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Meine Mutter schimpfte mich für meine vorlauten Worte gegenüber Alexej aus, nicht mal meinem Vater gelang es, sie von mir abzubringen. Natürlich fragten sie mich auch, was diese Umgangsart zwischen ihm und mir bedeutete, dazu äußerte ich mich jedoch nicht. So sehr ich die beiden auch liebte, mussten sie nicht jedes Detail aus meinem Leben erfahren.

Papa schleppte einen meiner Koffer nach oben und ich den anderen. Im Treppenhaus sah es aus wie frisch nach dem zweiten Weltkrieg oder wie in meiner alten Grundschule. Ausgewaschene grüne Farbe zierte die Wände und bröckelte an vielen Stellen ab. Manchmal sah man, dass dort mal ausgebessert wurde, aber das musste auch mindestens zwanzig Jahre zurückliegen. Ich hatte in meinem Leben noch nie so viele Farbnuancen gesehen, wie an diesen Wänden.

Schmale Stufen aus grobem Stein windeten sich nach oben. Der Lack vom Geländer hatte sich fast vollständig verabschiedet oder der Rost darunter zerstörte die Farbschicht. Auch die Fliesen des Bodens zeigten an vielen Stellen Risse auf oder ausgebrochene Ecken, sie sahen aus, als wären sie diversen Wutausbrüchen zum Opfer gefallen. Mich überraschte der ganze Anblick hier sehr negativ.

Meine Wohnungstür sah aus wie ein dickes Holzbrett mit einem Briefschlitz an der unteren Hälfte und der Nummer in angelaufener Bronze auf meiner Kopfhöhe. Mein Vater stieß fast mit der Stirn gegen den oberen Rahmen, als Frau Melinkow auf schloss und uns Eintritt gewährte.

Im Inneren betraten wir eine neue Welt. Ein modernes offenes Wohnzimmer zeigte sich uns. Beigefarbenes Parkett zog sich über den gesamten Boden. Vor uns stand ein schwarzes Ledersofa mit einem dazugehörigen Sessel daneben. Davor stand ein hölzerner niedriger Tisch mit einer Vase darauf, wo bunte Blumen drinnen standen. An der Wand hing ein Flachbildfernseher. Links und rechts daneben erhellten Stehlampen mit breiten Lampenschirmen den Raum zusätzlich, da sich hier vorne kein Fenster befand, das mit Tageslicht dienen konnte. Alle Möbelstücke ruhten auf einem hellgrauen flauschigen Teppich.

Rechts vom Fernseher stand ein großes leeres Regal im selben Holz wie der Couchtisch. Einige grüne Zimmerpflanzen rundeten die gemütliche Atmosphäre ab, jedoch wirkten die weißen Wände sehr kahl und bis auf eine Uhr hing dort nichts weiter. 



Ein schmaler Flur führte hinter dem Sofa weiter nach hinten. Links vom Fernseher führte ein breiter Rahmen in die Küche. „Willkommen in ihrem neuen Zuhause Mrs. Hofmann. Hier kommen Sie sofort in den Wohnbereich.“ Sie unterstützte ihre Worte, indem sie mit dem Arm kreiste und damit die gesamte Fläche vor uns meinte. Meine Eltern waren währenddessen ebenso sprachlos wie ich. Verglichen mit dem Hausflur, wo ich schon Angst hatte, in der Hölle gelandet zu sein, betraten wir hier den Himmel. Frau Melinkow machte trotz unseres Staunen unbeirrt weiter mit der Besichtigung.

Die zierliche Frau lief im Bogen um das Sofa in die Küche. Gegenüber vom Türrahmen befand sich ein großes Fenster mit Blick auf die Stadt. Links und rechts davon hing ein grauer Vorhang an einer schwarzen Gardinenstange, damit man im Notfall die direkte Sonneneinstrahlung verhindern konnte. Auf dem Fensterbrett standen zwei weitere mittelgroße Pflanzen.

Eine dunkelbraune Einbauküche zog sich links an der Wand bis kurz vor das Fenster, ausgestattet mit einem großen Kühlschrank, der fröhlich vor sich hin brummte. Zwischen diesem und der Induktionsherdplatten befand sich ein schwarzes Waschbecken eingelassen in den Küchenschrank. Die restliche Arbeitsfläche bot genügend Platz zum Kochen oder für weitere Elektrogeräte, was vier Steckdosen Plätze direkt darüber verrieten. „Hier ist die neu installierte Küche mit genügend Stauraum.“, gleichzeitig mit ihren Worten zog die Frau eine Schublade heraus, in der sich das Besteck befand „Mit allen nötigen Utensilien bestückt, außer Lebensmitteln, die müssen Sie einkaufen.“ Sie gab der Schublade einen Stups und sie schloss sich schnell, bis sie wenige Zentimeter vor dem Aufprall stark abgebremst wurde und sich schließlich sanft schloss „Alle Schränke hier sind mit Softclose ausgestattet.“

Frau Melinkow deutete schließlich an die gegenüberliegende Wand, an der ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen stand, auf dessen Sitzflächen ein dickes Kissen festgebunden war. Diese Möbel bestanden ebenfalls aus dem gleichen Holz wie die des Wohnzimmers.

Sie schob sich zwischen uns hindurch und verschwand links hinter der Wand in dem Flur, den man vom Eingang aus sehen konnte. Ich drehte mich langsam um, saugte die Umgebung mit meinen Blicken noch weiter auf, dann folgten wir der Frau in den Flur, der doch länger aussah als zu Beginn vermutet. „Hier die erste Tür auf der rechten Seite führt zum Schlafzimmer und Arbeitszimmer sowie dem Zugang zum Balkon. Dahinter die Tür verbirgt das Badezimmer. Wir beginnen hier.“, im gleichen Atemzug ließ sie uns in den Raum vorne eintreten. Gleich vor uns stand ein großes Ehebett, mit Nachttischen an beiden Kopfenden und Lampen darauf. Gegenüber von diesem Schlafparadies, stand der Kleiderschrank mit Schiebetüren ausgestattet und einer weiteren Stehlampe in der Ecke. Wieder ergänzte das Grün die restlichen sterilen und warmen Töne wunderbar.



