Kapitel 1 – Die Stripperin
Kapitel 1 – Die Stripperin
Die hochhackigen, knielangen Lederstiefel, der knappe Latexstring und der Fetzen, den sie BH nannte, klebten ihr am Körper. Im Club war es heiß, die Gemüter der Gäste waren mit schmutzigen Fantasien gefüllt und Musik schallte laut durch den Raum – über die Sinnlichkeit, mit der Arabella ihren Tanz vollführte, bestimmend. Sie war wahrlich eine Ikone an der Stange. Ein Idol, von dem sich jede andere Tänzerin eine Scheibe abschneiden konnte.
„Hei, Püppchen! Hier spielt die Musik!“
Hastig wandte sich Evelynn dem schreienden alten Kauz zu, der ihr seit zwei Minuten die Ohren mit seinen Eheproblemen abquatschte. Sie nickte. „Sie haben vollkommen recht. Oh!“ Ihr Blick fiel auf ihre leere Rettung. „Darf ich Ihnen noch etwas bringen? Noch einmal einen Gin Tonic?“
„Ja, ja …“ Er winkte, scheuchte sie weg, wie er es mit einer lästigen Fliege getan hätte.
Evelynn machte kehrt. Die Bar als rettendes Ziel im Blick, stockte sie abrupt, als ein harter Schlag ihre freigelegten Pobacken zum Zittern brachte.
„Junges Fleisch hat heute einfach zu wenig Geduld!“
Und du hast zu viel getrunken, bemerkte sie stumm, schloss die Augen, atmete durch und ging weiter. Das falsche Lächeln hatte nicht auch nur eine Sekunde ihre Lippen verlassen. „Hey, Gio!“
„Amore!“ Ein Mann mittleren Alters, mit Bartschatten, schwarzen, lockigen Haaren und Lachfältchen um die Augen herum, kam auf sie zu. „Was darfs sein?“
„Gin Tonic.“ In Anbetracht der vollbesetzten Bar, deutete sie Giovanni ihre zweite Anweisung mittels Zeigefinger und Daumen, deren Abstand zueinander mit jeder Sekunde kleiner wurde.
Der Italiener runzelte die Stirn. „Soll ich ihm die Securitys auf den Hals hetzen?“
Abwinkend schüttelte sie den Kopf. „Das wäre verschwendete Muskelkraft.“ Aber eine kleine, alkoholarme Rache war schon etwas Feines.
„Verstanden!“ Giovanni bückte sich nach dem Tonic. Danach drehte er sich um und langte zielsicher nach dem Gin im rot beleuchteten Wandregal. Sowieso machten der Club und seine Einrichtung dem Namen Rotlichtviertel alle Ehre. „Du bist gleich dran, nicht?“
Evelynn nickte, wenig enthusiastisch. Sie war müde. Der heutige Tag steckte ihr noch in den Knochen. „Kannst du mir einen Gefallen tun?“
Giovanni lachte. „Noch einen?“
Flehend verzog Evelynn das Gesicht zu ihrem besten Hundeblick. „Könntest du Marco davon überzeugen, ‚Kiss‘ zu spielen, wenn ich gleich tanze? Er brummt mir jedes Mal ‚Pover of love‘ auf!“ Und daran glaubte sie nun einmal nicht. Liebe mochte eine schöne Sache sein, aber nicht für sie. Darüber hinaus hing ihr das Lied zu beiden Ohren raus, der Rhythmus passte nie und …
Giovanni lachte. Er lachte sie aus. Beleidigt zog sie eine Schnute. Jeder einzelne Mann an der Bar schloss sich dem Barkeeper an. „Ist ja gut!“ Kapitulierend hob er die Hände. „Ich würde unserem Devil doch nie einen Wunsch abschlagen!“
Zufrieden packte sie wieder ein Lächeln auf die Lippen und verschwand mit dem alkoholarmen Drink in der Menge. Giovanni blieb kopfschüttelnd, aber mit einem ehrlichen Lächeln zurück.
„Hier.“ Ein Tropfen schwappte über. Da war wohl doch noch etwas Aggression in ihr übrig. „Gin Tonic.“ Schnell drehte sie sich um, doch eine Hand an ihrem Handgelenk vereitelte ihren Plan, sich schnell aus dem Staub zu machen.
