26. Aus der Nordstadt hierher verpflanzt

Wir standen an der Haltestelle Richtung Strand. Zu einem Fußmarsch hatte ich Hartmann nicht überreden können, stattdessen nahmen wir nun den Bus. Der Plan war, sich am Deich hinzusetzen und ein bisschen zu gucken. Hartmann hatte den Ghettoblaster von Henri dabei, um „Krach zu machen“, wie er meinte.

Beim Einsteigen wollte ich einen Ergänzungsfahrschein lösen, da meine Monatskarte nur bis Schönhagen reichte. Aber Hartmann zog mich am Fahrer vorbei, ehe ich etwas sagen konnte. Bezahlen sei für Weicheier, raunte er, als wir die Rückbank in Beschlag nahmen. Der Bus war fast leer. Ich hielt die ganze Zeit panisch Ausschau nach Kontrolleuren, während Hartmann mit einem schwarzen Edding auf den Sitzen herumkritzelte. Zum Glück dauerte die Fahrt bloß eine Viertelstunde. An der Haltestelle suchte ich einen passenden Bus für die Rücktour heraus und merkte mir die Abfahrtzeit. Ich wollte nachher auf keinen Fall zu spät zu meiner Verabredung kommen.

Die Strandpromenade war voller Menschen. Die Läden und Cafés hatten geöffnet, vor den Imbissen und Eisdielen bildeten sich Schlangen. Hartmann murmelte etwas von „Stoff holen“ und steuerte einen kleinen Supermarkt an. Wir deckten uns mit Dosenbier und Knabberkrams ein, dann enterten wir eine Sitzbank auf dem Deich.

Unten am Wasser waren die Strandkörbe mittlerweile aufgebaut und meistens schon belegt. Auch dazwischen hatten überall Leute ihre Badetücher drapiert und sonnten sich. Kinder liefen herum, buddelten, spielten Ball. Nur baden tat noch niemand – die Wachtürme der DLRG, die in regelmäßigen Abständen aus dem Sand aufragten, waren alle unbesetzt.

Hartmann riss zwei Biere auf, drückte mir eins in die Hand. Nach jedem Schluck rülpste er laut. Der Ghettoblaster war voll aufgedreht, Punk dröhnte aus den Boxen. Die Spaziergänger machten einen weiten Bogen um uns, Eltern nahmen ihre Kinder an die Hand. Früher hatte ich gern so mit den anderen Kumpels zusammengesessen. Wir hatten uns stark gefühlt, unangreifbar, frei. Wer uns blöd gekommen war, den hatten wir zusammengepfiffen. Auch jetzt gab ich mir alle Mühe, die Situation cool und lustig zu finden. Aber es klappte nicht. Die Art, wie wir uns hier breitmachten, dazu die laute, aggressive Musik, die so gar nicht zur friedlichen Strandatmosphäre passte, passte, auch Hartmanns Gerülpse – es war mir einfach bloß peinlich. Am liebsten hätte ich mich unsichtbar gemacht.



„Dein Bier wird warm“, meinte Hartmann. Ich hatte die Dose neben mich gestellt und bisher kaum davon getrunken. Auch jetzt nahm ich nur einen kleinen Schluck – ich wollte nicht mit einer Fahne nach Schönhagen zurückkommen.

Je weiter die Zeit voranschritt, desto nervöser wurde ich. Ich musste Hartmann endlich erzählen, was Sache war, sonst fiel er nachher aus allen Wolken. Als ich die Musik leiser drehte, guckte er mich einen Moment lang verwundert an. Aber er sagte nichts, machte sich bloß ein neues Bier auf.

„Hab’ jetzt übrigens eine Freundin“, meinte ich in beiläufigem, fast gelangweiltem Tonfall. Als ob nichts Besonders passiert wäre, bloß das Übliche. Er reagierte zuerst nicht. Nach einer Weile drehte er sich zu mir: „Hier? Bei den Landeiern?“ Er konnte mir wohl nicht ganz folgen.

Ich wurde knallrot, fühlte mich auf einmal, als hätte ich ein Geständnis abgelegt.

Er schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen, als müsse er erst mal richtig wach werden. „Die, die immer auf den Öko-Bauernhof rennen und sich Tiere angucken wollen?“

Ich nickte. Ein Kloß saß mir im Hals.

