17. Flucht

Hastig stopfte ich meine Sachen in den Rucksack. Ich war allein in der Wohnung, Hartmann hatte mir seinen Schlüssel gegeben. Er war lieber bei Tom und den anderen geblieben, um die Ankunft der Hawks auf keinen Fall zu verpassen.

Seine Eltern würden Augen machen, wenn ich plötzlich weg war. Eigentlich hatte ich ja bis Ostermontag bleiben wollen, aber so eine günstige Mitfahrgelegenheit musste man unbedingt ausnutzen. Mit dem Bus dauerte die Fahrt dreimal so lange; ich wäre bekloppt gewesen, das Angebot auszuschlagen.

Oder nicht? Auf dem Rückweg kamen die Bedenken. Weshalb plötzlich diese Eile? Wochenlang hatte ich dem Besuch in der Nordstadt entgegengefiebert, und nun fuhr ich volle zwei Tage früher wieder weg. Haute Knall auf Fall ab, ohne mich bei Hartmanns Eltern zu bedanken, ohne ihnen wenigstens Tschüss zu sagen. Und vor allem: Was waren das eigentlich für halbseidene Vögel, denen ich mich da anvertrauen wollte?

Als ich wieder zu Tom kam, war es zu spät – jetzt mussten die Dinge halt ihren Lauf nehmen. Ich drückte Hartmann den Schlüssel in die Hand, bat ihn, seine Eltern zu grüßen, und wusste jetzt schon, dass er es vergessen würde. Dann folgte ich den beiden Typen und wurde das Gefühl einfach nicht los, gerade einen schlimmen Fehler zu machen.

Ihr Wagen, ein schwarzer Golf GTI, stand tatsächlich im Halteverbot, genauer: Er parkte mitten auf dem Fußweg. Der Fahrer öffnete die Tür und ließ mich auf die Rückbank klettern. Dann stieg er selbst ein und zog die Ware von Tom aus der Jackentasche. Als er das Handschuhfach öffnete, um das Päckchen zu deponieren, sah ich die Knarre. Ziemlich großes Kaliber, keine Spielzeugpistole, wie die von Hartmann und mir. Schnell schloss der Typ das Fach wieder, knallte die Wagentür zu und stellte den Rückspiegel ein. Für einen kurzen Moment musterten mich seine Augen kalt und misstrauisch – als versuchte er abzuschätzen, wie viel ich mitbekommen hatte.

Und auf einmal verstand ich: Das waren Drogenkuriere! Wahrscheinlich brachten sie eine Lieferung ins Ferienzentrum. Auch da draußen war eben keine heile Welt. Ich musste so schnell wie möglich wieder aussteigen!

Zu spät – der Motor jaulte, der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen an. In einem Affenzahn heizten wir durch die Nordstadt, es presste mich regelrecht in den Sitz. Schon hatten wir die Autobahn erreicht, jagten die Auffahrt zur Kanalbrücke hoch – es war, als würden wir abheben. Das Wasser des Kanals huschte unter uns hinweg, und als ich kurz zurückblickte, verschwand gerade die Nordstadt hinter der Brücke.

Meine Gedanken überschlugen sich: Was wartete am Ferienzentrum? Trafen die beiden dort irgendwelche anderen Dealer, um ihnen die Ware zu übergeben? So viel war sicher: Dann würden sie mich nicht mehr weglassen. Ich hatte mitbekommen, was hier lief, wusste längst zu viel. Sie würden mich zwingen, mitzumachen, selbst mit Stoff zu dealen oder etwas in der Art. Und falls ich mich weigerte – mit ihrer Wumme ballerten die sicher nicht bloß auf Flaschen und Dosen, wie Hartmann, Piet und ich… verdammt, ich war am Arsch, aber richtig!

Der Beifahrer zündete sich eine Kippe an. Dann drehte er sich nach hinten, hielt mir die Schachtel hin. Ich schüttelte den Kopf, zuckte zurück, als würde ich mich vor den Glimmstängeln ekeln. „Was ist?“, fragte er. „Bleib locker, Mann!“ Dann wieherte er los wie ein Pferd mit Tollwut.

