Kapitel 2 – Der Held in glänzender Rüstung

Kapitel 2 – Der Held in glänzender Rüstung

 

Nish, ein muskulöser, leichenblasser Mann, mit hautengem, schwarzem Tanktop, ließ seine Faust schwungvoll auf den Mahagonitisch vor sich niedersausen, während im Hintergrund die Bässe irgendeines Liedes vom Clubraum in sein Büro drangen. Sein blasses Gesicht, umrahmt von kurzen, roten Locken, war zornverzerrt.

Die Süße hinter ihm, welche ihm gerade den Drink hatte hinstellen wollen, zuckte verschreckt zurück und ließ das Glas fallen. „I…ich bin gleich wieder da!“ Damit verzog sie sich.

Die Augenbrauen zweifelnd erhoben, sah Brian ihr nach. Wenn sie klug war, wartete sie noch zwei Minuten, bis er hier raus war, ehe sie wiederkam und ihren Boss beschwichtigte.

Nish schnaubte. „Du sorgst dafür, dass das nicht mehr vorkommt!“

Brian hatte Mühe, kein sarkastisches Lachen von sich zu geben. Mit einer Hand fuhr er sich durch das kurze, dunkelbraune Haar. „Natürlich. Ich kontrolliere jeden Drogenabhängigen in ganz Boston. Alles, was sie tun, geht auf meine Kappe. Wie auch nicht?“ Seine sonnengebräunte Haut glänzte im Licht der hellen LED-Lampen. Nishs unerwarteter Anruf hatte ihn in einem ausgesprochen ungünstigen Moment erwischt. Da war die hübsche Blondine so willig mit weit gespreizten Beinen in seinem Bett gelegen, und dann … dann rief Nish an und meinte, es gäbe einen Notfall. Wäre es nach Brian gegangen, hätte dieser Notfall auch bis morgen warten können.

„Das meinte ich nicht.“ Nishs Knöchel knackten. „Aber sie sollen meine Mädchen nicht anfallen, kaum verlassen sie den Laden! Dann die ständigen Belästigungen der Gäste. Das ist schlecht fürs Geschäft!“

„Dann gib mir ein besseres Gebiet, Nish. Hier treibt sich nun mal nur der abgefuckte Bodensatz der Gesellschaft rum!“ Brian unterdrückte ein Schnaufen, kniff leicht die Augen zusammen und fixierte Nish. „Du hast mir schon vor drei Jahren gesagt, dass ich bald was Besseres kriege.“

„Brian …“ Nish erhob sich, machte einen großen Bogen um die Scherben hinter sich und umrundete den Tisch. Das Nasenbein zwischen Daumen und Zeigefinger reibend, lehnte er sich rücklings an das dunkle Holz. „Du machst deine Arbeit gut. Ich sage ja auch nicht, du sollst nicht mehr verkaufen – damit würde ich mir ja selbst das Geschäft zerstören. Es sind nur wenige. Fünf oder sechs Junkies, die hier immer vor meinen Türen ihren Scheiß konsumieren und wahllos Leute anfallen. Sorge dafür, dass sie verschwinden. Es ist mir egal, wie du es machst. Solange du mich nicht mit reinziehst.“



Obwohl Nish aufgestanden war und entsprechend jetzt auf Brian hinabblickte, blieb dieser gelassen. Mehr noch. Er machte es sich auf dem Stuhl noch bequemer und lehnte sich weiter zurück. „Schön, ich kümmere mich darum. Aber dann muss auch endlich etwas mehr springen, Nish! Ich bin kein kleiner Dealer mehr, der anderen Kids vor der Schule billigen Scheiß verkauft.“ Das machten jetzt andere für ihn. Fünf kleine Dealer hatte er mittlerweile, sodass er kaum noch auf die Straße musste, um den Stoff an Leute zu bringen.

„Ich glaube, du verstehst da etwas falsch, lieber Brian.“ Nish stieß sich vom Tisch ab und holte eine Zigarette aus einem Etuit das auf dem Tisch lag. Aber nicht eine der dünnen, kleinen Dinger. Eine richtige, wie man sie früher geraucht hatte. „Du bekommst den Stoff von mir.“ Er griff nach dem Feuerzeug auf dem Tisch, und zündete den Krebserreger an. Kurz darauf entschwand eine weiße Rauchwolke seinem Mund. „Und bezahlst mich dafür. Nicht umgekehrt.“

Brian hatte Mühe, sich seine Unzufriedenheit nicht anmerken zu lassen. Seit Jahren arbeitete er nun schon für Nish. Er hatte sich langsam, aber stetig hochgearbeitet. Aber nun saß er in seiner Position fest und das wurmte ihn. Egal was er tat, Nish fand immer einen Fehler. Und seien es auch nur ein paar Junkies vor seinem Club. „Hast du zufällig noch ein paar Huren für mich?“

Nishs Augenbrauen schossen hoch, der Blick in seinen Augen war spöttisch. „Wenn du dich noch vergnügen willst, dann kannst du MiS im Séparée vier buchen. Sie macht die Kunden besonders glücklich. Aber wenn du meinst, mir meine Mädchen abwerben zu können, dann hast du dich geschnitten, Mann.“ Nish klopfte Brian auf die Schulter. „Und jetzt raus mit dir. Emili steht schon seit drei Minuten vor meiner Tür und wartet darauf, sich anständig zu entschuldigen.“

Brian erhob sich wortlos. Mirabelle hatte er schon mal gehabt. Obwohl sie sich verdammt gut bewegen konnte, entsprach sie nicht seinem Geschmack, doch was ihm bei ihr fehlte, konnte er nicht sagen. „Viel Spaß mit der Kleinen“, meinte er nur knapp und setzte ein vermitztes Grinsen auf. Nish ließ sich jetzt den Schwanz polieren, hatte Brian aber aus seinem Vergnügen herausgerissen. Das Los des Schwächeren in dieser Welt. Gott, wie Brian es hasste!



Er verließ das Büro und achtete nicht weiter auf die Kleine, die eilig zu Nish huschte. Brian wollte einfach nur noch raus aus diesem Schuppen und sich um seine Geschäfte kümmern.

Der Flur war nur spärlich beleuchtet und in den Séparées, die sich zusammen mit einigen Lager- und Besprechungsräumen sowie Nishs Büro hier im Gang befanden, schien es ruhig zu sein. Doch dann drang die irgendwie gelangweilte, aber deutlich abweisende Stimme einer Frau aus dem vierten Séparée heraus. Er war kein Spanner. Er hätte gar nicht hingehört, hätten ihn die Worte nicht sofort aufmerksam werden lassen.

„Du willst mich umbringen? Hier?“ Die Frau lachte auf, nervös, wie er fand. „Dann wirst du dafür belangt, verklagt und verurteilt. Bei Mord kommt man nicht so leicht davon!“

„Wer spricht denn von Mord? Bewusstlos machst du zwar nicht ganz so viel her, aber meinen Spaß werde ich trotzdem haben!“

Sie keuchte. „Ich bin keine Hure!“

„Und nass bist du auch schon. Sogar durch den Stoff hindurch.“

„Security!“

Brian sah sich um. Der Club war voll und die Security voll ausgelastet. Ein stummes Stöhnen ausstoßend, verfluchte er Nishs Unfähigkeit. Da hatte er nicht einmal genug Personal, um seine Mädchen innerhalb des Clubs zu schützen, echauffierte sich aber darüber, dass sie vor dem Club angegriffen würden?

„Hil…mfh!“

Na, das würde er Nish noch unter die Nase binden. Gleich nachdem er die Nase des Kunden gebrochen hatte. Perfekt, um Frust und Ärger abzubauen.

In einer fließenden Bewegung zog er den Vorhang beiseite und erfasste die Situation mit einem Blick. Sie war oben ohne. Eine große Hand lag an ihrem Hals, eine zweite Hand zwischen ihren Beinen. Natürlich hatte der Wichser ihren String zur Seite geschoben. Seine Finger steckten tief in ihrer Spalte.

„Lass sie los, Arschloch. Hier wird nicht gegrapscht!“ Brian wartete gar nicht erst auf eine Reaktion des widerlichen Typen, sondern schlug direkt zu. Seine Faust traf voller Wucht das Gesicht seines Gegners. Es knackte; gleich darauf floss Blut.

Der Alte schrie auf. Das ergraute Haar, übergossen mit Gel, rührte sich keinen Millimeter, als er rückwärts stolperte und sein Hintern mit dem Boden unliebsame Bekanntschaft schloss. Einen wütenden, besoffenen Schrei ausstoßend, sah er auf und funkelte Brian an. Tränen standen dem Mann in den Augen. Eine Hand schoss zu seiner Nase. „Das wirst du mir … noch büßen! Ich habe … für die Fotze … bezahlt!“



Die Fotze. Sie hatte auf den ersten Blick nicht schlecht ausgesehen. Innerlich grinste Brian. Mit etwas Glück war sie ihm für die Rettung dankbar und fiel, wenn er das Ekelpaket hier erst einmal herausgeschafft hatte, demütig vor ihm auf die Knie.

