Kapitel 46 – Stutenbissige Eifersucht
Kapitel 46 – Stutenbissige Eifersucht
Aurelie
Die Stimmung im Saal hatte sich seit dem Gang zum Grab erheblich gelockert. Noch immer lag Arelies Verlust schwer über einem jeden, doch es wurde gesprochen, vorsichtig gescherzt, und teils zuckten auch die Mundwinkel des einen oder anderen nach oben. So lange, bis sich die große Flügeltür wieder öffnete und der Fürst mit seinem Sohn eintrat. Andyr jedoch war in Begleitung. In weiblicher Begleitung, und das während der Trauerfeier seiner Gemahlin? Hatte er eine seiner Bettgespielinnen zu seiner Begleitung gemacht? Am Trauertag der Fürstin? Das lange, blonde Haar hatte die Frau kunstvoll hochgesteckt, das Kleid war eine Pracht. Und das Gesicht …
Cyrus, der bis eben noch meine Hand gehalten hatte, versteifte sich. Zeitgleich mit mir hatte er erkannt, welch unliebsame Begegnung uns hier bevorstand. Aber ich hatte sie schon früher in ihre Schranken verwiesen. Heute würde ich ihr nicht mehr die kleinste Frechheit erlauben. Damals war ich zu schwach gewesen, mich richtig gegen sie durchzusetzen. Heute, dazu mit meinem Mann an meiner Seite, dürfte das kein Problem werden. Wenn … Vorsichtig spähte ich zu Cyrus rüber. Wenn er denn nicht lieber sie … Zweifel kamen laut schreiend in mir auf. Was, wenn er sie bevorzugte? Weil ich mich ihm wieder verwehrte? Weil ich es nicht geschafft hatte, mich ihm hinzugeben, selbst als es mich danach verlangt hatte, selbst als ich wollte? Er hatte mir die letzten zwei Wochen keinerlei Avancen mehr gemacht. Küsse, sachte Berührungen, niemals mehr. War es Rücksichtnahme, oder fand er mich abstoßend? Ungeachtet dessen, dass er beteuert hätte, so wäre es nicht.
„Carina“, hauchte Cyrus leise. Denn die Schönheit da an Andyrs Arm war niemand anderes als seine ehemalige Gespielin. Die Frau, die womöglich sogar Königin geworden wäre, hätte es mich nicht gegeben. Instinktiv legten sich meine Arme schützend über meinen Bauch.
„Cyrus?“, flüsterte ich leise und drückte seine Hand.
Nur langsam ließ sein Blick von ihr ab. Aber er sah an mir vorbei. Durch mich hindurch. „Komm, wir gehen raus. Etwas spazieren.“
Etwas spazieren? „I…n Ordnung …?“
Cyrus zog mir den Stuhl zurück. Mühselig stemmte ich mich hoch, ergriff seinen Arm und ließ mich über den ebenerdigen Balkon, der dem Saal anschloss, nach draußen führen. Eine große, steinerne Freitreppe führte in einen üppigen Garten hinab, wo die Blumen zu dieser Jahreszeit in voller Blüte standen.
„Cyrus …“ Carina. Was machte dieses stutenbissige Weibsbild hier?
„Weiter“, drängte Cyrus und führte mich durch den Garten, fort vom Schloss. „Hier in der Nähe ist ein kleiner Wald.“
Ich schnaufte schwer. Einmal blieb ich kurz stehen; mein Bauch krampfte. Beinahe traten mir die Tränen in die Augen. „Du bist mir zu schnell! Cyrus, wo willst du hin?“
„Wir müssen in den Wald. Keine Ahnung, warum. Kretos hat es gesagt.“ Cyrus gönnte mir einen Moment, um zu verschnaufen, dann zog er mich weiter. „Ich hätte Galderon zu der Festlichkeit mitnehmen sollen. Oder zumindest mein Schwert und nicht bloß den Dolch!“
„Aber es ist doch nur Carina! Sie ist ein Miststück, ja, aber was soll sie schon tun?“
„Ich traue ihr ziemlich viel zu, Nay!“ entgegnete er scharf, warf einen Blick an mir vorbei, zurück zum Schloss, und beschleunigte seinen Schritt daraufhin. „Kretos wird einen guten Grund haben, warum er uns hierher schickt.“
Cyrus zog mich immer weiter. Kaum hatten wir die Waldgrenze passiert, wurde er langsamer, hielt aber dennoch nicht inne. Erneut durchzuckte mich ein Krampf; brachte mich dazu, mich loszureißen und stehen zu bleiben. „Ich kann nicht mehr …! Ich bin hochschwanger, Cyrus! Ich kann nicht so weit …!“ Mir fehlte die Luft, um mich auszudrücken. Keuchend stand ich da, bemüht darum, nicht einfach zusammenzubrechen.