Hinter Eckhorst fuhren wir von der Autobahn ab auf die Bundesstraße. Obwohl die Strecke jetzt zweispurig war, ging der Fahrer nicht vom Gas. Wir überholten ganze Kolonnen von Autos, Lastern, Treckern. Die Fahrzeuge schienen fast zu stehen, so schnell schossen wir an ihnen vorbei. Oft konnten wir nur im letzten Augenblick wieder einscheren, wenn jemand uns entgegenkam.

Ich hatte eine neue Idee: Versuchten wir gerade, einen Verfolger abzuhängen? Hatten wir womöglich die Bullen auf den Fersen? Der Gedanke erschien mir immer einleuchtender. Die beiden wurden sicher längst observiert, genauso Tom und sein verdammter Hehlerladen. Und jetzt saß uns die Zivilfahndung im Nacken! Wenn die uns hochnahmen, hing ich mit drin, ganz klar. Ich hatte bis vorhin bei Tom auf der Bude gehockt, war früher sogar regelmäßig dort ein- und ausgegangen. Alles passte zusammen. Die Bullen würden mir im Leben nicht abkaufen, dass ich bloß ein Mitfahrer war, der mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte.

Pures Entsetzen stieg in mir hoch. Immer deutlicher erkannte ich meine Situation: Ich saß im Auto von Kriminellen, konnte nicht mehr weg – und hinter uns waren die Bullen! Wenn sie uns erwischten, ging ich in den Bau. Wenn nicht, war das auch nicht besser: Dann musste ich tun, was die beiden Kerle verlangten: Drogen verticken, Brüche machen, Sachen schmuggeln. All das Zeugs, über das man in der Nordstadt permanent reden hörte – und das doch immer weit weg gewesen war.

Wie bitter eigentlich, dass es mich ausgerechnet jetzt traf, da ich nicht mal mehr dort wohnte. Die verdammte Vergangenheit – sie holte einen doch immer wieder ein. Mensch, wieso hatte ich mich von Hartmann wieder zu Tom mitschleppen lassen? Wozu war ich überhaupt noch in die Nordstadt gefahren? Ich wollte diese Enge doch schon längst nicht mehr, diesen permanenten Druck, die Angst. Ich wollte frei sein und war bereits auf dem richtigen Weg gewesen. Alles hätte nun anders werden können, besser, heller. Aber ich hatte meine Chance nicht genutzt, sie verächtlich weggewischt – warum nur, warum? Jetzt war es zu spät, jetzt gab es kein Zurück mehr. Mein Leben war kaputt, endgültig kaputt. Ich merkte, dass ich einen Kloß im Hals hatte…

Wieder tauchte das Augenpaar im Rückspiegel auf. „Ist dir schlecht?“, fragte der Fahrer. „Wenn du kotzen musst, sag Bescheid. Ich will keine Sauerei im Wagen, kapiert?“ Ein Hinweisschild zog an uns vorüber: „Rastplatz 2km“. In meinem Kopf formte sich schemenhaft eine Idee. „Können wir kurz halten?“, hörte ich mich fragen. Der Fahrer stöhnte genervt, aber er bremste ab, lenkte den Wagen nach rechts in die Ausfahrt. Abrupt wurde das Motorengeräusch sehr leise.

Der Rastplatz bestand aus zwei langgezogenen Parkstreifen. Wir passierten eine Gruppe Tische und Bänke, dann ein Toilettenhäuschen. Endlich fanden wir Platz zum Halten. Als der Beifahrer ausstieg und den Sitz nach vorn klappte, um mich durchzulassen, konnte ich es im ersten Moment nicht glauben. Dann griff ich hastig nach meinem Rucksack und sprang aus dem Wagen.

„Geh kurz auf Klo“, murmelte ich und hoffte, dass die sich nicht wunderten, weshalb ich den Rucksack mitnahm.