Frau Melinkow schloss die Tür hinter uns, das brachte eine Kommode zum Vorschein, auf der ein kleinerer Fernseher draufstand. Gegenüber diesem hing ein Ganzkörperspiegel und daneben führte das Zimmer weiter durch einen Türrahmen hindurch. Papa setzte sich auf das Bett und schien die Federung der Matratze zu testen. Mama und ich folgten ihr in den anliegenden Raum. Dieser war schmal, am Ende stand nur ein Schreibtisch inklusive einem Bürostuhl davor. Schräg gegenüber von uns zwischen zwei Fenstern, die ebenfalls von gleichfarbigen Vorhängen wie in der Küche teils bedeckt wurden, führte eine Glastür auf den Balkon.

„Hier geht es nach draußen, folgen Sie mir.“, forderte sie uns auf, sonst wären wir hier an Ort und Stelle noch festgefroren. Die Dame entriegelte die Tür und öffnete sie nach außen hin, dann stieg sie über eine kleine Schwelle nach draußen, wo der Straßenlärm uns bereits begrüßte. Die Fläche war nicht zu groß, aber bot genügend Platz für Sitzgelegenheiten oder anderem Kram, was man hier draußen hinstellen konnte. „Wenn Sie Möbel wollen, müssen Sie diese selbst besorgen, hierfür waren keine Vorgesehen, da jeder andere Vorlieben für die Gestaltung eines Balkons hat. Er wurde mit einem neuen Boden versehen, einem robusten Stein, der allen Witterungen standhalten kann. Das alte Geländer bot nicht genügend Sicherheit und vor allem keinen Sichtschutz, deshalb haben wir hier neue Pfahler eingesetzt und diese mit einer Art dünnem Holz verkleidet.“ erklärte sie locker und zeigte auf besagten Zaun, dann auf die Aussicht. Der ganze Balkon wurde von Sonnenlicht geflutet, das gefiel mir sehr gut.

„Alex Schatz schau mal.“ Sagte Mama plötzlich und klang leicht überfordert mit ihrer Entdeckung. Ich löste meinen Blick über die Skyline von Moskau und stieß zu ihr. Schon als ich mich in ihre Richtung drehte, stieß mir sofort ein Fenster ins Auge, das sich hier auf dem Balkon zeigte und wo ich hinter der Scheibe das Badezimmer ausmachen konnte. Ohne das ich fragen musste, was das hier zu bedeuten hatte, kam mir Frau Melinkow zuvor und reihte sich neben mir ein „Ja, es ist ungewöhnlich, aber in diesen Altbauten war es normal, dass die Fensteraufteilung so gewählt wurde. Wir haben Vorhänge im Badezimmer installiert und auch ein Rollo, damit Blicke hier dauerhaft ausgeschlossen werden können. Wie Sie bereits hinter der Scheibe sehen, ist das Badezimmer der kleinste Raum und birgt nur eine Dusche, die Toilette und ein Waschbecken mit einem Unterschrank.“, sie deutete mit dem Finger rechts neben das Fenster „In dieser Ecke steht ein schmaler, aber hoher Badschrank für mehr Stauraum.“ beendete sie den Satz noch monotoner als vorher und ließ den Arm sinken „Ich zeige Ihnen den Raum nicht nochmal. Wir machen den Rest gleich hier.“, sie drehte sich uns zu und hob die Mappe aus der sie den Schlüssel zog „Sie bekommen drei Haustürschlüssel, sowie Wohnungsschlüssel. Zugehörig zu dieser Wohnung ist ein Keller, der ist nicht schwer zu finden, da es sich um den einzigen leer stehenden handelt.“, sie drückte mir das Bündel in die Hand, was bei der Bewegung klimperte. Dann hielt sie mir die geöffnete Mappe sowie einen Stift entgegen „Hier unten brauche ich noch eine Unterschrift, dass die Schlüsselübergabe erfolgt ist und die Regeln besprochen wurden.“ erklärte sie und ich streckte die Hand nach dem Stift aus, hielt aber kurz davor inne „Warte, was für Regeln?“. Frau Melinkow seufzte auf meine Frage „Nicht der Rede wert, machen Sie einfach nichts kaputt, dann bekommt hier niemand Probleme.“ fasste sie besagte Regeln kurz zusammen. Ich warf meiner Mutter einen hilfesuchenden Blick zu, sie deutete mit einem Kopfnicken auf das Papier und lächelte dann. Schließlich unterschrieb ich. Die Frau gegenüber von mir schloss die Mappe mit einem Knall, nahm mir den Stift aus der Hand und steckte diesen weg „Dann viel Erfolg Ihnen. Kontaktdaten der Vermieterin und von uns befinden sich in der Schublade des Schreibtisches. Auf wiedersehen.“



Sie schob sich an mir vorbei und eilte wieder rein, ehe sie hinter dem Türrahmen verschwand. Papa stieß schließlich zu uns, nachdem er der Frau noch kurz überrascht hinterher sah „Schon vorbei die Roomtour?“, mit dem Daumen zeigte er sich über die Schulter in Richtung der Tür. Ich nickte, Mama ebenfalls „Ja, das ging…sehr unkompliziert.“ fasste meine Mutter die Geschehnisse kurz zusammen. Papa steuerte auf das Geländer zu „Wow, was eine Aussicht. Mit der Wohnung hast du den Jackpot geknackt.“ wies er mich nochmal auf mein Glück hin. Ich stimmte ihm zu, aber Mom ließ uns keine Zeit, um weiter tatenlos in der Gegend herumzustehen. Sie klatschte zweimal in die Hände „Dann los, zieht den Finger, wir haben nicht mehr ewig Zeit. Alex, steck einen Schlüssel hier oben an und fixiere die Tür, danach machen wir dasselbe nochmal unten.“ verteilte sie die Aufgaben kurzerhand. Ohne weiter einen Gedanken zu verschwenden, ging ich voraus und tat, was sie sagte.