Dann polterte er los: „Sag mal, geht’s noch? Ich dachte, das sind alles totale Penner? Und jetzt hast du hier plötzlich ’ne Freundin?“

„Tja, so kann’s kommen.“, erwiderte ich leise, als würde ich mich selbst wundern. Und fast bedauernd fügte ich hinzu: „Wirst sie übrigens gleich sehen.“

„Oha!“ Er trank einen kräftigen Schluck Bier und rülpste lauter denn je. Nach einer Weile fragte er: „Wie heißt sie denn?“

„Maren.“ Wie fremd dieser Name auf einmal klang. Als hätte er gar nichts mit mir zu tun.

Während der Rückfahrt saß Hartmann mit versteinerter Miene neben mir. Bestimmt war er ziemlich sauer. Kein Wunder – weshalb hatte ich ihn nie auf dem Laufenden gehalten? Ich hätte öfters in der Nordstadt anrufen müssen. Und eben am Strand wäre es besser gewesen, langsam an die Sache ranzugehen, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich hatte es komplett vermasselt, ich Depp. Völlig logisch, dass er sich jetzt verarscht fühlte.

Es war gerade mal viertel vor fünf, als der Bus Schönhagen erreichte. Wir stiegen eine Station früher aus, gingen das letzte Stück zu Fuß. Ich war nicht traurig über die unverhoffte Gnadenfrist – mittlerweile ging mir doch ziemlich die Pumpe. Wie sollte ich mich bloß verhalten, wenn wir gleich Maren trafen? Ihr zur Begrüßung einfach einen Kuss aufdrücken? In der Nordstadt war das ein Muss, darunter ging gar nichts. Und hier? Konnte ich das wagen? So viel war klar: Wenn Maren mich nicht ließ, war ich vor Hartmann total blamiert!



Punkt fünf Uhr bogen wir vom Achterkamp in die Kleiststraße – am Telefonkasten war niemand. Enttäuschung brannte plötzlich wie giftige Säure in meiner Magengrube. Hatte sie mich versetzt? Gar vergessen? Gleichzeitig war ich erleichtert: Die Begegnung zwischen Hartmann und Maren fiel also aus, jedenfalls fürs Erste – ein Glück!

Dann hörten wir Stimmen aus der Eichendorffstraße – und schlagartig kam das Bauchweh zurück. Ich musste mich regelrecht zwingen, um die Straßenecke zu gehen: Da saß sie, auf dem Kantstein, zusammen mit Kristina, exakt wie am ersten Tag, damals im April. Aber ich konnte mich über den Anblick nicht freuen, sah auf einmal alles nur noch mit Hartmanns Augen: Zwei schüchterne Tussis vom Lande hockten dort wie Hühner auf der Stange und schauten treuherzig-naiv zu uns hoch – ging es noch schlimmer? Verdammt ungünstig außerdem, dass Maren mit Kristina gekommen war. Sie wollte Hartmann und mir wahrscheinlich nicht allein gegenüberstehen, aber der Abstand zwischen uns wurde nun noch größer.

Ich riss mich zusammen. „Hallo!“, sagte ich in die Runde, möglichst locker und gut gelaunt. Hartmann brummte etwas, das mit viel Wohlwollen als „Moin“ interpretiert werden konnte. Die Mädchen grüßten freundlich zurück, aber man merkte doch, dass sie überrascht waren von seiner Knurrigkeit. Und wohl auch etwas eingeschüchtert – finstere Typen wie ihn sah man hier draußen auf dem Lande im Prinzip nicht.

Eigentlich hätte ich jetzt alle miteinander bekannt machen müssen, wie in Schönhagen üblich. Aber ich wusste, das Hartmann das blöd gefunden hätte, also ließ ich es bleiben. Stattdessen versuchte ich, eine entspannte Unterhaltung in Gang zu bekommen, über Gott und die Welt und das Wetter. Irgendwie musste ich es schaffen, gute Stimmung zu verbreiten, die beiden unterschiedlichen Parteien miteinander zu versöhnen.

Aber ich kämpfte auf verlorenem Posten. Hartmann stand die ganze Zeit nur schweigend da – alle sollten sehen, dass er sich mit Dorftussen wie den beiden da unten nicht abgab. Die Mädchen blieben ihrerseits wortkarg; sie wirkten leicht unwillig, sogar etwas verletzt. Und so gingen mir allmählich die Themen aus; ich fühlte mich wie ein Komiker, der es nicht nicht schafft, sein Publikum mitzureißen. Ringsherum nur versteinerte Mienen und Schweigen – keine Chance.



