Kapitel 4 – Kinderbetreuung
Kapitel 4 – Kinderbetreuung
Der Arbeitstag verlief einigermaßen gut. Es gab viel zu tun. Sämtliche Besucher hatten heute offenbar vergessen, woher sie ihre Bücher geholt hatten. Dabei hätte Evelynn Wichtigeres zu tun gehabt, als deren Bücher zurückzustellen. Es war eine ganze Lieferung neuer Bücher angekommen, die einsortiert und ins System aufgenommen werden mussten. Die Kunden kannten heute keine Geduld, und ihr kleiner Herr Sohn? Der spielte ruhig, aber sichtlich gelangweilt in der Spielecke vor sich hin, und schaute immer wieder einmal zu seiner Mutter hinüber. Zu Hause hatte er einen Plüschbären gefunden. Evelynn wusste, woher der stammte, und am liebsten hätte sie ihrem Sohnemann gesagt, dass er ihn nicht behalten konnte, aber … aber er hatte so schon wenige Spielsachen. Und die, die er hatte, waren abgenutzt oder kaputt. Also hatte sie ihm den Bären gelassen. Wie hätte sie ihn ihm auch wegnehmen können, nachdem er sich strahlend wie die Sonne bei ihr bedankt hatte – und ihr damit unwissend eine emotionale Ohrfeige verpasst hatte. War es richtig gewesen, Emanuel rauszuschmeißen? Hatte sie übertrieben?
„Entschuldigung?“ Ein junges Mädchen war an den Tresen getreten.
„Ja?“ Evelynn setzte ein Lächeln auf, wie sie es immer tat. Es glich geradezu einem Reflex.
„Ich bräuchte Hilfe. Ich weiß nicht, wie man die Computer zum Ausleihen bedient.“
„Ah, ja…“
„Evelynn!“ Die unangenehm hohe Stimme ihrer Chefin ließ sie herumfahren.
„Wenn du fertig bist, komm in mein Büro!“ Der scharfe Blick ihrer Chefin glitt zu der jungen Kundin und dann wieder zurück zu Evelynn. Wäre die Kundin nicht, hätte sie ihre Aushilfe schon jetzt zurechtgewiesen. Aber nicht vor Kunden.
„Natürlich, Rosalinda …“ Evelynns Blick huschte zu Yannis, der ihre Chefin mit Argusaugen beobachtete. Ihr Junge hatte eine gute Intuition, stellte Evelynn nicht ganz ohne Stolz fest. Leider hatte sie nur ihrer Intuition wegen den Job nicht ablehnen können.
Gezwungen glitt ihr Blick zurück zu der Kundin, die nichts von der angespannten Atmosphäre mitbekommen zu haben schien. „Kommen Sie …“
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend klopfte sie wenig später an Rosalindas Bürotür. Yannis hatte sie gebeten, genau dort zu bleiben, wo er war. Nicht mit Fremden mitzugehen. Und zu spielen. Und wenn etwas passierte, dann würde er schreien. Sie war eine schreckliche Mutter.
„Ja!“
Evelynn streckte den Kopf rein. „Du wolltest mich sehen?“
Die Frau in den Vierzigern verzog unzufrieden das Gesicht und prüfte, wie so oft, dass ihr strenger Dutt noch saß. „Ist das dein Sohn, der da seit Stunden in unserer Spielecke sitzt?“
Evelynn trat einen Schritt hinein und schloss schnell die Tür hinter sich. „J…ja.“ Schuldbewusst sah sie zu Boden.
„Ich bezahle dich nicht fürs Nichtstun! Du hast die neue Ware noch nicht mal ins System eingetragen! Das geht so nicht! Und meine Bibliothek ist kein Kindergarten!“
„D…das … Ich habe nicht mit ihm gespielt! Er spielt alleine, ich behalte ihn nur im Auge. Und die neue Ware ist noch nicht eingetragen, weil heute allerlei Besucher hier sind und Hilfe brauchen. Ich bin die ganze Zeit dabei, die hervorgeholten Bücher wieder zu versorgen, Neulingen bei Ausleihen zu helfen oder Bibliothekskarten auszustellen! Vorhin war eine Klasse da, jeder Schüler wollte eine eigene Karte!“ Kalter Schweiß trat auf ihrer Stirn hervor. Wenn sie gefeuert würde, müsste sie sich schon wieder einen neuen Job suchen, und das war ohne Schulabschluss eine Tortur! „Es tut mir wirklich leid, Rosalinda. Der Kindersitter konnte heute nicht, und ich habe auf die Schnelle niemanden mehr gefunden …“
„Das ist nicht mein Problem. Wenn ich ihn hier noch einmal sehe, kannst du direkt wieder gehen. Und wenn du bis Ende deiner Schicht nicht deine Arbeit erledigt hast, brauchst du morgen nicht mehr kommen!“ Die Augen der Bibliothekarin ruhten ernst und völlig ohne Mitleid auf der jungen Frau. „Und jetzt weg mit dir. Ich habe auch genug zu tun, ohne die ständig hinterherzuräumen!“
Evelynn sah zu, dass sie sich spurte. Kaum war sie aus dem Büro, lehnte sie sich mit dem Rücken an die Wand und atmete tief durch. Rosalinda war ein Biest. Was konnte sie dafür, dass der Lohn zu gering war, um einen richtigen Kindersitter zu zahlen? Inwiefern war es ihre Schuld, dass ihr Arbeitgeber – keiner von beiden – für alleinerziehende Frauen auch Hilfen anbot? Oder zumindest ein höheres Gehalt? Und bei Gott, in welchem Universum konnte man sie dafür zur Verantwortung ziehen, dass heute alle Menschen irgendetwas von ihr wollten und sie nicht zu ihrer Arbeit kam?!
Stunden später war sie mit der Arbeit immer noch nicht durch. Rosalinda verabschiedete sich um sechs mit einem bösen Blick in Richtung Yannis, während Evelynn immer noch dabei war, die gelieferten Bücher ins System einzutragen. Unmengen davon.
Yannis starrte mit argwöhnisch zusammengekniffenen Augen zurück. Kaum hatte Rosalinda die Bibliothek mit ihrem verdammt perfekten Dutt verlassen, stand Yannis auf und stakste zu seiner Mutter. Sie hatte Aua. Sie weinte. Hatte sich hinter den Tresen gehockt und weinte. Yannis schaute sich um. Momentan war der Bereich, in dem sie waren, bis auf sie beide leer. Wie auch schon am heutigen Morgen hockte er sich zu ihr hin und streichelte mit seiner kleinen Hand über ihren Kopf. „Mami? Ist die Frau da böse? Hat sie dir wehgetan?“
Hastig schüttelte Evelynn den Kopf, zog ihren kleinen Jungen zu sich und nahm ihn ganz fest in den Arm. „Nein, mein Schatz. Sie ist nur sehr streng. Und Mami hatte nicht viel Schlaf. Ganz viel Arbeit. Erzähl, wie geht es dir? Hattest du einen schönen Tag?“
Yannis schaute in die nassen Augen seiner Mutter auf, nickte und ließ sich von ihr die Haare verstrubbeln. „Anna hat mir gezeigt, wie man liest. Also habe ich es geübt.“
Evelynn lächelte, schniefte leise und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Anna also, ja? Wie geht es ihr? Vorgestern warst du bei ihr, nicht?“
Yannis guckte traurig und nickte. „Sie liegt wie immer im Bett. Manchmal ist ihr Blick ganz verträumt, als wäre sie gar nicht da. Aber … sie ist doch genauso alt wie du … Ich verstehe nicht, wieso sie so viel liegen muss.“
„Weil sie sich ausruhen muss, Schatz. Anna hat eine Krankheit. Und weil diese Krankheit böse ist, ist sie oft müde.“
„Hat sie deswegen keine Haare mehr?“
Evelynn nickte. „Das ist richtig. Aber du bist immer lieb zu ihr?“
Yannis beeilte sich zu nicken, sein Kopf hüpfte auf und ab. „Ganz lieb! Ich habe für uns gekocht!“
„Ach so?“
Stolz schwoll seine Brust an. „Ja! Sie hat gesagt, ich soll mit dem Schwingbesen Eier, Mehl und Milch mischen!“
„Und dann?“
„Dann zu Pfannkuchen braten!“ Ein stolzes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Ich kann jetzt Pfannkuchen machen! Und Lesen!“
„Ah, ja?“ Sie kniff ihn in die Seite. „Und sie hat dir dabei sicher nicht geholfen?“
Yannis legte den Kopf schräg, den Mund seitlich verzogen. „Vielleicht … ist sie auch kurz aufgestanden und hat selbst gebraten … Vielleicht hat sie auch gesagt, ich darf noch nicht an den Herd, weil er zu heiß ist.“
„Aha.“ Mit einem echten, amüsierten Lächeln auf den Lippen wischte sich Evelynn auch die letzten Tränen weg und erhob sich wieder. Zum Glück war niemand reingekommen und hatte ihren kleinen Nervenzusammenbruch miterlebt. Vielleicht ging es auch wieder auf ihre Periode zu. Da gab es stets diese eine Woche, in der ihre Gefühle wild umherwimmelten und sie anhand von Kleinigkeiten wie einer Rüge oder einem Gedanken in ein tränendes Tief stürzen ließen. Beim Anblick der ganzen Bücher, die sie heute noch eintragen und versorgen musste, kamen ihr die Tränen gleich wieder hoch.
„Yannis?“
„Mh?“
„Magst du noch etwas länger spielen? Wenn wir nach Hause gehen, gibt es dann Essen.“
Yannis war nicht besonders begeistert davon, noch länger in diesem staubigen Gebäude herumzusitzen. Viel lieber wollte er nach draußen und spielen, anstatt ruhig zu sein und seinem neuen Bären – mit dem irgendetwas nicht stimmte, denn seine Mutter hatte bedrückt gewirkt, als er ihn gefunden hatte – noch einmal das ABC beizubringen. Er antwortete ja doch nicht. Aber Yannis nickte. „Dann gibt es aber Pfannkuchen!“ Das war seine Belohnung, entschied er. Und seine Mutter stimmte zu, schon wieder Tränen in den Augen tragend.
Die Sonne war bereits untergegangen, als Evelynn mit einem hungrigen Yannis an der Hand durch die dunklen Gassen der Großstadt huschte. Immer wieder sah sie sich um. Es war ihr nicht wohl, hier in der Nacht herumzustromern, wusste sie doch um die Risiken, die sie damit in Kauf nahm. Es war etwas, wenn sie allein war. Aber mit Yannis an ihrer Seite war das eine ganz andere Sache. Ihre Wohnung befand sich nicht im sichersten Teil Bostons. Nicht einmal ansatzweise.
An den Straßenrändern und in den Gassen saßen Junkies; Gauner und Vergewaltiger lagen auf der Lauer. Um den Weg in den Stripclub auf sich zu nehmen, hatte sie ein altes Fahrrad, doch darauf konnte sie Yannis nicht mitnehmen.
„Mami? Meine Füße tun weh.“
Evelynn nickte, hielt inne und hob ihren Sohn hoch. „Wir sind gleich zu Hause.“ Er war eben doch erst vier süße Jahre alt …
Kaum hatte Evelynn die Tür hinter sich geschlossen, atmete sie tief durch. „Pfannkuchen, wolltest du machen, nicht?“
„Ich?“
Sie grinste. „Ja, du. Ich weiß nicht, wie das geht.“ Sie wuschelte ihm durchs Haar. „Na los, hol schon mal die Zutaten aus der Schublade. Ich bin gleich wieder da.“ Sie warf einen gehetzten Blick auf die Uhr. Drei Stunden noch, dann begann ihre Schicht.
In der folgenden halben Stunde war Evelynn damit beschäftigt, die Pfannkuchen in der Pfanne zu wenden, während sie die Zeit, die sie zum Anbraten brauchten, nutzte, um sich eine Schicht Make-up nach der anderen ins Gesicht zu klatschen. Sie hasste dieses Zeug. Es fühlte sich künstlich und klebrig auf ihrer Haut an. Außerdem war sie schön genug ohne. Aber was würde passieren, wenn einer ihrer nächtlichen Kunden des Tages in der Bibliothek plötzlich auf den nackten Traum von letzter Nacht träfe? Evelynn setzte die Schattierungen gekonnt. Ihr Gesicht nahm leicht andere Züge an und ihr Haar fiel ihr im Club offen, in wilden, schwarzen Zapfenlocken ins Gesicht, während sie es des Tages streng nach hinten gebunden trug.
Als sie es schließlich zu Tisch schafften, stand vor ihnen ein – zu größten Teilen verbranntes – Desaster. Aber so viel Hunger hatten die beiden sowieso nicht. Die oberen vier Stück – die, bei deren Zubereitung sie sich bereits fertig geschminkt hatte – würden als Abendessen reichen müssen.
































































Kommentare