Gemeinsam schafften wir innerhalb von zwei Stunden meine Kisten nach oben. Die Fahrer des Transporters haben den Schlüssel bei Frau Melinkow gelassen, die ihn uns zu Beginn gleich in die Hand drückte mit der Info, dass das Auto heute Abend wieder abgeholt wird, dann musste alles ausgeräumt sein.

Ich dirigierte schließlich die Aufteilung der Kisten, damit alle Sachen direkt am richtigen Ort standen. Mama bestückte summend das Wohnzimmer mit meinen Sachen. Papa hatte die einfache Aufgabe, meinen Kleiderschrank einzuräumen und ich tobte mich im Badezimmer aus. 

Glücklicherweise war ich ziemlich minimalistisch aufgestellt, deshalb fanden meine Sachen auch Platz in den Schränken, ohne dass sie überfüllt aussahen. Wir tauschten uns untereinander aus, da jeder die Tür offen stehen ließ. Mein Papa sprach sich sehr positiv über die Wohnung aus, Mama kam nicht darauf klar, wie das Treppenhaus so schrecklich aussehen konnte, während die Wohnung vor Modernisierung strotzte. Ich hingegen schüttelte einmal die schwarzen, großen Handtücher aus, faltete sie ordentlich und verstaute sie in der untersten Schublade des schmalen Schrankes. In meinen Gedanken plante ich bereits, wohin der restliche Inhalt meiner Kiste verstaut werden sollte. Meine Sachen hier zu sehen, brachte mir gleich ein heimeliges Gefühl ein. Egal wo auf der Welt ich war, solange meine Bleibe mich an Zuhause erinnerte, fühlte ich mich nie wirklich alleine oder in großer Distanz zu meinen Eltern.



Ein Klopfen riss mich aus den einnehmenden Gedanken und ich warf kurz einen Blick über die Schulter. Mein Vater stand in der Tür und senkte gerade den Arm, mit dessen Hand er gegen das hölzerne Brett klopfte. „Brauchst du was?“, seinem Blick nach zu urteilen und der einen Hand hinter dem Rücken versteckt, wollte er entweder etwas von mir oder plante mir etwas zu geben. „Gibst du mir kurz deine uneingeschränkte Aufmerksamkeit?“, nickend schob ich die geöffnete Schublade zu, drehte mich zu meinem Vater und ging langsam in seine Richtung „Ja klar.“ Meine Augen senkten sich im Sekundentakt zu seinem Arm, dessen Großteil hinter seinem Rücken verschwand. Dad schien zu merken, worauf mein Augenmerk lag, also machte er es nicht sonderlich spannend. „Ich habe etwas für dich.“ sagte er, während seine Hand zum Vorschein kam, darin lag ein kleines selbstgemachtes Schlüsselbrett mit drei leeren Haken. Meine Augen leuchteten auf und ich öffnete den Mund begeistert „Hast du das gemacht?“ wollte ich wissen und streckte meine Arme nach dem Brettchen aus. Papa überließ es mir und lachte „Ich wusste das es dir gefallen wird und ja, ich habe es heimlich angefertigt während du Hals über Kopf in der Umzugsplanung gesteckt hast. Es soll dir ein Stück Heimatgefühl bringen. Das erfüllt es doch hoffentlich, oder?“ ging er sich sicher, seine Stimme voller Unsicherheit.

Mit beiden Händen führte ich mir das Schlüsselbrett näher ans Gesicht, um die Details genauer betrachten zu können. Mit dem freien Platz für drei Schlüssel oder anderes, war es nur halb so groß wie das zu Hause, aber das Material der Haken war genau gleich, ebenso die Anordnung. Drei stählerne Haken DLC beschichten, zwei oben und einer mittig im unteren Viertel des Holzes boten genügend Platz. Meine Finger fuhren sanft über die lackierte Oberfläche, zogen jede natürliche und nachträglich eingearbeitete Kontur nach. Mein Vater war talentiert im Handgravieren von Metall, ein Hobby von ihm, was er auch gelegentlich auf Holz ausführte. Zusammen mit dem Mahagoni-Holz entstand ein absolut edles Design. Die Kanten und Ecken wurden abgerundet, damit man sich nicht verletzte. 

Lächelnd betrachte ich das handgemachte Geschenk noch eine Weile, ehe ich den Blick hob „Es ist wunderbar, vielen Dank Paps.“ Gerührt von der Geste fiel ich ihm um den Hals und wir umarmten einander fest. Ich spürte, wie schwer es ihm fiel akzeptieren zu müssen, dass das unsere vorletzte Umarmung sein wird. Seine Emotionen und Gedanken über den Abschied schwappen auf mich über und trieben mir die Tränen in die Augen. Mir fiel es auch nicht leicht, einen endgültigen Abschied hinnehmen zu müssen, aber an diesem Punkt konnte ich meine Entscheidung nicht mehr zurückziehen, das würde mehr Schwierigkeiten hervorrufen als alles andere. Und es war auch nicht mein Wunsch, die Trauer über die Entfernung würde vergehen.



