Kapitel 45 – Die Frau an Andyrs Seite

Kapitel 45 – Die Frau an Andyrs Seite

 

Cyrus

Nayara hatte sich auf dem Weg zurück ins Schloss an meinem Arm eingehakt. Die anderen Gäste waren längst an uns vorbeigeeilt, sodass nur noch Kretos und Emili bei uns waren. Das ungleiche Paar trottete schweigend nebeneinanderher. Während Emili die Blumen ringsum betrachtete, starrte Kretos auf seine Füße.

„Soll ich langsamer gehen?“, bot ich Nayara an.

„Nein, es geht schon.“ Nun blieb sie allerdings stehen und verzog leidend das Gesicht. „Dieser Bauch ist einfach viel zu groß!“

„Ich massiere dich später wieder, Liebes.“

Nayara nickte selig und setzte sich wieder in Bewegung. Emili gesellte sich auf ihre andere Seite und half ihr ebenfalls. Immer wieder legten wir kurze Pausen ein.

„Geht schon vor“, meinte Nayara irgendwann, den ausgelaugten Blick auf den langen Weg vor sich gerichtet.

Ich kniff die Augen zusammen, nickte dann aber. „Ich bleibe in der Nähe. Wenn was ist, musst du nur rufen.“ Bei Emili war sie in besten Händen. Und Nay würde nicht darum bitten, wenn sie sich nicht sicher wäre. Also beschleunigte ich meine Schritte, bis ich neben Kretos herging. Dieser hielt den Blick nach wie vor zu Boden gerichtet. „Hast du dich mit Emili gestritten?“

Der Fürst des Nordens kam kurz aus dem Schritt und sah mich irritiert an. „Nein. Also, nicht direkt.“

Ich warf einen Blick zurück. Die Frauen waren nur wenige Schritte hinter uns, sodass wir ungestört reden konnten. „Was läuft da zwischen dir und Emili?“

„Nichts!“, rief Kretos, eine Spur zu laut.

„Und das Kleid? Sie sieht darin aus wie eine Fürstin.“

„Das Kleid ist nichts Besonderes. Es soll nur die Muster verdecken.“

Das war die schlechteste Lüge die ich seit langem gehört hatte. Ich blieb stehen und sah den jungen Fürsten ernst an. „Kretos! Was ist los?“

„Nichts, habe ich doch gesagt!“

„Du bist gerade launischer als mein Weib“, scherzte ich, fügte dann aber sogleich im ernsteren Ton hinzu: „Ich bin dein Freund, Kretos. Ich hoffe, du weißt das.“

Kretos verzog das Gesicht und ging weiter, sodass ich aufschließen musste. „Sie hat mich geküsst.“

„Emili?“

Er nickte nur, weswegen ich sofort nachhakte. „Ist das denn schlimm? Sie ist eine wirklich hübsche, junge Frau.“



Kurz schien der Vampir mit sich zu kämpfen. Er schloss die Augen, atmete tief durch und massierte sich zuletzt die Schläfen. „Ich werde bald heiraten, Cyrus. Ich bin immerhin verlobt.“

„Ja … und?“

„Ich empfinde nichts für meine Verlobte, Cyrus. Rein gar nichts.“

„Aber für Emili …?“

„Seit einer geraumen Weile. Aber es darf nicht mehr daraus werden. Emili wird bald gehen. So ist es am besten.“ Kretos sah flüchtig zurück. In seinem Blick lagen Schmerz und Sehnsucht.

Irritiert legte ich meine Stirn in Falten. „Warum, Kretos? Ich verstehe dich nicht. Liebst du sie?“

„Mehr, als ich in Worte fassen kann“, erwiderte er leise.

„Sie hat dich geküsst. Also muss auch sie etwas für dich empfinden. Ich sehe hier kein Problem.“

„Doch, Cyrus! Sie ist ein Mensch! Ich kann mich ihr nicht körperlich nähern! Ich darf es nicht! Eine Schwangerschaft wäre ihr Todesurteil, denn ich könnte sie nicht einmal in eine Grigoroi verwandeln! Diese Liebe darf nicht weiter wachsen …!“

Ich war bestürzt. Als Mensch könnte sie theoretisch von einem Vampir schwanger werden, ja. Und diese Schwangerschaft würde sie zweifellos nicht überleben. „Es gibt andere Wege, euch zu lieben.“

