Kapitel 5

Begrüßt durch die Hitze in der Gasmaske und beschlagener Sicht erwacht Skyla auf einem harten Untergrund. Die Luft schmeckt verbraucht. Das Bewusstsein bleibt vorerst getrübt und das Raum-Zeit-Empfinden befindet sich im Keller. Durch die Benommenheit dauert es wenige Versuche, bis sich die Gasmaske lösen lässt und ihr frische Luft entgegenschlägt. Der moderige Geruch lässt Skylas Nase jedoch rümpfen. Der Körper fühlt sich schlapp und noch nicht bereit, sich zu erheben. Skyla sinkt daher nieder und spürt ihre schweren Knochen. Jeder blaue Fleck zeichnet sich ab und ohne ihn zu sehen, weiß sie auf Anhieb, wo sich die Blessuren verstecken.

Eine schreckliche Gänsehaut überfällt Skyla, als sie ein paar Wimpernschläge später etwas am Arm streift und sich ihrem Gesicht nähert. Eine spitze Nase schnüffelt an ihr. Benommen blickt Skyla in die hungrigen Augen, die sie betrachten. Der pelzige Besuch wird jedoch vertrieben, als Agnar mit angehobenen Vorderbeinen heraneilt. Der Nebel im Kopf schwindet und Skyla nimmt das dunkle Umfeld besser wahr. Durch den Lichtkegel der Stirnlampe wenige Meter von ihr entfernt huschen weitere Bewohner des Untergrundes. Beunruhigt erhebt sie sich und baut sich bewusst auf, um einschüchternd zu wirken. Rückblickend identifiziert sie das pelzige Tier als eine Ratte. Geekelt schüttelt sich Skyla und hebt die Stirnlampe auf, die sich von ihrem Gürtel gelöst haben muss.

Der Kopf schmerzt, die Beule an der Stirn pocht und die Welt dreht sich wie nach einer wilden Karussellfahrt.
„Agnar, was ist passiert?“
Die steifen Glieder werden kurz gestreckt, wobei die Druckstelle am Bein ignoriert wird. Anscheinend lag sie ungünstig gegen einen großen Stein. Mit dem geistigen Neustart schießen Skyla während Agnars Erklärung im Schnelldurchlauf unzählige Bilder von ihrem Ausflug durch den Kopf. Stück für Stück baut sich ein Puzzle zusammen und lässt das Fundament aus Ruhe und Gelassenheit einstürzen.

„Du bist ungünstig gefallen und wurdest damit zur leichten Beute. Wäre ich nicht hier und hätte dich beschützt.“ Das Prahlen hat er sich definitiv von seinem heißgeliebten Kriegerbären abgesehen. Zu ihrem Bedauern. „Kai ist bereits unterwegs und macht sich auf die Suche nach deinem Freund.“




Beunruhigt blickt Skyla auf. „Oh nein! Lukas!“
„Genau. Lukas. Aber sei unbesorgt, Kai ist unterwegs.“
Ungläubig betrachtet sie ihren Spinnendämon, der noch immer von dem frechen Bären überzeugt bleibt. Nach der gemeinsamen Zeit mit ihren Schutzgeistern wäre sie beruhigter, wenn es Agnar losgezogen wäre, um ihrem Freund zu helfen. Anders als Kai bewies sich die Spinne pflichtbewusster und tausendmal tapferer. Es muss ihre Drohung sein, die die freche Watte antreibt. Der Vertrag zwischen Dämon und dem Medium zwingt ihn, all ihre Befehle ausführen und die Konsequenzen scheint Kai zu kennen. Dennoch findet er Schlupflöcher und eine Rettungsaktion in seinem Sinne bereitet Skyla fürchterliche Magenschmerzen.
„Oh, Lukas! Es tut mir so schrecklich leid!“
Ihr Jammern stößt bei Agnar auf Skepsis. „Er kann dich nicht hören!“

