07. Neuanfang

Als die Grippe ausgestanden war, ging ich los und kaufte mir Material für die Schule: Stifte, Hefte, Geodreieck, Zirkel und Lineal, eine Federtasche, einen Ranzen. Ich hatte beschlossen, es auf dem KBZ noch einmal zu versuchen. Zum ersten Mal in meinem Leben nahm ich mir etwas vor, setzte mir ein Ziel. Bisher hatte ich immer alles einfach laufen lassen.

Am ersten Schultag großes Erstaunen unter den Leuten, dass ich überhaupt noch auftauchte. Mein katastrophales Zeugnis hatte sich bereits herumgesprochen, und alle dachten, ich wäre längst querversetzt, auf die Realschule oder noch weiter runter. Na, das fing ja gut an! Aber ich durfte mich jetzt nicht verunsichern lassen. ‘Zieh das Ding jetzt durch!’, sagte ich mir. Und musste es mir in der nächsten Zeit noch ziemlich oft sagen.

In meiner neuen Klasse war es wie in der Fünften und Sechsten: Alle konzentrierten sich im Unterricht und machten brav ihre Hausaufgaben. Es gab kaum Zwischenrufe, niemand kasperte rum. Erst dachte ich: Was für ein Haufen Weicheier! Aber bald kapierte ich, dass es das Beste war, was mir passieren konnte. Es gab nichts mehr, das mich ablenkte, von meinem Plan abbrachte, zu retten, was noch zu retten war.

Auch die Nachmittage verliefen nun anders. Statt wie früher mit den Kumpels in der Nordstadt oder auf der Bahnschiene abzuhängen saß ich am Schreibtisch und machte Hausaufgaben, paukte Vokabeln, bereitete mich auf Klassenarbeiten vor. Es war hart, ich musste mich ganz schön zusammenreißen. Immer wieder war ich drauf und dran, alles hinzuschmeißen und die Biege zu machen.

Muttern kam jetzt immer sehr früh von der Arbeit. Jeden Abend ließ sie sich von mir die Hefte zeigen und prüfte genauestens, ob ich meinen Schulkrams erledigt hatte. Auch Vokabeln fragte sie mich ab, obwohl sie bloß ein bisschen Englisch und kein Französisch konnte. Sie gab mir immer das deutsche Wort vor, ich musste die Übersetzung nennen. Ihre Taktik ging auf – der bloße Gedanke an die bevorstehende Abfrage-Prozedur genügte, um mich zum Pauken zu bringen. Und jeden Abend um zehn hieß es: ab in die Koje. Kein Zetern und Schimpfen konnte sie erweichen.

Die Schulbücher musste ich tatsächlich von meinem Taschengeld ersetzen. Sie waren so teuer, dass bloß ein paar lausige Kröten übrigblieben. Sie reichten kaum für Tabak, und ich schraubte das Rauchen notgedrungen fast auf Null runter. Qualmte bloß abends ein, zwei Stück vor der Haustür, blieb tagsüber clean.



Bald fuhr ich die ersten guten Zensuren ein. Erst dachte ich noch, es wäre Zufall. Bis die nächste gute Note kam. War ich vielleicht doch nicht so tumb wie angenommen? Etwas geleistet haben, etwas vorweisen können – das kannte ich überhaupt nicht. Sofort fühlte man sich sicherer, unangreifbarer. Man war den Lehrern nicht mehr hilflos ausgeliefert, hatte ihnen etwas entgegenzusetzen, konnte sie beeindrucken – eine ganz neue Erfahrung.

Je weiter das Jahr voranschritt, desto mehr verbesserte sich mein Zensurenspiegel. Schließlich zeichnete sich am Horizont sogar die Aussicht ab, die Versetzung doch zu schaffen. Aber ich wollte es zu dieser Zeit noch nicht laut aussprechen, aus Angst, die guten Geister wieder zu vertreiben.

So viel war klar: Ohne Mutterns Druck hätte ich diese Tretmühle niemals durchgehalten. Sie war unerbittlich, trieb mich gnadenlos an. Zuerst hasste ich sie dafür, aber nach und nach wurde meine Wut abgelöst durch ein anderes Gefühl: Dankbarkeit. Ich rechnete es ihr hoch an, dass sie sich so um mich kümmerte.

