15. Unter Ökos

Okay, mitgefangen, mitgehangen. Resigniert latschte ich hinter den anderen her ins Haupthaus, wo die Gummistiefel für Gäste standen. Ich durfte mir ein Paar aussuchen, dann startete eine endlose Wanderung durch Ställe, Gehege, Scheunen und Remisen. Immer wieder waren wir von Federvieh umgeben, das frei zwischen den Gebäuden herumlief. Einmal rollte eine Meute dreckverkrusteter Schweine auf uns zu. Ihr Hirte, kaum älter als wir, maß höchstens 1,60. Er trug eine seltsam gemusterte Wollmütze, in der Hand hielt er einen Holzstecken. Ungefähr so stellte ich mir einen Gnom vor.
Es ging in die Bäckerei, wo uns dunkles, warmes Brot in die Hand gedrückt wurde. Dann in die Molkerei, wo in gekachelten Verschlägen Kühe an den Schläuchen der Melkmaschine hingen. Schließlich in die Metzgerei, wo gerade Hartwürste hergestellt wurden. Bis dahin hatte ich immer geglaubt, alle Ökos wären Vegetarier.
Die ganze Zeit über vermied ich krampfhaft, an mir runterzugucken, um meine Füße nicht sehen zu müssen, die in olivgrünen Gummistiefeln steckten. Das dämliche Bild hätte sich mir für alle Zeiten ins Hirn eingebrannt, ganz sicher. Zum Glück hing nirgends ein Spiegel.
Wir kamen in den Schafstall, wo die Mädchen endlich ihre heißersehnten Lämmer bestaunen konnten. Tatsächlich sah es rührend aus, wie die kleinen Dinger auf ihren klapprigen Beinchen durchs Stroh tapsten. Ihr Fell war noch nass und dampfte in der kühlen Luft. Immer wieder geschah es, dass eines der Tiere sein Gleichgewicht verlor und umkippte, einfach ins Stroh plumpste.
Schließlich fragte der Typ, der uns herumgeführt hatte, ob wir noch zum Mittagessen bleiben würden. Lautes Tellerklappern war mittlerweile zu hören, als ob gerade irgendwo aufgedeckt würde. Die anderen sagten sofort zu. Sie mussten das Essen von vornherein eingeplant und sich das Okay von zu Hause geholt haben. Ich überlegte, ob ich allein zurückgehen sollte. Aber dann blieb ich doch – das Rumgerenne war verflucht anstrengend gewesen, mittlerweile hatte ich ziemlichen Kohldampf. Ein Gratis-Essen kam da gerade recht.
Wir latschten also zum Haupthaus zurück. Es wäre das ehemalige „Herrenhaus“, erklärte mir der Öko-Pax. Die Kommune hätte es in jahrelanger Arbeit komplett saniert. Okay, aber weshalb erzählte er mir den ganzen Kram? Sah ich etwa so aus, als würde mich das interessieren?
Der Flur war jetzt voller Leute. Gerade hatte ich die Gummistiefel zurückgestellt und wollte wieder in meine Turnschuhe steigen, als ich sah, wie die anderen sich jeder ein Paar Filzschlappen aus dem Nachbarregal griffen. Anscheinend trug man die Dinger hier drinnen: Sämtliche Füße, die ich sah, steckten in solchen Latschen. Beim Gedanken, selbst in so was steigen zu müssen, regte sich neuer Widerstand – aber am Ende war der Hunger stärker.
Wir kamen in eine Art Gemeinschaftssaal mit langen Sitzbänken und Tischen, auf denen überall Gedecke lagen. Obwohl bereits reger Andrang herrschte, fanden wir noch zusammenhängende Plätze. Leute in weißen Arbeitsklamotten rollten Essenswagen durch eine offene Flügeltür aus der Küche in den Saal. Die Töpfe wurden über die Tische verteilt, dann tat man sich auf. Das alles erinnerte mich stark an die Klassenfahrt in der Vierten. Wobei das Essen hier eindeutig besser schmeckte als damals, um nicht zu sagen: verdammt lecker. Und es gab reichlich. Trotzdem wäre ich glatt gestorben, wenn jemand aus der Nordstadt mich zwischen den ganzen Hippies gesehen hätte, noch dazu in diesen komischen Filztretern.