Bald sprach niemand mehr. Eine fast unerträgliche Spannung lag in der Luft, alle schienen sehnsüchtig darauf zu warten, dass von irgendwoher Erlösung kam, etwas, das diese unschöne Situation beendete. Schließlich standen die Mädchen auf. „Wir müssen dann auch“, meinte Kristina zu mir gewandt, in einem äußerst frostigen Tonfall. Hartmann zog eine Braue in die Höhe, sagte aber nichts. Spielte Kristina sein Spiel mit? Wollte sie ihn ebenfalls mit Verachtung strafen? Es hätte zu ihr gepasst.

„Ich bring dich“, sagte ich schnell zu Maren. Im nächsten Moment fiel mir ein, dass ich Hartmann schlecht hier stehen lassen konnte. „Kommste mit?“, fragte ich pflichtschuldig, fast widerwillig. Eigentlich wäre ich lieber einen Augenblick mit Maren allein gewesen.

Schweigend gingen wir zu dritt in die Brentanostraße. Eben bei unserem Aufbruch schien wieder ein schwacher Kontakt zwischen Maren und mir entstanden zu sein. Aber er hatte leider nicht gehalten, wir standen längst wieder auf unterschiedlichen Seiten, sie auf ihrer, ich auf meiner. Und die ganze Zeit spürte ich Hartmanns Blick im Nacken. Klar, er wartete darauf, dass ich endlich was mit Maren anstellte. Ich hätte sie küssen oder wenigstens umarmen müssen, um zu demonstrieren, dass sie wirklich meine Freundin war. Zur Not hätte auch ein bisschen Händchenhalten genügt.

Als wir zum Haus der Sührings kamen, ging ich volles Risiko. Ich griff mir Maren und versuchte ihr einen Abschiedskuss auf den Mund zu drücken. Aber sie wehrte mich ab, sagte leise „Nicht!“. Ein entschuldigender Blick – und sie war weg.

Auf dem Rückweg sprachen Hartmann und ich kein Wort miteinander. Das Desaster war komplett. Ich hatte mich endgültig vor ihm lächerlich gemacht.

 

***

 

Tags darauf trafen wir uns mit Bernd, Jürgen und den Mädchen am Telefonkasten. Ich überlegte, ob ich die Vorstellungszeremonie nachholen sollte, die gestern ausgefallen war, traute mich aber wieder nicht. Und so wurden bloß ein paar verdruckste Begrüßungsfloskeln gemurmelt, dann latschten wir los.

Hartmann wirkte zwischen den ganzen Schönhagenern fremder denn je. Das lange, zottelige Haar, die vielen Narben und Tattoos auf den Armen, dazu sein finsterer, provozierender Blick – es war, als hätte man ihn aus der Nordstadt herausgeschnitten und hierher verpflanzt.



Wir gingen die Brentanostraße entlang und kamen bald in die kleine Mietshaus-Siedlung, der einzigen in Schönhagen. Die Handvoll Wohnblöcke hatten allesamt nicht mehr als zwei Etagen. In der Mitte gab es einen Spielplatz mit Rutsche, Klettergerüst und Sandkiste. Es erinnerte ein bisschen an die Nordstadt, obwohl die Häuser dort natürlich viel höher waren. Bernd und Jürgen begannen auf dem Gerüst herumzuturnen. Vielleicht wollten sie demonstrieren, was sie bei der Freiwilligen Feuerwehr so lernten, vielleicht versuchten sie auch bloß die lähmende Spannung abzuschütteln, die wieder über allem lag, ähnlich wie gestern abend. Jedenfalls ließen die Mädchen sich bald von ihrem Eifer anstecken. Ich fand die Kletterei eigentlich albern, wollte aber nicht außen vor bleiben und legte ebenfalls los. Einzig Hartmann machte nicht mit, beobachtete unser Treiben bloß mit genervter Miene.

Irgendwann hatten wir uns ausgetobt und saßen erschöpft auf der Oberkante des Gerüstes. Hartmann wartete, dass wir wieder runterkamen, aber niemand rührte sich. Eine Art stilles Tauziehen zwischen ihm und uns entstand. Schließlich kapitulierte er und kletterte ebenfalls nach oben. Aber er bewegte sich betont langsam und unmotiviert – jeder sollte sehen, wie unglaublich dämlich er die ganze Nummer fand.