Cyrus sah sich um. Er wirkte gehetzt. Als sein Blick dann aber den meinen traf, atmete er tief durch. Sanft legte er einen Arm um mich und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „In Ordnung. Bleiben wir erst mal hier. Komm wieder zu Atem. Dann sehen wir weiter.“
„Vielleicht meinte er auch nur, wir sollten raus!“, brachte ich anklagend hervor. „Wieso denn bitte in den Wald?“
Cyrus schluckte schwer. „Er sagte Wald … Raus, in den Wald.“ Trotz der Beteuerung klang er unsicher. „Hat Emili dir nichts gesagt? Vielleicht hat Kretos seine Vision auch nur falsch interpretiert?“
Atemlos hob ich die Schultern, schüttelte den Kopf und stützte mich bei Cyrus ab. So verweilten wir eine ganze Weile. Er hielt mich aufrecht, während ich neuen Atem schöpfte. Der Gang zum Grab und zurück und jetzt noch dieser Stress, das Rennen, das alles hatte mich ausgelaugt. Ich war nicht in Bestform. Außerdem hatte ich ein überaus schweres Päckchen zu tragen.
„Geht es wieder?“, wollte Cyrus nach einer Weile leise wissen.
Ich nickte. Zwar war das Seitenstechen noch nicht ganz abgeklungen, aber es war besser geworden. „Ja, ich…“ Ein Knacken in den Bäumen unterbrach mich. Sofort fuhr mein Kopf herum. Erst sah ich nur Bäume, Geäst und ihre Blätter. Dann jedoch löste sich eine Gestalt aus dem Dickicht. Irritiert legte ich meinen Kopf schräg. Ein Bandit? Ein Soldat? Nein, er trug kein Wappen. Ein Wegelagerer?
Cyrus an meiner Seite und spannte sich an. Mein Blick glitt zu ihm, folgte seinem. Erschrocken atmete ich ein. Überall diese Männer. „Wir sind umstellt“, flüsterte ich leise und quittierte den zustimmenden Tritt des Kindes in meine Magengrube mit einem atemlosen Keuchen.
„Bleib dicht hinter mir“, flüsterte Cyrus leise und stellte sich vor mich. Die Hand legte er an den Knauf seines Dolches. Aber selbst mit einem Schwert hätte er keine Chance gegen so viele Männer. Es waren bestimmt zehn oder zwölf Gestalten! Trotzdem hob Cyrus den Kopf. „Wer seid ihr? Und was wollt ihr?“
Eine helle Lache schallte durch den Wald. Daraufhin erklang ihre Stimme. „Wer sollen sie schon sein?“ Mit süffisantem Lächeln auf den Lippen trat Carina aus den Bäumen, ihr Blick fixierte Cyrus. „Meine Diener, meine Garde, ein Gefolge.“
Andyr trat aus dem Baumschatten hinter ihr heraus und näherte sich seiner Gespielin. „Schatz? Was wird das hier?“
Carina wandte den Kopf dem Fürsten des Südens zu. „Sie könnten auch dir hörig sein“, erklärte sie, was Andyr mit einem verwirrten Stirnrunzeln bekundete. „Alles könnte unseres sein. Das ganze Reich, ich habe es für uns vorbereitet.“ Sie blickte zurück zu meinem Gemahl. „Cyrus.“
Cyrus machte einen kleinen Schritt nach vorn und fixierte Carina. „Das ist also dein Plan? Du willst Königin werden?“ Sein Kopf drehte sich langsam von links nach rechts, während er jeden der Männer musterte. „Und dafür würdest du sogar das Leben einer Schwangeren nehmen? Das Leben in ihr töten?“
Ich verkrampfte mich. Am Ende brachte er sie noch auf Ideen! Doch als mein Blick Carinas traf, nahm ich den Gedanken zurück. Nichts anderes war ihr im Sinn. Immer schon hatte ich zwischen ihr und ihrem Ziel gestanden. Kurz wich mein Blick zu einer Gestalt, die sich hinter einem Baum in Irinas Rücken versteckte. Sie hatte also noch mehr Männer.
