Kapitel 6

Ganz langsam erwacht der Geist und nur wenige Momente sickern in das Bewusstsein. Nicht genug, um zu verstehen, was vor sich geht. Jemand japst vor Erschöpfung. Der eigene Körper fühlt sich schwer und taub an. Fast fremd. Die spärliche Beleuchtung reicht nicht aus, um all die Details zu erhellen, die im Dunkeln verborgen bleiben. Skyla liegt auf dem Rücken und spürt den festen Griff an den Fußgelenken. Jemand schleift sie über den Boden. An einen Ort fern vom Tageslicht. Die Luft riecht feucht und moderig. Es werden zwischendurch Pausen eingelegt und ein Mann keucht vor Anstrengung. Je klarer Skylas Kopf wird, umso mehr erkennt sie den stillgelegten U-Bahntunnel wieder. Sie wird an dem letzten Kampfschauplatz gegen den Dämon vorbeigeschliffen und auch hier ist das Gittergerüst der oberen Treppe rostig und spröde.
„Hey“, grüßt jemand aus der Ferne.
Samira? Die Stimme in Skylas Kopf klingt zuerst verwirrt, bis Wut in ihr auflodert. Nein! Das ist nicht möglich!
Eine junge Frau tritt mit ihren langen Beinen anmutig ins Bild. Sie ist mit einem Maschinengewehr bewaffnet und dunkel gekleidet. Die schwarzen Haare sind streng zusammengebunden und ihre Haltung wirkt autoritär. Mit ihren Wanderstiefeln bleibt sie neben Skyla stehen und beugt sich hinab. Ihre dunklen Augen passen gut zu der karamellfarbenen Haut. Der Lipgloss bringt ihre prallen Lippen zum Glänzen.
Ein Hauch von Vanille mit einem harmonischen Kirschgeschmack.
Der Träger dieser Erinnerung scheint sich genau zu erinnern und obwohl die Schönheit mit den langen Wimpern die Leiche abfällig betrachtet, umgibt Skyla eine angenehme Wärme.
„Vertraust du mir nicht?“
Mit einem vorwurfsvollen Blick stoppt der Angreifer neben Samira. Mit gekräuselter Stirn erhebt sich die Frau.
„Meiner Meinung nach hast du ihn zu gern gewonnen!“
Ihre Meinung sorgt für ein Augenrollen.
„Er war mir ein guter Freund! Ich bin noch immer der Meinung, dass wir einen Fehler gemacht haben!“
„In dieser Branche haben wir keine Freunde! Vergiss das nie! Wie oft wurden wir bereits verraten? Glaub mir, es war das Beste, was wir tun konnten!“
Die Kälte in ihrer Stimme fühlt sich an wie ein Messerstich.

Die Länge der Erinnerung verwirrt Skyla. Für gewöhnlich wäre sie schon erwacht, aber diesmal ist es anders und das macht ihr Angst. Ein Kopf und zwei innere Stimmen – ein Detail, das ihr ungeheuerlich bleibt. Es ist anders wie bei einem Film oder einem Videospiel. Die Gedanken und die Gefühle des Betroffenen verleiben sich in ihr ein und verschmelzen mit ihrer Seele. Da wäre diese starke Anziehungskraft zu Samira und obwohl das Herz bezüglich des Verrats blutet, bricht da dieser Drang hervor, dieser Frau zu vergeben. Der Ort mag noch so düster sein und doch befindet sich der Träger der Erinnerung unter Freunden. Zu wissen, dass die beiden aufgrund ihrer Vergangenheit misstrauisch sind und Probleme haben zu vertrauen, mag den Mord nicht rechtfertigen und doch wird ein Grund für ihr Handeln geliefert.



Samira schnalzt argwöhnisch mit der Zunge, als sie den Blondschopf betrachtet.
„Hey! Wenn du solch ein schlechtes Gewissen hast, dann knall ich dich ab und kassiere mir deinen Teil der Beute ebenfalls ein! Würdest du dich dann besser fühlen?“
„Du bist manchmal so scheiße!“
„Kennst du mich anders! Da vorne steht noch meine Flasche Schnaps. Gönn dir einen Schluck und beruhige deine Nerven!“
Der Kerl nickt zögernd und wendet sich zum Gehen ab. Aber dann beschäftigt ihn doch noch eine Frage. „Was machen wir mit der Leiche? Verbrennen?“
Sie sprechen von einer Leiche, was bedeutet, beim Erinnerungsträger wäre der Scheintod eingetreten oder der Messerstich hat ihn wahrlich umgebracht, doch die Seele scheint noch nicht den Körper verlassen zu haben, denn sie spürt den Beobachter. Die Seele mag die Anwesenheit gut verschleiern können, weil es sich anfühlt wie bei einem Feuer, dem das Futter ausgeht und die Flamme droht zu ersticken. Und doch züngelt sich die kleine Flamme hinauf und genießt den letzten Tanz.
„Zu schade um das Benzin und wer weiß, ob ein Feuer gemeldet wird.“
„Ich dachte, der Tunnel ist stillgelegt!“
„Ja und? Dennoch erfahren die, wenn es brennt!“
„Jetzt sag mir nicht, dass ich die Leiche umsonst hierher geschleppt habe!“
Samira atmet hörbar genervt aus. „Mann! Du kannst nörgeln!“
„Ja, dann schlepp du mal den Toten quer durch die Welt!“

Eine dritte Stimme schleicht sich in Skylas Kopf. Eine, die ihr mehr als bekannt vorkommt. Aber ihr mag nicht einfallen, wer dahinter steckt. Dennoch hört sie den tiefen bekannten Hass heraus. Skyla tauft den Unbekannten als Person X.
Person X: Du vergibst ihnen? Obwohl sie dir alles zerstörten? Wo ist dein Kampfgeist
Der Träger der Erinnerungen klingt daraufhin verwirrt: Wer bist du?