„Aber zack zack“, rief mir der Fahrer hinterher. „Wir haben‘s eilig.“ Ich nickte, als ob ich verstanden hätte, und marschierte Richtung Toilettenhäuschen. Der Straßenlärm hier draußen klang wie bei einem Formel-1-Rennen. In meinem Kopf herrschte totale Konfusion, aber so viel kapierte ich doch: Das mit der Verfolgung durch die Bullen konnte nicht stimmen. Hätten die beiden dann angehalten, bloß weil ich mal musste? Trotzdem – da waren immer noch dieses Päckchen und die Knarre im Handschuhfach. Ich musste irgendwie aus der ganzen Sache herauskommen.

Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Möglichst zielstrebig gehen, aber nicht laufen, sonst schöpften sie Verdacht und kamen womöglich hinter mir her. Als ich zurückschaute, hatte sich eine Reihe Sträucher zwischen mich und das Auto geschoben. Hieß: Ich war außer Sichtweite! Auf einmal bewegte ich mich wie ferngesteuert. Statt ins Herrenklo ging ich geradeaus weiter, am Toilettenhäuschen vorbei. Dahinter führte ein Trampelpfad ins Gelände. Ohne noch lange zu überlegen, schlug ich mich in die Büsche.

Nichts wie weg von diesem verdammten Rastplatz! Blöderweise war der Boden total aufgeweicht und matschig. Wenn ich zu schnell lief, drohte ich auszurutschen und im Dreck zu landen. Und immer wieder waren große Pfützen im Weg, an denen ich irgendwie vorbei musste. Es war wie in einem Albtraum: Ich wollte flüchten, so rasch wie möglich, kam aber nur wie in wie in Zeitlupe voran. Etwas hielt mich fest, etwas Böses, das sich nicht abschütteln ließ. Und allmählich spürte ich meine Kräfte schwinden…

Schließlich konnte ich keinen Schritt mehr weiterlaufen. Ich stolperte zu einem Baumstumpf, ließ mich vor Erschöpfung fallen. Dann kriegten sie mich eben! Mir war jetzt alles egal. Ich resignierte, ergab mich in mein Schicksal.

So viel war sicher: Wenn sie mich hier draußen aufstöberten, machten sie kurzen Prozess. Wozu sich noch lange mit mir herumärgern? Hier gab es keine Zeugen. Ich lauschte auf verdächtige Geräusche, zerbrechende Zweige, Schritte, glaubte bereits Stimmen zu erkennen, die sich näherten – und war doch wie paralysiert, hatte bloß Angst, nichts als Angst vor dem, was gleich passieren würde… aber niemand kam. Man hörte die ganze Zeit nur das leise Heulen der Bundesstraße.

Nach und nach legte sich die Panik, auch das Schwindelgefühl hörte langsam auf. Je klarer die Gedanken flossen, desto unwahrscheinlicher erschien mir, dass die beiden Gauner wirklich noch auftauchten. Dass sie ernsthaft durch den Schlamm liefen mit ihren teuren Lederschuhen, bloß wegen mir. Auf einmal kam mir das völlig absurd vor. Die würden sicher demnächst schulterzuckend weiterfahren. Vielleicht waren sie längst weg.

Was sollte ich jetzt machen? Das Beste wäre wohl gewesen, noch ein paar Minuten hier auszuharren, um sicherzugehen, dass die Luft wirklich rein war. Dann konnte ich in Ruhe zum Rastplatz zurücklatschen und Muttern anrufen, damit sie mich abholte.

Nein, genau das wollte ich eben nicht. Auf gar keinen Fall. Alles, bloß das nicht. Und komisch: Es lag nicht an den beiden halbseidenen Typen in ihrem schwarzen Golf…

Ich wollte den Weg weiterlaufen, auf dem ich gekommen war. Vielleicht führte er in ein Dorf, und ich konnte von dort mit dem Bus weiterfahren. Oder per Anhalter, obwohl ich das noch nie gemacht hatte. Schlimmstenfalls musste ich am Ende doch zu Hause anrufen und Muttern bitten, mich einzusammeln, wo immer ich dann sein mochte. Aber was machte mich so sicher, dass dieser vergessene Pfad wirklich irgendwo hinführte? Dass er nicht einfach aufhörte, sich im Gestrüpp verlor, mitten in tiefster Wildnis? Ich konnte es nicht sagen, wusste einfach, dass es so war.

