Kapitel 13

Platzwunde begleitet von einer Delle an der Stirn durch stumpfe Gewalt.
Hirnschäden werden nicht ausgeschlossen.
Stichwunde am rechten Oberschenkel.
Stumpfe Thoraxverletzung.

Der Patient befand sich vor Beginn der Behandlung in einem instabilen Kreislaufzustand. Der Bewusstseinszustand zeigte sich stark eingeschränkt. Zusätzlich bestanden Zeichen eines schweren Blutverlust mit Kreislaufschock. Es liegt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma vor.

Anwendung von Schafgarbe zur Wundheilung. Salbei als fiebersenkende Maßnahme. Es erfolgt eine antibiotisch wirksame Knoblauch-Zwiebel-Salbe gegen das Infektionsrisiko als äußerliche Anwendung auf der Haut. Die Blutungen wurden erfolgreich gestoppt und der Patient hochgelagert. Nach einer gründlichen Reinigung und Desinfektion wurden sämtliche Wunden genäht. Nach einem heftigen Erbrechen und Husten musste der Patient reanimiert werden.

Verabreichung von Schlafmittel vor Beginn der Operation. Komplikationen nach erfolgreicher Operation. Hämorrhagischen Schock durch zu hohen Blutverlust. Fortbleibender instabiler Kreislaufzustand.
Folge: Blässe und Bewusstseinsstörung.
Extrakte aus Mohn und Alraune kommen zur Schmerzlinderung und Beruhigung zum Einsatz.
Patient steht nun unter Beobachtung.

Die letzten Stunden erforderten mehr Konzentration, Feinfingergefühl und schnelle Entscheidungen wie die letzten Tage im Lazarett. Versagen wird nicht geduldet. Der Patient muss stabil bleiben, bis die Gruppe abreisen kann. Ansonsten drohe ihnen ein Massaker. Erneut zeigt sich, wie schwierig die Begegnung mit dem Adel sein kann. Herzog Lysander mag den Alchemisten mit Respekt behandeln, doch seine sture und egoistische Art trübt den Verstand. Im Kampf um das Leben eines Patienten spielt der Überlebensinstinkt, sowohl die mentale Verfassung, eine große Rolle. Clive wird ein Wunder vollbringen müssen, um eine Seele vor dem Tod zu bewahren, die sich freiwillig verabschieden mag.

Durch die Betreuung des Patienten von Sina und Cuno bietet sich Clive die Gelegenheit, sich gründlich zu reinigen und eine Pause einzulegen. Die Arme zittern stark und der Schweiß klebt wie eine zweite Hautschicht. Die Hitze im Zelt erschwert das Atmen, sodass Clive mit dem Gedanken spielt, kurz kühle Luft zu tanken. Frischer Sauerstoff für einen klaren Kopf. Denn der Geist driftet ab. Die Erschöpfung sitzt knochentief. Nur leider befindet er sich in Begleitung. Lysander weicht seither nicht von seiner Seite und beobachtet ihn wenige Meter von einem Hocker entfernt. Mit wachsamen Blick. Als fürchte er, Clive ergreife die Flucht vor der Verantwortung. Ein Gedanke, der den Alchemisten zu wider ist.




„Clementina.“
Lysander bricht sein Schweigen und nimmt den Namen keuchend in den Mund. Der Blick wird trüb und der Kopf hängt schwer.
„Meine einzige Schwester und der größte Sonnenschein der Familie. Ich mag nicht wahrhaben, dass sie von uns gegangen ist. Von all unseren Geschwistern war sie die Stärkste. Ein fröhlicher Mensch, der selbst in den absurdesten Situationen die Stimmung auflockerte. Sie und Lazarus sind zweieiige Zwillinge. Ein Herz und eine Seele. Immer zusammen unterwegs und nie lange voneinander getrennt.“
Ein Faustschlag für Clive. Denn das verkompliziert die Lage ungemein. Der Verlust eines Familienmitglieds, das geliebt wurde, erschwert den Kampf, aber die Bindung von Zwillingen übersteigt das ganze Unterfangen. Davon wird sich der Patient wohl kaum erholen können.