Sie hatte sich in der letzten Zeit ziemlich verändert. Zu Hause trug sie jetzt immer Joggingklamotten statt ihres alten, braungrünen Kittels. Die langen Haare mit dem biederen Pony waren vor einiger Zeit einem flotten Kurzhaarschnitt gewichen. Selbst ihre Sprache war anders als früher: Sie drückte sich gewählter aus, nicht mehr so rau und flapsig. Wahrscheinlich kam das von ihrer Arbeit in der Nordstadt-Klinik. Man merkte, dass sie es dort mittlerweile nur noch mit Büroleuten, Bossen und so zu tun hatte.

Die ganze Zeit hatte ich Mutterns allmähliche Verwandlung nicht bemerkt. Vielleicht hatte ich sie auch nicht sehen wollen, hatte sie ignoriert, wie alles, was mit zu Hause zu tun hatte. Aber nun war ich aufgewacht. Der Groschen war gefallen.

 

***

 

Freitag, der letzte Schultag vor den Osterferien. Muttern und ich fuhren wie geplant nach Eckhorst, an meine neue Penne.

„Wilhelm-Gymnasium“ hieß die, und so altbacken wie der Name wirkte auch das Gebäude: Mauern aus dunklem, verwittertem Backstein, Fenster mit Spitzbögen, der Pausenhof mit Stacheldraht eingezäunt. Im Innern lange Flure mit geweißten Wänden und blitzblanken Linoleumböden. Das alles erinnerte weniger an eine Penne als eher an die Schilderungen von Knästen, die in der Nordstadt kursierten.



Als Erstes mussten wir zum Direx. Beim Reinkommen in sein Zimmer erhob sich der Typ und machte eine Verbeugung. „Doktor Busch“, stellte er sich vor. „Doktor“ – so einem hätten wir am KBZ glatt die Reifen zerstochen.

Nachdem er und Muttern irgendwelches Zeugs besprochen hatten, gingen wir zum Lehrerzimmer. Unterwegs klingelte es zur Pause. Kein Gong aus Lautsprechern, wie ich es kannte, sondern mechanisches, nervtötendes Schrillen. Überall öffneten sich die Türen der Klassenzimmer, und Schüler strömten raus. „Hofgang!“, dachte ich. Im Knast lief es sicher nicht viel anders als hier.

Zum Glück trug ich saubere Klamotten. Muttern hatte mich vorm Losfahren gezwungen, etwas „Ordentliches“ anzuziehen. Eine intakte Hose statt meiner zerrissenen, fleckigen Jeans, einen sauberen Blouson statt der ausgefransten Wrangler-Jacke, auf der hinten ein fettes „Anarchie“-Logo prangte. Erst hatte ich innerlich tausend Verwünschungen ausgestoßen, aber jetzt war ich doch froh: Zwischen diesen ganzen proper gekleideten Mädels und Buben hätten meine normalen Plünnen alle Blicke auf sich gezogen – das musste ich nicht haben.

Vorm Lehrerzimmer ließ uns der Direx warten. „Zutritt nur für Personal“ stand groß auf einem Blechschild neben dem Eingang. Am KBZ wäre so ein Ding spätestens nach drei Tagen weg gewesen, heimlich abgeschraubt von irgendwelchen Trophäenjägern. Überhaupt: Dass Schüler nicht ins Lehrerzimmer durften, wäre dort undenkbar gewesen. Ein alter Mann mit Brille und Ziegenbart trat vor die Tür. „Doktor Wahlstedt.“, schnarrte es unangenehm aus ihm heraus, als er Muttern die Hand reichte. „Ich bin Haukes Klassenlehrer und unterrichte Englisch und Sport.“

‘Noch n Doktor’, dachte ich und war mittlerweile ziemlich genervt.

Dann musste ich mitgehen, in meine neue Klasse. Muttern wollte derweil im Auto warten. Ich schlich hinter diesem Wahlstedt her wie ein Gefangener auf dem Weg in die Zelle. Die Pause war vorbei, niemand trieb sich mehr auf den Fluren herum.

Schließlich machten wir vor einem Klassenzimmer halt. Wahlstedt wollte, dass ich vorging – und drinnen traf mich fast der Schlag: Die sahen alle wie Babys aus, niemand älter als dreizehn! Einige Jungen spielten Fangen oder irgendwas in der Art. Mädchen und Jungs schienen sich voreinander zu fürchten: Alle Grüppchen im Raum waren säuberlich getrennt nach Männlein und Weiblein. Das Beste aber kam jetzt: Als Wahlstedt den Raum betrat, rannten alle an ihren Platz und standen stramm. Urplötzlich war es still, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Ich musste in einen alten Film geraten sein: knisternder Ton, altmodische Sprache, komische Sitten…



„Ich darf euch einen neuen Klassenkameraden vorstellen“, verkündete Wahlstedt in seinem schnarrenden Tonfall, der mir schon jetzt seltsam vertraut vorkam. „Das ist Hauke.“

Alle glotzten, ich wäre am liebsten in Grund und Boden versunken. Dann packte mich die blanke Wut. Was führte der Kerl mich hier vor? Wollte er mich gleich zu Anfang kleinkriegen? Ich hätte ihm am liebsten einen saftigen Tritt in die Eier verpasst. Aber das ließ ich dann doch – bei Sportlehrern konnte man nie wissen. Auch wenn dieser schon einige Jahre auf dem Buckel hatte.

