16. Zurück in der Nordstadt

Die Krad-Tour machte richtig Spaß. Bernd fuhr einen heißen Reifen, aber er hatte die Sache jederzeit im Griff. Wenn es bloß nicht so arschkalt durch meine Jeans gezogen hätte! Ich stieß während der Fahrt innerlich tausend Flüche aus, keine Lederhose zu besitzen. Außerdem hing mir bei Tempo 100 der Rucksack wie ein Stein auf dem Rücken.

Zum Glück lagen die 60 Kilometer im Nullkommanichts hinter uns. Als wir in die Nordstadt einfuhren, bekam ich Herzklopfen: endlich wieder zu Hause! Man merkte sofort, dass Bernd sich auskannte: Sicher steuerte er durch die Straßen, nie zögerte er.

Wir stoppten vorm Einkaufszentrum. Es war noch ziemlich früh am Tag und die Betonfläche vorm Eingangsportal fast menschenleer. Beim Absteigen merkte ich erst richtig, wie durchgefroren ich war. Bernd verstaute meinen Nierengurt unter der Sitzbank, klemmte den Helm am Gepäckträger fest. Wie mochte es für ihn sein, wieder in die alte Heimat zu kommen? Falls er irgendwie gerührt war, ließ er sich nichts anmerken. Aber Bernd war sowieso eher der nüchterne Typ, ihn interessierten praktische Sachen, sonst nichts. Wortlos schwang er sich wieder auf seine Karre, trat den Kickstarter durch. Lautes Röhren, eine blaue Wolke stieg auf.

„Danke fürs Mitnehmen!“, brüllte ich über den Lärm hinweg. Er nickte, fuhr an, schaltete hoch. Ein letztes Winken, dann bog er um die Ecke und war verschwunden.

Einen Moment lang stand ich bloß dort und glotzte, konnte es kaum fassen, tatsächlich zurück zu sein. Schließlich nahm ich den Rucksack auf die Schultern und ging los. Meine Schritte waren unsicher, alles wirkte fremd auf mich. Als wäre ich Ewigkeiten weg gewesen. An der Edeka-Wiese stoppte ich wieder: Zwei winzige Gestalten waren auf der anderen Seite der gewaltigen Rasenfläche zu erkennen, die verdammt nach Britta und Gabi aussahen. Bestimmt latschten die beiden gerade zu Tom. Dort wollten Hartmann und ich nachher auch hin.

Endlich tauchte Hartmanns Block vor mir auf. Das Klingelbrett war riesig, aber ich hätte den richtigen Knopf im Schlaf gefunden. Als der Summer kam, stemmte ich mich mit aller Kraft gegen die Tür. Sie hakte beim Aufmachen – wenn man zu zimperlich war, musste man noch mal klingeln. Den Fahrstuhl ließ ich links liegen, weil er meistens vollgepisst war. Ich hatte mir angewöhnt, lieber die Treppe zu nehmen. Obwohl Hartmann im siebten Stock wohnte.



Mit jeder zurückgelegten Etage wurde ich aufgeregter. Als ich auf den Laubengang kam, stand Hartmann bereits vor der Tür und wartete. Fast hätte ich gelächelt, aber im letzten Moment riss ich mich zusammen: Das hier war die Nordstadt, nicht irgendein Nest auf den Lande. Hier grinste man sein Gegenüber nicht an wie ein Honigkuchenpferd. Wenn man sich freute, behielt man das schön für sich.

„Hi, Mann“, sagte ich, als wir einander gegenüber standen.

„Hi, alles klar?“, kam es von ihm zurück.

 

***

 

Bei Tom herrschte Partystimmung, alle freuten sich einen Wolf über die letzten Neuigkeiten. Zunächst mal hatte Mark Solterbeck den Löffel abgegeben. Der Vollidiot war stockbesoffenen vom Butterdampfer gesprungen, um nach Dänemark zu schwimmen. Prompt hatte ihn die Schiffsschraube erfasst und zu Hackfleisch verarbeitet. Wolfgang, sein Bruder, war wegen Sachbeschädigung und schwerer Körperverletzung eingefahren: Bei einer der diversen Schlägereien im AWO-Jugendheim hatte er dem Betreuer einen Schädelbasis-Bruch verpasst. Kongo saß ebenfalls im Knast. Er war mit einem geklauten Alfa Spider bei Tempo 80 in die Frontscheibe des Penny-Marktes gerauscht – großes Chaos, viele Verletzte. Während ringsherum Leute in ihrem Blut lagen, hatten angeblich ein paar ganz Dreiste die Gelegenheit genutzt und tonnenweise Sachen aus dem Laden rausgeschleppt.