Carina schnaubte verächtlich auf. „Was willst du mit dem Balg? Meinst du das Weib wäre dir treu gewesen?“ Verächtlich spuckte sie zu Boden. „Du hast die Blicke zwischen ihr und dem jungen Seibling nicht gesehen, Liebster.“
„Carina …“ Andyr schien fassungslos. Und verletzt.
„Es ist mein Kind und ich werde das Leben meiner Frau und meines Kindes bis zuletzt beschützen!“ Cyrus streckte einen Arm nach hinten zu mir aus und berührte mich dabei an der Schulter. „Ich verlange, dass sie gehen darf. Danach besprechen wir alles Weitere. Du willst die Krone haben? Kein Problem. Ich gebe sie dir.“
Ein weiterer Krampf, ließ mich Sterne sehen. Ich krampfte; meine Arme hatten meinen Bauch fest umschlungen. Dennoch krächzte ich: „Bist du von Sinnen? Sie wird das Land in Stücke reißen!“ Ich musste atmen. Götter, was war hier los? War das noch normal? War es noch das Kind, das ausschlug, oder ging es ihm nicht gut?
„Die Krone gehört dir, Cyrus“, säuselte Carina. „Sie gehört uns! Wir haben jahrelang darüber gesprochen, Alaric und seine widerwärtige Familie zu stürzen. Ich habe die Königin ermordet, damit ich ihre Krone bekomme! Und du bist der König! Du bist unser aller König!“
Cyrus schwieg dazu. Er sah nur zu mir zurück. Sein Blick voller Sorge.
„Sieh mich an, Cyrus!“, keifte das Miststück. „Wir haben im Thronsaal gefickt! Wir haben das Recht, gemeinsam zu herrschen! Nein, es ist sogar unsere Pflicht!“
„Carina …“, Cyrus suchte sichtlich nach Worten. „Es ist viel geschehen …“
„Ich habe dir eine Armee geschaffen, Cyrus! Ich habe das alles nur für dich getan! All die Überfälle auf die Siedlungen der Menschen in den letzten Jahren … Alles nur für dich!“
Andyr machte einen Schritt auf Carina zu und legte eine Hand auf ihren Arm. „Carina? Was redest du da? Du sagtest, du liebst mich. Du willst die Ewigkeit mit mir verbringen. Ich habe akzeptiert, dass du meine Verbundene dafür aus dem Weg räumen musstest. Aber jetzt … Du hast gesagt, du willst den Blutschwur mit mir eingehen.“
Carina lachte und schlug die Hand des Fürsten weg. „Du bist kein richtiger Mann, Andyr! Du hast gesagt, du liebst dein Weib nicht, und trotzdem hast du in den letzten Tagen geweint wie ein Kind! Du bist so erbärmlich!“
„Du bist des Wahnsinns!“, keuchte ich. Im nächsten Moment kniff ich die Augen zu und versuchte, durch den Schmerz zu atmen. Es wurde immer schlimmer.
„Zwischen Wahnsinn und Genialität liegt oft nur ein schmaler Grat!“ Carina grinste breit und fixierte mich mit ihrem Blick. „Das solltest du selbst am besten wissen. Du hast es immerhin geschafft, Cyrus so lange zu belügen. Ich gebe zu, dass manch ein Schachzug von dir wirklich gut war. Diese Schwangerschaft ist der beste Beweis dafür. Wie hast du das geschafft?“
Carina wollte auf mich zugehen, allerdings hielt Cyrus sie davon ab. Letzterer hob drohend die Hand und zog dabei den Dolch. „Lass sie in Ruhe!“
„Das ist nicht dein Kind, Cyrus! Es ist gar kein Kind, das in ihr wächst! Kein Vampir kann so früh nach der Reife schwanger werden. Sieh doch endlich der Wahrheit ins Auge, Cyrus!“
„Es ist ein Geschenk der Götter“, entgegnete Cyrus ruhig.
Carinas Augen weiteten sich wütend. „Die Götter gibt es nicht! Dieses Stück Dreck lügt dich an! Und dafür wird sie sterben!“
„Du wirst sie nicht anfassen!“, knurrte mein Gemahl bedrohlich.