„Es freut mich das es dir gefällt.“ sagte Papa erleichtert und drückte mich noch einmal kurz an sich, ehe er uns langsam voneinander trennte und bis zu beiden Ohren lächelte. „Ich weiß auch schon, wo es hinhängen werde.“, in meinen Gedanken brachte ich es bereits an dem vorgesehenen Platz an und stellte mir das Endergebnis vor. Lächelnd nickte ich die Vorstellung ab und legte das Schlüsselbrettchen auf dem schmalen Schrank ab, dann drehte ich mich zurück zu meinem Vater, der mit verschränkten Armen am Türrahmen lehnte und die Einrichtung studierte. „Bist du denn schon fertig mit meinem Kleiderschrank?“ fragte ich mit gehobener Augenbraue und stützte die Hände in die Hüften. Im gleichen Moment schwank sein Blick zu mir, dann nickte er „Ja natürlich, es ist schließlich kein Hexenwerk, deine drei Kleidungsstücke einzusortieren.“ Begann er und stieß sich vom Holz ab „Ich habe sie auch nach Farben sortiert, hoffentlich passt es dir so.“ Ich liebte die Art von ihm, alles perfekt und ordentlich machen zu wollen. Man sah es ihm auf den ersten Blick nie an, aber neben seinem gutmütigen Charakter steckte weitaus mehr in ihm als der schiere Perfektionismus oder seine wohlerzogene Art. Er war mein Vorbild in Sachen Männern. Mein zukünftiger soll die lobenswerten Eigenschaften meines Vaters haben, ansonsten wird er nicht zu mir passen. Hoffentlich fand ich hier so eine Art von Partner, die Angst, mein Leben hier allein weiterführen zu müssen, begleitete mich immer und überall hin. Diesen Gedanken wurde ich nie los, glücklicherweise wurde er hin und wieder von den Strahlen der guten Momente überschattet.

„Na ihr beiden? Habt ihr euch verquatscht und so eine spontane Pause eingelegt?“, Mama erschien im Türrahmen neben ihrem Mann und schlang einen Arm um seine Mitte. Die beiden schmiegten sich aneinander und tauschten kurz liebevolle Blicke aus. Ich nahm das Geschenk vom Schrank und hielt es stolz in ihre Richtung „Papa hat mir dieses Schlüsselbrett gemacht.“, Mama lachte leicht, meine starke Freude darüber schien sie genüsslich zu amüsieren „Ich weiß Schatz, dein Vater hat mich zur Rate gezogen was das Design und die Farbe der Haken anging.“ gestand sie und lehnte sich etwas nach vorne zu mir „Eigentlich wollte er erst pinke Haken nehmen.“ plapperte sie das Geheimnis aus. Empört schnaufte Pap’s und sah hinab auf seine Frau „Man, das sollte doch unser Geheimnis bleiben.“ beleidigt wendete er sich ab und starrte das Holz vom Türrahmen an, Mama lachte und kuschelte sich an den Rücken ihres Mannes. Leicht schüttelte sie ihn „Ach komm, das ist doch süß.“



Ich schüttelte den Kopf mit einem Grinsen auf den Lippen und legte das Schlüsselbrett wieder zurück auf den Schrank. Dabei streiften meine Augen das Fenster. Draußen war es bereits dunkel geworden, was mich dezent überraschte, denn wir waren alle so beschäftigt, dass uns der Entzug vom Sonnenlicht gar nicht auffiel.

Über das Geländer des Balkons leuchteten die Lichter der Gebäude im Herzen der Stadt. Anzeigetafeln mischten bunte Farbe unter die gelb leuchtenden Lampen innerhalb der Gebäude und der Straßenlaternen. Kurz verlor ich mich in der farbenfrohen Szene, ehe ein Gedanke blitzartig durch meinen Kopf schoss und ich mich schnell herumdrehte „Ich brauche noch Essen, wir müssen einkaufen gehen!“ fiel mir panisch ein und ich tippelte auf der Stelle umher. Insgeheim malte ich mir schon die schlimmsten Szenarien aus wie viel Pech ich jetzt hätte, wenn die Märkte bereits geschlossen wären.

Mama machte eine beruhigende Handbewegung und kam auf mich zu, dann legte sie eine Hand auf meine Schulter und drückte sanft zu „Alles gut, wir verlieren jetzt einfach keine Zeit mehr.“, sie warf einen Blick über ihre Schulter „Schatz, Google bitte welche Supermärkte sich hier in der Nähe befinden. Den nächstbesten nehmen wir.“ erteilte sie meinem Vater eine Aufgabe, er nickte und verließ sofort mit dem Handy in der Hand das Badezimmer. Mama führte mich mit ihr raus ins Wohnzimmer, wo mein Vater auf der Sofalehne saß, das Gesicht tief in den kleinen Bildschirm vor ihm gesteckt „Na bitte, ungefähr sieben Minuten Fußweg weit von hier gibt es einen Laden namens Karusel. Ich glaube, das ist vergleichbar mit unserem Kaufland, also riesig und mit allem, was du benötigst.“ sagte Papa zufrieden mit seiner Recherche und hielt uns den Google Maps Eintrag entgegen mit einem Bild des besagten Ladens. Mama und ich sahen uns kurz an „Dann los.“ forderte ich uns alle zum Gehen auf, aber holte vorher noch meine Brieftasche. Von dem Probetag hatte ich noch gewechseltes Geld übrig, das nahm ich natürlich diesmal wieder mit, um die ersten Einkäufe tätigen zu können. Immerhin hatte ich noch kein Kapital in Rubel.

