08. Menuett tanzen

Anscheinend geht es doch nicht hinunter zur Elbe, wie ich gedacht habe. Der Weg führt auf gleichbleibender Höhe einen bewaldeten Hang entlang. Tief unter uns kann man von Zeit zu Zeit die Uferpromenade erkennen. Stimmengewirr tönt herauf, Kindergeschrei, Hundegebell, das Klingeln von Fahrrädern. Aber der Lärm bleibt seltsam fern und entrückt, als klinge er aus einer anderen Welt zu uns herüber, einer anderen Dimension.
Immer wieder lichtet sich der Wald, und man blickt weit über das Elbtal. Jenseits des mächtigen Stroms liegt das Alte Land, flach und sattgrün. Frachter ziehen durchs Bild, auf denen sich die Container turmhoch stapeln. Einmal pflügt ein Kreuzfahrtschiff heran, grellbunt bemalt und hektisch tutend. Die Decks sind schwarz von Passagieren, die den Zuschauern an Land eifrig zuwinken. Dann schließt sich der grüne Vorhang wieder, die Bilder verschwinden.
Nach einer Weile macht der Weg einen Bogen, führt vom Wasser ins Landesinnere. Stille senkt sich herab, es riecht nach Herbst, feuchtem Untergrund, vermoderndem Laub. Seit dem Ausflugslokal habe ich Sabine und ihren Hund noch nicht wieder zu Gesicht bekommen. Vielleicht sind sie längst abgebogen, auf einem Nebenpfad im dunklen Wald verschwunden. Aber merkwürdig: jedes Mal, wenn ich auf einem Baumstamm am Wegrand ein weißes Kreuz entdecke, spüre ich, dass die beiden noch vor mir sind.
***
Während des Sommersemesters überlegte ich ernsthaft, der Informatik den Rücken zu kehren und mich ganz dem Studium der Mathematik zu widmen. Diese Disziplin kam mir reiner vor, exakter und grundsätzlicher in ihrem Ansatz. Besonders die Logik hatte es mir angetan, die die Grundlage bildet für so viele andere Wissenschaften, ja für das wissenschaftlich-analytische Denken überhaupt. Der Professor, der die Vorlesung „Algorithmen und Datenstrukturen“ hielt, galt als Größe in diesem Fach, und das mit gerade mal 38 Lenzen. Obendrein spielte er hervorragend Klavier und Orgel. Die Fugen, Kantaten und Toccaten von Bach hatten es ihm besonders angetan. Man entdeckte seinen Namen häufiger auf Plakaten für irgendwelche regionalen Musikveranstaltungen. Einmal ging ich zu einem seiner Konzerte in die Mittenwerdaer Schlosskirche. Sein Orgelspiel war schlicht beeindruckend.
Das Erlebnis ließ mich nicht mehr los. Offensichtlich konnte man seinen Sinn für Mathematik und Logik auch kreativ ausleben. Dagegen war ich wie ein Lernsoldat, der das akademische Wissen gehorsam in sich aufnahm und brav wiederkäute. Meinem Streben fehlte das Spielerische, Eigenständige. Es wirkte aufgesetzt, wie ein Substitut.
Vor allem dieser letzte Gedanke löste Unbehagen in mir aus, und ich versuchte ihn nach Kräften zu verdrängen. Meistens gelang mir das. Aber nicht immer.
Besagter Prof erzählte in einer nachmittäglichen Übungsstunde, dass er sich auch mit der Kunst des Menuetts beschäftigte und sogar entsprechende Kurse an der Volkshochschule gab. Ein Menuett, legte er dar, war ähnlich wie die Musik von Bach stets nach logischen Regeln aufgebaut. Er begann die Grundfiguren des Tanzes anhand eines Schaubildes an der Tafel zu erklären, das mit zunehmendem Eifer immer konfuser und verworrener wurde. Ich war mir sicher, dass sich alle längst ausgeklinkt hatten und ihren eigenen Gedanken nachhingen, aber als ich mich im Saal umschaute, entdeckte ich nur aufmerksame Gesichter. Offensichtlich übte der Gedanke, die Logik nicht „nur“ in den Wissenschaften, sondern auch in den Künsten zu suchen und anzuwenden, großes Interesse bei meinen Kommilitonen aus.