„Agnar! Du warst bereits hier! Erinnere dich und lass mich wissen, wo du Lukas vermutest!“
„In der Speisekammer.“
Die Antwort klingt grauenvoll und beschwört einen fürchterlichen Schauer hervor. Besonders wegen der Tatsache mit Fund, den die beiden Dämonen gemacht haben. Aber auch die vielen Menschenknochen sind kein gutes Zeichen.
„Also gut, dann musst du mich führen, Agnar. Machen wir uns auf den Weg und stärken Kais Rücken.“
„Wird ja auch Zeit!“
Kaum sitzt die Stirnlampe, macht Skyla die Taschenlampe ausfindig und hebt diese auf. Aber auch die Gasmaske darf nicht fehlen, denn ohne diese kann sie der Kreatur nicht trotzen. Da sich Agnar jedoch in seiner Orginalgröße befindet, fällt es ihr schwer, solch ein kleines Wesen im Lichtkegel der Taschenlampe zu behalten. Zu schnell wird er eins mit der Dunkelheit vor Ort. Als es zu den Gleisen geht, zeigt Skyla großen Respekt. Der Schrecken mit der Illusion des Zugs sitzt noch tief in den Knochen. Wenn es hier nicht um Lukas gehen würde, dann käme ihr nie der Gedanke noch einmal auf die Schienen zu springen.

Der Schotter knirscht unter den Sohlen und durchbricht die gespenstische Stille. Der Verstand spielt Streiche, indem er den Schattenbildern fürchterliche Gestalten verpasst. Skyla fühlt sich ständig beobachtet und unwohl.
„Agnar, sag doch was, bevor ich noch durchdrehe!“
„Ein guter Jäger ist ein stiller Jäger!“




Die Spinne klingt vorwurfsvoll und vielleicht mag er auch recht haben, wäre da nicht ihre Psyche, die am Rad dreht.
„Ich habe das Gefühl, wir werden beobachtet!“
„Negativ!“
„Wie kannst du dir so sicher sein?“
„Meine Brüder und Schwestern haben das Gelände im Auge. Ich habe überall Spione und werde über Besucher informiert.“
Welch ein Segen, dass dem Spinnendämon so viele treue Untergebene zur Verfügung stehen. Beruhigt atmet Skyla auf, bis ihr ein anderer Gedanke kommt.

„Wenn du überall Spione hast, dann müsstest du doch längst wissen, wo sich die Kreatur aufhält!“
„Mhm.“
Ihr Dämon summt. Zu fröhlich und somit verdächtig, woraus sie schließt: „Sieh an, du weißt, wo es steckt. Haben deine Freunde Augenkontakt?“
Agnar erzählte ihr einmal, dass er mit seinen Artgenossen per Telepathie selbst über weite Strecken Kontakt halten kann. Die Frage ist nur, wie er eine weite Strecke definiert. Agnar beklagt sich oft über wenige Meter, woraufhin sie die Größe des Radius stark eingrenzt.
„Positiv und lass mich dein zartes Gemüt beruhigen, damit deine hysterische Tonlage endlich endet. Dein Freund ist vorerst sicher. Er konnte sich aus dem Griff der Bestie winden und spielt Katz und Maus.“

Skylas Zorn bezüglich ihres zarten Gemüts verfliegt schnell und Panik steigt in ihr auf.
„Was? Das ist schrecklich! Das bedeutet, er ist immer noch in Lebensgefahr!“
Die Spinne grummelt laut stark. „Dir kann man auch nichts recht machen! Ich habe gehofft, du würdest dich mal freuen! Denn Phase 1 hat er heil überstanden. Ihm fehlen keine Gliedmaßen und sein Fleisch ist unberührt.“
Skyla schüttelt sich angewidert, während Agnar anhält.
„Sind wir da?“
„Nein!“ Ihr Schutzgeist springt genervt auf und hebt wie bei einem Angriff seine Vorderbeine. „Dein Scharfsinn und deine Beobachtungsgabe ist erschreckenderweise schlecht! Ich habe mehr von meinem Partner erwartet! Oder blenden dich deine widerlich süßen Gefühle zu deinem Freund?“
„Vorsicht, Agnar!“
Frustriert tritt Skyla gegen einen Stein, der sich schnell als Schädel entpuppt. Für einen Stein fühlt sich dieser zu leicht an und im Flug dreht sich der Kopf, sodass sie die leeren Augenhöhlen anblicken. Sie verspürt eine schreckliche Gänsehaut, als dieser beim Aufprall gegen die Wand zersplittert.