Als ich zurück ins Wohnzimmer kam und dabei fast über eine Kiste stolperte, standen meine Eltern schon in den Startlöchern. Gemeinsam verließen wir die Wohnung, ich schloss ab und steckte den Schlüssel ein, dann bahnten wir uns den Weg das Treppenhaus herunter, wo meine Mutter nochmal anmerkte wie schrecklich das aussah. Draußen auf dem Bürgersteig angekommen, traten wir in das reine Leben. Überrumpelt davon blieben wir stehen und ich sah auf mein Handy was halb neun abends anzeigte inklusive neuer Nachrichten von Sasha. Diese mussten aber noch ein Weilchen warten, gerade hatten andere Sachen Priorität.



„Das ist.“ Begann mein Vater und wedelte mit den Armen, als wollte er das richtige Wort finden „Ungewöhnlich.“ fand er schließlich einen passenden Begriff für die Szene, die sich direkt vor unseren Augen abspielte. Menschenmassen schoben sich über die Gehwege und teilweise auch über die Straße, ohne den Verkehr groß zu beachten. Autos hupten, Leute beleidigten die Fahrer oder regten sich anderweitig auf. Frauen- und Männergruppen in Party Outfits suchten die nächste Feier, andere kamen anscheinend gerade davon zurück, denn einige taumelten den Weg entlang. Russische Sprache überall, es fühlte sich für uns an, wie eine Reizüberflutung. Nürnberg hielt da nicht mit, auch Berlin kann mit dem Moskauer Nachtleben nicht mithalten. Diese Lebhaftigkeit füllte die gesamte Luft, während bei uns in Deutschland Strenge sowie Ernsthaftigkeit regierten, spürte man hier den reinen Spaß, die Lebensfreude.

„Du kriegst die Tür nicht zu…“ riss Mama mich aus den Gedanken. Verwirrt sah ich sie an „Was ist?“, sie zeigte auf die Allgemeinheit der Frauen, die sich in unserem Blickfeld befanden und sich ungefähr in meiner Alters-Liga befanden „Schau dir das an. Auch hier haben die Damen wenig Selbstrespekt, vielleicht noch weniger als die bei uns.“ scharrte sie alle über einen Kamm und ließ sich wieder in die typischen Vorurteile fallen. Ich schüttelte nur den Kopf und drehte die Augen nach hinten, dann richtete ich mich an meinen Vater „Wo lang?“, er schüttelte den Kopf und riss sich von meiner Mutter los mit den Augen. Kurz kam er ins Stottern, da ich ihn anscheinend überrumpelte mit meiner Frage. Er vergrub erneut die Augen im Handy Display, dann zeigte er die Straße herunter „Hier einfach runter bis zur Kreuzung da hinten und dann links. Wir müssten den Laden von da vorne aus sehen.“ gab er uns die Richtung vor und ich lief voran. Die beiden folgten mir dicht auf den Fersen und wir wechselten ab da kein Wort mehr miteinander. Jeder von uns nahm die Umgebung wie ein Schwamm auf. Alle Eindrücke wurden festgehalten, jede Emotion vernommen. 

Vorne an besagter Kreuzung angekommen, wurden wir von einer lauten Auseinandersetzung zum Stehen gebracht. Wir richteten alle drei fast gleichzeitig den Blick rechts neben die Hausecke. Vor der Wand unter einem Fenster, wo eine ältere Dame mit dem Oberkörper heraus ragte und wild mit dem linken Arm fuchtelte, standen zwei Männer, die sich gegenseitig schubsten und – so schien es mir zumindest anhand der Gesten – sich Prügel androhten. Die Herren versuchten einander in der Körpergröße zu überragen, stellten sich teilweise auf die Zehenspitzen und schrien einander mit hochroten Köpfen an. Sie drehten ab und zu den Blick zu der älteren Frau, die das Gesicht zur Faust geballt hatte und sich gelegentlich nach vorne beugte, um einen der beiden Männer an den Haaren greifen zu können. Dabei drohte sie aus dem Fenster zu fallen, zumindest setzte sie sich selbst der Gefahr aus.



Passanten nahe dem Schauspiel blieben stehen, sahen zu. Manche flüsterten zueinander oder zuckten ihre Handy’s um alles mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zu filmen, man sah ihnen die Schadenfreude an. „Ich habe das Gefühl, wir sind in Berlin.“ unterbrach Papa, aber fasste die Situation perfekt zusammen. „Und man muss bedenken, dass Berlin hier vermutlich zweimal rein passte.“ fügte Mama hinzu, und ich nickte. Sie hatte Recht.

Die Vorstellung rückte in den Vordergrund, wenn ich mal durch das Land reisen müsste. Das hier ist nur ein kleiner Geschmack der restlichen vielfältigen Suppe. Thomas erzählte mir, es gibt hier sowas wie Nachtzüge. Man kann dort in normalen Betten schlafen, wenn man weit durch das Land reisen muss, das bestätigte mir nach einer Nachfrage auch Sasha. Hier ist alles möglich.

„Lasst uns weitergehen, ich möchte heute auch nochmal ausruhen können und ihr auch.“ bewegte ich meine Eltern zum Gehen und wir folgten Papa’s Anweisung weiter. Sobald wir unsere Aufmerksamkeit von dem eskalierenden Streit rissen, entdeckten wir Meter vor uns besagten Einkaufsladen. “Ist doch nett…oder?” fragte Papa, als wir alle drei unseren Blick nicht mehr von dem Schild in der unbekannten Sprache nehmen konnten. Er hatte sich dabei leicht in unsere Richtung gelehnt, als wöllte er vor der Öffentlichkeit den riesigen Schwall Skepsis aus seiner Stimme vertuschen wollen. Mama und ich nickten fast gleichzeitig, ohne seiner Frage eine direkte Antwort zu geben, dann setzten wir uns in Bewegung. Immerhin wurde der Tag nicht mehr jünger und wir durften keine weitere Zeit verschwenden.