Katja war unter ihnen. Auch sie lauschte fasziniert den Worten des Professors. Es hieß, sie spiele Geige, was ich mir nie recht vorstellen konnte. Wenn ich sie ansah, dominierte bei mir mittlerweile der Eindruck des Praktischen, Handwerklichen. Und doch war sie nun völlig versunken in des Meisters Ausführungen über Schritte, Knickse, Kratzfüße und Handküsse.
Draußen schien die Sonne. Die erste Schönwetterperiode dieses Sommers war angebrochen, aber ich hatte bislang nur wenig davon mitbekommen. Es standen wieder diverse Klausuren an, und die Vorbereitungen darauf absorbierten alle meine Reserven. Da blieb keine Zeit, müßig und faul in der Sonne zu liegen.
Ich konnte dem Prof längst nicht mehr folgen. Das war meine Schwäche: Wenn vom strikten Schema abgewichen wurde, zum Beispiel wegen eines spontanen Exkurses in ein Randgebiet, war ich schnell verwirrt und kam nicht mehr mit. Mir fehlte der Mut zur Lücke, die Gabe, mich sozusagen in ein Thema hineinfallen zu lassen. Oft fand ich den verlorenen Faden bis zum Ende der Veranstaltung nicht wieder. Ich konnte dann nur noch dumpf und ohne Verständnis mitschreiben und musste das Gehörte zu Hause mühselig nacharbeiten.
Was ich natürlich nur bei wichtigen Dingen tat, und dazu zählte der Menuetttanz definitiv nicht. Ich saß also gelangweilt herum und starrte ins Leere, fast wie früher in der Schule. Insgeheim packte mich Wut auf den Prof. Wollten wir uns nicht mit den Grundlagen der Aussagen- und Prädikatenlogik beschäftigen? Ich hätte gern meinen Lösungsweg für eine besonders schwere Aufgabe des letzten Übungsblattes vorgestellt, der mich viel Anstrengung und Mühe gekostet hatte.
„Was würden Sie davon halten“, schreckte mich der Prof aus meinen Gedanken, „wenn wir das Gehörte bei diesem schönen Wetter einfach mal zusammen ausprobierten?“
Wie bitte? Was für ein alberner Vorschlag! Sicher würden ihn alle so lächerlich finden wie ich. Aber ich täuschte mich gewaltig: Zustimmendes Raunen machte sich breit, das immer mehr zu offener Begeisterung wurde. Typisch Studenten! Sobald etwas sie vor Mühen und Anstrengung schützte, wurden sie schwach und gingen von der Fahne.
Dann schöpfte ich wieder Hoffnung: Wie sollten wir wohl ohne Musik tanzen?
Als hätte er meine unausgesprochene Frage gehört, erklärte der Prof: „Am Anfang kommt es vor allem auf die Grundformationen an. Das geht auch ohne Musik.“
Unruhe entstand, es wurde zusammengepackt, laut durcheinander geredet. Alles strebte der offenen Tür zu, hinter der heller Sonnenschein zu sehen war. Die Übungsräume befanden sich in provisorischen Pavillons gegenüber dem alten Direktoren-Palais. Heute steht an ihrer Stelle, soweit ich weiß, ein Neubau. Wie mild draußen die Luft war! In den muffigen Unterrichtsräumen konnte man glatt vergessen, dass der Sommer begonnen hatte. Auf einmal packte mich große Lust, in den nahen Schwanenpark zu verschwinden und am Ufer des Teichs den Tag zu genießen. Wenn sich schon so unverhofft die Gelegenheit bot…
Wir versammelten uns auf dem Platz zwischen den Pavillons. Der Professor forderte uns auf, zwei Reihen zu bilden. Es sollten sich möglichst immer ein „Kavalier“ und eine „Dame“ gegenüberstehen. Alle blickten suchend um sich, und irgendwie wusste ich sofort, was passieren würde: Katja fand mich in der Menge und schaute mich mit großen Augen an, fragend und zugleich auffordernd.