Auf einen Wink von Carina hin bewegten sich die Männer, die sich zwischen den Bäumen versteckt hatten, und es kamen noch weitere hinzu. Zwei von ihnen hielten Darleen fest, die sich heftig wehrte. Ein weiterer Mann zog Kretos auf die kleine Lichtung, der im Gegensatz zu Darleen eine seltsame, erhabene Ruhe ausstrahlte.
Carina deutete auf Darleen. „Ich bringe sie um! Sie oder dein Weib! Du entscheidest, Cyrus. Wir brauchen die Fürstentümer gar nicht. Du wolltest doch immer die Reiche einen. Ein großes Reich, nur für dich! Keine Streitereien mehr um Grenzen!“
Von beiden Seiten wurde ich an den Armen gepackt. „Nein!“, kreischte ich panisch, die Augen zusammengepresst. Doch es geschah nichts. Sie hielten mich nur fest, zogen mich ein Stück von Cyrus weg und hielten mir eine Klinge an die Kehle. Bei Darleen war es dasselbe. Ich zitterte. Verzweifelt suchte ich Cyrus’ Blick, der ihn mit aufeinander gepressten Lippen erwiderte.
„Es muss niemand sterben, Carina. Niemand! Ich gehe mit dir, wenn du sie gehen lässt. Sie alle! Die Fürsten werden ihre Fürstentümer freiwillig verlassen.“
Darleen nickte sofort. „Ich wollte es nie. Nimm es ruhig, Cyrus.“
„Carina …“ Andyr trat auf die vollkommen wahnsinnige Frau zu. Diese schrie auf, als hätte sie sich verbrannt, weshalb sofort zwei Männer Fürst Andyr von ihr wegzogen. „Warum …?“, fragte dieser, eine einsame Träne rann ihm die Wange hinunter.
Carina beachtete ihn nicht weiter, sondern wandte sich wieder Cyrus zu. „Ich mache das alles für dich, Liebster. Wir sind dazu bestimmt, zu herrschen! Dieses niederträchtige Weib trägt nicht dein Kind aus. Ich lasse sie leben, damit du die Missgeburt selbst siehst! Es wird kein Vampir sein, sondern ein Monster! Weil sie einem Monster beigelegten hat!“
Schon wieder durchfuhr mich ein Schmerz. Krampfartig schoss er mir in die Magengrube und strahlte in meinen ganzen Körper aus. Es wurde schlimmer, mit jedem Mal. Ich konnte schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich bereits am liebsten laut aufgeschrien hätte. Meine Knie zitterten unter meinem Gewicht.
„Bitte, Carina“, keuchte ich. „Lass mich uns das Kind…“ Das Miststück unterbrach mich mit einem wahnsinnigen Lachen. Mittlerweile standen mir durch die Schmerzen Tränen in den Augen. Mein Bauch fühlte sich schwer an, und könnte ich ihn anfassen, wäre ich mir sicher, er war so hart wie Stein. „Cyrus …“, krächzte ich. „Das … das …“
Ein Plätschern ließ die ganze Welt für einen Moment verstummen. Einer der Männer, die meine Arme hielten, würgte gekünstelt und versuchte, sich den Schuh am Gras abzuwischen. „Widerlich …!“
Ich war wie erstarrt. „Cyrus …?“ Panik kam in mir auf. Es lief warm an meinen Schenkeln herunter und mit einem Mal wurde der Schmerz in meinem Innern beinahe unerträglich.
Cyrus wollte auf mich zugehen, doch die Männer zogen mich sofort einen halben Schritt zurück. Knurrend sah mein Verbundener über seine Schulter zu Carina. „Das Kind kommt, Carina! Bitte, lass mich Nay ins Schloss bringen. Wir brauchen sauberes Wasser, Laken … und Emili. Wo ist Emili?“
„Nein!“, keifte Carina schrill. „Das Kind ist missgestaltet! Es wird sterben, sobald diese falsche Schlange es herausgepresst hat!“
„Nein! Nein mein Kind wird wundervoll sein! Und du Biest wirst es nicht …“ Mein Schrei zerriss die Luft. Atmen. Ich musste atmen!
