22. Gut Neudorf

Wochenlang hatte Klaus angekündigt, den Efeu zu schneiden, der das Haus langsam aber sicher unter sich begrub. Heute ging es los, und ich musste mithelfen. Bisher hatte ich mich vor solchen Arbeiten immer erfolgreich gedrückt, aber damit war es leider vorbei.
Ich stand also mit Arbeitsklamotten im Garten und glotzte nach oben. Henri kletterte irgendwo auf dem Dach herum, der Dschungel hatte ihn völlig verschluckt. Ab und zu hörte man seine Gartenschere klacken, und das nächste Büschel Efeu rauschte herab. Dann trat ich in Aktion – ich musste die abgeschnittenen Zweige einsammeln und in möglichst kleine Stücke zerlegen. Klaus sammelte alles ein und stopfte es in den Häcksler. Das Konfetti, das unten rauskam, füllte er in große Müllsäcke. Die wollte er am nächsten Tag auf dem Komposthaufen der Nordstadt-Klinik entsorgen.
„Unsere Hausgärtner kriegen ne Flasche Doppelkorn“, meinte er, „dann nehmen sie mir das Zeug schon ab.“
Na hoffentlich. Ich fragte mich, wie wir den Urwald sonst loswerden wollten. Mittlerweile hatten wir schon drei Säcke davon, und wir waren noch nicht annähernd fertig.
Mittags gab es Eintopf, den Muttern aus der Klinikkantine mitgebracht hatte. Schweigend saßen wir am Gartentisch, über die Teller gebeugt, und löffelten die kräftige Suppe in uns hinein. Klaus und ich tranken Dosenbier dazu.
Und weiter ging es. Henri ließ wahre Efeu-Fluten vom Dach herabregnen. Ich zerkleinerte, was das Zeug hielt, und kam trotzdem kaum hinterher. Der Häcksler knatterte wie ein Maschinengewehr und drohte heiß zu laufen. Aber langsam trugen unsere Bemühungen Früchte: Das Haus sah nicht mehr so aufgeplustert aus, es wirkte zurechtgestutzt, ordentlicher. Als wäre der Friseur am Werke gewesen.
Insgeheim musste ich mir eingestehen, dass das Arbeiten gar nicht so schlecht war. Ich mochte es, hier draußen zu sein und gemeinsam mit den anderen etwas wegzuschaffen. Es brachte Spaß.
Schließlich rief Klaus: „Komm runter, Henri, das genügt erst mal!“
Henri tauchte hinter dem Dachfirst auf. Flink kletterte er durch den Efeu zur Leiter, sich nur mit einer Hand festhaltend, in der anderen trug er die große Gartenschere. Beim Hinabsteigen begann die Leiter tüchtig zu schwingen, aber er blieb völlig cool. Unten angekommen verriegelte er, ganz der Profi, die Schere an den Griffen und legte sie zu den anderen Gartengeräten. Dann ging er auf dem Weg ums Haus herum nach vorn. Über die Terrassentür und durchs Wohnzimmer wäre es eigentlich kürzer gewesen, aber diese Strecke war tabu für uns Gartenarbeiter – zu viel Dreck, fand Muttern.
„Mach auch Feierabend, Hauke. Den Rest schaffen wir morgen weg.“ Klaus stellte den Häcksler ab und verschwand ebenfalls nach vorn.
Nach dem stundenlangen Geknatter war die Ruhe wie befreiend. Ich stand einen Moment einfach bloß da und lauschte. Auf den Wind, die Stimmen aus den geöffneten Fenstern der Nachbarhäuser, das Geschirrklappern von den Abendbrottischen. Nun mischten sich Klaviertöne unter die Geräusche. Zuerst war es bloß Geklimper, dann aber wurde das Spiel sicherer und flüssiger. Schließlich entstand eine Melodie, und man konnte erkennen, dass dort ein geübter Musiker am Werke war.
Es war ein wolkenverhangener, kühler Maiabend, in der Luft lag ein intensiver Geruch nach Pflanzen, Gras, feuchter Erde. Ich war kein Stück müde, trotz der ungewohnten körperlichen Arbeit. Und noch immer türmte sich vor mir ein großer Berg Efeu. Also machte ich einfach weiter, zerbrach und zerschnitt, was das Zeug hielt.
Der schöne Abend, der Geruch nach Natur, das Klavierspiel – noch ewig hätte ich hier draußen bleiben können. Leider verklangen irgendwann die letzten Töne, außerdem wurde es allmählich dunkel und verdammt kalt. Auch die Knochen taten mir inzwischen weh. Schweren Herzens legte ich die Schere weg, nicht ohne sie vorher an den Griffen zu verriegeln, wie bei Henri gesehen, dann schlurfte ich ebenfalls nach vorn – sicher anderthalb Stunden später als der Rest unserer Truppe.