Endlich war es überstanden und ich saß wieder neben Muttern im Auto. Sie wollte natürlich wissen, wie es gewesen war. „Ganz gut“, brachte ich nur heraus. Ich war einfach noch zu geschockt von meinen Erlebnissen. Der Direx mit seiner Verbeugung, dieser Wahlstedt, die ganzen Babys in der Klasse, ihr Strammstehen zu Stundenbeginn – das konnte doch alles nicht wahr sein!

„Du packst das schon.“ Muttern wollte mich anscheinend aufmuntern. Fehlte nur noch, dass sie mir auf die Schulter klopfte! In beiläufigem Tonfall erzählte sie, dass der Direx vorhin, als ich mit Wahlstedt weggegangen war, noch irgendwas von „unsolider Familiensituation“ gefaselt hatte. Auch ein „zweifelhaft, ob der Junge das Jahr schafft“ wäre ihm wohl rausgerutscht. Na, wenn das keine Ermutigung war!

Ganz klar: Der Typ hatte auf mein letztes Zeugnis angespielt, auf die vielen Fünfen und Sechsen. Dass meine Zensuren mittlerweile wieder stimmten, wusste er natürlich nicht. Aber selbst wenn – das wäre dem Herrn Doktor garantiert wurscht gewesen. Am liebsten hätte der mich doch gar nicht aufgenommen. Auf seine tolle Penne gingen natürlich bloß Kinder aus „ordentlichen“ Familien. Garantiert suchte er schon nach irgendeinem Grund, um mich so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

Wir kamen nur schleppend voran: Immer wieder fuhren Traktoren im Schneckentempo vor uns her, eine Autoschlange bildete sich. Sobald die Strecke frei war, überholte ein Fahrzeug nach dem anderen. Bis beim nächsten Trecker das Spielchen von vorn anfing.

Ungeduldig zählte ich die Kilometer. Je weiter wir dieses Eckhorst hinter uns ließen, desto besser!

 

***

 



Abends beim Essen erzählte Muttern noch mal lang und breit von meiner neuen Schule, dem Direx mit seiner Verbeugung und Wahlstedt, meinem zukünftigen Klassenpauker. Henri und Klaus lachten sich natürlich halb schlapp. Zu guter Letzt kramte sie auch noch die Story vom Vortag raus, nach dem Einkaufen. Sie meinte, die Nachbarstochter hätte mich die ganze Zeit angeglotzt. Und ich wäre hinterher völlig durcheinander gewesen. „Stimmt ja gar nicht!“, rief ich ärgerlich.

„Mach dich doch an sie ran“, schlug Klaus vor.

So langsam wurde ich wirklich sauer. Was quatschten die da eigentlich? Mal ein Weib anzugucken hieß doch nicht gleich, dass man was von ihr wollte.

Aber was, wenn sich die Süße tatsächlich für mich interessierte? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Ich merkte, wie ich gegen meinen Willen rot wurde. „Wie sollte das wohl laufen?“, fragte ich, nach unten starrend, als gäbe es auf meinem Teller etwas Spannendes zu sehen. „Ich kenn die doch gar nicht.“

„Das ergibt sich dann schon“, meinte Klaus. „Die Chance musst du nutzen, Hauke! Die Frauen warten nicht, da muss man sofort zupacken.“

„Ach was!“, zischte ich, jetzt ernsthaft wütend. Immer glaubte Klaus, mir Mut machen zu müssen, wenn es um Mädchen ging. Sah ich etwa so aus, als hätte ich das nötig? War in der Nordstadt nicht deutlich geworden, dass ich mithalten konnte und bei den Weibern keine schlauen Ratschläge brauchte?

