tief. „Galderon meinte, Irina habe sie ausgetauscht.“ Lyssa legte den Kopf leicht schief und musterte mich genauer. „Ist alles in Ordnung? Du bist etwas blass.“

„Ja! Ja, natürlich, alles bestens“, erklärte ich schniefend. „Setz dich …“

Sie furchte ihre Stirn, setzte sich zu mir und legte einen Arm um mich. „Was ist denn los?“

„Also mir hat mal … jemand erklärt, wie das funktioniert. Ganz grob. Man blutet und dann heißt das, dass man in der Lage dazu ist, den Samen eines Mannes zu empfangen, richtig? Und wenn man nicht blutet, dann ist man krank oder kaputt.“ Letzteres war absolut nicht das, was mir Gilead erklärt hatte, aber auf diese Weise bewahrte ich mich vor einem Nervenzusammenbruch.

„Oder man ist schwanger“, erklärte Lyssa und lächelte sachte. „Aber du bist noch so jung. Seit wann hast du deine Blutung denn schon? Oder wie oft?“

„Ich hatte sie zweimal erst …“, murmelte ich und dann so leise, dass Galderon es selbst nicht hören könnte, wenn er lauschen würde: „Aber nicht mehr seit dem einen Mal im Harem, Lys. Ich habe Angst …, was wenn … das ist doch völlig unmöglich, oder? Sag mir, dass das nicht geht!“



„Ach, am Anfang ist es normal, dass es völlig unregelmäßig kommt. Es dauert Jahrzehnte, bis man schwanger wird. Eher Jahrhunderte.“ Sie nahm mich in den Arm und streichelte mich. „Mach dir keine Sorgen. Du bist nicht schwanger. Deine Blutung muss sich erst einpendeln. Das hat bei mir fünf oder sechs Jahre gedauert.“

Erleichtert atmete ich aus, kuschelte mich näher an sie und legte meine Arme um ihren zarten Körper. Nicht möglich. Den Göttern sei Dank.

Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, schnupperte ich ein wenig beschämt. „Weißt du, das riecht eigentlich wirklich lecker“, murmelte ich.

„Findest du? Ich hasse es, wenn ich die Blutung habe. Aber ich kann es auch bei anderen nicht leiden dieses Blut zu riechen.“ Sie setzte sich etwas bequemer hin und zog meinen Oberkörper halb auf ihren Schoß. „Kannst du dem König ausrichten, dass ich irgendwann die Tage mal mit ihm reden möchte?“

„Weswegen?“

„Nun, er sagte ja, Lyssa sei tot. Aber was, wenn er mir einen neuen Namen gibt? Ich sage einfach nicht, wer ich wirklich bin.“ Sie verzog leicht das Gesicht und seufzte tief. „Meinst Du, er würde mich unter einem anderen Namen neu anfangen lassen?“

„Das habe ich schon vorgeschlagen“, murmelte ich. „Ich werde noch einmal mit ihm über dich reden. Er geht schwierigen Themen gern aus dem Weg.“ Ich atmete einige Male tief durch. „Eigentlich, kann ich das auch gleich machen. Ich muss sowieso mit ihm reden.“

Ich stand auf und zog Lyssa mit hoch. Ich umarmte sie, dann ging ich durch die Verbindungstür. Meinen Gemahl fand ich in seinem Arbeitszimmer. Kurz kam mir der Gedanke, was ich jetzt sagen würde, wenn es wirklich infrage käme, mich in anderen Umständen zu befinden. Aber Lyssa hatte klar und deutlich gesagt, dass diese Unregelmäßigkeit die ersten Jahre normal war, also brauchte ich mich deretwegen zum Glück nicht zu sorgen. Man stelle sich nur dieses Gespräch vor.

„Cyrus?“, fragte ich leise und lehnte mich an den Türrahmen an. „Ich muss mit dir reden.“

Er sah auf und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Kurz huschte sein Blick meinen Körper hinab. Das Nachtgewandt – welches er mir angezogen hatte! – kommentierte er mit einer leicht erhobenen Augenbraue und amüsiertem Gesichtsausdruck. Dann deutete er auf einen der Sessel und stand dabei auf, um sich selbst auf einen davon zu setzen. „Natürlich. Wie geht es dir?“



„Mein Kopf pocht …“, brummte ich, ging aber auf ihn zu und setzte mich seitlich auf seinen Schoss. Meine Arme legte ich über seine Schultern. „Was ist gestern geschehen? Ich weiß nur noch, wie wir in der Bibliothek gesessen sind und es furchtbar langweilig war, euch zuzuhören.“

„Du hast zu viel getrunken und gemeint, du könntest dir vorstellen, mit mir und Seibling zusammen das Bett zu teilen. Dabei hast du ähnlich wie jetzt bei mir auf seinem Schoß gesetzt.“ Einen Arm legte er um meine Taille, die andere entspannt auf die Armlehne.