„Carina …!“, flehte Cyrus. Sein Gesicht war eine Grimasse aus Schmerz und Verzweiflung. „Sie braucht Hilfe. Eine saubere Umgebung …!“ Cyrus ging noch einen Schritt auf mich zu, doch einer der bewaffneten Männer stellte sich ihm in den Weg. Kopfschüttelnd steckte Cyrus seinen Dolch weg und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. Dann wandte er sich Carina zu. „Also gut. Was willst du?“
„Komm her, Liebster!“, verlangte Carina und Cyrus gehorchte. Sie strich über seine Haare, legte ihre Hände an seine Wangen und küsste ihn. „Vergiss sie. Wenn du sie nie wieder ansiehst, verspreche ich dir, dass sie die Missgeburt ausbrüten darf. Aber nur ein einziger Blick zurück und meine Männer schneiden ihr die Kehle durch!“
Wieder quälten mich Schmerzen, sodass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Mit einer Hand hielt ich mich verzweifelt an einem der Männer fest, die andere legte ich auf meinen steinharten Bauch. Ich durfte nicht schreien!
„Cyrus“, säuselte Carina.
Trotz meiner Schmerzen konnte ich nicht wegsehen. Sie schmiegte sich an ihn, küsste ihn, griff ihm zwischen die Beine.
„Du Schlampe!“, schrie Andyr. „Du hast gesagt, du willst mich! Wie konnte ich nur so blind sein?“
Die Männer, die ihn hielten, brachten ihn zum Schweigen, zwangen ihn auf die Knie und hielten ihm ein Schwert an die Kehle.
Nur Kretos stand ruhig da und beobachtete alles. Diese Ruhe war zum Teil auch auf Darleen übergegangen, die sich zwar noch wehrte, aber nicht mehr so wild, wie zu Beginn.
„Ich sehe nur dich“, erwiderte Cyrus mit fester Stimme. „Ich werde sie nicht mehr ansehen. Ich verspreche es dir.“
Carina stahl sich erneut einen Kuss. Ihre Hände krallten sich in seine Haare. Dabei gab sie den Männern einen losen Wink, sodass sie mich losließen.
Keuchend stützte ich mich an einem Baum ab, fing mich damit auf. Die Männer hatten mich abrupt losgelassen, dabei zitterten meine Beine wie Espenlaub. Stöhnend ließ ich mich am Baum hinab, sodass ich zu seiner Wurzel zum Sitzen kam. Ich schloss die Augen, schniefte leise und öffnete sie wieder. Es war eine einzige Qual, den beiden zuzusehen. Immer wieder musste ich mir in Erinnerung rufen, dass Cyrus das für mich tat. Dass es ihn anekelte. Dass er mich wollte. Aber das machte den Gedanken daran, dass er jetzt in den Armen einer anderen Frau lag, während ich dieses Kind aus mir herauspressen würde, keineswegs einfacher.
„Nayara …“, sprach eine Stimme ruhig.
Verwirrt ging mein Blick nach hinten. „Emili?“
Sie lächelte. „Es wird alles gut. Du musst dich jetzt auf dich selbst konzentrieren. Blende sie aus. Nur du und dein Kind.“ Sie ließ sich auf Knien neben mir nieder, tastete nach meinem Bauch und nickte. „Es liegt, wie es muss, es ist groß genug, es ist ganz sicher gesund.“ Ermutigend lächelnd, wischte sie mir die Tränen von den Wangen. „Es hat sich wundervoll entwickelt. Jetzt kommt nur noch der letzte Schritt.“
„Nur?“, krächzte ich.
Emili half mir, mich richtig hinzusetzen und mich mit dem Rücken an den Baumstamm zu lehnen. Dann drückte sie meine Beine auseinander und schob den Rock ein Stück hoch. „Das wird jetzt etwas unangenehm.“ Ihre Hand glitt zwischen meine Beine und sie griff mir in die Mitte. Das musste fast ihre komplette Hand da drin sein! „Es muss sich noch weiter öffnen.“
Ich atmete schwer. „Hast du gerade deine ganze Hand …?!“
„Ja, natürlich. Da kommt gleich ein Kind heraus“, flötete sie. „Versuch dich zu entspannen. Du musst nur atmen. Tief und gleichmäßig atmen, ja?“ Sorgsam legte sie eine Hand auf meinen Bauch und machte es mir vor.
Ich holte Luft. Mein Blick glitt zu Cyrus und Carina. Sie standen immer noch dicht beieinander. Ihre Hand lag auf seinem Rücken, während seine Arme an seinem Körper herabhingen.