Ich empfand ihre Annäherungsversuche mittlerweile als gefährlicher denn je. Trotzdem schaffte es nicht, zwischen uns für Klarheit zu sorgen, dem Ganzen ein für allemal ein Ende zu setzen. Irgendein innerer Widerstand hinderte mich. So war es auch diesmal. Obwohl sich alles in mir sträubte, ging ich zu ihr.
Natürlich kam die Aufteilung nicht hin, es blieben einige rein männliche Paare über. Aber davon ließen sich weder unser Prof noch die betroffenen Kommilitonen beirren. Es ging los. Je zwei und zwei „Damen“ und „Kavaliere“ mussten aufeinander zu schreiten, sich in der Mitte treffen und als Quartett einen Kreis gehen. Das Ganze wurde einige Male wiederholt, bis es klappte.
In der nächsten Figur sollten die Leute, die an den ungeraden Plätzen in der Reihe standen, vortreten, sich nach rechts drehen und Hand in Hand zwischen dem benachbarten Paar hindurchschreiten. Schließlich sollten sie sich am Platz des übernächsten, ebenfalls weitergerückten Paares wieder einreihen. Dann machten die stehen gebliebenen Paare dieselbe Bewegung, bis am Ende alles wieder in der alten Formation da stand, allerdings ein gutes Stück verschoben.
Katja und ich gingen aufeinander zu. Gleich würde ich sie das erste Mal berühren müssen. Auf der nächtlichen Radfahrt vom Grünen Hund zu Doreen hatte ich mich mit Müh und Not an der Sattelstange festgeklammert, um jedweden Kontakt zu vermeiden. Aber jetzt konnte ich nichts mehr tun. Ich schluckte, streckte die Hand aus und nahm die ihre, die bereits auf mich wartete. Die Haut ihrer Handfläche war unerwartet weich, und etwas Warmes ging von ihr aus, das in mich einzudringen schien wie Elektrizität. Wir drehten uns nach vorn und nahmen, der Bewegung der Menge folgend, die Position des übernächsten Paares ein. Dann trennten sich unsere Handflächen wieder voneinander. Um sich kurz darauf erneut zu berühren.
Nun verkomplizierte sich das Ganze. Die Figur blieb dieselbe, aber die Damen mussten nun Knickse machen, die Herren Kratzfüße. Als auch noch die Geschwindigkeit erhöht wurde, spürte ich, wie ich durcheinander zu kommen drohte. Es schien, als würde mir langsam der Boden unter den Füßen weggleiten. Da war sie wieder, die gefährliche Lähmung meiner Kräfte.
Der Prof gab seine Kommandos, wir liefen aufeinander zu, drehten uns nach vorn, vollführten unsere Figuren und traten wieder zurück ins Glied. Hin und her ging es, Figuren bildeten sich und lösten sich wieder auf. Vermutlich sah es aus wie in einem Historienfilm, was wir hier trieben. Es war erstaunlich, mit welchem Eifer die Kommilitonen bei der Sache waren und wie schnell alle außer mir die Formationen zu begreifen schienen.
Mittlerweile hatte sich ringsum immer mehr Publikum versammelt, das uns neugierig beobachtete. Auch Sabine war unter den Schaulustigen. Sie verfolgte Katjas Bewegungen mit jenem melancholischen Blick, der dem ihrer Schwester so verblüffend ähnelte. Aber plötzlich schob sich bei mir ein anderes Bild dazwischen, die Erinnerung an jenen Freitagabend im Wohnheim. Das Lächeln schien von Sabines Gesicht zu verschwinden und ihre Miene Unwillen und Verachtung auszudrücken. „Was will dieser Spießer von meiner Schwester?“ schien sie zu denken.
Schon kam ich durcheinander, ging zur falschen Dame, während Katja vergeblich auf meine Rückkehr wartete. Ich irrte zwischen den Tanzenden umher, fing mich erst im letzten Moment, fand Katjas Hand wieder und ordnete mich in den Reigen ein. Gerade noch mal gutgegangen…
Jetzt wurde es noch komplizierter. Wieder bildeten wir Quartette. Die sich diagonal gegenüberstehenden Damen und Herren sollten aufeinander zu gehen, sich an beiden Händen fassen, zusammen eine Drehung um 180 Grad vollführen und wieder zurücktreten, sodass sie am Ende ihre Standpunkte gewechselt hatten. Dann tat das andere Paar des jeweiligen Quartetts dasselbe. Nach insgesamt vier Durchgängen würde alles wieder beim Alten sein. Der Prof hatte diese Figur vorhin an der Tafel in einem separaten Schaubild skizziert. Sie hatte mich an eine zweireihige Determinante erinnert.
Die Kommandos ertönten und wir setzten uns in Bewegung. Diesmal berührten Katja und ich uns nicht, wir beobachteten uns nur. Als sie an die Reihe kam, schien es mir, als würde sie mit ihrem neuen Partner, es war René, wesentlich besser harmonieren als mit mir. Das versetzte mir einen Stich in der Magengegend, und ich kam prompt wieder durcheinander. Stolperte über meine eigenen Füße, rempelte Leute an, zerstörte Figuren…
Genug! Eine Entschuldigung murmelnd riss ich mich los und drängelte mich aus dem Kreis der Tanzenden. Ich achtete nicht auf die Zuschauer und vor allem nicht auf Sabine und Katja. Mochten sie denken was sie wollten. Das war mir zu blöd! Ich wollte Logik lernen, nicht, wie man Menuett tanzt.
Ich stapfte zum Unterrichtsraum zurück, nahm mir vor, einfach dort zu warten, bis es mit der Übung weiterging. Die konnten ja nicht ewig tanzen.
Leer und verlassen lag der Raum da. Sonnenstrahlen fielen durch die Oberlichter, beschienen die verwaisten Tische, die durcheinander stehenden Stühle. Ich ließ die Tür angelehnt, sodass ich die Kommandos des Profs noch hören konnte.
Da draußen hatten offenbar alle ihren Spaß. Niemand kam zurück. Anscheinend hatte man sich inzwischen noch komplizierteren Figuren zugewandt.
Der Blick zur Uhr sagte mir, dass die Übungsstunde gleich vorbei sein würde. Ich hatte mich wohl verkalkuliert mit meiner Hoffnung, dass wir gleich wieder zu vernünftigen Dingen übergehen würden.
Mit wem Katja jetzt wohl tanzte? Noch immer mit René?
Was fehlte mir bloß, damit ich mich zwischen anderen Menschen heimisch fühlen konnte? Welche Kraft trieb mich immer wieder von ihnen weg, mochte ich mich auch noch so sehr anstrengen, dabeizubleiben, mitzuhalten?
***
Wieder macht der Wanderweg einen Bogen, diesmal in die andere Richtung. Bald taucht zwischen den Bäumen die Elbe wieder auf, auch der Ausflugslärm kehrt zurück.
Immer näher kommen wir ihm. Führt der Weg jetzt doch hinunter zum Strand? Vorhin konnte ich dem Gedanken, an die Elbe zu kommen, noch etwas abgewinnen. Aber durch das lange Wandern in Einsamkeit und Stille hat sich meine Stimmung geändert. Ich möchte lieber hier oben bleiben, Sabine folgen und meinen Gedanken nachhängen. Wer weiß, wohin das führt.








































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