Gemeinsam betraten wir den Laden, er sah ganz normal aus, bis auf die ungewohnte Sprache und ein paar Produkte in Regalen, mit denen wir auf den ersten Blick nichts anfangen konnten. Die Kassiererin hinter ihrem Tresen begrüßte uns kurzerhand sehr leise und müde. Ihr fielen fast die Augen zu, die blonde kurze Mähne der Frau sollte eigentlich zusammengebunden an ihrem Hinterkopf sein, aber sämtliche dicke Strähnen hatten sich daraus gelöst und baumelten ihr wild im Gesicht herum. Über dem schlichten T-Shirt trug sie eine Weste mit dem Logo des Marktes. Mir tat ihr Anblick fast leid. Die Augenringe tiefer als der Marianengraben und mindestens genauso blau wie das Meer. Sie war völlig erschöpft und überarbeitet.



Ich schüttelte den Kopf, riss mich aus dem Mitleid für sie und suchte den Eingang nach Wägen oder Körben ab. Neben dem stählernen Geländer, das eine Schranke hielt, befand sich ein Stapel grüner Plastikkörbe. Wir schnappten uns alle einen, betraten den weitläufigen Raum hinter der Absperrung, die sich automatisch für uns öffnete, sodass wir zwischen den endlosen Regalreihen strandeten. Leicht überfordert, versuchte ich, die Umgebung mit allen Empfindungen und umliegenden Gerüchen einzuprägen. Papa hielt sich nochmals das Handydisplay vor die Nase, das konnte ich im Augenwinkel erkennen “Was machst du da?” wollte seine Frau in Erfahrung bringen. Ich hörte der Konversation nur mit einem Ohr zu, das andere nahm sanfte Stimmen auf, das Brummen der Kühltruhen und die Schritte auf den alten, teilweise gesplitterten schwarz-weiß-Fliesen.

“Ich lege es euch beiden ans Herz dasselbe zu tun, außer ihr wollt mir weis machen, innerhalb der letzten Stunden Sprachprofis in Russisch geworden zu sein. Ich bezweifle, dass die Produktnamen hier übersetzt sind, deshalb, sicher ist sicher.”, damit sprach er einen validen Punkt an, immerhin war es hier sicherlich nicht gegeben, dass Produkte zweisprachig angeboten werden wie bei uns zu Hause in einigen Fällen. Mit einem kehligen Brummen stimmte meine Mutter zu und holte ihr Handy raus, ich tat es den beiden gleich. “Gut Familie Hofmann, ausschwärmen. Ich übernehme Milch- und Käseprodukte. Du Mama gehst zu den Haushaltsutensilien und Papa, du übernimmst Konserven und andere länger haltbare Waren. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten wieder hier. Ihr habt gesehen, was ich benötige und ich vertraue eurem Urteil.” übernahm ich die Führung und gab die nächsten Schritte an, ohne Platz für Widerworte oder Diskussionen zu lassen. Still nickten mir meine Eltern zu und wir verstreuten uns wie von mir befohlen.

Zugegeben war es alles andere als einfach etwas zu finden, das ich brauche. So oft vergriff ich mich im Kühlregal auf der Suche nach normaler Milch. Käse gab es zwei Millionen verschiedene Sorten, wo ich den Unterschied nicht mal benennen konnte. Ich fühlte mich wie ein gestrandeter Fisch, der versuchte, sich an das Leben am Land anzupassen, ohne Führung und ohne Plan.



Nach zehn Minuten endlosen Fotografieren von Preisschildern, um mir vom Übersetzer sagen zu lassen, dass ich wohl gerade im Modegeschäft vor den Gürteln stand, begab ich mich frühzeitig zurück zu unserem Ausgangspunkt. In meinem Korb sah es mau aus. Nur zwei Packungen Milch, eine Butter, wo ich inständig hoffte, dass es auch Butter war und zwei verschieden aussehende Packungen Käse.

“Mrs. Hofmann, eine Überraschung, Sie hier zu sehen.” brachte mich plötzlich eine tiefe und gefährlich bekannte Stimme von hinten vollkommen aus dem Konzept. Erschrocken drehte ich mich um, meine Nackenhaare stellten sich auf, als sich wenige Schritte vor mir Alexej aufbaute. Seine breiten Schultern versteckten zwei Lampen an der Decke, damit wurde seine Vorderseite in tiefe Schatten getaucht. Plötzlich nervös schluckte ich den wachsenden Kloß in meinem Hals nach unten, was sich schmerzhafter herausstellte als gedacht. Mit größter Anstrengung versuchte ich, einen kühlen Kopf zu bewahren, aber meine Stimme machte mir einen Strich durch die Rechnung. Jedes Wort überschlug sich auf dem Weg nach draußen, drohten stecken zu bleiben und die Unsicherheit legte sich wie eine Legierung um meinen Wortsalat “Mr. Iwanow…ja…keine Ahnung wo Sie da eine Überraschung sehen, immerhin bin ich hergezogen…ehm…was wollen Sie hier? Möglicherweise wohl einkaufen…eine dumme Frage.” Schließlich gab ich meine peinlichen Sprechversuche auf und presste die Lippen aufeinander. Insgeheim betete ich, dass sich ein Loch unter meinen Füßen auftat, um mich mit nach unten in die Erlösung zu nehmen. Vergeblich.

Alexej musterte mein Gesicht, zumindest konnte ich das in seinen Gesichtszügen erahnen. Dann formten sich seine Lippen zu einem schelmischen Grinsen “Heute haben Sie den bissigen Hund wohl Zuhause gelassen was? So entrüstet habe ich Sie noch nicht gesehen, aber man könnte sich daran gewöhnen.”, nutzte er die Gelegenheit sofort, um den erwarteten Gegenschuss zu feuern. Ich enthielt mich, blieb still und zog einfach wütend die Augenbrauen nach unten. Das lodernde Feuer der Herausforderung in seinen schwarzen Iriden entfachte auch meins, aber ich versuchte es mit aller Kraft zu ersticken, ehe ich mich weiter in den Schlamassel rein reite.