„Wenn Euch die Gesundheit Eures Bruders wirklich etwas bedeutet, dann solltet Ihr bei ihm sitzen. Sprecht zu Eurem Bruder. Eure Worte können ihn erreichen und die Überlebenschancen steigern. Meine Arbeit wäre vorerst erledigt, nun muss mein Patient gegen sein Gebrechen kämpfen.“
Bewusst wird Clive förmlich, aber statt sich provoziert zu fühlen, zucken Lysanders Mundwinkel.
„Die Behandlung war sehr ungewöhnlich. Was hast du ihm verabreicht? Ein Schlafmittel?“
Seine Frage überrascht Clive nicht, schließlich blickten seine Untergebenen ebenfalls überrascht. Für gewöhnlich werden die Patienten bei vollem Bewusstsein operiert. Eine fürchterliche Nervenprobe für beide Seiten. Der Magisterturm rät jedoch seit wenigen Jahren zur Verabreichung eines Schlafmittels, was den Stress bei einer Operation für beide Seiten mildert. Keine schreienden Patienten, weniger Zeitdruck und ein stabilerer Kreislaufzustand.
„Ich weiß, dass zu schätzen. Damit hast du ihm sicherlich viel Schmerz erspart.“
Eine Behauptung, die Clive anzweifelt. „Euer Bruder war kaum bei Bewusstsein. Ich denke, es hätte kaum einen Unterschied gemacht.“
Eigentlich gibt es nicht mehr viel zu sagen und doch zögert Lysander, als fürchte er sich, seinen Bruder Gesellschaft zu leisten. Tatsächlich trommelt der Herzog auffällig laut mit den Fingern an der Tischplatte, wo er sitzt.

Der Koffer befindet sich nahe Lysander, so wie das aufgeschlagene Tagebuch mit dem Behandlungsbericht. Doch der Herzog schenkt den Dingen wenig Beachtung und stützt seinen Kopf mit einer Hand ab, während der Blick intensiv auf Clive liegen bleibt.




„Wohl oder übel wird dir der Verrat an die Krone bitter zu stehen kommen. Du hast eine Hexe gerettet.“
Schnaufend begibt sich Clive zum Tagebuch und schlägt dieses zu, um dieses in den Koffer zu räumen.
„Irrtum! Ich habe keiner Hexe geholfen, sondern einer Fee!“
„Und doch befürwortest du die Hexenjagd nicht. Irgendwann wird deine Maske fallen und du wirst in Schwierigkeiten geraten. Kannst du wirklich einfach zurück zum Magisterturm und so tun, als wäre die Welt heile?“
„Nein!“, antwortet Clive mit steifem Kiefer. Zu viele Nächte hat er sich diesbezüglich den Kopf zerbrochen und einen Plan geschmiedet. „Nach Sinas Heimkehr werde ich mir einen Namen machen und kann dann Denkanstöße in die Welt setzen.“
„Clive!“ Lysander rollt mit den Augen. „Einfluss bringt dir recht wenig. Du wirst dennoch zur Zielscheibe! Lass uns doch die Welt gemeinsam formen.“
Er lächelt zuversichtlich, doch er irrt, wenn er glaubt, Clive unterstütze einen Mann, der auch nur einen Gefährten von ihm mit der Klinge bedrohe.
„Ich lehne dankend ab.“
Zischend schnappt er sich den Koffer und sucht die Distanz. Doch Lysander erhebt sich und spricht eine Beobachtung an, die den Alchemisten innehalten lässt: „Etwa wegen meiner Beziehung zu Sina?“
„Beziehung?“, wiederholt Clive mit einem bitteren Geschmack.
Doch Lysander streckt entwaffnend die Hände in die Höhe. „Ein Missverständnis. Doch ich habe deinen Blick richtig gedeutet oder? Sina scheint dir wichtig zu sein. Mehr als dir lieb ist. Doch lass mich dir versichern, mein Herz verschenkte ich an die Hexe Jenara. Sina ähnelt nur meiner Stiefschwester. Die gemeinsame Zeit erinnerte mich an die vielen Momente mit Clementina. Die beiden haben wahrlich viel Ähnlichkeit miteinander.“

