Epilog

Epilog

 

Timmok

Der Saal war reich geschmückt, der Boden poliert und die Fenster geschrubbt. Ganz recht, es gab Fenster, in diesem Tempel, der einst unter dem Schutt der Jahrhunderte begraben gewesen war. In den letzten Jahren war er ausgebuddelt und wieder neu aufgebaut worden. Neue Fresken waren an die Decke gemalt worden, während Bilder und Skulpturen der Götter ihren Platz an den Wänden gefunden hatten. An den Wänden entlang standen verschiedene Sockel, welche die kuriosesten Gegenstände bargen – ein jeder von ihnen mit anhaltender Magie belegt, wie man sie in ihrer Anwendung längst verlernt hatte.

Mein Blick schweifte nach vorn, zu dem Podest, und streifte dabei die Blicke unzähliger Gäste, die sich hier versammelt hatten, um Teil dieses bedeutenden Ereignisses zu sein. Beim Podest angekommen, erblickte ich vier Throne. Prachtvoll standen sie da, jeder aus einem Erz geschlagen, das die Farbe des Besitzers widerspiegelte.

Emili stand vor den Thronen, in ein luftiges, hellgraues Kleid gewandet, welches ihr fließend den Körper hinabfiel und ihre Tätowierungen ehrte, anstatt sie zu verstecken. Eine filigrane Goldkette mit eingefasstem Smaragd fiel ihr über das Dekolleté. Die kleine, schüchterne, zurückhaltende Emili. Sie hatte es nicht nur zu etwas gebracht, nein, sie hatte dabei mitgeholfen, ein vollkommen neues Zeitalter einzuläuten. Eine weibliche Hohepriesterin. Eine Frau, die wahrlich die Macht besaß, den Willen der Götter zu vernehmen, ohne sich auf Sterndeutungen und deren Interpretation verlassen zu müssen.

Mit ihrem typischen, ruhigen Lächeln stand sie da, vor all den Leuten, hob die Hände und sorgte damit für Stille. „Heute“, setzte sie an, die Stimme laut und klar, „bricht ein neues Zeitalter an. Die letzten Jahre waren geprägt von Schmerz und Leid, Hunger und Verlust, doch das soll enden. Niemals wieder soll sich einer aus mehreren erheben. Und niemals wieder sollen die Götter verleugnet oder gar angegriffen werden. Heute schaffen wir eine Einheit, einen Bund, einen Zusammenhalt, wie er vor Äonen einst existiert hat. Heute vergeben wir uns die Fehler der Vergangenheit.“

Mit diesen Worten traten fünf Vampire durch eine unscheinbare Seitentür ein. Zuerst Nayara, gefolgt von Cyrus, Fürstin Darleen, Fürst Kretos und dem jungen Fürst Ellroc. Zielgerichtet suchten sie sich ihre Throne und stellten sich davor. Jeder der Götter würde heute wählen, so hatte Emili erklärt. Aus dem Geschlecht der Ignis-Robur konnte nur eine gewählt werden. Und auch in den Geschlechtern der Vitas-Ulcus und des Vide-Ludoris hatte jeweils nur ein Vampir die Kraft seines Gottes geerbt. Bei Ora-Fides war es anders. Sowohl Cyrus als auch Darleen hatten Anspruch auf die Krone ihres Geschlechts.



Für einen Moment war das Gemurmel im Raum angeschwollen. Jetzt jedoch, wo Emili sich mit einer silbern schimmernden Krone in der Hand auf den silbernen Thron und damit auf Cousine und Cousin zubewegte, verstummte die Menge schnell wieder.

Emili warf ihren Kopf in den Nacken. Die Augen hatte sie geschlossen, als lausche sie einer Melodie. „Darleen“, sprach sie nach einer Weile. „Knie nieder.“

Cyrus atmete erleichtert aus, gab seiner Cousine einen Kuss auf die Stirn, wandte sich um und tat bei seinem Weib dasselbe. Dann stieg er die beiden Stufen des Podests hinab. Seine Beine führten ihn direkt zu mir, wo er mir die schlafende Kronprinzessin abnahm. Denn dass sie die Reihe der Ignis-Robur fortsetzen würde, daran bestand kein Zweifel. Es sei denn natürlich, die beiden bekämen ein weiteres Kind mit der Kraft der Drachengöttin. Dann würde auch diese Göttin eine Entscheidung über ihren Vertreter in dieser Welt fällen müssen.

Sichtlich nervös tat Darleen einen Schritt vor, beugte vor Emili das Knie und schwor – mit den hier anwesenden Menschen, Vampiren und Göttern als ihren Zeugen – einem geeinten Reich die Treue. Danach setzte Emili ihr die Krone auf, die vor Macht geradezu vibrierte und damit den ganzen Saal in Ehrfurcht versetzte. Darleens silbern aufleuchtende Augen brachten auch den letzten zum Schweigen und räumten die letzten unausgesprochenen Zweifel an der Götter Existenz aus.

Einer nach dem anderen legte den Schwur ab, bekundete vor Mensch, Gott, Tier und jedem anderen Lebewesen, das zuhören wollte, für dieses Land und den Frieden darin zu leben. Einer nach dem anderen wurde gekrönt, die Augen in ihres Gottes Farbe aufblitzend, ehe sie sich wieder vor ihren Thron stellten und geduldig warteten. Als Nayara dran war, glitt ihr erhabener Blick über die Menge, auf der Suche nach ihrem Gefährten und Kind. Und sie schwor, den Blick auf die beiden gerichtet. Sie schwor vor all ihren Untertanen, den Göttern und sonst wem, aber eigentlich schwor sie es ihren Liebsten, ihren Treuesten, ihrer Familie.

Nachdem auch Nayara ihren Schwur gesprochen hatte, setzten sich beide Könige und beide Königinnen synchron auf ihre Throne – ein Zeichen ihrer Einheit. Jeder von ihnen trug einen Ring auf dem Kopf, eine Krone, die weitaus mehr Macht verströmte, als es die protzige vorherige Version jemals gekonnt hätte.



 

Jetzt, eine Stunde später, drückte ich zärtlich meine Lippen auf die meines eigenen Weibes, das ich mir zu meinem Leidwesen mit dem Griesgram von einem Galderon teilen musste. Zwar waren wir nicht vermählt, wie Menschen das hielten, doch für uns drei brauchte es keine Versprechen vor den Göttern. Wir brauchten auch keine Verbindung, die unserer Liebe auf die Sprünge half, wie sie es bei Cyrus zweifelsohne hatte tun müssen. Wir brauchten einfach nur uns.

„Ich gehe und hole uns etwas zu trinken“, raunte Irina an meine Lippen und verschwand gleich darauf schon in der Menge – Galderon dicht auf ihren Fersen.

Mein Blick glitt durch die Menge. Längst hatten die neu gekrönten Könige und Königinnen ihre Plätze verlassen und sich unters Volk gemischt. Nayara stand dicht an Cyrus gedrückt, ihrer beider Kind in ihren Armen wiegend und glücklich lächelnd. Darleen hatte sich politisch engagiert und war in eine äußerst hitzige Debatte über den angestammten Platz des Weibes mit einem fremdländischen Abgesandten verwickelt. Kretos hingegen war nirgends zu sehen. Genauso wenig wie unsere neue Hohepriesterin. Seit Kretos verheiratet und Emili die neue Hohepriesterin war, war den beiden kaum noch Zeit zusammen vergönnt, und ich war mir sicher, sie nutzten die Zeit … sinnvoll. Indessen stand sein Eheweib da, ein Glas feinstes Rot in der Hand, und sah sich schüchtern um.

Mein Blick glitt weiter zu Ellroc. Er stand allein, ganz am Rande der Veranstaltung. Weder hatte er zu den Häppchen gegriffen, noch bediente er sich an den bereitgestellten Erfrischungen. Soweit ich mitbekommen hatte, waren die letzten fünf Jahre schwer für ihn gewesen. Genau wie Cyrus hatte er schnell erwachsen werden müssen, und hatte gleich darauf ein ganzes Fürstentum auf seinen Schultern lasten gehabt. Die letzten fünf Jahre hatten ihn äußerlich unverhältnismäßig schnell altern lassen, gerade wenn man bedachte, wie wenige Sommer er eigentlich erst erlebt hatte.

Schließlich blieb mein Blick an einem ganz bestimmten jungen Mann haften. Elaboris – wie er es hasste, genannt zu werden – war in den letzten Jahren zu einem jungen Mann herangereift. Aus dem kleinen Langfinger war ein stattlicher junger Mann mit Bartschatten und ernstem Blick geworden. Und doch funkelte so manches Mal noch der Schalk darin – gerade in den Momenten, in denen er seine Geschwister um sich hatte. Jetzt jedoch war sein Blick weder ernst noch verspielt. Viel eher schien er mir ganz in seinem Kopf festzustecken. Und als mein Blick seinen Starren verfolgte, hatte ich Mühe, ein losgelöstes Lachen zu unterdrücken. Aber junge Liebe sollte man nicht necken, auch wenn sie gerade zu offensichtlich war.



Unbemerkt pirschte ich mich an meinen gelehrigen Schüler heran. Er war beinahe schon so gut wie Aurillia. Und niemand anderem galt sein gebannter Blick. „Weißt du …, sie ist zwar ein kleines bisschen älter als du …“

„Danach sieht sie aber nicht aus.“

Meine Miene verfinsterte sich unversehens. „Nein, das wohl. Aber lass dich davon nicht täuschen.“

„Sie war schon immer stärker als ich. Und jetzt sowieso.“ Boris verzog kurz das Gesicht. „Cyrus hat gesagt, er will mich erst in drei Jahren verwandeln. Was muss passieren, damit er das früher macht?“

Überrascht hob ich die Augenbrauen. „Du bist noch nicht ausgewachsen, Boris. Nichts wird ihn dazu bringen, dir dasselbe anzutun, wie man Aurillia angetan hat.“

„Aber drei Jahre sind eine Ewigkeit! Und sie wechselt nur zwei, drei Worte mit mir und verschwindet dann immer wieder! Wie soll sie sich so in mich verlieben?“

„Junge Liebe …“, murmelte ich leise, war selbst aber ratlos. Jahrhunderte lang hatte es für mich keine wirkliche Liebe in meinem Leben gegeben. Mein damaliges Weib war mit unseren beiden Kindern über alle Berge geflohen, als sie meine kalte Haut gespürt hatte. Danach hatte ich das Bette mit unzähligen Frauen geteilt – zumeist Menschenweiber –, aber wirklich eine langfristige Liebe, das kannte ich selbst erst seit Irina.