„Setz dich doch auf meinen Schoß, na?“ Der Zug an ihrem Handgelenk wurde fester. „Solltest du mich nicht ordentlich bedienen? Da springt auch ein schönes Trinkgeld für dich raus …“
Trinkgelder waren die halbe Miete. Aber private Strips fanden nicht hier im Clubraum statt. Und für solche Ekel, die sich damit die Kosten für das Séparée sparen wollten – in dem sie ihre eigentlichen Einnahmen generierte – schon gar nicht. Ihr Blick glitt zu Mambo, einem ihr bekannten Securitas. Aber noch wollte sie ihn nicht alarmieren. „Ich bin gleich dran. Private Tänze gibt’s in den Séparées.“ Damit verdrehte sie ihre Hand, packte wiederum sein Handgelenk und befreite sich damit aus seinem Griff. Schnell ließ sie ihn los und verschwand. Ihr schauderte bei solchen Männern. Doch sie war es sich auch nicht anders gewohnt. Die kurzen Hosen, die kaum mehr als Unterwäsche waren, und der dünne BH, der nicht wirklich etwas der Fantasie überließ, veranlassten gewisse Männer, zu schwanzgesteuerten, sturzdebilen Gewalttätigen zu degenerieren.
Marco nickte Evelynn zu. Wie immer hatte er eine verbitterte Miene aufgesetzt, wenn er sie ansah. Er konnte mit Ablehnung nicht umgehen, war glücklicherweise aber keiner derjenigen, bei denen Evelynn gefürchtet hätte, sie könnten handgreiflich werden.
Evelynn nickte zurück und sah zu, dass sie sich spurte und hinter den Vorhang in die Umkleide trat. Ihr Herz pochte.
„Und jetzt, begrüßt mit mir die einzigartige, verboten-verruchte, Devil!“
Evelynn ging direkt durch die Umkleide durch, grüßte zwei der Mädchen, deren Schicht gerade erst begann, knapp, und tauchte schließlich mit verführerischem Lächeln und schwingenden Hüften auf dem erhöhten Laufsteg auf, an dessen Ende die Stange angebracht war.
Erwartungsvolle Stille erwartete sie, als die Männer, die hier tranken, Deals abwickelten und sich Ansichtsmaterial fürs nächtliche Vergnügen mit ihren prüden Eheweibern suchten, innehielten und zu ihr aufblickten. So mochte sie das, dachte sie sich zufrieden, und ihre Augen blitzten auf. So schlecht war der Job nicht, fügte sie ihren Gedanken hinzu, als sie langsam nach der Stange griff und die Bewegung wirken ließ, als nähme sie etwas vollkommen anderes in die Hand. Ihren Oberkörper hatte sie vorgebeugt und ihre Hüften nach hinten ausgestreckt. Ihre spitzen B-Körbchen schoben sich an der Stange entlang nach oben und projizierten den Männern das Bild einer unterwürfigen, dummen, kleinen Möse in die Köpfe, die liebend gern die Beine für sie breitmachen würde. Das war es immerhin, was sieben Achtel der hier Anwesenden sich wünschten. Und das andere Achtel wurde in den Séparées ganz nach beliebigem Geschmack bedient.
Der Tanz nahm seinen Lauf, die Männer gafften und der Sabber lief. Nur die Scheine wollten heute scheinbar nicht so recht aus ihren Taschen fliegen, und das frustrierte sie. Einzig den laufenden Song konnte sie als Erfolg verbuchen. Marco hatte ‚Kiss‘ laufen lassen und der Devil bewegte seine Hüften dazu nach allen Regeln der verbotenen Künste. Ganz zum Ende hin streckte einer der Männer die Hand aus, und steckte ihr einen Schein in den Bund ihres Slips. Evelynn zwinkerte ihm zu und zog mit schwingenden Hüften ab. Als sie in der Garderobe den verfluchten Schein aus ihrem Slip zog, hatte sie das Gesicht ihres Gönners schon wieder vergessen. Der Hunderter in ihrer Hand zitterte.