Eine Wahrheit, die Clive besänftigen soll, die aber einen weiteren Zuhörer erreicht. Worte, die Sina wie einen Faustschlag ins Wanken bringen und ihre Augen auffällig glänzen lassen. Clive mag wenig Erfahrungen mit der Damenwelt haben, aber es wirkt auf ihn, als habe Sina für den Herzog geschmachtet. Lysander folgt seinem Blick und seufzt tief.
„Sina.“ Sein Ton wird ganz sanft. „Komm doch ruhig dazu.“
Doch sie schüttelt mit Bitterkeit den Kopf.
„Ich will nicht!“




Sie klingt gequält. Angeschlagen und etwas heiser. Ihr Verhalten scheint dem Herzog kein großes Mysterium zu sein. Wild wuschelt er sich durch die Mähne.
„Ich fühle mich geschmeichelt, doch für mich bist du mehr wie eine kleine Schwester.“
Eilig wischt sich Sina einzelne Tränen aus dem Gesicht und setz ein trauriges Lächeln auf. „Das macht es mir leicht, um über dich hinweg zu kommen.“
Kaum zu Ende gesprochen begibt sie sich zu der Tür. Lysanders Wachen ziehen ihre Waffen, doch der Herzog hebt entwarnend die Hand und so verlässt Sina eilig das Zelt.

Vielleicht sollte Clive ihr nachlaufen, doch damit würde er Cuno allein mit ihren Patienten lassen. Sollte Lazarus erwachen, muss Clive schnell zur Stelle sein.
„Ich will deine Hoffnung nicht zermürben, Clive. Aber ich fürchte, Sina schätzt dich mehr als einen Freund. Vielleicht mag sich das ändern, aber …“
„Ich weiß!“, unterbricht Clive ihn bissiger als beabsichtigt.
Aber auch nur, weil sein Herz die Wahrheit lieber von sich wegschieben mag. Vielleicht wär es auch besser so, schließlich soll Sina heimkehren. Der Abschied würde so oder so eine Thematik werden, womit sich sein Herz auseinandersetzen muss.
„Bitte gesellt Euch zu Eurem Bruder und sprecht mit ihm.“
Auf seine wiederholte Bitte geht der Herzog endlich ein. Zeit, die Clive nutzt, um seine Vorräte zu prüfen und neue Medizin anzusetzen.

Sinas Verschwinden bleibt Cuno nicht verborgen. Der Paladin nähert sich besorgt und hinterfragt: „Ist alles okay?“
Ein einfaches Nicken überzeugt ihn jedoch nicht, daher erklärt sich Clive: „Sina befindet sich an der frischen Luft. Sie hat die Unterhaltung zum Herzog mitbekommen und muss die Botschaft dahinter verarbeiten.“
Mehr braucht Clive nicht zu sagen, denn Cuno blickt wissend.
„Verstehe“, brummt der Paladin und lehnt sich gegen eine tragende Säule des Zeltes.
Sein Blick schnellt auf. Auch Clive nimmt die Unruhe außerhalb des Zeltes wahr. Eine junge Frau tritt schnellen Schrittes hinein. Auf ihrem Rücken befindet sich ein beeindruckender Speer und ihre stramme Haltung erinnert an das Training von Soldaten. Die Wachen an der Tür stellen sich ihr in den Weg, doch die Dame stiert mit ernster Miene zurück und nimmt eine aggressive Haltung an.




„Aus dem Weg! Die Nachricht, die ich überbringe ist von äußerster Wichtigkeit! Ihr würdet den Herzog nur verärgern, wenn ihr ihn damit warten lasst!“
Ein Blick zu Lysander zeigt jedoch, dass er sich Zeit für seinen Bruder nimmt und der Moment sollte nicht unterbrochen werden. Die Wachen mögen überzeugt zurückweichen, nur stellt sich Clive der Dame entgegen.
„Bedaure, aber das Leben meines Patienten steht auf dem Spiel. Ihr bringt Unruhe an jenem Ort, bitte geduldet Euch vor dem Zelt. Sobald sich die Gelegenheit bietet, informiere ich den Herzog umgehend.“