Ich erstarrte. „Du beliebst zu scherzen?“

„Nein. Du hast ihn sogar geküsst. Und dich dann breitbeinig auf meinen Schoß gesetzt.“ Er nahm seine freie Hand und stupste mit dem Zeigefinger gegen meine Nase. „Ich habe dich daraufhin ins Bett gebracht.“

„Bei den Göttern“, murmelte ich. „Mit euch beiden? Wie sollte das denn bitte …?! Weißt du was? Ich will es gar nicht wissen.“ Zum Glück war ihm scheinbar nicht die Idee gekommen, dass ich Gilead schon deutlich nähergekommen war, als mit einem simplen Kuss.

„Nun, dann möchtest du sicher über etwas anderes reden.“ Der Daumen an meiner Seite streichelte mich. „Warum bist du hier?“

„Lyssa. So sehr ich ihre Anwesenheit in meinen Gemächern schätze …, sie ist eine Vampirin und verdient ihre Freiheit, Cyrus. Was ihr Alaric angetan hat, war nicht rechtens. Ich denke, das siehst …“ Schwieriges Thema. Es war nicht so, als hätte er sich noch nie einer unwilligen Frau bemächtigt.

Ich verstehe, was du meinst. Aber ich kann sie mit dem, was sie weiß, nicht mit anderen Vampiren reden lassen, Aurelie.“ Sein Daumen stoppte. „Es ist ja nicht so, als wenn nur dein Onkel Dinge getan hätte, die nicht rechtens waren.“

„Aber sie weiß nichts von den Kindern“, gab ich leise zu bedenken. „Sie ist sich sicher, ihr Mädchen hat neue Eltern, ein schönes Leben. Dass sie in der Sonne liegt und lacht …“ Plötzlich begannen meine Hände in seinem Nacken zu zittern. Tränen stiegen in mir auf. Tränen, die den Tod eines unschuldigen Kindes beweinten. Und Hände, die beim Verantwortlichen für diese Gräueltat nach Halt suchten. „Sie … sie … da wäre nichts …“, stotterte ich, meine Unterlippe bebend.

„Sie könnte Nachforschungen anstellen und nach dem Kind suchen, das es nicht mehr gibt, Aurelie.“ Er zog seine Hand von meinem Körper. „Und was ist, wenn sie ihren Eltern begegnet? Oder dem Mann, mit dem sie einst verlobt war?“



„Das wäre wunderbar! Cyrus … wir erfinden eine Geschichte! Wir … wir sind die Herrscher über das Goldene Reich, es wird uns doch wohl möglich sein, Lys ein Leben in Freiheit zu ermöglichen!“

„Und wie erklären wir, wo Lyssa die letzten zweihundert Jahre war? Warum es hieß, sie sei tot?“ Er hob seine Hand und strich mir eine Strähne hinter mein Ohr.

„Hm, wir sagen, sie hätte …“ Ich verzog das Gesicht. „Sie hätte für den König gearbeitet. Das entspricht irgendwo immerhin sogar der Wahrheit. Irgendwie zumindest. Und um diesen Dienst, der unter Staatsgeheimnisse fiele, verrichten zu können, hätte man ihren Tod vorgetäuscht. Wir müssen es auch nicht an die große Glocke hängen. Niemand wird weiter Fragen stellen, wenn keiner mehr als diese Geschichte wiedergeben kann!“ Leise fügte ich hinzu: „Und bei den Nachforschungen um ihr Kind würde sie nimmer fündig werden. Also was befürchtest du?“

„Ich befürchte, das zu viele Fragen gestellt werden. Vor allem jetzt, wo die Aufstände endlich vorbei sind.“ Er seufzte tief und seine Hände streichelten über mein Haar. „Es wird Fragen aufwerfen, warum andere Vampire verschwanden. So wie die Frauen im Harem. Und ich bin mir sicher, dein Onkel ließ auch andere Vampire verschwinden. Nur die Glücklichsten landeten im Harem. Der Rest wird wirklich tot sein.“