„Das sagst du? Als Vampir? Hast du deinen Trieb so gut im Griff? Seit ich Emili das erste Mal vor Monaten geküsst habe, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als bei ihr zu liegen. Aber es würde sie irgendwann umbringen!“

„Wenn du vorsichtig bist…“

Kretos unterbrach mich sofort. „Nein. Alle Vorsicht dieser Welt reicht nicht aus, Cyrus. Emili wird fortgehen, und es ist gut so.“

„Und du glaubst, es ist auch für Emili das Beste?“, hakte ich nach. „Hast du sie gefragt, was sie will?“

„Sie ist praktisch noch ein Kind. Unglaublich jung. Sie wird von den Göttern geleitet. Sie wird tun, was man ihr sagt.“

„Das klingt, als würdest du ihr einen eigenen Willen absprechen, Kretos.“ Ich schüttelte missbilligend den Kopf. „Was ist das für ein Auftrag, den sie hat? Sprach sie mit dir darüber?“

„Nein, sie sagt immer nur, sie wäre eine Weile fort.“

„Und?“

„Eine Weile … Was, wenn es Jahre sind, bis wir uns wiedersehen? Oder gar Jahrzehnte?“

„Sie ist eine Tuatha, Kretos. Emili ist kein Mensch mehr im herkömmlichen Sinne. Die alte Tuatha sprach davon, sie habe hunderte Menschenleben gelebt. Emili könnte also durchaus mehrere hundert Jahre alt werden.“



Kretos’ Augen weiteten sich. „Aber … das ändert nichts …! Ihre Gegenwart macht mich wahnsinnig. Ich brauche Erben, und die kann ich mit ihr nicht bekommen, denn würde sie schwanger, wäre das ihr Todesurteil. Aus diesem Grund werde ich meine Verlobte heiraten müssen. Legitime Nachkommen in die Welt setzen.“ Sein Gesicht verzog sich angeekelt. „Sie ist so stumpfsinnig. Kein bisschen tiefgründig. Immer so hibbelig und niemals ruhig. Sie hält niemals den Mund oder überlegt, bevor sie spricht!“

„Da ist Emili natürlich das komplette Gegenteil. Ruhig, besonnen, nachdenklich …“ Ich blickte hinter uns. Insgeheim musste ich über seine Naivität schmunzeln, beschrieb er als das, was er wollte, doch ganz genau die kleine Blondine mit den unzähligen Tätowierungen. „Rede mit Emili über deine Gedanken und Gefühle. Glaube mir, es gibt nichts Schlimmeres, als seine Sorgen nur mit sich selbst auszumachen. Vor allem, wenn sie noch eine weitere Person betreffen. Und vielleicht gibt es sogar eine Lösung für euer Problem.“

„So? Hast du etwa eine Lösung in Aussicht?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich nicht. Aber Emili ist doch mit der Heilkunst betraut. Es gibt sicherlich Möglichkeiten, ein Kind abzutreiben, sollte sie wirklich von dir schwanger werden. Oder ihr nehmt die Götter ins Gebet, sodass sie nur menschliche Nachkommen zur Welt bringt.“

An diesen Worten hatte Kretos erst einmal zu kauen. Schweigend gingen wir weiter. Leise fügte ich noch hinzu: „Es gibt nur eine Emili, Kretos. Sie ist ein besonderes Mädchen.“ Mit diesen Worten klopfte ich ihm auf die Schulter, ehe ich umdrehte und zu meiner immer langsamer werdenden, keuchenden Frau zurückging.

„Geht es?“, fragte ich Nayara besorgt und reichte ihr wieder meinen Arm, den sie dankbar annahm.

„Aber sicher.“ Sie lächelte müde. „Es tobt nur ein wenig herum.“

„Es sind ja nur noch ein paar Schritte.“

Nayara und ich betraten den reichlich geschmückten Saal, in dem sich alle Gäste einfinden sollten. An der großen Wand hing ein Porträt der verstorbenen Fürstin und auf den reich gedeckten Tischen war ein Meer von Blumen arrangiert worden. Ansonsten war der Saal eher schlicht gehalten. Die anwesenden Gäste unterhielten sich leise. Als wir eintraten, verstummten sie beinahe sofort und jeder sah zu uns herüber. Nun, eigentlich galten die Blicke nur Nayara und ihrem riesigen Bauch. Entzücktes Seufzen und Murmeln ertönte, ehe sich die Herren daran erinnerten, sich zu verbeugen, und die Damen knicksten.