Person X: Spielt keine Rolle! Aber so wie ich das sehe, haben die beiden dein Vertrauen missbraucht! Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass man nichts dem Schicksal überlassen sollte! Kämpfe! Steh auf und kämpfe!
Skyla kann kaum hinhören. Die außenstehende Person hat sicherlich zu genauso wenig Informationen wie Skyla, um zu urteilen. Sie muss handeln und den Moralprediger spielen. Erneut! Bislang hat sie nie mit den Erinnerungen interagiert, nun muss sie diese Regel brechen.




Nein! Stopp! Tu nichts, was du bereust!
Ihre Einmischung sorgt für noch mehr Verwirrung. Skyla spürt die Verzweiflung, die tiefe Wurzeln schlägt.
Träger der Erinnerung: Scheiße! Wer seid ihr eigentlich? Und was macht ihr in meinem Kopf?
Person X: Anders als das Mädchen hier bin ich da, um dir zu helfen! Deshalb erhebe dich und nimm Rache! An ihnen und an das blauhaarige Mädchen! Sie ist ein Medium und will dir dasselbe antun, wie mir! Sie nimmt dich gefangen und macht von deiner Macht Gebrauch! Töte sie und befreie mich!
Träger der Erinnerung: Ein Medium?

Person X: Ja! Sie ist hier! In deinem Kopf! Aber du kannst sie bannen! Ich helfe dir, wenn du magst, denn ich kann sie zwischendurch kontrollieren! Aber nun schmeiße das Weib raus!
Träger der Erinnerung: Aber wie?

„Ratten? Wundert mich nicht. Denn siehe dich mal um?“
Die Worte des blonden Mörders ziehen die Aufmerksamkeit des Trägers der Erinnerung in seinen Bann. Samira lächelt daraufhin böse.
„Überlege doch mal. Die nagen die Knochen blitzblank und wenn die Bullen ihn finden, dann können sie ihn nicht mal mehr identifizieren.“
Träger der Erinnerungen: Scheiße! Ratten? Die wollen mich an Ratten verfüttern?
Eine Vorstellung, bei der es Skyla graut.
Person X: Du kannst das verhindern! Du musst nur erwachen!
Skyla: Tu das nicht! Was er plant wird dich verändern und es gibt kein Zurück!
Aber Skyla Warnung stößt auf taube Ohren, denn sie spürt, wie die Manipulation der außenstehenden Person Früchte trägt und Dunkelheit das Herz in Beschlag nimmt.

Person X: Gut! Gleich ist es geschafft und du erwachst stärker und mächtiger, als du es dir je erträumen lässt!
Skyla: Hör auf mit der Manipulation!

Aber der Außenstehende lacht böse über ihre Forderung.
Person X: Vergebene Müh, Skyla. Nun wird er an meiner Stelle Rache nehmen und dich vernichten. Ich kann die Freiheit schon riechen! Oder ist es deine Angst?
Skyla würde ihm gerne widersprechen, aber die Dunkelheit, die sie überrollt ist genauso schlimm wie der Gedanke, bei Bewusstsein von Ratten gefressen zu werden.

Ein Biss der verdorbenen Frucht und es ist aus. Skyla spürt das Gift in den Venen. Ein Mittel, das sämtliche Menschlichkeit tötet. Zorn pumpt durch die Adern. Das Herz wird kalt wie Eis. Es entsteht ein tiefes Loch der Begierde, das nach Blut lechzt. Beim Anblick von frischem Fleisch läuft das Wasser im Mund zusammen. Der Verstand versinkt in den Tiefen eines dunklen Gewässers. Zuerst wachsen die Nägel und dann die Fingerknochen. Die Haut wird dunkel und der Jäger wird geboren. Samira und ihr Partner wirken wie ein saftiges Steak. Mit einem grässlichen Aufschrei, wo sich Skyla die Nackenhaare aufstellen, erwacht der Tote zu leben. Verändert durch den verloren Teil. Die Menschlichkeit – der Preis des Eintritts.



Die böse Verlockung nimmt Gestalt an. Eine dunkle Schattengestalt erhebt sich vor dem Träger der Erinnerungen und grinst Skyla dreckig ins Gesicht. Gewaltsam schlägt der Außenstehende gegen den Brustkorb des Trägers und befördert Skyla gewaltsam hinaus aus der Erinnerung, womit er seine Identität preisgibt. Es handelt sich hier um einen jungen Mann namens Jacob, der seinen kleinen Bruder verlor und sich in einen Geist verwandelte. Eine Kreatur voller Jähzorn terrorisierte ihre Cousine Tessa. Diesmal blickt sie in seine menschliche Gestalt – die eines gewöhnlichen jungen Mannes mit einem dunklen Blick und einer kalten Aura. Ein dünner Kerl mit schwarzen Locken. All die Herzlichkeit, die ihn von den anderen unterschied, scheint fort und zurückbleibt der Blick eines eiskalten Mörders.

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