„Du hast zwei Möglichkeiten, du kleiner Pisser. Entweder gehst du jetzt und kommst nie wieder, oder du heulst weiter und ich bringe dich zum Chef. Aber ich sag’s dir gleich. Zu dem willst du ganz bestimmt nicht. Der verpasst dir nämlich noch ein blaues Auge oder schlägt dir ein paar Zähne raus.“ Wobei Brian durchaus Lust dazu hatte, dieses Arschloch zu Nish zu schleppen und ihn um seinen Blowjob zu bringen. „Naja, vielleicht hat der Boss auch gerade gute Laune …“

Der Mann spuckte zu Boden und verteilte seinen Speichel, der sich mit dem Blut, das aus seiner Nase floss vermischt hatte, im Raum. „Hol doch den Boss!“ Er rappelte sich auf, wobei sein Schwanken eine deutliche Sprache sprach. „Ich habe bezahlt! Jeder weiß, dass man im Vier extra bezahlt, aber auch extra bekommt!“

„Ja, wenn du die richtige Tussi nimmst, Arschloch.“ Anstatt sich weiter mit dem Problem zu befassen, beugte sich Brian vor und packte den Typen am Kragen, um ihn wieder auf die Beine zu ziehen. Und das, obwohl der Mann locker vierzig Kilo zu viel auf die Waage brachte.

„Also, verpissen oder zum Boss? Letzte Chance, den Schwanz einzuziehen.“ Brian zerrte den unliebsamen Gast aus dem Séparée und sah sich kurz im Flur um. Aber von der kleinen Schönheit fehlte jede Spur. Vielleicht war sie ja gerade bei Nish.

 

Evelynn hastete mit schnellen Schritten durch den Personalgang in die Umkleide. Den BH hielt sie in ihren zitternden Händen. Keuchend kam sie zum Stehen, stützte ihre Hände auf den Knien ab und versuchte, sich zu beruhigen. Ein leises Schluchzen überkam sie.

„Evy?“

Evelynn schreckte auf, ihre Augen waren gerötet. „Arabella?“

Die atemberaubende Tänzerin kam schnell und besorgt auf Evelynn zu, legte ihr eine Hand auf den nackten Rücken und führte sie zu einem der Hocker. Als Evelynn saß, ging Arabella neben ihr in die Hocke. „Was ist passiert?“

„V…vier… ein Mann …“

„Sh …“ Beruhigend strich ihre Freundin ihr über den Rücken. „Hast du es Nish berichtet? Die Security gerufen?“



„Ich habs versucht … aber … sie waren beschäftigt, und Nish“, ein Schniefen unterbrach sie, „Nish hat um diese Zeit immer seine privaten Besprechungen.“

Arabella nickte verstehend. „Dann werde ich es ihm sagen gehen. Deine Schicht wäre in einer Stunde doch sowieso fertig. Du gehst jetzt nach Hause.“ Ehe Evelynn die Chance hatte, zu protestieren, sprach Arabella schon weiter. „Die Mädchen werden schweigen und du bekommst deinen Lohn. Außerdem“, sie griff sich in den Glitzer-BH und zog das Trinkgeld ihres letzten Tanzes heraus, „nimmst du das. Ich weiß, wie es bei dir finanziell aussieht.“

„Ab…“

„Du kannst es mir zurückgeben, wenn du wieder auf den Beinen bist. Außerdem hast du vor deiner Schicht nichts gegessen. Schon wieder.“

„Ich habe nun mal nicht die Zeit …“

„Nach Hause mit dir. Jetzt.“ Arabella richtete sich auf. „Als Freundin müsste ich dir jetzt sagen, dass du dir für morgen gefälligst freinehmen sollst.“

Evelynn sah mit verquollenen Augen zu der standhaften Frau auf. Drei Kinder hatte sie zu Hause. Drei Kinder und einen Mann, der auf der Baustelle arbeitete. Sie kamen durch, aber auch sie lebten nicht im Überfluss. Evelynn starrte auf die drei Fünfziger, die Arabella ihr in die Hand gedrückt hatte. Damit hätte sie zumindest das Geld für die Miete diesen Monat zusammen. Fällig war sie morgen. Sie wollte gerne. So gerne. Aber sie konnte das Angebot nicht ausschlagen. Wenn sie wieder auf der Straße landete, konnte sie auch nicht mehr arbeiten.

Arabella seufzte, legte ihre Hand unter Evelynns Kinn und hob es an. „Aber ich weiß auch, dass es dir sonst nicht reicht. Also geh jetzt und ruh dich aus.“ Arabellas Mundwinkel zuckten. „Kleiner Pandabär.“

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