Eine kalte Hand legte sich auf ihre Schulter. „Auch solche Tage gibt es, Devil.“ Evelynn nickte bloß apathisch. „Dein Tanz war klasse. Außerdem bist du gebucht worden. Der Boss sagt, du sollst gleich in die Vier.“
Wieder ein Nicken. „Alles klar.“ Sie schluckte. Sie mochte dieses Séparée nicht. Zumeist trafen sich dort eher dunkle Gestalten, bei deren Gesprächen man auf keinen Fall hinhören durfte. Aber das war egal. Dann würde sie heute eben dort alles auffahren müssen, um mit einem anständigen Lohn nach Hause gehen zu können. Immerhin hatte sie die Miete für den nächsten Monat noch nicht ganz zusammen. Essen musste sie auch und Strom oder eine laufende Heizung wären auch keine schlechte Sache. Aber zuerst die Miete. „Ich geh gleich rein.“
Vor dem Séparée angekommen, prüfte sie, ob alles noch an Ort und Stelle war, zupfte kurz an ihren Trägern herum und nickte dann entschlossen. Sie schob den Vorhang zur Seite, auf den Lippen wie immer ein Lächeln geklebt, jedoch mehr aus Gewohnheit als aufgrund eines aufrichtigen Selbstbewusstseins. Der Job war hart. Ihr Fell war dick. Das war notwendig, wenn man mit sechzehn von zu Hause weglief. Gerne hätte sie behauptet, es weit gebracht zu haben – Sie hob den Blick und erstarrte. Bemüht darum, sich die schwelende Wut in ihrer Brust nicht anmerken zu lassen, lächelte sie noch breiter und machte einen auf verblendetes Schulmädchen. „Sie haben mich für ein Séparée gemietet! Ich bin entzückt!“ –, doch das zu behaupten, wäre eine kolossale Lüge gewesen.
Gespielt schüchtern begann sie, sich an die Brüste zu fassen, während sie langsam auf den Herrn mit Gin Tonic in der Hand zuging. In all den Jahren, die sie nun schon hier arbeitete, hatte sie gelernt, Menschen einzuschätzen. Die wenigsten kamen in einen Stripclub, um einer Frau auf Augenhöhe zu begegnen. Jemand Kluges, Gebildetes, das war das Letzte, was sie hier erwarteten.
Der Mann leckte sich über die schmalen Lippen.
Evelynn legte eine Verbeugung hin und gewährte ihm damit Blick auf ihren Ausschnitt. „Devil, nennt man mich.“ Mit grazilen Schritten bewegte sie sich auf die Stange zu.
„Jaaa …“ Der Mann lehnte sich zurück und hob seinen Drink zum Mund. Evelynn nahm ihre Bewegungen auf. Mühsam hatte sie sich jede einzelne davon in überteuerten Pole-Dance-Stunden angeeignet. Die Stunden hatten sie mehr als einen Monatslohn gekostet. Und das, obwohl sie aufgrund ihrer Festanstellung Rabatt bekommen hatte. Doch trotz aller Hingabe und all der Jahre an Erfahrung, fühlte sich die Stange unter ihren Fingern fremd an. Sie sah beim Tanzen nicht so aus, wie Annabelle, die beim Tanzen mit der Stange verschmolz, eins mit ihr wurde.
Der Mann streckte seine freie Hand aus. „Na los, zieh dich schon aus!“
Schnell drehte sich Evelynn herum, und brachte ihren Hintern so aus der Reichweite seiner Hände. Auf der anderen Seite der Stange, wiederholte sie die anfängliche Bewegung ihres vorherigen Auftritts, kletterte dann ein kleines Stück die Stange hoch und ließ sich drehend im Sitz wieder hinuntergleiten. Bevor ihre Füße wieder auf dem Boden aufkommen konnten, winkelte sie die Knie an, spreizte die Beine und drehte sich im Hohlkreuz bis zum Boden hinab. Ihre Hand glitt zu ihrem Rücken und löste die dünnen Schnürchen, die ihren BH zusammenhielten. Der Fetzen fiel.
„Du siehst aus, als bräuchtest du mal etwas Richtiges zwischen die Beine.“ Mit einer Hand griff sich ihr Kunde an den Schritt und fing an, seinen Reißverschluss zu öffnen. „Reite lieber den hier und nicht die kalte Stange. Wir wissen doch beide, dass du eine kleine Hure bist.“
Evelynn versteifte sich. „Danke, nein danke.“ Sie stand auf, bückte sich nach ihrem Oberteil und hielt in ihrem Tanz inne – bereit, sofort abzubrechen.
Seine Augenbrauen erhoben sich. „Das ist aber kein Trinkgeld wert, wie du da nur rumstehst …“ Er hatte einen halbsteifen Lümmel in der Hand und fuhr daran hoch und runter, während seine Augen gierig an ihren Nippeln hafteten. „Erregt biste auch. Na los Schlampe …, komm her und hol’s dir!“
Fest biss sie sich auf die Unterlippe. Trinkgeld. Ein Wort mit so viel Macht. Bitter dachte sie an den einsamen Hunderterschein in ihrem Schließfach. Ein besseres Trinkgeld hatte sie von einem Mann nur selten bekommen, aber für den ganzen Abend wäre es eine ausgesprochen dürftige Ausbeute. Ihre Augen glitten zum Vorhang. Mambo oder einer der anderen Securitys hatte immer ein Auge auf die Eingänge der Séparées. Außerdem waren sie kameraüberwacht … Nur Nummer vier nicht. Und das wusste dieser Mann offensichtlich.