„Nice!“ Agnar freut sich jedoch für sie. „Der Grund meines Zwischenstopps nennt sich Hunger.“
Ungläubig blickt sie zu ihrem Dämon hinab und blinzelt mehrere Male, während sein Verhalten ihr die Sprache verschlägt.
„Du scheinst ebenfalls hungrig zu sein, Skyla. Oder du hast einen Schlaganfall. Dein Mund steht so komisch weit offen. Ist das eine Taktik bei der Jagd?“
„Nein! Verdammt, Agnar! Es geht hier um Lukas! Wir müssen weiter!“
„Okay! Okay! Werde doch nicht so hysterisch!“
Skyla verzweifelt wahrlich an ihren beiden Dämonen. Wie konnte sie sich auf solche Schutzgeist einlassen?

Ein Kampf zwischen den vielen Gleisbetten im Herzen der Finsternis würde ihr zum Nachteil werden. Dunkelheit und Enge erweisen sich sicherlich als ein Problem. Wenn sich der feindliche Dämon auf sie stürzt, dann bereiten ihr die Zwischenwände Sorge. Die hohen Decken liegen in Dunkelheit. Perfekt für den Feind, um schnell unterzutauchen und unsichtbar zu werden. Lukas´ Leuchtstäbe werden in dem Fall keine alternative Lösung sein, um Lichts ins Dunkeln zu bringen. Aber da wären noch die Fackeln.

Ein Sprung und Skyla hievt sich auf eine höhere Ebene. Einen Pfad, der für Zivilisten unzugänglich war und nur dem Personal zur Verfügung stand. Es geht durch schmale Schächte – Verbindungstunnel zwischen den Gleisbetten. Je weiter sich Skyla von dem Eingang entfernt, desto mulmiger wird ihr. Die Sorge, die Orientierung gewinnt an Größe. Deshalb holt sie Sprühfarbe aus ihrem Rucksack und setzt an den rauen Wänden Wegweiser. Wohl bedacht, dass ihr die Zeit im Nacken hängt.

Agnars Spione halten die beiden unterwegs auf dem Laufenden. Daher erfährt Skyla, dass sich der Jäger von seiner Beute trennte. Grund dafür ist Kai. Kaum zu glauben, aber ihr frecher Bär stürzte sich mutig in den Kampf, um das Wesen von Lukas wegzulocken. Die Erschütterungen aus der Ferne und der Putz, der von der Decke rieselt, geben Gewissheit, den richtigen Pfad eingeschlagen zu haben. Da für Lukas keine Lebensgefahr besteht, setzt sich Skyla die Gasmaske auf, um sich für den Kampf zu wappnen. Kai kann auf sie zählen und diesmal lässt sie sich nicht abschütteln. Ihre Schritte werden schneller, woraufhin Agnar handelt und sich auf ihre Schulter seilt.



Der Lärm lockt sie ins Kriegsgebiet. Es sind Kais rotleuchtende Augen, die sie aus der Ferne erkennt und überzeugt, Lichts ins Dunkle zu bringen. Die erste Fackel wird angezündet und geworfen. Damit wird ein sprödes Treppengeländer aufgedeckt. Das rostige Gestell führt hinauf auf eine Gitterkonstruktion. Ausgerechnet dort konfrontiert ihre Dämonenwatte ihr Ziel. Kai bewegt sich schnell wie ein Flummi. Einmal losgeworfen und er hört gar nicht auf. Leider punktet er nur, wenn es um Geschwindigkeit geht, denn seine Angriffe richten keinerlei Schaden an und doch wirkt der ruhelose Bewohner sichtlich genervt. Sein Blick erinnert Skyla an jemanden, der von einer lästigen Fliege beschäftigt wird. Sie schadet nicht, aber stört dennoch durch ihre Provokationen.

Ein Blick auf die wacklige Konstruktion auf die nächste Ebene und Skyla muss schlucken.
Absolut lebensmüde!
Vor ihrem inneren Auge sieht Skyla schon kommen, wie einzelne Elemente unter ihrem Gewicht nachgeben. Bevor die halsbrechende Aktion startet, müssen noch ein paar Fackeln her. Die Rauchgestalt wird jedoch auf Skyla aufmerksam, als sie Kai im Fluge abfängt. Achtlos wie dreckige Wäsche wird Kai einfach weggeworfen und so wie sich Skylas Feind bedrohlich aufbaut, plant der Dämon sicherlich, sie offen zu konfrontieren. Die Schwefelgase dringen aus dem Gewand und fließen wie Wasser hinab. Das giftige Gemisch nimmt sie in Beschlag und verschlechtert ihre Sicht. Dennoch entgeht ihr nicht, wie sich der Ruhelose neben ihr materialisiert. Mit einem Gesichtsausdruck aus einer Mischung aus Groll und Verachtung.