Beim Reingehen stieg mir der Duft nach brennendem Holz in die Nase. Seit wir in Schönhagen wohnten, passierte das immer wieder. Ich hatte erst gedacht, die Leute würden in ihren Gärten Sachen verfeuern, Schnittholz, Grünabfälle und so weiter. Inzwischen wusste ich es besser: Manche Häuser hier hatten Kamine, zum Beispiel der skurrile Kasten von Michas Eltern.
Kamine – in der Nordstadt war das etwas gewesen, das in amerikanischen Filmen existierte, aber ganz bestimmt nicht im wirklichen Leben.
***
Stand ich ernsthaft auf diesem Acker und rupfte Unkraut aus dem Boden? Oder träumte ich das alles bloß?
Nein, es geschah wirklich. Ich war hier draußen, und der Südwest pustete mir unablässig ins Gesicht. Auf dem benachbarten Feld leuchtete der Raps so knallgelb, dass man dachte, die Sonne würde scheinen. Aber das täuschte – der Himmel war grau und dunkel, ab und zu kamen sogar ein paar Tropfen herab.
Meine Füße steckten in nagelneuen Gummistiefeln, was bei dem Dreck hier draußen leider unvermeidlich war. Ich hatte mir die Treter heimlich im Dorf gekauft, bei Flenker, dem örtlichen „Fachgeschäft für die Landwirtschaft“. Ansonsten trug ich dieselben Plünnen wie eine Woche zuvor, bei der Efeu-Aktion.
Mittlerweile hatte ich derbe Rückenschmerzen – kein Wunder bei der gebückten Arbeitshaltung. Meine Hände waren übersät mit Kratzern und dicken Pusteln, weil man immer wieder in Brennnesseln, Disteln und anderes fieses Gewächs griff. Und die Dreckkruste auf den Fingern schien mit jedem Tag tiefer einzusickern, ich bekam sie abends kaum noch weg. Ganz zu schweigen von den schwarzen Rändern unter den Nägeln.
Das regengraue Wetter war aber ein echter Glücksfall, wie ich inzwischen wusste: Neulich hatte sich die Sonne gezeigt, ganz kurz bloß, aber das Land hatte sofort regelrecht gekocht. Strohhüte waren verteilt worden, alle hatten sich so ein Ding aufgesetzt – und plötzlich ausgesehen wie Feldsklaven. Ich war als Einziger standhaft geblieben. Gummistiefel und jetzt auch noch so ein alberner Strohhut – auf gar keinen Fall! Für den Rest des Tages hatte mein Schädel dann gedröhnt wie ein Presslufthammer.
Innerlich war ich nur am Fluchen. Weshalb saß ich jetzt nicht gemütlich in Michas Keller? Weshalb war ich hier draußen und tat mir diese Plackerei an?
Ja, weshalb?
Bei Micha war es zuletzt mit meiner Stimmung immer weiter bergab gegangen. Das Rumhängen in dem finsteren, verqualmten Keller hatte mich fertiggemacht. Das, was ich suchte, war dort einfach nicht zu finden. Dann kam die Efeu-Aktion mit Klaus und Henri. Das Arbeiten fiel mir unerwartet leicht, so leicht, dass ich anschließend das Gefühl hatte, auch den Job auf dem Gut schaffen zu können. Eines Abends ging ich rüber zu Jürgen und bequatschte das Ganze mit ihm. Es sei alles halb so schlimm, versicherte er mir hoch und heilig. Wieso ich es nicht einfach mal ausprobiere?
Die erste Fahrt hierher würde ich nie vergessen. Die Riesenmuffe, die ich gehabt hatte! Was, wenn ich es nicht brachte? Wenn ich zu wenig wegschaffte oder zu blöd war für den Job oder ihn schlicht nicht durchhielt? Jagten sie mich dann mit Schimpf und Schande weg? Sollte man ernsthaft eine solche Blamage riskieren, nur um dabeizusein? Und doch hatte ich mich insgeheim wie ein Kind gefreut, die Leute aus der Clique wiederzusehen. Auf einmal schien die abgerissene Verbindung wiederhergestellt, etwas ins Gleichgewicht gekommen…
Und jetzt stand ich also hier.
Verflucht, wuchs auf diesem Feld eigentlich auch noch was anderes außer Unkraut? Ich pflückte und pflückte, und hinterher blieb kaum noch was übrig. Jede Reihe, mit der ich fertig war, wirkte völlig ausgedünnt, fast kahl. Dabei hielt ich mich bloß an das, was die Leute vom Gut gesagt hatten: Unkraut weg, Nutzpflanze in Ruhe lassen. Riss ich zu viel raus? Aber in den benachbarten Reihen sah es genauso aus wie bei mir.