Die Solterbeck-Clique hatte also ihre gefährlichsten Leute verloren. Der jämmerliche Rest bedeutete keine ernstliche Gefahr mehr, mit denen wurde man locker fertig. Wenn das keine guten Nachrichten waren!

„Ey, Tappert!“, brüllte Köpke quer über die Menge. „Du siehst ja noch immer aus wie Frankenstein!“ Er spielte auf die dicke, nur halb verheilte Narbe an, die eine zerschlagene Flasche in Tapperts Gesicht hinterlassen hatte – ein Andenken der Solterbeck-Leute.

„Und du siehst noch immer aus wie Godzilla!“, rief Tappert zurück. Dabei hatte Köpke gar nichts. Er war einfach nur total hässlich, der Vergleich mit Godzilla traf die Sache verdammt gut. Man fragte sich, wie der Typ jemals eine Freundin finden sollte.

Ich fühlte mich prima, topfit.Bei den Mädels ging ich sofort auf Angriff. Alberte mit ihnen rum, nahm sie auf die Schippe. Und baggerte mit Gabi, was das Zeug hielt. Eigentlich wollte ich nichts von ihr, aber es machte Spaß, sie zu locken. Sobald sie anbiss, würde ich sie eiskalt ins Leere laufen lassen.



In Wirklichkeit war ich auf Britta scharf. Ihr herrlicher Knackarsch – am liebsten hätte ich sofort reingelangt. Aber Hartmann riet mir, besser die Finger von ihr zu lassen. Sie sei Beneckes Freundin, warnte er mich, und der konnte unangenehm werden, besonders wenn er schon einiges intus hatte. Leider war das gerade der Fall. Aber ich wollte mir meinen Spaß nicht verderben lassen, auch nicht von einem Benecke. Notfalls mussten wir die Sache eben auf der Straße klären.

Als Britta das nächste Mal hüftschwingend an mir vorbeiging, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich fuhr die Hand aus, wollte ihr an die Arschbacke greifen. Leider war ich selbst schon etwas angeschickert und rutschte zu weit nach vorn, in ihren Schritt. Das hatte ich eindeutig nicht gewollt. Aber für Peinlichkeit blieb keine Zeit: Britta drehte sich blitzschnell um und verplättete mir eine, dass ich die Engel singen hörte. Ich rauschte ins Sofa zurück, schmeckte Blut auf der Lippe.

Wir schauten uns an, beide völlig verdattert. Dann mussten wir lachen, immer lauter. Wir bekamen einen regelrechten Lachkoller. Mehr und mehr Leute wurden angesteckt, und schließlich lachte die ganze Hütte. Selbst Benecke, der alles gesehen hatte, wollte sich ausschütten vor Lachen.

Jemand schmiss eine Kiste Holsten Export, und bald machten anstelle der Dosen dickbauchige Bierknollen die Runde. Später kamen auch harte Getränke dazu. Irgendwann waren alle völlig breit, und es wurden die dämlichsten Sauflieder gesungen.

Fast wie im Urlaub, dachte ich. Man kann total die Sau rauslassen, muss keine Hemmungen haben, weil man eh bald wieder abhaut.

Im nächsten Moment zuckte ich innerlich zusammen: Ich war doch nicht auf Urlaub! Das hier war mein Zuhause!

 

***

 

Am nächsten Tag hatte ich einen üblen Kater. Sämtliche Glieder taten mir weh, mein Schädel brummte wie ein Langstreckenbomber im Tiefflug. Nachmittags saßen wir wieder bei Tom. In der verqualmten Luft wurden meine Kopfschmerzen noch schlimmer. Als ich an einem Bier nippte, das Hartmann mir hinhielt, kotzte ich beinahe los.

Der Trubel, das Gelaber, die allgemeine Wichtigtuerei – was ich gestern noch klasse gefunden hatte, nervte mich heute nur an. Tom war wieder fleißig am Telefonieren, Organisieren, Verticken. Was, wenn die Bullen hier aufkreuzten? Hingen wir dann mit drin? Wie dämlich war es eigentlich, so ein Risiko einzugehen, bloß um dazuzugehören?