Endlich fühlte ich mich ganz wieder hergestellt. Ich stand auf, schulterte den Rucksack und marschierte los. Allmählich verschwand der Straßenlärm; an seine Stelle traten die Geräusche der Natur: das Rauschen des Windes, Vogelgezwitscher, das Klopfen eines Spechtes. Höher und höher wurden die Bäume ringsherum, bis ich durch ausgewachsenen Wald lief. Frieren tat ich überhaupt nicht mehr – die winterlichen Temperaturen der letzten Tage schienen vorbei zu sein. Und der Himmel, obwohl noch immer bedeckt, sah nicht mehr nach Regen aus.

Als mein Trampelpfad schließlich in einen Forstweg mündete, machte mein Herz vor Freude einen Sprung. Wie gut, dass ich auf meine innere Stimme gehört hatte! Sofort war mir klar, dass ich nach links gehen musste. Überhaupt wirkte die Umgebung seltsam vertraut auf mich, dabei war ich bestimmt noch nie hier gewesen. Der Eindruck verstärkte sich noch, als nach einer Weile etwas Blaues zwischen den Bäumen hindurchschimmerte – die See.

Dann führte der Weg aus dem Wald heraus auf freies Feld. In der Ferne hörte man das Geräusch fahrender Autos. Mir kamen wieder die beiden Kerle in den Sinn: Was es wohl mit dem Päckchen von Tom auf sich gehabt hatte? Und wozu brauchten sie den Ballermann im Handschuhfach? Ein bisschen gruselig war das ja schon alles gewesen. Ob sie es mittlerweile bereuten, mich auf dem Rastplatz raus gelassen zu haben? Vielleicht war ihnen ja in der Zwischenzeit klar geworden, was ich vorhin selbst überlegt hatte: dass ich sie jederzeit bei den Bullen verpfeifen konnte.

Und wenn sie längst die Gegend nach mir abgrasten? Das Pochen in den Schläfen kehrte zurück; auf einmal sah ich wieder dieses taxierende, misstrauische Paar Augen im Rückspiegel, hörte das schräge Lachen des Beifahrers. Ganz klar: Das waren zwei Irre gewesen, zwei komplett Durchgeknallte. Die gaben sicher keine Ruhe, ehe sich mich nicht aufgestöbert hatten. Vielleicht kamen sie gleich mit quietschenden Reifen um die Ecke gejagt? Hier lief ich wie auf dem Präsentierteller, sie würden mich sofort sehen!

Mir brach endgültig der Schweiß aus. Auf einmal hatte ich wieder das Gefühl, gelähmt zu sein, wie bei der Flucht vom Parkplatz. Wenn sie tatsächlich gleich auftauchten, war ich sichere Beute, die nur noch eingesammelt werden musste – und am Ende hatten sie mich doch noch erwischt! Ich lauschte angestrengt in die Ferne, versuchte Motorengeräusche zu erkennen, Reifen auf dem Asphalt, das Wegspritzen von Steinen am Wegrand…

Aber man hörte nur den Wind, der über die Felder rauschte, und das Knistern des alten, vertrockneten Laubes in den Büschen. Die Verkehrsgeräusche aus der Ferne waren längst wieder fort. Vielleicht waren sie auch niemals dagewesen. Einmal kam von irgendwo leises Glockengeläut heran, aber es verklang bald wieder.

Weshalb hätten sie wohl hier draußen nach mir suchen sollen? Die kannten ja nicht mal die Bundesstraße von Eckhorst nach Schönhagen, auf Feldwegen wie diesen wären sie erst recht verloren gewesen. Und selbst wenn sie plötzlich aufkreuzten: Die Knicks an der Seite waren hochgewachsen und, obwohl noch kahl, schwer einsehbar. Da wurde man so schnell nicht entdeckt.

Allmählich dämmerte es mir, dass ich aus der Sache raus war; die würden mich im Leben nicht mehr finden. Ich war in Sicherheit, jedenfalls, solange ich nicht in die Nordstadt zurückkehrte. Und niemand zwang mich, noch mal dorthin zurückzukehren. Niemand zwang mich noch zu irgendwas. Von nun an würde ich meinen eigenen Weg gehen.

Ich war endlich frei!

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