Ich führte Nayara zu ihrem Platz und zog ihren Stuhl heraus. Obwohl es Andyrs Schloss war, speisten wir als König und Königin vor Kopf. Rechts neben uns saßen Fürst Kretos und Emili, die sich für den heutigen Tag ein langärmeliges Kleid herausgesucht hatte, das ohne Zweifel dem einer Fürstin würdig war. Links würden Andyr und sein Sohn sitzen. Und noch jemand, direkt neben mir, als Tischdame von Andyr. Die Familie des Fürsten weilte momentan jedoch noch am Grab.

Nayara setzte sich schwerfällig. Schon auf dem Weg hierher hatte sie meine Hand manchmal etwas fester gedrückt. „Brauchst du etwas, Liebes?“

„Nur ein wenig Ruhe, das ist alles.“ Sie streichelte zärtlich über ihren Bauch. „Es fühlt sich hier genauso unwohl, wie ich.“

„Wir reisen sobald wie möglich ab. Und wenn es mitten in der Nacht ist“, flüsterte ich leise zurück. „Wenn du mich kurz entschuldigst?“

Drei Plätze weiter hatte ich Darleen entdeckt. Wir wechselten nur ein paar Worte, sprachen leise über die vergangenen Ereignisse. Mit verschränkten Armen und hocherhobenem Kinn verkündete sie: „Ich bleibe im Goldenen Reich, bis es soweit ist! Ich werde Tante! Ein süßes, kleines Neugeborenes, Cyrus!“

Ich schmunzelte. „Du kannst ja heiraten und selbst Nachwuchs bekommen.“

„Ha! Jetzt lenk nicht davon ab, dass du Vater wirst. Bald schon, Cy.“

Vater … Ja, es klang wirklich unglaublich. So früh hätte ich nicht damit gerechnet und doch durchflutete mich der Gedanke mit grenzenloser Freude. Bald würde ich mein Kind in den Armen halten. Es konnten nur noch Wochen sein, dann hätte das Warten ein Ende.

„Na los!“, dränge Darleen. „Geh zurück zu deiner Frau.“

Ich nickte knapp und wollte mich gerade setzen, da griff Kretos nach meinem Handgelenk. „Kretos?“

Er trug seine Handschuhe nicht und seine Augen waren weiß. „Du solltest in den kleinen Wald gehen, Cyrus. Dein Weib braucht frische Luft.“

Mein Blick glitt zu Nayara, die sich leise mit Emili unterhielt. Sie atmete immer noch angestrengt. Die Trauerprozession, und vor allem der Weg hin und zurück, hatte sie angestrengt. „Gleich. Gib ihr noch einen Moment, Kretos. Dann gehen wir. Wir hatten sowieso vor, bald wieder abzureisen.“ Ich wandte mich um und gesellte mich wieder zu meiner Gemahlin.



Plötzlich verstummten alle Gespräche. Mein Blick glitt hoch. Die Tür zum Saal hatte sich abermals geöffnet. Dann waren Andyr und Ellroc wohl so weit, sich der Meute entgegenzustellen, ihre Kondolierungen zu empfangen und über sich ergehen zu lassen. Es war eine erdrückende Sache, immerzu dieselben geheuchelten Worte von fast fremden Vampiren zu hören. Worte wie: ‚Wir können es Euch nachempfinden‘ oder ‚Seid Euch gewiss, Ihr habt unser vollstes Mitgefühl‘ wurden bei solchen Anlässen nicht selten gehört. Aber wer wollte denn das Mitleid eines anderen? Wer wollte in dieser Situation, nach dem Verlust einer geliebten Person, hören, dass völlig Fremde es einem nachempfinden könnten? Alles leere Worte.

Andyr erschien in der Tür. An seiner Seite eine Frau mit blondem, langen Haar, welches sie kunstvoll hochgesteckt hatte. Das Kleid, das sie trug, hätte das einer Fürstin sein können. Hinter den beiden erschien Ellroc, dessen Miene noch düsterer geworden war.

Meine Stirn runzelte sich; mein Blick zuckte zurück zu der Frau an Andyrs Seite. Und ich erstarrte.

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