Plötzlich unterbrachen den Moment die Stimmen meiner Eltern von hinten, die mit jeder Sekunde näher kamen. Gerade noch rechtzeitig, denn mein Mund war gerade dabei, ihn hier und jetzt mit Worten zu zerfetzen.

Gott sei Dank…

“Alex, du hast gewonnen!” sagte mein Vater fröhlich, aber als er neben mir stehen blieb und einen Blick auf meine traurige Beute warf, verschwand das breite Lächeln auf seinen Lippen “Oh…” wandelte die Euphorie von eben in Mitleid. “Mr. Iwanow! wie schön Sie hier zu sehen!” quietschte Mama begeistert, fast zu sehr begeistert. Papa schenkte ihm damit auch Beachtung, nickte ihm aber nur kurz anerkennend zu. Alexej badete sich in der Freude meiner Mutter, er genoss diese Bewunderung ihrerseits, das versuchte er nicht mal zu verstecken. Genervt rollte ich die Augen und wandte den Blick ab. “Die Freude ist ganz meinerseits. Wie wundervoll von Ihnen, Ihrer Tochter noch tatkräftig unter die Arme zu greifen. Ich ging davon aus, Sie hätten sich bereits in Ihr Hotel zurückgezogen.” bemerkte Alexej mit gespielter Anerkennung und zuckersüßen Worten. Ich musste alle Zellen meines Körpers anflehen, dass ich mich nicht umgehend auf ihn stürzte und diesen Schleimbeutel erwürgte.

Meine Eltern stellten ihre Körbe ab. Mama klatschte sanft in die Hände “Wir können unser Küken im neuen Gewässer schließlich nicht alleine schwimmen lassen.” Peinlich berührt kroch die Hitze binnen Sekunden in meinen Kopf. Alexej lachte, darin hörte ich deutlich heraus wie er mich auslachte und sich diese Aussage merkte, um mich später damit aufziehen zu können. Meine Mutter stellte mich vollkommen bloß und gaben seinen Flammen übermäßig viel Brennstoff. Schnell schritt ich ein “Danke Mama! Er braucht keine weiteren Infos.” ermahnte ich sie streng, unter meinem eindringlichen Blick verstummte sie mit einem ertappten Lachen. “Wir müssen jetzt auch los.”, gerade als ich mich an Alexej vorbeischieben wollte, hielt er mich auf “Nicht so schnell. Ich wollte Ihnen allen gerade ein Angebot unterbreiten.” In mir zog sich alles zusammen. “Sie beide haben heute so viel getan. Ich lasse ein Uber holen und entlasse Sie aus dem heutigen Dienst. Ich helfe Ihrer Tochter noch bei den Einkäufen.” beschloss er. Mama bedankte sich mehrmals, Papa stieg mit ein und hatte nichts dagegen einzuwenden. Ich knurrte, umklammerte den Griff des Korbs fester, dass sich meine Fingernägel in meine Handfläche bohrten. Den entstehenden Schmerz nahm ich nicht mal wahr.



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Kurzerhand hatte Alexej seine Worte in die Tat umgesetzt. Meine Eltern haben sich noch verabschiedet, dabei bemerkte ich, wie kaputt sie doch waren. Ihnen sei die Auszeit jetzt mehr als nur gegönnt. Alexej und ich blieben alleine zurück, diese Privatsphäre nutzte ich und drehte mich wieder zu ihm um “Warum tun Sie das? Mit welchen Hintergedanken? Welchen Plan verfolgen Sie?” versuchte ich, ihm die Wahrheit zu entlocken, dass er aber auf keine meiner Fragen einging, war abzusehen. “Es gibt keinen, das nennt man Freundlichkeit.” Verdattert blinzelte ich ihn an, dann kehrte die Skepsis zurück “Ich brauche Ihre Hilfe nicht.” protestierte ich, da lachte er und warf einen Blick auf die wenigen Produkte in meinem Korb “Sicher..Alexej übrigens, nenn mich bei meinem Vornamen, wir sind hier Zivil unterwegs.” kurz hielt er inne zum Luftholen “Ist klar, du brauchst keine Hilfe, aber willst saure Sahne kaufen.” er deutete mit dem Zeigefinger auf die Kartons, die wie Milch aussahen. Ungläubig nahm ich einen heraus und drehte ihn in der Hand “Was? Das kann nicht sein.” Alexej seufzte, deutete auf das Geschriebene und fuhr mit der Fingerkuppe drüber, im gleichen Tempo sprach er das Wort aus und nannte mir dann die korrekte Übersetzung “Verstehst du?” setzte er nach. Ich packte das Produkt zurück und gab mich schließlich geschlagen “Gut, du darfst mir helfen.”

“Ich darf also? Wie großzügig. Du weißt, dass du mit deinem Vorgesetzten redest?”. Ich nickte “Natürlich, aber wie du sagtest, wir sind hier Zivil unterwegs.” erinnerte ich ihn an seine eigenen Worte. Er lachte nur kopfschüttelnd, dann nahm er die Körbe meiner Eltern und steuerte in eine bestimmte Richtung. Ich folgte ihm mit wenigen Schritten Abstand. Sein Parfüm hinterließ eine Wolke, der ich ausgesetzt war. Moos, Regen, nasser Waldboden, aber auch eine süße unbekannte Note konnte man herausfiltern. Wie immer roch er traumhaft und mir fiel zum ersten Mal auf, wie er normal aussah. Ohne Anzug und eine strenge Frisur. Die schwarzen Haare fielen üppig in seine Stirn und standen am Scheitel zu allen Seiten ab, als hätte er einen Stromschlag bekommen. Er trug ein weißes Polo-Hemd, dieses mündete ab den Hüften in einer dunkelgrauen Jogginghose, die locker und mit genügend Freiraum um seine Beine auf die schwarzen Adidas Schuhe fielen. Unter dem leicht stramm sitzenden Oberteil konnte man die Konturen seiner Muskeln erahnen. Die leicht angedeuteten Bauchmuskeln, die gewölbte und straffe Brust und ausgeprägte Schultern, die in durchtrainierten Armen endeten. Zugegeben, er war ein absolut attraktiver Mann und vermutlich der Traum jeder Frau, wäre sein Charakter nur nicht so beschissen.