Dank der Gasmaske muss sie die Pampe nicht fürchten und so greift Skyla zu. Ihre Finger schließen sich um die Luftröhre ihres Feindes.
„Für Lukas!“, presst sie zwischen den Zähnen vorher.
Der Entführer keucht, windet sich in ihrem Griff und wimmert. Dem Wesen steigen Tränen in die Augen. Sicherlich von dem Schmerz, dem sie ihn allein mit der Berührung verursacht. Heißer Dampf steigt zwischen ihren Fingern hervor. Die Augen ihres Gegenübers rollen sich nach hinten in die Augenhöhlen, dabei ist es Skylas Sicht, die verschwimmt. Ein Flashback sucht sie heim.

Der Hintergrund verschwimmt und die Umrisse einer einzelnen Person bauen sich vor ihr auf. Ein Wurf und ein Messer fliegt direkt auf sie zu. Ein eindrucksvoller Gruß ihres Gegenübers. Ihr Körper setzt sich in Bewegung und weicht dem Angriff aus, um kurz darauf in der Dunkelheit Schutz hinter einem Stapel Kisten zu suchen. Es fallen Schüsse aus der Ferne. Die Kugeln schlagen brutal in das Hindernis ein. Aus Verzweiflung wäre ihr danach, sich die Ohren zuzuhalten. Allein das würde ihr helfen, um besser mit der Situation umzugehen. Die Angst wird zum Denkblocker.



Skylas zitternde Hand tastet hinab in einen dunklen Trenchcoat, wo sich eine Pistole versteckt. Dank dem Geisterjäger Justin sind ihr Feuerschusswaffen nicht fremd. Auch wenn sie den Einsatz nicht gutheißen kann, wird diese zu ihrem Freund in solch einer heiklen Situation. Aber die Waffe ist noch nicht einmal ergriffen, da überwältigt sie jemand von der Seite. Stahl bohrt sich brutal durchs Fleisch. Ein Messerhieb, der durch die Rippen geht und einen brennenden Nachgeschmack zurücklässt. Die Klinge ist kaum aus der Wunde gezogen, da folgt ein erneuter Stich. Wieder und wieder. Der Mundraum füllt sich mit Blut. Das Atmen wird schwer und die Sicht verschwimmt. Ihr Angreifer beugt sich hinunter zu ihm. Ein junger Kerl mit einem blonden Wuschelkopf und eisblauen Augen sieht ihr mit einem dreckigen Grinsen beim Sterben zu. Jemand mit Dreck auf der Wange und gelben ungepflegten Zähnen. Sein Anblick ruft gemischte Gefühle in ihr hervor. Einerseits fühlt sie sich tief verraten, aber anderseits wird eine tiefe Schuld weggespült.

„Jetzt sind wir quitt, was?“
Die Worte gehen Skyla nur mühselig über die Lippen und die Stimme verliert an Kraft durch die schwere Atmung. Es muss eine Erinnerung sein, denn die Stimme klingt rauchig und männlich. Nicht nach Skyla.
Mit einem plötzlichen Ausdruck aus Selbstzweifel und Schuldgefühle fällt der Blick des Angreifers hinab. Fast, als plane er eine Rettungsaktion zu starten. So verzweifelt diese auch sein mag. Denn die Kälte nimmt Skyla in Beschlag, macht sie müde. Mit dem Schmerz folgt Taubheit abwärts von der Wunde und rollt wie eine Welle bis zu den Zehen. Das Medium spürt, wie das Leben ganz langsam aus ihr gleitet. Der Geist rückt in weite Ferne und verliert die Verbindung zu der Hülle. Der Wunsch, der Mörder spricht zu ihm und rückt mit Hinweisen für das Motiv raus, bleibt unerfüllt. Der Kerl verharrt jedoch weiterhin an Skylas Stelle, als müsse er sichergehen, dass sein Opfer sich nicht erholt. Der Tod zerrt an ihrer Seele und lockt sie mit einer Aussicht auf ein schönes Plätzchen an einer fernen Feuerstelle. Ein Versprechen von Schmerzfreiheit. Ob seelisch oder physisch. Frei von der Kälte, die an ihr nagt.
Was hält sie noch an einem solchen grausamen Ort voller Verrat und Lügen?




Die Müdigkeit siegt und der Vorhang fällt.

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