Wie selbstverständlich setzte er sich auf meine Seite. Auf einmal entstanden zwei Gruppen: drüben die Schönhagener, hier Hartmann und ich. Zwischen uns lag ein Niemandsland.

Kristina und Silke begannen Fragen über die Nordstadt zu stellen. Eigentlich sprachen sie uns beide an, aber Hartmann schwieg eisern, deshalb musste ich die Lücke füllen. Mehr und mehr fiel ich in eine Rolle zurück, die ich eigentlich nicht mehr wollte: Ich wurde wieder zum Fremden aus der großen, aufregenden Stadt, den man bestaunte wie einen Exoten. Je länger sie mich löcherten, desto schlechter ging es mir. Aber ich musste es hinnehmen – jetzt nicht Flagge zu zeigen wäre in Hartmanns Augen wie Verrat gewesen, das konnte ich nicht machen.

Wie gepackt von einem starken Sog trug es mich davon. Ein Graben klaffte plötzlich zwischen mir und den Schönhagenern, ein tiefer Abgrund. Maren war jetzt wieder Lichtjahre entfernt, hatte sich endgültig zurückverwandelt in das unauffällige, schüchterne Landei der ersten Zeit. Weshalb ich sie kürzlich noch so angehimmelt hatte, erschien mir nun unbegreiflich.



Selbst als die Fragestunde längst vorüber war, dauerte es noch eine ganze Weile, ehe die Benommenheit verschwand und die Stimmen der anderen wieder in mein Bewusstsein drangen. Da waren Bernd, Jürgen, die Mädchen. Sie redeten und lachen unaufhörlich, als wäre alles bestens und wie immer.

Auf einmal merkte ich, dass doch jemand etwas von meiner Abwesenheit mitbekommen hatte – Maren. Sie beobachtete mich mit gerunzelter Stirn und verwunderter, fragender Miene.

 

***

 

Um mich herum Betonfassaden, die in den Himmel schießen. Hauswände, überall Hauswände, in der Ferne zu einem geschlossenen Riegel aus Fenstern und Balkonen verschmelzend. Dazwischen nur Leere, steinerne Mondlandschaften. An jeder Tür zahllose Briefschlitze, die Klingelbretter immer groß wie Tischplatten.

Unser neues Viertel. Alles ist fremd, monoton, öde, erdrückend. Der Plattenweg, auf dem ich gehe – eine schnurgerade Linie ins Unendliche. Der Boden – übersät mit Glasscherben. Die Sitzbänke – aus massiven Bohlen gezimmert, als müssten sie Riesen aushalten.

Dann eine Sandkiste – weshalb spielt hier niemand? Mein alter Spielplatz ist immer voller Kinder gewesen. Eine bedrückende, unheilverkündende Stimmung liegt in der Luft. Aber ich vergesse sie, freue mich, die Sandkiste ganz für mich allein zu haben. Fange an zu buddeln…

Auf einmal sind Kinder um mich herum, ein ganzer Pulk. Sie sagen nichts, glotzen nur. Plötzlich stürzen sie sich auf mich, wie in einer einzigen Bewegung. Schlagen und treten wie besessen auf mich ein, stopfen mir Sand in den Mund, zerreißen meine Klamotten. Und die ganze Zeit grölen sie eine verzerrte Version meines Liedes, das ich eben beim Spielen vor mich hingesungen habe. Jemand zieht mich hoch, ein Gesicht steht vor mir, eine wütende Fratze mit verrotzter Nase und Schorf an der Lippe – dann knallt mir auch schon eine Faust ins Gesicht. Ich sehe Sterne, falle nach hinten, Blut schießt mir aus der Nase, ich schmecke Sand. Neue Tritte prasseln auf mich ein, es will einfach nicht enden.

Dann ist es doch vorbei, sie sind weg. Als ich benommen aufstehe, fängt alles an, sich zu drehen. Ich wische mir das Blut aus dem Gesicht, klopfe den Sand ab. Langsam gehe ich zurück, völlig zerzaust und noch immer sehr verwirrt. Leute hasten rechts und links vorbei, aber sie beachten mich nicht, hier ist sich jeder selbst der Nächste. Ich fühle mich wie taub, kann nicht weinen. In mir ist gerade etwas erstickt, gestorben…



Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare