20. Alte Mühle

Ich schreckte hoch – ringsherum war es stockfinster. Nur sehr langsam begriff ich, dass ich nicht abgestürzt, nicht in bodenlose Tiefen gefallen war, sondern schlicht in meinem Bett lag. Ich hatte irgendeinen blöden Traum gehabt.
Endlich fiel es mir wieder siedend heiß ein: Der erste Schultag in Eckhorst stand bevor! Bis zum Weckerklingeln dauerte es nicht mehr lang. Nervös drehte ich mich auf die andere Seite, um noch ein bisschen Schlaf zu kriegen, nachher nicht völlig erschlagen zu sein.
Von draußen hörte man gleichmäßiges Rauschen – anscheinend regnete es wieder. Schade, gestern war das Wetter noch so super gewesen, nach den ganzen kalten Tagen vorher… wie gewonnen, so zerronnen… langsam kehrte der Schlaf zurück, und mit ihm der Malstrom aus Phantasien, Gedanken, wirren Traumbildern, Erinnerungen… eine wurde abgesondert und nach oben gespült, eine uralte – eigentlich wollte ich gar nicht mehr daran denken. Aber sie war wohl nicht totzukriegen, kam immer wieder zurück…
Meine Treffen mit Hartmann zu Grundschulzeiten, unser Herumziehen in der Nordstadt, die Besuche bei Ramos und seinen Leuten – das war immer bloß eine Seite von mir gewesen, die, die jeder kannte. Daneben hatte es eine zweite, geheime gegeben, meine „Traumwelt“ – so hatte ich es genannt. Nachmittags war ich manchmal, statt mit Hartmann loszuziehen, einfach zu Hause geblieben, in der leeren, stillen Wohnung. Muttern arbeitete, Henri machte das Viertel unsicher. Ich wusste nicht genau, was mit mir los war… ich fühlte mich irgendwie schwach, hilflos, wollte mich verstecken, verkriechen, am liebsten unsichtbar werden.
Der Fernseher war in solchen Momenten mein einziger Freund, mein Fenster in eine andere Welt. Eine Welt, die schöner war als die wirkliche, bunter, geheimnisvoller, tiefer. Zeichentrickfiguren flitzten dort herum und stellten verrückte Sachen an. Marionetten, an schimmernden Fäden hängend, staksten durch Kulissen aus Papier. Ältliche Frauen lobten Waschpulver und Reinigungsmittel in höchsten Tönen. Ein Sprecher mit dicker Brille, Schnauzbart und bierernster Miene verlas Nachrichten vom Blatt, hinter sich Landkarten und Fotos von Politikern. Am liebsten mochte ich Spielfilme: monumentale Kulissen, bombastische Musik, Dramatik…
Dann entdeckte ich das Lesen, erst Comics, später auch Heftromane. Anfangs versorgte Hartmann mich zuverlässig mit Material, das er in den Supermärkten wahllos zusammenklaute. Als wir uns aus den Augen verloren, lieh ich mir die Hefte von den Kumpels in der Schule oder stibitzte sie aus dem elterlichen Schlafzimmer – Muttern war ebenfalls leidenschaftliche Leserin von Heften, meist Krimis und Schauergeschichten.
Im Gegensatz zu anderen, den Leuten in der Schule beispielsweise, hakte ich das Gelesene und Gesehene hinterher nicht einfach ab. Die Filme und Geschichten entwickelten in mir eine Art Eigenleben, ich begann sie im Geiste nachzuspielen und auszufeilen. Der Held und ich verschmolzen, wurden eins. Plötzlich war ich es, der den mysteriösen Fall aufzuklären hatte, dem Bösewicht das Handwerk legen musste. Nur auf mich kam es an, wenn ich versagte, war die Menschheit verloren. Natürlich passierte das nie, ich lieferte stets.
Als ich anfing, mich für Mädchen zu interessieren, wechselte der Charakter meiner Tagträume: Neben Gangsterbossen und Weltverschwörern gab es jetzt immer einen Konkurrenten, einen Rivalen. Wem würde die Angebetete ihr Herz schenken? Ihm, dem Blender und Aufschneider, der in Wahrheit ein feiger Egoist war? Oder mir, dem unauffälligen, bescheidenen Jungen, der mindestens einmal pro Woche die Welt rettete? Selbstredend, dass sie sich am Ende für den Richtigen entschied.
Meine Heldinnen hatten immer eine Entsprechung im wirklichen Leben – der Pausenhof des KBZ war hier eine unerschöpfliche Quelle. Ich pickte mir aus der Masse der Mädchen eine geeignete heraus und verpasste ihr eine zweite Biografie. Natürlich bekam die Auserwählte nie etwas davon mit. Sie hatte nicht die geringste Ahnung von den tollen und gefährlichen Abenteuern, die sie an meiner Seite bestehen musste. Meistens wusste sie nicht einmal, dass es mich gab.
Echte, lebendige Mädchen waren für mich Wesen von einem anderen Stern. Ich verstand sie nicht, sie sprachen eine Sprache, die mir vollkommen fremd war. Aber das war mir gleichgültig. Hauptsache ich konnte sie anschauen und bewundern. Und wenn ich eine besonders schön fand, formte ich mir aus ihr einfach eine Figur, die so war, wie ich es mir wünschte. Die keine Fragen stellte und vor allem: die nichts von mir verlangte, das ich sowieso nicht erfüllen konnte.
Irgendwann war dann Schluss mit meiner Traumwelt, spätestens als ich Hartmann wiedertraf und wir gemeinsam durch die Nordstadt zogen, wie zu Grundschulzeiten. Und im Bunker hätte man den Mädchen sowieso nicht mit Sachen wie Gefühlen, Romantik, Liebe kommen dürfen – die hätten einen fertiggemacht, lebendig gegrillt. Das Wichtigste bei denen war, sich nicht auf der Nase rumtanzen zu lassen, die Oberhand zu behalten. Wenn man das akzeptiert hatte, konnte man seinen Spaß haben. Der Kitzel, den das Knutschen und Fummeln auslöste, war überhaupt nur so zu genießen.
Aber stimmte das wirklich? Gab es nicht doch noch etwas anderes? Irgendetwas zwischen dem Schönen und Romantischen, das ich mir in meiner Traumwelt so oft ausgemalt hatte, und den spielerischen Kämpfen im Bunker? Irgendwie ahnte ich, dass es so sein musste.
Oder wünschte ich mir das bloß?
***
Die Alte Mühle war zweigeteilt. Im Erdgeschoss des historischen Gebäudes war das Schönhagener Heimatmuseum untergebracht. Das hölzerne Mühlrad, das ich nun schon so oft gesehen hatte, gehörte zur Freiluftausstellung. Unterm Dach, im ehemaligen Kornspeicher, befand sich der Jugendtreff. Sessel und Sofas standen herum, es gab einen Kicker, eine Dartecke und ein DJ-Pult. Über uns wölbte sich ein imposanter Dachstuhl, der von wuchtigen, frei im Raum stehenden Holzpfeilern getragen wurde. Es waren bereits eine Menge Leute hier, trotz der frühen Nachmittagsstunde. Viele Gesichter kannte ich bereits, von Spaziergängen mit der Clique in den Ferien, unseren Treffen an der Eisdiele. Schon komisch, wie schnell das gegangen war.
Hinter dem Tresen sah man den Langen Udo Gläser abwaschen. „Alt-Revoluzzer“ hatten wir Typen wie ihn am KBZ immer genannt. Langes, mit grauen Strähnen durchsetztes Haar, verwarzte Jeans-Klamotten, in der Brusttasche immer ein zerknülltes Päckchen Gauloises oder Gitanes ohne Filter. Neulich auf Mutterns Einweihungsparty bei uns zu Hause hatte ich lange mit ihm gequatscht. Seine Sprücheklopferei nervte auf Dauer zwar etwas, aber es imponierte mir, wie er auf die Menschen zuging. Ob arm oder reich, klug oder dumm – er interessierte sich für sie, ließ sie von ihren Problemen erzählen, hörte zu. Dass er hier in der Alten Mühle als ehrenamtlicher Helfer arbeitete, passte ins Bild. Dabei kam er aus einer völlig anderen Welt: Er war Ingenieur, irgendwas mit Elektronik.
