Die Heimat, die mich rief
Manche Menschen verlieben sich beim ersten Blick. Ich dagegen habe mich beim Lesen eines Buches verliebt und zwar nicht in einen Romanhelden, sondern gleich in ein komplettes Land. Schuld daran war mein 13. Geburtstag, an dem mir meine Eltern Das schöne Mädchen von Perth von Sir Walter Scott schenkten. Ein Roman, der sich als weit mehr erwies als nur Bettlektüre. Er wurde zum Ausgangspunkt einer Liebe, die bis heute unerschütterlich besteht. Das leicht vergilbte Exemplar steht noch immer in meinem Bücherregal, stolz wie ein alter Freund, der mich durch so manche Lebensetappe begleitet hat.
Damals allerdings war Schottland für mich so unerreichbar wie der Mond. Ich lebte in der ehemaligen DDR, wo Urlaub in der Regel Ostsee hieß. Wer es exotisch wollte, fuhr nach Bulgarien. Also blieb mir nichts weiter, als zu träumen. Von Nebel und Mooren, von Burgen und geheimnisvollen Tälern, von Männern im Kilt, deren Mut ich bewunderte, und deren Beinkleidung ich irgendwie faszinierend fand. Dass nur zwei Jahre später, im November 1989, tatsächlich die Mauer fallen würde, hätte ich mir höchstens in einem Roman mit einem besonders gutem Ende vorstellen können.
1994, ich befand mich im zweiten Lehrjahr meiner zweiten Ausbildung, beschloss ich, das Unmögliche zu wagen. Ich buchte meine allererste Schottlandreise. Acht Tage, organisiert über ein Reisebüro, inklusive Fähre und Bus. Zwei Tage gingen für die Überfahrten drauf. Und an jedem Ausflugsziel hatten wir genau genug Zeit, um ein Foto zu machen oder ein Sandwich zu essen. Beides gleichzeitig war logistischer Wahnsinn. Doch das tat meiner Begeisterung keinen Abbruch. Ich war dort! In Edinburgh, Oban, Stirling, am Urquhart Castle, am Loch Ness, in Tomatin, Nethybridge und in den Cairngorms. Jede Station traf mich mitten ins Herz. Noch bevor ich wieder auf deutschem Boden stand, wusste ich, dass das Ganze keine Urlaubslaune war. Es war Liebe.
Dann kam, wie immer, wenn man gerade im Glücksrausch ist, das Leben dazwischen. 1995 zog ich in meine erste Wohnung, 1998 kam der Führerschein (dazu ein Auto, das sich wie ein Dudelsack mit Asthma anhörte), im Jahr 2000 folgte die Heirat. Kurz gesagt: romantisch, aber teuer. Schottland musste warten. Erst 2001 konnten wir unsere verspätete Hochzeitsreise antreten. Zwei Wochen quer durch die Highlands. Seitdem gehört Schottland zu meinem Leben wie der Tee zum Shortbread.
Das Land blieb in meinem Herzen und fand sich irgendwann auch in meinen Texten wider. 2011 begann ich zu schreiben. Zunächst Crossover-Geschichten, dann Gedichte, Kurzgeschichten, Novellen und Romane, in denen Schottland immer wieder durch die Zeilen wehte. Mal als Schauplatz, mal als Stimmung, mal als stiller Sehnsuchtsort. 2013 zwang mich die Erkrankung meiner Mutter zum Innehalten. Zwischen 2016 und 2021 nahm das Leben vier geliebte Menschen aus meinem Umfeld, und mit ihnen verstummte meine Muse. Erst Ende 2023 kehrte sie zurück, ein wenig zerzaust, aber entschlossener denn je.
Eine besondere Verbindung verspürte ich schon immer zum Glen Coe, jenem majestätischen Tal, in dem 1692 das Massaker an den MacDonalds verübt wurde. Bereits bei meinem ersten Besuch dort, im schönsten schottischen Dauerregen, überkam mich ein merkwürdiges Gefühl. Ich kannte diesen Ort. Es war, als flüstere mir das Tal zu: „Du bist endlich wieder da.“ Seitdem habe ich mich in seine Geschichte vertieft, mit Einheimischen gesprochen, gelesen, recherchiert. Und jedes Mal spürte ich dieses leise Ziehen im Herzen, so als hätte ein Teil von mir dort immer gewartet.
Viele Jahre später, bekam dieses Gefühl plötzlich einen wissenschaftlichen Unterbau.
Ein DNA-Test – eigentlich nur aus Neugier gemacht – bestätigte, was mein Herz längst wusste. Meine Seele hatte mir schon immer die Wahrheit zugeflüstert. Meine Wurzeln führten tatsächlich über das Meer. Direkt nach Schottland. Verbindungen zu den Clans MacKinnon, MacColl und MacBride bestätigten, dass meine Liebe zu diesem Land nicht bloß romantische Spinnerei war, sondern schlichtweg genetisch bedingt. Meine Neigung zu Nebel, Regen, Dudelsackmusik und warmem Porridge war also weniger Marotte als genetische Pflichtübung. Ich war bereits schottisch gewesen, bevor ich es wusste.
Meine Tätigkeit für den Clan MacKinnon Scotland setzte dem Ganzen dann das Tüpfelchen aufs das I oder besser gesagt, den Tartan auf die Seele. Durch sie ergaben sich neue Freundschaften, faszinierende Geschichten und ein Gefühl von Zugehörigkeit, das tiefer reicht als Worte.
Heute weiß ich: Auch wenn meine Füße fest auf deutschem Boden stehen, schlägt mein Herz in Schottland – irgendwo zwischen einem windumtosten Tal, einer heißen Tasse Tee und dem melancholischen Klang eines Dudelsacks im Regen. Und wenn mich jemand fragt, warum ich dieses Land so liebe, lächle ich nur und sage: „Weil es nicht nur meine zweite Heimat ist, sondern meine erste.“









































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