Kapitel 15
Ein falscher Schritt nach vorn und Clive stolpert in eine Erinnerung. Ähnlich wie damals, als Jelko ihm den Hafen der Sternenburg zeigte. Diesmal führt es den Alchemisten in ein großes Büro, lichtdurchflutet durch große Bogenfenster. Eines davon steht offen und die frische Seeluft weht hinein. Die dunklen Holzmöbel wirken auffällig hochwertig, sowie die Samtvorhänge. Stadt- und Landkarten hängen an den Mauern aus Stein. Eingerahmt in vergoldeten Bilderrahmen. An einem Schreibtisch winkt ein alter Freund. Jelko war eine sehr lange still und unerreichbar, sodass er kurz in Vergessenheit geriet. Seine Erscheinung hat sich kaum verändert, vor Clive steht noch immer ein junger Kerl in der Rüstung eines Kommandanten. Aus poliertem Silber und verziert mit Blumenmuster. Mitternachtsblauer Stoff blickt zwischen einzelnen Rüstungselementen hervor. Die ausdrucksstarken, blauen Augen kommen durch das honigblonde Haar noch mehr zur Geltung. Durch den Stufenschnitt fallen Jelko einzelne Strähnen ins Gesicht.
„Sei gegrüßt, Clive. Heute lade ich in das Büro meines Vaters ein. Tritt doch bitte näher.“
Als Clive der Aufforderung Folge leisten mag, lässt ihn ein lautes Pfeifen zusammenschrecken. Jelkos Augen weiten sich und sein Kiefer spannt sich an.
„Schickes Büro“, tönt es aus dem Hintergrund.
Die bebenden Schritte lassen Clive herumfahren und ihm gefriert das Blut in den Adern, als er Lazarus in der Erinnerung ausmacht.
„Dir galt keine Einladung! Sag, wie bist du in mein Reich eingedrungen?“, fordert Jelko Antworten.
Doch Lazarus zuckt gleichgültig mit den Schultern.
„Kein Schimmer. Wer bist du eigentlich?“ Sein Blick gleitet über Jelko und mit seinem teuflischen Grinsen entblößt er seine Zähne. „Deine Uniform ist ja mal schick. Du bist zu jung für einen Kommandanten. Bist du ein Hochstapler?“
Empört weicht Jelko zurück und schlägt seine Faust gegen den Harnisch. Dieser vibriert laut. So wie seine Stimme, als er sich rechtfertigt: „Meinen Titel habe ich mir durch Fleiß und Ehre verdient! Vor dir steht der Kommandant von Sternenburg! Zolle mir besser Respekt!“
Lazarus´ Augenbraue schnellt hoch, schließlich bricht er in schallendes Gelächter aus, wodurch Jelkos Gesicht farblich einer Tomate gleicht.
„Sternenburg? Die Stadt ist doch gefallen. Eine Geisterstadt!“, weiß Lazarus.
Jelko ballt die Hände zu Fäusten und beugt sich mit finsteren Ausdruck vor: „Eindringlinge sind hier nicht willkommen!“
Als reagiere die Umgebung auf seine Launen droht eine Windböe Lazarus zu erfassen, doch der Mann hat mehr Glück als Verstand. Denn sein Augenmerk gilt dem offenen Fenster und so dreht sich der Kerl rechtzeitig fort, um den kräftigen Wind zu entkommen. Stattdessen lehnt er sich über dem Fenstersims und stößt einen freudigen Schrei aus.
„Wahnsinn! Das ist tatsächlich die Sternenburg! Wie in alten Zeiten!“, teilt er euphorisch seine Beobachtung mit ihnen.
Jelkos Blick fällt von ihm. Eilig tritt er an Clives Seite.
„Hast du ihn hierher gebracht, Clive?“
Er klingt erbost. Verständlich. Lazarus hat viele Macken und macht viel Lärm. Clive fühlt sich irgendwie verantwortlich für den ungebetenen Gast, obwohl er keinen Schimmer hat, wie Lysanders Bruder in die Erinnerung stolperte.