Mein erster Schultag lag hinter mir. Im strömenden Regen war ich heute morgen mit Muttern nach Eckhorst gefahren. Sie hatte mich am Wilhelm-Gymnasium abgesetzt und war Richtung Nordstadt weitergebraust, zur Arbeit. Das Klassenzimmer fand ich problemlos wieder, trotz meiner Aufregung. Beim Eintreten nahm niemand richtig Notiz von mir. Bloß ein paar Mädchen kicherten leise und drehten sich schnell wieder weg. Die Jungen tauschten gerade eifrig Fußball-Sammelbilder oder irgendwas in der Art und hatten für nichts anderes Augen. Ziemlich ratlos stand ich an der Tür, überlegte einen kurzen Moment ernsthaft, einfach wieder abzuhauen. Dann riss ich mich zusammen und steuerte den nächstbesten leeren Platz an. „Ist hier noch frei?“, fragte ich den Typen nebenan, einen Hänfling, der nicht älter als zehn aussah. Er nickte eilig, zog sogar den Stuhl unterm Tisch hervor.
„Ronald“, stellte er sich vor, kaum dass ich mich gesetzt hatte. Dann legte er los, erzählte mir alles haarklein: Welche Lehrer wir hatten, wie lang die Pausen waren, wie es mit dem Sportunterricht lief und so weiter. Er war kaum zu bremsen in seinem Redefluss, schien superglücklich, endlich mal jemandem was erklären zu dürfen. Normalerweise hätte ich einen wie den mit dem Arsch nicht angeguckt, aber jetzt blieb mir keine andere Wahl. Außerdem war ich froh, den ersten Schritt getan zu haben. Erst als ich wissen wollte, wo die Raucherecke war, verschlug es diesem Ronald die Sprache. Er starrte mich bloß mit entsetzter Miene an, bekam keinen Ton mehr raus. Ich wechselte lieber schnell das Thema.
Etwas Komisches passierte mir dann noch in der Erdkunde-Stunde: Frau Geuke, die Lehrerin, wollte uns auf der Wandkarte zeigen, wo Kiruna liegt. Leider war der Zeigestock unauffindbar.
„Na, ein Lineal tut’s auch“, meinte sie. „Wer hat eins dabei?“
Niemand meldete sich.
Mein Blick wanderte unauffällig runter zur zur fabrikneuen Schultasche, die eine perfekte Ausstattung enthielt: Geodreieck, Zirkel, Normalparabel – nichts fehlte. Selbstverständlich auch nicht das handelsübliche Lineal von 30 cm Länge. Aber ich wollte nicht gleich am ersten Tag rumschleimen, deshalb hielt ich lieber den Mund.
Gleichzeitig tat mir diese Frau Geuke leid. Sie war eine ältere, etwas peinliche Tante mit einem verschnörkelten Monstrum von Brille, aber man musste zugeben, dass sie sich da vorn ziemliche Mühe gab. Schließlich hatte ich ein Einsehen und zog das Lineal aus der Tasche. Seit dem Kauf hatte ich es nicht mehr angerührt, deshalb sah ich erst jetzt, dass noch das Preisschild dran klebte – in Signalfarbe, irgendein Sonderangebot. Gelächter machte sich breit, aber Frau Geuke war begeistert: Wie gut der Neue sich einführte! Und dann diese Ausstattung – sogar noch mit Preisen! Das Bekloppteste aber war, dass ich mich über ihr Lob freute. Wie ein kleiner Junge, der am Kopf getätschelt wird.
Endlich hatte ich es geschafft und durfte zurückfahren. Der Bus war zuerst proppenvoll, aber nach und nach stiegen alle aus. Schließlich blieben außer mir nur noch ein paar Rentner übrig – ich war wohl tatsächlich der einzige Schönhagener, der nach Eckhorst zur Schule fuhr. Noch immer kübelte es wie aus Eimern.
Im Dorf traf ich Bernd, Jürgen und Micha. Sie waren auf dem Weg zur Alten Mühle und wollten, dass ich mitkam. Ich überlegte: Hausaufgaben hatten uns die Pauker noch nicht aufgebrummt – am ersten Tag wär das auch noch schöner gewesen. Essen wiederum würde es erst abends geben, wenn Muttern von der Arbeit kam. Massig Zeit also. Falls es in diesem Jugendtreff tatsächlich Randale gab, womit zu rechnen war, konnte man sich ja schnell verdünnisieren.
Also flog zu Hause die nagelneue Tasche kurzerhand in die Ecke. Ich schob ich mir eine Stulle zwischen die Rippen und latschte gleich wieder los. Und jetzt saß ich hier, unter dem riesigen Dach des alten Kornspeichers, auf einem gammeligen Cord-Sofa, das genauso gut im Bunker oder in unserer ehemaligen Sitzecke hinter der Bahnschiene hätte stehen können.
Lautes Gepolter vom Kicker – dort ging es hoch her. Irgendwelche Könner waren am Werk, eine Traube von Zuschauern hatte sich gebildet. Immer wieder brach Applaus los, es gab Buhrufe, Diskussionen. Einmal musste ein Streit zwischen den Spielern geschlichtet werden.
Währenddessen waren Bernd und ein paar andere eifrig am Darten. Ich überlegte gerade, ob ich zu ihnen gehen und eine Runde mitspielen sollte, da kamen ein paar äußerst zwielichtige Typen herein. Alle trugen Lederjacken und darüber Jeanskutten mit Nieten und Fransen. Als sie an meinem Sofa vorbeigingen, sah ich hinten die Embleme. Also doch, ich hatte es ja geahnt: Wo ein Treffpunkt war, konnten solche Schläger nicht weit sein.
Ich blieb jetzt lieber hier auf dem Sofa. Die Dart-Ecke war viel zu weit weg vom Ausgang; wenn es losging mit dem Halligalli, hatte man da hinten schlechte Karten. Rasch prüfte ich, ob irgendwas den Fluchtweg verstellte: Nein, zum Glück alles frei.
Die Schläger machten sich jetzt am Tresen breit. Ich sah den Langen Udo auf sie einreden – hoffentlich verklickerte er ihnen jetzt nicht, dass es hier keinen Alk gab, nur Softdrinks und Wasser. Besser, er trieb irgendwo Bier und Korn auf, und zwar so schnell wie möglich. Kein Alk – für Gestalten wie die war das der ideale Grund, um Streit anzufangen.
Komischerweise schien außer mir kein Mensch die drohende Gefahr zu bemerken. Der Saal wurde voller und voller, aber niemand roch Lunte. Typisch Landeier, dachte ich. Mittlerweile hatte Udo Verstärkung am Tresen bekommen, von Doris. Auch sie arbeitete hier ehrenamtlich. Als ich sah, wie sie den Kuttenträgern zulächelte, bekam ich fast Mitleid: Wollte sie die Typen auf diese Weise milde stimmen? Das brachte doch eh nichts!
„Ich übernehm dann mal“, hörte ich sie sagen.
„Alles klar.“ Udo legte das Handtuch weg und kam hinterm Tresen hervor. Im ersten Moment dachte ich, das wäre Taktik: Doris blieb hier vorn, um die Randalierer in Sicherheit zu wiegen, während er hinten vom Büro aus die Bullen rief. Pustekuchen: Er schlug die Gegenrichtung ein, kam völlig entspannt uns gelatscht. Er kapierte anscheinend noch immer nicht, was abging, das gutmütige Schaf. Haute einfach vom Tresen ab, überließ Doris dort ihrem Schicksal!
„Na Hauke, auch mal hier?“, grüßte er mich, bestens gelaunt. Er fragte nach Muttern, wollte wissen, wie der erste Schultag gelaufen war. Dann fing er an, mir groß und breit zu erklären, was in der Alten Mühle alles so abging. Dass es außer der „Kneipe“, wie sie den großen Saal hier nannten, noch diverse andere Räume für Aktivitäten gab, jeder mal Tresendienst schieben müsse und so weiter. Richtig zuhören konnte ich nicht. Immer wieder musste ich nach vorn linsen, wo Doris mit den Schlägertypen allein dastand. Ich war anscheinend der Einzige, der hier den Durchblick hatte.
Jetzt erzählte Udo irgendwas von einer Tombola. Ob ich schon davon gehört hätte? Nervös schüttelte ich den Kopf, immer darauf bedacht, den Überblick zu behalten, bereit zu sein, wenn der Tumult losbrach.
„Jedes Jahr versuchen wir von den Unternehmen hier in der Region Sachen zu organisieren“, erklärte Udo. „Und Anfang Juli, beim Sommerfest am Ferienzentrum, steigt sie dann: unsere große Ramba-Zamba-Tombola! Die Kohle, die wir damit verdienen, stecken wir in die Alte Mühle. Neue Möbel, Platten und so weiter. Na, und soeben haben wir beschlossen, dass du mitmachst bei der Aktion ‘Drohne sammelt Nektar’. Kein angenehmer Job, zugegeben, aber die Alte Mühle kann’s brauchen. Wie sieht’s aus? Bist du dabei?“
Viele Umstände machte der ja nicht gerade! Das fehlte mir noch, dass ich mithelfen sollte, Geschenke zusammenzubetteln. Aber der Laden hier würde sowieso gleich Kleinholz sein. Schade eigentlich, dass Udo die traurige Wahrheit nicht raffen wollte.
„Lass es dir durch den Kopf gehen“, meinte er und latschte wieder nach vorn zu Doris.
Werd’ ich bestimmt nicht machen, dachte ich.
Noch mehr Kutten-Typen kamen herein. Am Tresen war jetzt alles voller Embleme. Also deshalb hatten sie nicht längst losgelegt: Sie waren noch nicht vollzählig gewesen. Viele der Schläger trugen Motorrad-Kluft, hielten Helme unterm Arm. Klar, sobald sie hier alles zerlegt hatten, würden sie sich auf ihre Feuerstühle schwingen und abdampfen. Die Bullen konnten dann bloß noch die Verletzten zählen. Das übliche Spiel. Wieder schielte ich zum Ausgang rüber, zog vorsichtshalber schon mal die Jacke an.
Bernd kam vom Darten zurück und ging Richtung Tresen, wollte sich allen Ernstes was zu trinken kaufen. So ein Trottel – kapierte er denn nicht, was sich da abzeichnete? Jeden Augenblick brach hier die Hölle los!
Ich hielt es endgültig nicht mehr aus, sprang hoch, checkte den Weg. Gleichzeitig sah ich aus den Augenwinkeln, wie Bernd eine ausholende Bewegung machte, als wolle er einem der Kerle eine verplätten… aber statt in der Fresse landete die Hand auf der Schulter seines Gegenübers. Bernd knuffte ihn nur leicht, und der Typ patschte zu meinem allergrößten Erstaunen zurück! Am Ende fielen die beiden sich unter lautstarkem „Hallo“ in die Arme. Der Rest der Truppe stand tatenlos da. Niemand schlug zu.
Sehr, sehr langsam kapierte ich, dass Bernd und der Kerl sich einfach bloß begrüßt hatten. Die vermeintlichen Radau-Brüder waren Biker, nichts anderes! Sie wollten hier wahrscheinlich bloß das Ende des Regens abwarten. Plötzlich erschien mir ihr Verhalten in einem völlig anderen Licht: Statt gegenseitigem Hochschaukeln und Triezen sah ich jetzt übermütiges Herumalbern, was gerade noch wie der Beginn eines Streits gewirkt hatte, war auf einmal kumpelhaftes Geplänkel. Da drüben gab es nichts als Ausgelassenheit und gute Laune. Und niemand trank Alkohol. Ein Typ hielt eine Colaflasche in der Hand, ein anderer nuckelte an seiner Capri-Sonne.
Auf einmal fühlte ich mich völlig kraftlos. Was für ein Idiot war ich eigentlich? Welche Gespenster hatte ich da schon wieder gesehen? So langsam drehte ich wohl komplett durch. Zum Glück war die Beleuchtung so schummrig, dass niemand mein belämmertes Gesicht sehen konnte.
Trotzdem – ein letztes Misstrauen blieb. Ich konnte mir definitiv nicht vorstellen, dass in einem öffentlichen Treff und bei so vielen Leuten alles friedlich ablief. Irgendwas musste da noch kommen, das ging gar nicht anders, das war einfach der normale Lauf der Dinge…





































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