„Weißt du …“ Carina machte sich gar nicht die Mühe, ihre Stimme zu senken. Als würde sie wollen, dass jeder sie hörte. „Als mein Vater sagte, ich solle dich umgarnen, dachte ich erst, du wärst ein alter Sack. Er meinte, du wärst perfekt für unsere Pläne.“
Eine weitere Welle des Schmerzes ließ mich keuchen. Emili erinnerte mich daran, gleichmäßig zu atmen, aber gerade beachtete ich sie kaum.
Carina erzählte weiter. „Er wusste gar nicht, wie perfekt du bist. All die Jahre, in denen du dachtest, du musst Alaric und seine Familie ermorden, um eine bessere Welt zu erschaffen … Du hast das für uns getan! Für mich! Und als du dann so dreist warst, Alaric um die Hand der Prinzessin zu bitten … Natürlich mussten wir sie loswerden. Immerhin sollte ich an deiner Seite sein.“
„Sie loswerden?“ Der Kopf meines Gemahls zuckte in meine Richtung, doch er hielt dem Drang, mich anzusehen, stand.
„Natürlich. Sie hatte ihre Reife noch nicht erreicht. Somit war Vaters Vorschlag, sie so lange zu foltern, bis es soweit wäre, eigentlich dazu da, Ashur dazu zu verleiten, sie versehentlich zu töten.“
Mir stand der Mund offen, als sich die Geschehnisse der letzten Jahre in meinem Kopf verknüpften. Carinas Vater hatte dafür gesorgt, dass ich gefoltert wurde. Er war verantwortlich dafür gewesen, dass meine Kindheit ein dermaßen katastrophales Ende genommen hatte. Und er hatte noch damit geprahlt! Mich geschwächt und blind hinter Gittern wissend, hatte er damit geprahlt, welch Einfluss er auf Alaric gehabt hatte!
„Der Hohepriester …“ Ich keuchte schwer. Ich konnte meinen Blick nicht von Carinas Hand losreißen, die gerade den Weg in Cyrus’ Hose gefunden hatte. „Der Hohepriester ist ihr Vater?“ Meine Stimme war nicht mehr als ein Krächzen, ein gebrochener Laut, getränkt in Verzweiflung.
Der Hohepriester war für meinen angeblichen Tod verantwortlich gewesen. Carina war seine Tochter. Er hatte sie an Cyrus’ Seite gesandt, um ihn zu verführen, ihn zu bearbeiten und sich gefügig zu machen. Ashur hätte sie nicht weiter beachtet, er wäre als zukünftiger Gemahl nicht infragegekommen, auch wenn er die einfachere Wahl gewesen wäre.
Eine weitere Wehe ließ mich beinahe aufschreien. Wie durch einen Nebel hindurch hörte ich Emili, die versuchte, mich zu beruhigen. Aber mein Blick war fest auf Cyrus’ Lenden gerichtet, da, wo sich Carinas Hand hin und herbewegte und Cyrus ein leises Stöhnen nicht zurückhalten konnte. Es machte mich rasend und es machte mich traurig. Zwei grundverschiedene Gefühle, die sich in meinem Inneren um die Vorherrschaft stritten.
„Carina, was … Was erzählst du da?“ Cyrus’ Stimme klang belegt, schockiert und zugleich erregt. Er griff sich ebenfalls an die Hose, wollte ihre Hand zum Stillstand bringen.
„Die Gerüchte über die geheime Schatzkammer, Cyrus. Ich habe sie absichtlich verbreiten lassen. Es gibt sie wirklich. Mein Vater hat gesagt, er habe Alaric und Seibling darüber reden hören. Alaric wollte die absolute Kontrolle haben. Deshalb sollte Seiblings Tochter in den Süden einheiraten. Aber mein Vater war so klug und sorgte dafür, dass das Geld dort nie ankam und Andyr nie davon erfuhr. Dieses Geld bekam ich. Ich habe es genutzt, um uns eine Armee zu kaufen, Cyrus!“
„Lüge!“, schrie Fürst Andyr. „Ellroc sollte niemals die Tochter eines Ministers heiraten! Der Süden ist nicht käuflich!“
Carina wandte sich nun Andyr zu, ließ aber die Hand in Cyrus’ Hose. „Ja, deshalb war es auch der Hohepriester, der die Hochzeitsvorbereitungen getroffen hat. Er gaukelte Alaric und Altrus vor, der Süden wäre an der Vermählung interessiert, und verhandelte in eurem Namen.“































































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