„Bitte verzeih, Jelko. Ich kann mir wahrlich nicht erklären, wie es hierzu kam, doch wenn es dein Wunsch ist, dann verschwinde ich mit ihm.“
Jelko schnauft zur Antwort und ändert seine Taktik. Er schlendert zum Schreibtisch zurück und schlägt nun vor: „Du kannst dich gern umsehen, wenn du magst.“
„Echt?“ Lazarus dreht sich überrascht um. „Das klingt toll! Wo ist die nächste Kneipe?“
„Die Straße runter zum Hafen“, antwortet Jelko mit dem Blick auf den Stapel Papier vor ihm.
Doch Lazarus lässt ihn aufblicken, denn mit einem Jubelschrei schwingt sich Lazarus durch das Fenster hinab Richtung Straße. Jelko eilt zum Sims und blickt erschrocken hinab.
„Wir befinden uns im zweiten Stock!“, spricht er seine Sorge aus.
Erst jetzt schaltet Clives Kopf, denn der Alchemist fürchtet, erneut seinen ehemaligen Patienten zu behandeln. Hoffentlich nur Knochenbrüche und nicht noch ein Schädelhirntrauma. Doch Lazarus hat wahrlich Glück. Der angrenzende Baum fing seinen Sturz ab und so hängt der Riese an einem Ast. Lachend schaukelt dieser seinen Körper und macht Anstalten, sich hochzuziehen, doch der Ast versagt unter dem Schwergewicht und bricht. Lazarus fällt in den Busch und gibt Entwarnung, als er den Daumen in die Luft hält. Selbst ein Sturz hält ihn nicht lange auf, mit Schwung springt er hinauf auf seine Beine und streckt sich stöhnend.
„Was für ein Monster“, spricht Jelko den Gedanken aus, den Clive für sich behalten wollte.
Nicht bereit, sich länger mit Lysanders Bruder zu beschäftigen, entfernt sich Clive von dem Fenster. Er mag das Gespräch beschleunigen, denn der Zeitpunkt von Jelkos Entführung kommt sehr ungünstig.
„Jelko, wie kann ich dir helfen? Wie kommt es zu deiner Einladung.“
Sein Freund kehrt zurück zum Schreibtisch und berichtet ihm mit ernster Tonlage: „Ich habe Herzog Lysander beobachtet und ausspioniert. Auch seine Leute. Als Geist erreiche ich Orte, die für andere verschlossen bleiben. Ich habe mir ein Bild von dem Herzog gemacht und ich kenne deine Lage. Die Unsicherheit steht dir ins Gesicht geschrieben, daher halte ich den Moment für geeignet, dir meine Meinung zu dem Ganzen mitzuteilen. Erzähl mir von deinen Sorgen und deinen Gedanken. Vielleicht kann ich dir eine Hilfe sein. Mein Vater lehrte mich die Kriegsführung und Diplomatie. Er bereitete mich auf seinen Posten vor, doch mittlerweile sehe ich viele Dinge anders. Ich sah die Wunder von Sina und lernte deine Begleiterin besser kennen. Du bist Zola begegnet. Die Dame, die dir das Armband schenkte. Wusstest du, dass sie eine gesuchte Hexe ist? Hier, ich habe ihren Steckbrief für dich bereit gelegt.“
Ohne Zweifel! Clive erkennt die Dame auf dem Papier wieder.
„Du erwähntest, sie sei eine Hexe? Eine Weißhexe?“
Die Hoffnung keimt und die Anspannung weicht aus Clive, als Jelko nickt.
„Keine bekannten Delikte. Laut Zeugen eine misstrauische Person. Etwas grantig, aber hilfsbereit. Laut den Berichten manipuliert sie das Element Wasser. Sie reinigt Quellen und bringt kleine Mengen zum Schweben, um sich zu schützen. Verteidigungszauber. Ab und an soll sie Straßenkinder mit ihrer Magie unterhalten haben und sie schenkte ihnen sauberes Trinkwasser.“
Clives Mundwinkel zucken. Allein die Vorstellung wärmt sein Herz. Zola machte auch auf ihn keinen gefährlichen Eindruck. Sinas Geheimnis scheint sicherlich bei ihr in guten Händen zu sein.
Das Verrücken des Stuhls lässt Clive aufblicken, Jelko nimmt am Schreibtisch Platz und blickt gegrämt. Seine Finger trommeln unruhig auf der Tischplatte.