Der alte Mann gackerte leise. „Willst erst das Geld sehen, was? Eine waschechte Schlampe, wie ich es mir dachte. Ein Blowjob für 50 Bucks. Wenn du mich reitest, das Doppelte. Aber wenn du dich richtig rannehmen lässt, kriegst du nun Bonus.“ Der schmierige Typ beugte sich weiter vor und leckte sich dabei über seine Lippen. „Sag mir deinen Preis, Flittchen.“
Ihren Preis … Der Preis, für den sie sich prostituieren würde. Evelynn schüttelte den Kopf. „Ich bin Stripperin. Ich verführe die Sinne, nicht den Körper. Der Herr hat sich scheinbar im Etablissement geirrt. Rechts um die Ecke…“
„Also willst du kein Geld? Zu schade, denn ich habe dich für den ganzen Abend gebucht. Wenn du zickst, bekommst du gar nichts! Also los, zieh endlich deinen Slip aus und mach, wofür du geboren wurdest!“
Jetzt verschränkte Evelynn die Arme vor der Brust. „Bezahlt wurde schon, mein Geld bekomme ich so oder so.“ Nur Trinkgeld würde ausbleiben … „Solches Benehmen aber nennt sich Belästigung und ist hier untersagt. Recht auf Rückzahlung haben Sie nicht. Wenn Sie jetzt also ihren Lümmel augenblicklich wieder einpacken und verschwinden würden?“ Bei allem Geld der Welt. So ließ sie nicht mit sich reden! Sie drehte sich um und ging kopfschüttelnd zum Vorhang. Würde das mit dem Essen die Woche eben knapp werden …
„Nichts bekommst du, wenn ich nicht bekomme, was ich will!“ Schmerzhaft wurde sie an ihren Haaren zurückgezerrt; eine große Hand legte sich um ihren Hals. Des Mannes Gesicht war direkt vor ihrem, die Fahne streng. „Wenn du schreist, kleine Hure, drück ich dir die Luft ab!“
„Du willst mich umbringen? Hier?“ Sie lachte atemlos. Ihr Herz schlug schneller, doch die Panik, die sich jetzt in einem psychisch gesunden Menschen hätte breitmachen sollen, blieb aus. Zu oft war sie schon an diesem Punkt gewesen. Jedes Mal war es eine Stresssituation für ihren Körper, aber ihre Psyche härtete mit jedem Mal mehr ab. Die Hand um ihre Kehle festigte sich und ließ sie würgen. „Dann wirst du dafür belangt, verklagt und verurteilt. Bei Mord kommt man nicht so leicht davon!“ Auch wenn keineswegs jeder Richter in solchen Fällen die volle Härte des Gesetzes walten ließ. Gerade männliche Richter tendierten dazu, Frauen, die im Rotlichtmilieu tätig waren, selbst die Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Ekelhaftes patriarchalisches Pack!
Ein hässliches Grinsen verunstaltete sein Gesicht und er zog sie noch etwas näher, bis ihrer beider Lippen sich fast berührten. „Wer spricht denn hier von Mord? Bewusstlos machst du zwar nicht ganz so viel her, aber meinen Spaß werde ich trotzdem haben!“ Auf einmal griff er mit seiner zweiten Hand direkt zwischen Evelynns Beine.
Sie keuchte. „Ich bin keine Hure!“
„Und nass bist du auch schon. Sogar durch den Stoff hindurch.“ Mit der Zunge leckte er sich über die Lippen; seine Augen waren auf ihre leicht geöffneten fixiert.
Evelynns Herzschlag pochte laut und deutlich in ihren Ohren. Jetzt wurde selbst sie nervös. „Security!“ Sie versuchte, ihn von sich zu stoßen. Den Schwanz, der sich an ihrem unteren Bauch drückte, zu ignorieren. „Hil…mfh!“






























































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