Schließlich platzte mir der Kragen. Ich nahm meine Jacke, wollte nur hier raus. Hartmann hatte erst keinen Bock, aber dann konnte ich ihn doch überreden, Toms Bude einer Weile den Rücken zu kehren, mit mir einen Gang durchs Viertel machen.

Auf den Straßen war kaum ein Mensch zu sehen. Kalte Böen fegten zwischen den Häuserschluchten hindurch. Obwohl wir erst frühen Nachmittag hatten, schien es bereits dunkel zu werden. War neulich nicht schon fast Sommer gewesen? Jetzt hatte man das Gefühl, als würde jeden Moment ein Schneesturm losbrechen. Ich schlang mir die Arme um den Bauch, fror wie ein Straßenköter.

Und die seltsame Traurigkeit in der Magengegend war ebenfalls zurück. Ich versuchte mir klarzumachen, dass dies die Nordstadt war, mein angestammtes Revier. Aber es half nicht viel. Die steilen Hauswände mit ihren zahllosen Balkonen, die weiten, eintönigen Rasenflächen, das Netz aus betongrauen Gehwegen – alles erschien mir einfach nur trostlos. Dazu kam die Erinnerung an den letzten Winter, die bedrohliche Stimmung, die permanente Angst, wenn man draußen unterwegs war… auf einmal merkte ich, dass mir die Zähne klapperten.

„Ist was?“, fragte Hartmann. Rasch nahm ich die Arme vom Körper weg, schwang sie hin und her, als machte ich Lockerungsübungen. „Nö, alles bestens“, versicherte ich. Er musterte mich, verwundert und auch ein bisschen misstrauisch.

Als wir wieder zu Tom kamen, war es noch voller geworden. Die Luft stand, es müffelte nach Rauch, Alk, Schweiß. Manchmal wehten auch Parfümdüfte heran – wohl von Gabi und Britta, die zwischen irgendwelchen Typen eingequetscht auf den Sofas hockten. Hartmann, Benecke und ein paar andere fingen an, über eine befreundete Gang zu quatschen, die „Hawks“. Sie würden morgen abend in die Nordstadt kommen, um ein paar alte Rechnungen zu begleichen. Danach sollten noch die letzten Reste der Solterbeck-Truppe aufgemischt werden. Alle laberten sich total in Rage. Ich fragte mich, was ihnen wohl wichtiger war: die Schlägerei oder das Besäufnis, das anschließend hier bei Tom starten sollte.

Für Hartmann war es ausgemachte Sache, dass ich mitkam. Er wollte mir eine Baseballkeule leihen, die er noch zu Hause rumliegen hatte. Diesmal würde es richtig zur Sache gehen, meinte er, kein Kindergeburtstag wie bei den Solterbeck-Leuten, ohne Waffe bräuchte man da gar nicht aufzulaufen. Seine Zunge war bereits schwer vom Alkohol, sein Blick vernebelt.



Vorsichtig erinnerte ich ihn daran, dass wir morgens seiner Mutter versprochen hatten, pünktlich zum Abendessen zurück zu sein. Sie wollte heute groß aufkochen. „Scheiß drauf!“, rief er, aber schließlich hatte er doch ein Einsehen. Obwohl ihm die Genervtheit deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

Kurze Zeit später saßen wir mit dem Rest seiner Familie am Küchentisch. Ich staunte wieder einmal, wie sehr sich hier alles verändert hatte. Aufgeräumt und mit klarem Kopf erzählte Hartmanns Vater Witze, über die man sogar lachen konnte. Frau Hartmann freute sich königlich, dass uns ihr Essen so gut schmeckte. Und Bettina wirkte mittlerweile richtig erwachsen.

Ich fühlte mich einfach nur wohl. So wohl, dass ich nach dem Essen gar nicht mehr rausgehen mochte. Eigentlich hatten wir noch mal bei Tom vorbeischauen wollen, aber ich konnte Hartmann zu einem Fernsehabend überreden. Es gab einen alten Monumentalfilm, einen Jesus-Schinken, passend zum Karfreitag. Selbst als ich vorschlug, den Streifen bei seinen Eltern im Wohnzimmer auf dem großen Apparat zu gucken, willigte er ein.

