Mirja-Kapitel 17

~Mirja~
Arvid wurde, genau wie Vorin, beerdigt.
Ich konnte nicht dabei sein, weil ich mich um Xander kümmerte. Zumindest war das meine Ausrede. Ich wollte nicht, dass sie sahen, wie sehr ich zu kämpfen hatte.
Bei der Untersuchung war ich überraschend ruhig gewesen. Es war nicht der Anblick der Wunden, was mich mitgenommen hatte. Es war der Verlust eines bekannten Gesichts.
»Du musst dich nicht zurückhalten«, flüsterte Xander, der meinen Arm sanft berührte.
Ich zuckte zusammen und wischte mir schnell die Tränen weg.
»Du darfst dich nicht bewegen«, sagte ich tadelnd. Die Wunde musste sich schließen und das ging nur, wenn er ruhig blieb. Außerdem hatte ich Angst, dass sie sich entzündete. Wir waren zwar ausgerüstet für derartige Fälle, doch niemand kannte sich so richtig aus.
Und das hier war etwas anderes, als die Wunden zu analysieren. Damit hatte ich mich nicht ansatzweise so intensiv beschäftigt. Ich kannte die Grundlagen, doch die waren hier zu wenig. Die Wunde war viel zu tief und die Wundränder zu zerfetzt.
»Mirja«, sagte er sanft, aber auch auffordernd.
Ich verzog den Mund, denn ich wusste, was er wollte. »Mir geht es gut«, brummte ich leise. Ich wollte jetzt nicht die Nerven verlieren. Nicht hier und jetzt.
»Das halte ich für eine schlechte Idee«, drang plötzloch Dorians laute Stimme zu uns in die Kutsche.
Sofort hielt ich den Mund und lauschte.
Xander tat es mir gleich, was ich gut fand, denn so bewegte er sich nicht.
»Du wurdest nicht gefragt«, erwiderte Cayne. »Wir werden hier die andere Kreuzung nehmen.«
»Damit machen wir einen Umweg und weichen von der eigentlichen Route ab«, bemerkte Amirak. Wobei ich glaubte, Sorge in seiner Stimme mitschwingen zu hören.
»Wir haben bereits zwei unserer Leute auf der eigentlichen Route verloren. Sollte uns dieses Wesen jagen … dürften wir ihm keine Blöße mehr geben.«
Cayne klang fest und wie der Anführer, der er war. Er war sehr bemüht, für meine Sicherheit zu sorgen.
»Gerade deshalb sollten wir den kürzeren Weg nehmen«, protestierte Dorian weiter. Ich hatte bisher nie viel über die Beziehungen der anderen nachgedacht, doch es wirkte, als würde dieser mit Cayne nicht sonderlich gut klarkommen.
Sollte ich mich einmischen?




Mir war es eigentlich egal, welche Route wir nahmen, Hauptsache wir kamen ohne weitere Verluste an.
Ich wollte gerade aufstehen, da hielt mich Xander zurück. Als ich zu ihm blickte, schüttelte er leicht den Kopf. »Sie machen das schon«, sagte er mit rauer Stimme.
Ich ballte meine Hand.
Ja, Cayne hatte mehr Ahnung. Er war die Routen schon einmal gegangen. Aber das hatte uns bisher auch nicht geholfen.
»Was machen wir, wenn wir wieder angegriffen werden?«, fragte ich leise.
Es war nicht so, dass ich wirklich Angst spürte. Nicht um mich. Aber um Xander. Die anderen kannte ich nicht gut genug, um mir wirklich Sorgen um sie zu machen. Das war vielleicht kalt, aber in der Nordhauch-Tundra ging es immer ums Überleben.
Xander drückte meine Hand. »Du musst dir keine Sorgen machen«, versicherte er mit beruhigender Stimme, die mich überraschte. Sie klang stark, obwohl er so erschöpft aussah. »Ich werde auf dich aufpassen.«
Genau davor hatte ich Angst. Wenn Xander mich beschützte, würde er selbst in Gefahr sein.
»Sieh du erstmal zu, dass du gesund wirst«, erwiderte ich, ohne auf seine Worte direkt einzugehen.
Allein die Tatsache, dass er das sagte, ließ mein Herz höher schlagen.
Ich war ihm dankbar, dass er mich auf dieser Reise begleitete. Allein hätte ich mich zu unwohl gefühlt. Aber mit ihm an meiner Seite fühlte sich mich mutig genug, das hier irgendwie zu genießen.
»Was denkst du, warum Cayne die Route ändern will?«, wollte ich wissen, als Xander nicht reagierte.
»Vielleicht denkt er, die andere Route ist sicherer«, spekulierte er und sah an die Decke des Schlittens.
»Ist das denn so?« Ich kannte mich mit den verschiedenen Routen nicht aus, weshalb ich auch nicht sagen konnte, welche wirklich sicher war.
Immerhin hatten wir ursprünglich diese Route gewählt, weil sie als sicher galt. Allerdings war sie auch bei allem im Schloss bekannt. Was, wenn es sich doch nicht um wilde Tiere handelte?
Nein.
Ich verwarf diese Idee gleich wieder. Die Wunden an den Leichen stammten definitiv nicht von Waffen und auch nicht von den Klauen eines Werwolfs.
»Die andere Route ist wesentlich länger, aber von den Möglichkeiten der Übernachtung her definitiv besser. Wir müssen aber mindestens eine Woche länger einplanen«, erklärte Xander, was mich die Lippen verziehen ließ.




Es war nicht so, als würden wir wirklich zu einer bestimmten Zeit erwartet werden, doch ob es Vater gefiel, dass wir einen Umweg gingen? Könnten wir ihn irgendwie informieren?
»Ich mache mir Sorgen, dass die verlängerte Route uns noch mehr Probleme macht.«
»Verständlich. Je länger die Reise, desto mehr kann passieren.«
Ich stieß die Luft aus. Das war alles so kompliziert. Warum entschied sich Cayne für diese Route?
»Wir machen Pause«, rief Cayne plötzlich und der Schlitten hielt.
Da Xander diesen nicht mehr steuerte, kümmerte sich Cayne persönlich darum. Das gefiel mir jedoch nicht, denn so hatte er nicht genug Bewegungsfreiheit, wenn wir wirklich angegriffen wurden. Auch wenn das noch nie passiert war, während wir mit den Schlitten unterwegs waren.
Das alles war komisch, doch ich konnte einfach nicht den Finger darauflegen, warum ich so empfand.

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