Als ich in meinem Zimmer saß, dachte ich noch lange über die Unterhaltung nach. Womöglich war ich selbst schuld daran, wie es immer lief… Irgendwas passierte mit mir, sobald Klaus das Thema Mädchen anschnitt. Auf einmal fühlte ich mich unsicher, fast ängstlich. Mädchen – das schienen plötzlich geheimnisvolle Wesen zu sein, die ich beim besten Willen nicht verstand. Klaus kam mir in dieser Situation wie die Rettung vor. Er hatte die nötige Erfahrung, konnte einem vielleicht die vielen Fragen beantworten, auch Ratschläge und Tipps geben, wie man vorgehen musste. Und er merkte das natürlich, wollte mir unter die Arme greifen, mich unterstützen.

Oder mich vielleicht bloß aufs Korn nehmen, keine Ahnung.

Aber wie peinlich war das denn, bitteschön? Auf reif und erfahren machen, sich in Wahrheit aber vor Angst in die Hose scheißen wie ein Knirps? Das konnte nicht sein, das stimmte einfach nicht!



Und doch war es so – irgendwie.

 

***

 

Klaus war im Januar zu uns gekommen, also kurz nach der Sache mit Vaddern. Er arbeitete ebenfalls in der Nordstadt-Klinik, als Krankenpfleger. Henri behauptete, dass Muttern schon seit längerem ein Verhältnis mit ihm hatte. Bloß deswegen wäre Vaddern überhaupt so durchgedreht, hätte neben Alk auch noch Pillen eingeworfen und an sich rumgeritzt, meinte er. Keine Ahnung, ob’s stimmte, aber Henri bekam so einiges mit, was an mir vorbeiging.

Eigentlich hätte ich gut auf einen neuen Kerl im Haus verzichten können. Ohne Vaddern war es auf einmal richtig nett geworden, gar nicht zu vergleichen mit vorher. Und nun hieß es plötzlich, dieser Klaus würde bei uns wohnen, jedenfalls an drei Tagen pro Woche. Das war mir nicht geheuer. Ich machte mich auf neuen Ärger gefasst.

Aber der kam nicht. Klaus war anders, nicht so beschränkt wie die anderen. Er hatte eine Weile als Entwicklungshelfer in Algerien gearbeitet. Abends trug er manchmal einen komischen Kaftan, den er sich dort zugelegt hatte. Er meinte, der wäre gemütlicher als jeder Bademantel. Mit mir wollte er immer quatschen. Fragte mich, was so lief, in der Schule, mit den Kumpels und so weiter. Nach und nach ließ ich mich auf seine Annäherungsversuche ein. Wir setzten uns ins Wohnzimmer oder in die Küche, machten uns ein Bierchen auf und laberten. Er verstand, wovon ich sprach, hatte früher selbst einiges erlebt. Schlägereien auf Jahrmärkten, bei Konzerten und Festivals, und er immer mittendrin. Die zahlreichen Tattoos und Narben auf seinen sehnigen Unterarmen zeugten noch davon.

Bald merkte ich, dass ich mich ganz gut fühlte, wenn er da war. Er brachte etwas mit, das die ganze Zeit gefehlt hatte. Früher hätte ich dieses Etwas nicht genau beschreiben können, aber jetzt dachte ich manchmal wieder an unseren an unseren richtigen Vater. Eigentlich war der Typ für mich ja gestorben, ich hatte ihn längst aus dem Gedächtnis gestrichen. Und mit einem Schlag geisterten mir wieder die alten Fragen durch den Kopf: Wo er jetzt wohl stecken mochte, ob er überhaupt noch lebte und so weiter.

Ich hatte nie richtig verstanden, was damals eigentlich passiert war. Eines Tages war er einfach weg gewesen, wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte es ihn nie gegeben. Wir zogen in die Nordstadt, Muttern fing den Job in der Klinik an, Henri und ich wurden am KBZ eingeschult. Dann war auf einmal Vaddern da, wie selbstverständlich. Alles ging Knall auf Fall, als hätte jemand das Programm umgeschaltet.



Zuerst hatte ich noch versucht, mit Muttern über das Thema zu quatschen. Aber sie wurde dann immer ganz seltsam. Fremd, abweisend, gar nicht mehr wiederzuerkennen. Ich bekam es jedes Mal mit der Angst und machte schließlich einen Rückzieher. Irgendwann gab ich es dann ganz auf, nahm einfach alles, wie es war, und Punkt. Ändern konnte man eh nichts mehr. Damit war ich immer gut gefahren. Aber nun war Klaus da. Mit ihm hatte sich so viel verändert. Ob Muttern die ganze Sache mittlerweile etwas entspannter sah? Vielleicht sollte ich noch mal einen Versuch machen, mit ihr über alles zu reden?

Der Gedanke war ziemlich verlockend, aber dann wagte ich es doch nie, die alten Geschichten wieder aufzurollen.

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