Cyrus unterbrach sich kurz, dann legte er Daumen und Zeigefinger an mein Kinn, damit ich ihn direkt ansehen musste. „Eltern werden fragen, wo ihre Kinder sind. Lyssa wird mit Fragen überhäuft werden. Ob sie Fenna kennt. Oder eine Tarischa. Was glaubst du, wie Lyssa darauf reagiert? Vor allem jetzt, wo sie so labil ist?“

Kurz glitt mein Blick zu seinen Lippen. Schnell konzentrierte ich mich wieder. Lyssa war wichtiger als mein für mich unverständlicher Wunsch diesem Mann nahe zu sein! „Dann bekommt sie für die Öffentlichkeit einen anderen Namen. Das Wissen über jegliche anderen Verschwundenen weisen wir von uns. Mein Onkel mag seine Leichen im Kerker haben. Viele davon. Aber das wissen nicht nur wir.“ Ausatmend legte ich meine Stirn an jene meines Königs und schloss die Augen. „Es ist nicht in Ordnung, sie weiter gefangenzuhalten, Cyrus. Ich will nicht so sein wie mein Onkel. Wie meine Mutter. Ich mag nur noch zum Schein an deiner Seite stehen, aber das hier kann ich nicht zulassen.“



„Ein neuer Name wird nicht reichen, Aurelie. Sie wird erkannt werden. Und dann stehen wir wieder am Anfang. Die einzige Möglichkeit…“ Er stockte, seine Wangenknochen traten hervor.

Ich löste mich von ihm. „Was?“, wollte ich wissen, dieses Mal deutlich schroffer. „Willst du ihr das Leben auch noch nehmen?“ Ginge er wirklich so weit?

„Nein. Ich hatte überlegt, dass sie vorgibt, sie hätte all ihre Erinnerungen verloren.“ Er kniff kurz die Augen zusammen. „Sie könnte später immer noch sagen, dass sie sich an manche Dinge wieder erinnern kann. Dinge, die vor dem Harem passierten.“

„Das ist … eine gute Idee“, stellte ich überrascht fest.

„Aber erst muss sie wirklich wieder leben wollen. Und wir müssen uns überlegen, wo wir Lyssa fanden. Und was sie die letzten zweihundert Jahre getan haben könnte.“

„Wenn wir es nicht wissen, und sie es nicht weiß, sehe ich da kein Problem.“ Ich zog meine Arme um seinen Nacken enger und legte mein Kinn zufrieden auf seinen Kopf ab.

Sein Atem ging plötzlich stoßweise. „Aurelie … So kann ich mich nicht lange konzentrieren …“ Zeitgleich spürte ich, dass seine Hose ausbeulte.

„Ah!“ Ich ließ ihn los und sprang auf. „Cyrus, was soll das immer?“ Anklagend zeigte ich auf die Schwellung zwischen seinen Lenden.

„Du hast mein Gesicht in deine Brüste gedrückt!“, knurrte er und richtete sich die Hose. Er stand ebenfalls auf und ging zu seinem Schreibtisch. „Was Lyssa angeht …“ Er räusperte sich. „Da war dieser Mann, der dich töten wollte. Der, mit dem Herzog Lelier im Kerker war.“ Cyrus suchte unter einem Stapel Pergamente, bis er eines hervorzog und mir reichte. „Baron Arndt Helsso. Er hatte weder Eltern noch Geschwister, keine Frau und keine Kinder. Er lebte allein auf einem Hof nahe der Stadt.“ Seine Stimme überschlug sich fast, während er weitersprach: „Galderon und ich durchsuchten sein Haus.

Wir könnten vorgeben, Lyssa dort gefunden zu haben. Als wir das Haus durchsucht haben, waren wir alles andere als vorsichtig. Ich behaupte einfach, da war eine Frau. Aber sie hielt uns vermutlich für Einbrecher und griff uns an. Wir verteidigten uns, sie stürzte und schlug sich den Kopf an. Seither war sie hier im Schloss, um zu genesen.“



„Oder wir machen es einfacher, laden uns keinerlei Schuld auf und sagen, sie war schon ohne Gedächtnis“, gab ich trocken hinzu. „Aber ja.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Das klingt hervorragend. Wann setzen wir den Plan um? Willst du die Eltern dafür herholen? Den Verlobten?“

„Nein, nehmen wir den Angriff. An den sie sich natürlich auch nicht mehr erinnern kann.“ Er nickte mir knapp zu. „Berichte ihr erst von der Idee. Und dann sehen wir weiter.“ Cyrus nagte kurz an seiner Unterlippe. „Wenn sie der Idee zustimmt, bist du mir etwas schuldig. Und ich habe auch schon eine Idee, wie du dich bedanken kannst.“

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