„Weißt du, ich spreche nicht gern über Luela. Sie nahm mir nicht nur meine Heimat, sie täuschte mich und gab mir ein Gefühl, einer der wenigen Menschen zu sein, die mich verstand und die hinter meine Fassade blickte. Wir kamen uns näher, als wir sollten. Doch ich weiß einiges über Luela und ihre Macht. Ich habe den Unterschied erkannt, wie sie eine Stadt zu Fall bringt oder eine Dorfgemeinschaft aufmischt. Eine Stadt auszuradieren erfordert viel Energie. Zu viel. Allein kann sie diese nicht aufbringen. Daher braucht sie Brennholz für den Ofen. Menschliches Brennholz. Ich fürchte, dass andere Hexen mit dem ähnlichen Problem kämpfen. Auch die Hexe Jenara.“
Beunruhigt stiert Clive sein Gegenüber an und versucht, die Botschaft zu verstehen.
„Du meinst, die Hexen opfern Menschen für mächtige Zauber?“
Jelko nickt und rollt eine Stadtkarte aus. „Außerhalb des Wirkungsbereiches. Luela brauchte vier Leben. Verteilt auf die vier Himmelsrichtungen. Die Distanz ist dabei entscheidend, denn je weiter, die Opfer vom Wirkungsbereich entfernt sind, desto aufwendiger wird der Zauber.“
Mit Feder und Tinte zeichnet Jelko vier Punkte auf der Karte ein. Hoch konzentriert, als wüsste er von den genauen Koordinaten für die Sternenburg.
„Luela opferte Prinzen und Prinzessinnen. Königliches Blut. Sehr machtvoll, daher nehme ich an, dass Jenara mehr als vier Leute benötigt“, teilt Jelko seine Gedanken mit.
„Ein Detail, das die Hexenjäger kennen sollten“, vermutet Clive.
„Garantiert“, versichert Jelko ihm mit einem Ausdruck der Verbitterung, „Wichtig genug, um dies mitzuteilen, aber sie hüten es wie einen Schatz. Die Hexenjäger kooperieren nur scheinheilig mit dem Militär. Das kann ich dir bestätigen.“
Gut vorstellbar.
Jelko rollt die Karte zusammen und kommt auf eine andere Sache zurück: „Ich werde euch bei der Eroberung ihres Stützpunktes helfen. Ich unterstütze euch, indem ich zuerst die Anlage betrete, auskundschafte und Zwietracht unter den Leuten streue. Das erfordert etwas Zeit und obwohl ich weiß, wie eilig ihr es habt, müsst ihr die Füße still halten. Besonders dein Paladinfreund. Vielleicht kann ich eine Gelegenheit schaffen, um Rebeccas Fesseln zu lösen, sodass sie von ganz allein entkommt. Doch das würde das Problem nicht lösen. Die Hexenjäger würden euch jagen und finden, was bedeutet, der Stützpunkt muss verschwinden. Am einfachsten wäre es, wenn eine Hexe ins Spiel kommt. Und ich hätte auch schon eine Idee, wer in Frage käme.“
Instinktiv schüttelt Clive seinen Kopf und setzt zum Einspruch ein: „Zola hat nichts damit zu tun. An ihren Händen klebt kein Blut, daher werde ich mich weigern, sie um Unterstützung zu bitten. Ähnlich wie Sina.“
Jelko nickt anerkennend. „Die beiden kamen auch gar nicht ins Auswahlverfahren. Ich rede eher von der Hexe Jenara, was eine Kooperation mit dem Herzog Lysander beschleunigen könnte. Denn er ist auf der Suche nach der Hexe und während ihr Gertas Versteck aufsucht, kann er mit seinem Trupp die Gunst der Eishexe gewinnen. Aber es gibt einen Haken.“
Clive lächelt ermüdet. „Cuno. Er würde die Zusammenarbeit mit der Frau verweigern, die seine Heimat auf den Gewissen hat.“
Jelko nickt stumm und faltet die Hände zusammen. „Ganz recht. Doch vielleicht lässt er sich besänftigen, da es um Rebeccas Rettung gilt. Ein Wagnis mit hohem Risiko. Die Möglichkeit besteht, dass du Cuno als Gefährten verlierst, wenn du diesen Weg einschlägst. Was wirst du tun, Clive?“


























































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