Der Film ging los. Am oberen und unteren Rand tauchten schwarze Balken auf, der Rest des Bildschirms erstrahlte in Technicolor. Feierliche Orchestermusik klirrte und schepperte im Sound der Fünfziger…

Als ich uns so um die Glotze herumsitzen sah, musste ich an eine längst vergangene Zeit zurückdenken. Damals hatten wir bereits in der Nordstadt gewohnt, aber Henri und ich waren noch ziemlich klein gewesen. An den Samstagabenden hatten wir uns immer gemeinsam vorm Fernseher versammelt, Muttern, Vaddern und wir Kids. Erst gab es Nachrichten, anschließend die große Show oder den Spielfilm. Und während wir alle gebannt auf die flimmernde Mattscheibe starrten, breitete sich allmählich ein Gefühl von Heimeligkeit und Verbundenheit aus, das man bei uns sonst vergeblich suchte. Das Fernsehereignis ließ uns für kurze Zeit tatsächlich zu etwas wie einer Familie werden…

Der Jesus-Film hatte deutliche Überlänge, aber wir schauten ihn trotzdem gemeinsam bis zum Schluss. Niemand ging vorher raus.

 

***

 

„Die Hawks sind schon in der Nordstadt!“, brüllte Tom. „Mussten gerade vor den Bullen flüchten. Haben einen Linienbus auseinandergenommen.“



„Geil!“, jubelte Hartmann und rieb sich die Hände, als gäbe es gleich Arbeit.

„Sie kommen erst mal hierher“, verkündete Tom, schob die Antenne ins Telefon und warf das Gerät hinter sich aufs ungemachte Bett., „Lagebesprechung.“

„Kann nicht schaden“, knurrte Benecke. Er riss den Verschluss von einer Halbliterdose Faxe, setzte an und ließ das Bier ohne zu schlucken in sich hineinlaufen. Als nichts mehr kam, drückte er die Dose mit einer knappen Handbewegung zusammen, warf sie weg und griff nach der nächsten Hülse. Zwischendurch gab er einen langen, befreienden Rülpser von sich, bei dem sein T-Shirt hochrutschte. Bauchspeck und ein behaarter Nabel quollen hervor. Dann schnappte er sich Britta, platzierte sie auf seinem Oberschenkel und fing an, sie zu begrapschen. Sie ließ es klaglos über sich ergehen – halt typisch Nordstadt-Mädels.

Angewidert drehte ich mich weg, nahm stattdessen die beiden Typen ins Visier, die vorhin reingekommen waren. Zwielichtige Gestalten, mindestens schon zwanzig oder älter. Trugen enge Lederjacken und darunter glänzende, weit aufgeknöpfte Hemden, rochen nach Rasierwasser. Sie wollten mit Tom etwas „klären“, wie sie sagten. Hatten es eilig, weil ihr Wagen angeblich im Halteverbot stand.

Verstohlen reichte Tom ihnen in der hinteren Zimmerecke ein in Packpapier gewickeltes Bündel. Er war jetzt nicht mehr der Big Boss, wie noch eine Minute vorher. Auf einmal katzbuckelte er, schleimte sich total ein. Die beiden ließen sich davon allerdings nicht beeindrucken, sie blieben kühl und distanziert. Leute wie Tom waren für sie wahrscheinlich bloß kleine Fische, armselige Amateure. Die Situation mutete ein bisschen unheimlich an, wie im Krimi.

Aber es wurde noch besser: Als nächstes wollten sie von ihm wissen, wie man – ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen – nach Schönhagen kam! Natürlich musste Tom passen – niemand in der Nordstadt kannte den Weg nach Schönhagen. Da schaltete ich mich ein: Sie müssten die Autobahn nach Eckhorst nehmen, und dahinter auf die Bundesstraße abfahren. Ich schaffte es, ganz cool zu bleiben, obwohl die beiden mir nicht geheuer waren. Sie fragten, ob ich das Ferienzentrum kennen würde. „Logisch“, antwortete ich prompt, als würde ich dort täglich ein- und ausgehen.



Keiner ringsherum bekam etwas mit von diesem kurzen Austausch zu viert. Noch immer laberten alle großspurig vom Treffen mit den Hawks, der „Lagebesprechung“, die gleich stattfinden sollte. Aber mir wurde plötzlich klar, dass ich daran nicht mehr teilnehmen würde.

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