Nach ziemlich genau einer halben Stunde leerte sich der Saal ebenso schnell, wie er sich vorhin gefüllt hatte – diese Öko-Typen konnten es anscheinend kaum abwarten, endlich wieder arbeiten zu dürfen. Ich ging davon aus, dass wir unsere Tour jetzt fortsetzten, und sah mich bereits wieder in Gummistiefeln. Aber die anderen quatschten von Zurückgehen – sie hatten wohl genug gesehen. Ein Glück!
Wir waren schon halb vom Hof runter, als einer der Ökos uns hinterherrief: „Helft ihr dieses Jahr wieder mit?“
„Klar!“, grölte Bernd zurück. Mir blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, wovon die Rede sein konnte, denn ich kämpfte bereits wieder mit dem Schmodder auf dem Feldweg.
Hinter der Hofeinfahrt nahmen wir diesmal die entgegengesetzte Richtung. Erst dachte ich, wir wollten noch irgendwo anders hin, aber dann führte der Pfad doch wieder auf den Wald zu. Wir liefen anscheinend einen Rundweg.
Auf einmal entdeckte ich am Horizont eine Gruppe Hochhäuser. Der Anblick dieser Nordstadt-Blöcke inmitten der Felder war so komplett deplatziert und absurd, dass ich völlig durcheinander kam, plötzlich nicht mehr genau wusste, wo ich war.
„Das Ferienzentrum“, erklärte Jürgen, als er mein verdattertes Gesicht sah. „Hotels, Schwimmbäder, Läden, Discos und so weiter. Ist total was los, jedenfalls in der Saison.“
„Und wann ist die Saison?“, wollte ich wissen, noch immer reichlich konfus im Kopf.
„Fängt demnächst an“, meinte er.
Gerade hatte ich es noch bereut, überhaupt mitgegangen zu sein, aber nun schienen sich ganz neue Aussichten zu eröffnen. Ich überlegte ernsthaft, die Biege zu machen und diesem Ferienzentrum einen Besuch abzustatten. Bernd schien meine Gedanken zu erraten: „Hey, lasst uns noch zum Ferienzentrum gehen!“, schlug er vor. Erst gab es unwilliges Gemurre, aber dann waren doch alle einverstanden.
Allerdings hatte er sich wohl mit der Länge des Weges verschätzt: Wir latschten und latschten, aber die Betontürme wollten nicht näherkommen. „So dauert das ewig“, stöhnte er. „Lasst uns einfach über die Koppeln laufen.“ Erst dachte ich, er würde einen Witz machen: Das Gelände schien ziemlich aufgeweicht, an einigen Stellen sah man große Wasserflächen. Außerdem trieb sich in einiger Entfernung ein Pulk Kühe herum. Aber die anderen fingen schon an, über den Weidenzaun zu klettern. Klar, sie waren fein raus mit ihren ihren Gummistiefeln. Verdammter Mist!
Notgedrungen stieg ich hinterher. Die Nässe auf der Wiese war noch schlimmer als befürchtet, bei jedem Schritt schmatzte es laut unter meinen Sohlen. Dann passierte es: Wasser lief eiskalt in den ersten Schuh. Der zweite würde garantiert demnächst folgen. Zu allem Unglück hatten sich in der Zwischenzeit auch noch die Kühe in Bewegung gesetzt. Zielstrebig trabten sie in unsere Richtung. Hatten sie was im Sinn, diese Viecher?
„Die gehören bestimmt zum Gut“, meinte Silke.
Kaum etwas interessierte mich gerade weniger als die Besitzer dieser Ungetümer, die immer näher kamen.
„Wahrscheinlich wollen sie was zu fressen haben“, überlegte Maren.
Den anderen wurde die Sache nun ebenfalls unheimlich, wir begannen zu laufen. Mittlerweile vibrierte schon der Boden unter dem Hufgetrappel. Meine Schuhe saugten sich jetzt ständig im Morast fest und drohten stecken zu bleiben; ich überlegte ernsthaft, sie mitsamt der Socken auszuziehen und einfach barfuß weiterzulaufen, scheiß auf die Peinlichkeit! Dann wurde es wieder trockener, und ich begann zu wetzen, was das Zeug hielt. Die Viecher waren bereits ziemlich nahe, man hörte sie keuchen und schnaufen…
Endlich – der Zaun! Ich griff einfach in den Stacheldraht, um Halt zu finden, und kletterte drauf los. Fast war ich schon drüber, als ich abrutschte und irgendwo hängenblieb. Aber ich achtete nicht darauf, wollte nur auf die andere, sichere Seite… geschafft! Die Kühe standen am Zaun und muhten laut, aber sie kamen nicht mehr weiter. Erst jetzt sah ich, was bei meiner verunglückten Kletteraktion passiert war: Der Stacheldraht hatte meinen Handballen sozusagen geteilt. Zwei helle Hautlappen waren entstanden, die sich jetzt dunkelrot einfärbten. Dann schoss das Blut hervor und lief in Bächen über die Hand – mir kamen glatt die Tränen, eher vor Schreck als vor Schmerzen. Die anderen standen besorgt um mich herum, die Mädchen verarzteten mich mit Taschentüchern. „Bist du gegen Tetanus geimpft?“, fragte Jürgen. Woher sollte ich das wissen? Ich fühlte mich gerade wie der komplette Volldepp.
Endlich hörte das Bluten auf. Wir liefen zwischen den Koppeln weiter. Sie waren alle noch leer, bis auf die eine, die wir uns als Abkürzung ausgesucht hatten – ausgerechnet! Das Ferienzentrum erwähnte niemand mehr. Bald erreichten wir die Stelle, wo wir vorhin über den Zaun geklettert waren. In der Hand spürte ich mittlerweile nur noch dumpfes Pochen.
Als wir wieder in den Wald kamen, wollte ich plötzlich allein sein, wenigstens einen kurzen Moment. Ich drosselte das Tempo, ließ die anderen vorausgehen. Als sie schließlich um eine Wegbiegung verschwanden, wurde es sehr still, auch der kalte, böige Wind hatte sich auf einmal gelegt. Die Bäume zu beiden Seiten, gerade noch von unserem Lärm zurückgedrängt, schienen wieder näher heranzurücken.
Mein Blick tastete sich durch das Wirrwarr aus Stämmen, Geäst und Buschwerk ringsherum – alles war noch kahl, keine Spur von sprießendem Grün. Die wenigen Vogelstimmen, die man hörte, klangen verloren. Über einer mit Wasser gefüllten Senke lagen Nebelschwaden. Nein, hier war nichts zu merken von Frühling, vom Leben, das bald losgehen würde. Hier herrschte immer noch tiefster Winter. Gerade eben war ich froh gewesen, allein zu sein, aber auf einmal fühlte ich mich wie von aller Welt abgeschnitten. Ich dachte an die Nordstadt, ans Wiedersehen der Kumpels, aber das half auch nicht.
Zur Linken tauchte nun etwas zwischen den Bäumen auf, das wie ein Dach aussah. Ein Haus? Gab es dort ein einzelnes Haus mitten im Wald? Dann konnte man es plötzlich nicht mehr sehen. Ich kniff die Augen zusammen, suchte alles ab. Nein, da hinten war gar nichts, nur ein dichtes Gewusel kahler Bäume und Sträucher.
Ich ging schneller, um die anderen einzuholen. Da erschien es wieder: ein rotes Ziegeldach. Gestochen scharf erkannte man alles, trotz der Entfernung: Erker, Türmchen, Kamine… zugleich wirkte der Anblick unecht, wie eine Täuschung, eine Art Fata Morgana.
Aber jetzt musste ich mich ranhalten, sonst waren die anderen demnächst sonst wo! Während des Laufens schaute ich noch einige Male zurück – vergebens, das Haus zeigte sich nicht mehr. Es war in den Tiefen des Waldes verschwunden.
Bald schloss ich wieder zur Clique auf: Niemand drehte sich nach mir um; sie hatten anscheinend gar nicht gemerkt, dass ich fehlte. Oder vielleicht gedacht, ich müsse kurz mal austreten. Wir kamen an eine Abzweigung mit Wegweiser: „Neuschönhagen“. Da wohnte Klau. Ich hatte zuerst gedacht, es wäre ein Teil von Schönhagen, aber es war ein eigenes Dorf, mehrere Kilometer entfernt. Hinter dem Wald ging es wieder mit dem Matsch los, der Weg bis zur Ortsgrenze zog sich noch ewig. Als wir endlich am gelben Schild vorbeigingen, stöhnte ich erleichtert auf. Insgeheim schwor ich mir feierlich, niemals mehr in die Nähe dieses dämlichen Bauernhofs zu kommen.
Beim Abschied hörte ich, wie die anderen sich für den Ostersonntag verabredeten. Es klang fast, als würden sie sich bis dahin nicht mehr sehen. Maren und Kristina erklärten mir, dass über Ostern in Familie gemacht wurde. Verwandte kamen zu Besuch, es gab großes Essen, sonntags ging es sogar in die Kirche. Auch Geschenke gab es, wie zu Weihnachten, immerhin. Der ganze Trubel endete erst am Sonntagabend.
In der Nordstadt hieß Ostern vor allem Ferien und ein paar gute Filme im Fernsehen. Als Kinder hatten Henri und ich noch Nester gesucht, aber aus diesem Alter waren wir lange raus. Reichlich schräg, dass sie hier noch so ein Brimborium um dieses Fest machten.
Zu Hause reinigte ich die blöde Wunde und klebte ein Heftpflaster drauf. Meine arg lädierten Turnschuhe schmiss ich einfach in die Tonne. Hatten ihre besten Tage eh längst gesehen, die ollen Dinger, sie sauberzumachen lohnte nicht mehr.
Mittlerweile war ich doch heilfroh, den ganzen Mist hier hinter mir zu lassen. Ich durfte nicht in diesem Kaff versauern, Hartmann hatte ganz recht. Nur eins ärgerte mich inzwischen: dass ich auf Bernds Angebot eingestiegen war. Er wollte am Donnerstag zum Shopping in die Innenstadt fahren und meinte, ein Abstecher in die Nordstadt wäre überhaupt kein Problem. Schließlich hatte ich mich breitschlagen lassen, bei ihm mitzufahren. Ein bisschen war wohl auch die Gegenwart der Mädchen schuld gewesen: So viel hatte ich vor ihnen mit Zweirädern, Mofa-Frisieren und Ähnlichem rumgeprahlt, dass ich ungut kneifen konnte, wenn ich mich selbst mal auf einen Feuerstuhl setzen sollte – und wenn es bloß der Sozius war. Mit Bernd also. Schönhagen traf auf Nordstadt. Am liebsten hätte ich diese beiden Welten auf ewig getrennt, aber nun ließ sich der Deal nicht mehr rückgängig machen.
Ach, Schluss mit dem Gejammer! Wenigstens blieb mir so die stundenlange Busfahrt erspart. Und ich würde endlich hier rauskommen, was wollte ich mehr? Würde erfahren, wie es den Leuten in der Nordstadt inzwischen ging. Ob es bei Tom neue Gesichter gab? Und was mochte wohl aus der Solterbeck-Gang geworden sein?
Ganz klar: Ich gehörte in die Nordstadt und sonst nirgendwo hin. Am besten kam ich gar nicht wieder nach Schönhagen zurück.


































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