Gemeinsam räumten wir fast jeden Artikel aus den Körben wieder raus und tauschten sie um gegen die Richtigen. Er erklärte mir jeden Namen, die Übersetzung davon und empfahl mir auch Sachen, die mir gänzlich fremd waren. Alexej gab sich wirklich Mühe, mir zu helfen, den Moment genoss ich mit allem, was ich hatte. Spätestens am ersten Arbeitstag konnte ich mich davon wieder verabschieden.

Insgesamt eine halbe Stunde benötigten wir und er half mir anschließend, meine Einkäufe nach Hause zu bringen. Auf dem Weg verhielten wir uns überraschend wortkarg miteinander. Keiner wusste wirklich worüber wir reden sollten, zum Glück hielt diese komische Stille nicht allzu lange an. Als wir vor meiner Haustür ankamen, stellte ich den Beutel ab und kramte meinen Schlüssel heraus. Ich schloss auf und ließ Alexej passieren, der seine zwei Beutel im Hausflur abstellte. Mit dem Rücken an der Tür lehnend blickten wir einander kurz in die Augen, dann holte ich Luft “Ja, danke nochmal. Ich sollte jetzt hoch gehen und du nach Hause.” leitete ich das Ende dieses Treffens ein. Alexej musterte mich kurz “Soll ich dir deine Sachen nicht noch hoch bringen? Die sind ziemlich schwer.” bot er an, aber ich winkte ab “Brauchst du nicht, ich schaffe das.”

“Ich glaube wir haben uns falsch verstanden, das war auch keine Bitte, ebenso wenig ein Angebot. Diese Selbstverständlichkeit als Frage zu äußern ist gängig, das musst du wohl noch lernen.” erklärte er streng und bestimmt, was mich kurz überrumpelte. Ehe ich einen Einwand einlegen konnte, hatte er meine Tüten schon in den ersten Stock gebracht, sodass ich alleine im Hausflur zurückblieb. “Hey, Alexej warte!” schnellen Schrittes sprintete ich ihm nach “Was für eine merkwürdige Art miteinander umzugehen ist das? Entweder du stellst eine Frage oder formulierst es gleich als Aussage.” ermahnte ich ihn ernst, aber seine Antwort darauf war nur ein triumphierendes Lachen “In welchen Stock?” wechselte er das Thema, ich atmete angestrengt aus “Dritten.”

Als wir im besagten Stockwerk ankamen, schloss ich meine Wohnung auf und stellte meine Tüte drinnen ab, Alexej schob sich an mir vorbei und stellte seine weiter in den Wohnraum. Empört deutete ich auf seine Schuhe “Nicht mit Straßenschuhen! Geh raus!”. Mein Gegenüber machte kurz einen auf überrascht, ehe er nachgab und wieder den Hausflur betrat “Ist das bei euch Deutschen so ein Ding?”. Ich ignorierte seine Frage “Geh nach Hause jetzt oder benötigst du noch irgendwas, was ich dir sowieso nicht geben kann?”.



Kurz schien er zu überlegen, dann kam er zwei Schritte auf mich zu, sodass die Parfümwolke um ihn herum wie ein Brett in mein Gesicht schlug. Ohne es wirklich zu bemerken, machte ich einen Schritt zurück, wurde jedoch in halber Bewegung gestoppt, als der Türrahmen meine rechte Schulter und ein Teil meines Arms berührte. „Was soll das?” stellte ich ihn  zur Rede, bekam aber nichts als einen intensiven Blick, der mich zu schweigen brachte. Still und unsicher, beobachtete ich jedes noch so kleine Muskelzucken von ihm. Er streckte den Arm aus in meine Richtung und nahm eine Haarsträhne zwischen seine Finger. Er drehte sie leicht, spielte damit herum und zwirbelte sie sanft. Sofort spürte ich, wie die abgestrahlte Wärme seiner Hand unter meine Haut drang. Zittrig atmete ich aus und wechselte den Blick zwischen ihm und seiner Hand. Alexej wagte noch einen Schritt näher und ich musste den Kopf mehr in den Nacken legen “Was ist? Nicht an Nähe gewöhnt?” fragte er plötzlich in einem verführerischen und spielerischen Unterton. Ich schluckte, versuchte hart zu bleiben “Mir ist nur kalt. Du scheinst keinen personal space zu kennen was?” stellte ich eine gute Gegenfrage, er neigte den Kopf überrascht von meinem Biss und ließ von mir ab. Ich huschte schnell in meine Wohnung und schlug die Tür zu.

“Gute Nacht Alexandra.” drang es in belustigtem und gedämpftem Ton durch die Tür, dann hörte ich Schritte, die sich entfernten. Erleichtert presste ich die angehaltene Luft aus meinen Lungen, dann durchfuhr ein Kribbeln meinen ganzen Körper. Unerwartet reagierte mein Körper dagegen, indem er heftig zuckte, dann sammelte ich meine Kraft wieder, verdrängte den Zwischenfall nach hinten und widmete mich meiner Abendroutine.

Was ist eigentlich sein Problem?

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