Es wäre zu einfach, hätte seine Überzeugungskraft gezogen. Unbeeindruckt fletscht die Dame ihre Zähne.
„Aus dem Weg! Ein einfacher Mann wie Ihr es seid sollte sich einem Kundschafter besser nicht in den Weg stellen!“
Zu viel steht auf dem Spiel, daher weigert sich Clive, der Dame Platz zu machen. Etwas, was Cuno erkennt. Der Paladin stößt sich von der Säule ab und packt einfach zu. Die Kundschafterin versucht sich rechtzeitig, aus seinem Griff zu schlängeln, scheitert jedoch. Kompromisslos wirft Cuno sie hinaus und die Diskussion findet außerhalb des Zeltes statt. Die Blicke der Wachen sind von Unsicherheit und Unglauben geprägt. Ein Moment, der Clive ein wenig aufheitert. Bis der unsichere Ruf vom Herzog folgt.
„Alchemist! Mein Bruder! Ich glaube, er erwacht!“
Unmöglich! Die Operation fand vor nicht mal einer Stunde statt. So schnell erholte sich kein Patient. Doch gegen seine Erwartung setzt sich Lazarus stöhnend auf. Völlig benommen macht er Anstalten, sich aufzusetzen.
„Fixieren!“, ruft Clive dem Herzog zu.
Lysander gehorcht, doch sein Bruder hat selbst angeschlagen mehr Kraft in den Armen, sodass er einfach fortgedrückt wird.
„Spinner!“, brummt Lazarus. „Lass mich einfach in Ruhe!“
„Nein! Bleib einfach liegen!“
Doch Lysanders Worte werden einfach ignoriert. Sein Bruder stemmt sich hoch, um keinen Schritt weiter wegzubrechen. Dumpf schlägt er am Boden auf und brüllt vor Frust und vielleicht vor Schmerz, Clive kann es unmöglich mehr beurteilen. Denn dieser Mann wirkt nicht menschlich. Weniger zerbrechlich wie der Rest der Menschen.
„Idiot! Siehst du, was du davon hast?“, keift Lysander.
„Schnauze, Bruder!“, brummt Lazarus mit halb zugekniffenen Augen.




Clive hilft dem Herzog, seinen Bruder zurück auf die Liege zu verfrachten.

„Seid gegrüßt, Lazarus. Mein Name ist Clive und ich bin ein angehender Alchemist auf Reisen. Ich habe Euch auf Wunsch Eures Bruders behandelt und Ihr seid mit dem Leben davon gekommen. Wie ist Euer Wohlbefinden?“
„Durst! Habt Ihr hier was zum Trinken?“
Der Griff zur Wasserkanne ist schnell getätigt, doch der erste Schluck und schon spuckt Lazarus den halben Inhalt hinaus.
„Doch kein Wasser! Alkohol, wenn ich bitten darf!“
Hilfesuchend blickt Clive hinauf zu Lysander, der wenig überrascht wird.
„Rum, Bruder?“
„Jawohl!“
„Ich halte das für keine gute Idee!“, meldet sich Clive zu Wort.
„Schnauze, Quacksalber!“, zischt Lazarus ihn an.
Ein bekanntes Verhaltensmuster, das Clive bei vielen Patienten bereits sah. Die wenigsten Leute legen viel Wert auf ihre Gesundheit und vergiften ihre Leber. Dennoch will sich Clive absichern.
„Herzog Lysander, seid Ihr zufrieden mit meiner Behandlung?“
Lazarus gluckst erheitert und spottet laut. „Der hat einen Stock im Hintern, Bruder!“
Zum Glück geht Lysander nicht darauf ein und gibt Entwarnung. „Ich danke dir, Clive. Ich werde deine Reisegruppe gleich freigeben und dann könnt ihr jederzeit gehen.“
Erleichtert atmet Clive auf und tritt mit dem Koffer hinaus aus dem Zelt. Bewusst steuert er Cuno an, um ihn die freudige Botschaft verkünden zu wollen. Doch Cunos Gesichtsausdruck bereitet ihm Sorge. Sein Freund wirkt gegrämt und unruhig. Er blickt, als habe er schlechte Neuigkeiten.
„Clive! Wir haben ein Problem!“
Wie zu erwarten!
Als ob es langsam mal bergauf gehen würde!
Langsam stehen dem Alchemisten die schlechten Neuigkeiten bis zum Hals!

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