Dabei war der Unkraut-Job noch nicht mal das Schlimmste. Spätnachmittags wurden wir immer zum Spargelstechen eingeteilt. Der Spargel wuchs momentan so schnell, dass zweimal täglich geerntet werden musste. Morgens erledigten die Gutsbewohner das selbst, nachmittags waren wir dran. Das Erdreich des Spargelfeldes war zu parallelen Wällen aufgehäuft, zwischen denen man entlanglief. Wo sich Risse zeigten, kam der Spargel gerade ans Tageslicht. Man musste die Stange freilegen und dann mit einem Spezialmesser abschneiden. Klang einfach, war aber in der Praxis verdammt knifflig. Die Stangen brachen beim Ausbuddeln oft ab. Und wenn nicht, kam man beim Abschneiden schnell an die Nachbartriebe und machte sie kaputt.
Ich stellte mich wohl etwas zu dämlich an. Jedenfalls wurde ich nach ein paar Tagen von der Arbeit abgezogen und einem anderen Trupp zugeteilt. Dort befreiten wir zunächst eine Weide von Unkraut, damit die Schafe wieder darauf grasen konnten, ohne sich den Magen zu verderben. Und gerade waren wir dabei, ein altes, halb verfallenes Stallgebäude auszumisten. Es sollte im Herbst wieder aufgebaut und als Gästehaus hergerichtet werden.
Obwohl ich diese Arbeiten ganz ordentlich erledigte, nagte es gehörig an mir, auf dem Spargelfeld versagt zu haben. Überhaupt kam ich mir insgesamt wie eine ziemliche Null vor. Was brachte ich für diesen Job eigentlich mit? Klamotten, cooles Gehabe, Saufen, Kiffen, Prügeln – solche Sachen mochten in der Nordstadt wichtig sein, hier draußen bedeuteten sie rein gar nichts.
Ganz anders Maren – plötzlich zeigte sie Eigenschaften, die man nie an ihr vermutet hätte: ein Arbeitstempo, das selbst manchen Gutsbewohner ins Schwitzen brachte, eine beachtliche Ausdauer und ein Geschick, das faszinierend anzuschauen war. Sie schien hier draußen geradezu in ihrem Element zu sein.
Während der Zeit bei Micha im Keller hatte ich überhaupt nicht mehr an sie gedacht. Der Abend an der Eisdiele, dieses ungewohnte, prickelnde Gefühl – auf einmal war es mir nur noch wie ein Ausrutscher vorgekommen, eine Spinnerei, ein Spleen, nichts weiter. Ich hatte versucht, das zu vergessen, es war mir regelrecht peinlich gewesen. Dann hatte ich Jürgen zugesagt, auf Gut Neudorf mitzumachen, und prompt war die alte Spannung zurückgekehrt. Als hätte sie die ganze Zeit irgendwo in einem Winkel gehockt und nur den geeigneten Augenblick abgepasst, um sich wieder zu zeigen.
Und jetzt war Maren tatsächlich neben mir im Gemüse und rupfte Unkraut, wie ich. Gleichzeitig schien sie weit weg zu sein. Sie achtete auf nichts und niemanden in ihrer Nähe, war völlig in ihre Arbeit vertieft. Die Pausen verbrachte sie immer unter den Gutsleuten. Sie passte perfekt hierher – man hätte glatt denken können, sie wohne ebenfalls auf Gut Neudorf und nicht in einem Schönhagener Reihenhaus.
Wieder einmal stellte sich die Wirklichkeit als völlig enttäuschend heraus. Ich war Maren so nahe, und dennoch lagen Lichtjahre zwischen uns. Wie bei meinen heimlichen Heldinnen früherer Zeiten, die lebendige Menschen und zugleich Fantasiegestalten gewesen waren.
***
Trotzdem – ich musste sie immer wieder anstarren, es war wie ein Sog. Die tropfenförmig geschnittenen Augen, deren Grün ich zwar nicht erkennen konnte, aber trotzdem lebhaft vor mir sah. Die nach unten abknickenden Mundwinkel und die schmollende Unterlippe. Schließlich ihre Hände, die geschickt zwischen den Pflanzen herumhantierten, der konzentrierte Blick auf die Arbeit – all das faszinierte mich dermaßen, dass ich regelrecht wegtrat, in eine Art Dämmerzustand glitt.
Ich versuchte zu verstehen, was genau es war, das ihr Anblick in mir auslöste. Es fühlte sich an wie eine tiefe Rührung über die Verletzlichkeit, die sie ausstrahlte. Ich wollte sie beschützen, alles Unheil von ihr fernhalten. Und war völlig verzweifelt darüber, dass das unmöglich war. Aber genau dieser Widerspruch, diese Spannung war das Faszinierendste.
Gleichzeitig hatte ich Angst. Wohin sollte das alles führen? Was war mit den Leuten in der Nordstadt? Konnte ich mich jemals wieder bei ihnen blicken lassen, wenn… ja, wenn was?























































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