Aurillia blickte über die Menge hinweg, blieb kurz an mir hängen und ließ ihren Blick dann weiter suchend schweifen. Ich seufzte leise. Wenn sie die Lust übermannte, legte sie sich zu Irina, Galderon und mir. In letzter Zeit passierte es immer häufiger.

„Siehst du? Sie sieht mich nicht einmal an!“ Die Klage, dass sie dafür aber mich angesehen hatte, war nicht zu überhören.

„Weißt du …“, begann ich vorsichtig. „Aurillia hat eine schwere Zeit hinter sich. Mit dem Grigoroi-Werden kommen gewisse … Nebenwirkungen. Mit denen kämpft sie. Ich glaube, sie hat momentan keine Augen für irgendjemanden, der ihr bei diesen Problemen nicht helfen kann. Sie ist zu abgelenkt, als dass ihr dein Interesse auffiele.“

„Blödsinn! Ich bin kein Kind mehr und weiß genau, was hinter verschlossenen Türen passiert! Das Ding zwischen meinen Beinen funktioniert genauso gut wie deiner! Sie will mich einfach nicht. Weil mein Herz noch schlägt.“ Boris schüttelte unzufrieden den Kopf, zog die Schultern hoch und machte auf dem Absatz kehrt.



Ich wollte ihn aufhalten. Ganz sicher lag es nicht daran, dass sein Herz noch… Oder vielleicht ja doch? Nachdenklich glitt mein Blick auf Aurillia zurück. Teilweise hatte sie durchaus noch Kontrollverluste. Welche, bei denen der Instinkt in ihr übernahm. Eine Konsequenz der Wandlung in zu jungen Jahren.

„Timm?“ Ein sanft platzierter Kuss auf meinem Nacken brachte mich wieder ins Hier und Jetzt. Irina hielt mir ein Glas hin, welches ich dankend annahm. Ihr Blick glitt über die Menge. „Probleme beim Nachwuchs?“ Sie kicherte leise. „Hoffentlich werden die beiden nicht so schlimm wie Cyrus und Nayara.“

„Schlimmer als die beiden geht nicht, Liebste“, mischte sich Galderon ein.

Ein Klirren unterbrach meinen Versuch, zu antworten. Allerlei Blicke wurden auf das Podest gelenkt, wo Cyrus stand und offensichtlich darauf wartete, dass Ruhe einkehrte.

Cyrus räusperte sich. „Es waren turbulente Zeiten. Wir haben Verluste erlitten, und das nicht zu wenige.“ Traurig dachte ich an die Zwillinge, Eran und Aron, welche mit Cyrus den Toten Wald durchquert hatten. Amaro, der sich für Nayara geopfert hatte. Targes, der nicht mit der Scham hatte leben können, seine Königin verraten zu haben, und nicht mit dem Verlust seiner Lieben zurechtgekommen war. Ich schluckte schwer. „Doch dank der Liebe unserer Nächsten, der unerbittlichen Treue unserer Soldaten und letzten Endes der Güte und Unterstützung unseres Volkes, haben wir es geschafft, heute hierzustehen.“ Cyrus streckte seine Hand aus, und holte seine Verbundene inklusive Kind, die Stufen hoch. Nach einem verliebten Blick zu beiden, sprach er weiter: „Vor fünf Jahren hat eine eurer Königinnen einen Thronerben hervorgebracht, Elyra Leymissa Amina, welche die Linie der Ignis-Robur weiterführen und die Krone meiner Verbundenen irgendwann – an einem Tag, der hoffentlich noch in weiter Ferne liegt – übernehmen wird.“ Cyrus legte eine kleine Pause ein, hob die Hand, mit der er nicht gerade seine beiden Liebsten umarmte, und deutete auf drei Orte in der Menge. „Heute aber wurden noch drei weitere Könige gekrönt. Darleen, aus dem Geschlecht des Ora-Fides, Kretos, aus dem Geschlecht des Vide-Ludoris, und Ellroc, aus dem Geschlecht der Vitas-Ulcus, werden von heute an als gleichgestellte Könige zusammen mit Nayara regieren. Ein Land, keine Fürstentümer und kein Goldenes Reich soll es mehr geben. Ein Land, eine Einheit und ein Miteinander. Legen wir alte Streitigkeiten beiseite und schreiben unsere eigene Geschichte.“



Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare