Kapitel 5 – Ein Fehler mit Folgen

Kapitel 5 – Ein Fehler mit Folgen

 

Tanzen, Hüftschwung, Drehung um die Stange und laszives Über-die-Lippen-Lecken. Brian beobachtete die schwarzhaarige Tänzerin, die sich die Nacht davor, so dreist ohne ein Wort des Dankes aus dem Staub gemacht hatte. Sie tanzte auf der Hauptbühne, hatte heute ihren zweiten Auftritt und war zwischendurch im Club herumgewuselt und hatte Drinks verteilt. Er hatte sie beobachtet. Sie setzte sich niemandem auf den Schoß, wie die anderen Tänzerinnen. Sie redete auch nicht viel, wodurch sich ihre Beliebtheit und ihr Trinkgeld in Grenzen hielten, und ihr Lächeln verrutschte immer häufiger, je länger die Nacht sich hinzog.

Sie war heute nicht recht anwesend, hatte er das Gefühl. Sie wirkte übermüdet, wenn er seiner Intuition trauen durfte. Eine Stripperin war dazu da, den Männern das Gefühl zu geben, begehrt zu sein. Selbst den Dicken, den Pickligen und den Stinkenden. Eine Stripperin lächelte und tat so, als wäre das Lächeln echt, ein Zeichen von wahrer Zuneigung. Ganz ähnlich einer Nutte. Aber diese Stripperin machte ihrem Ruf heute keinerlei Ehre.

Er hatte sich umgehört. Viel war hier nicht über sie bekannt. Sie nannten sie Devil. Der Teufel im Adamskostüm. Seine Augen folgten ihren Bewegungen. Sie machte eine Drehung an der Stange – beinahe hätte sie sich mit den hochhackigen Schuhen vertreten und wäre gefallen. Sie überspielte das Ungeschick geschickt, aber Brian hatte es gesehen.

Vermutlich hatte sie Probleme. Jeder, der hier war, hatte Probleme. Waren es die Tänzerinnen oder die Gäste. Sollte die Kleie Geldprobleme haben, könnte er sie lösen. Nish wäre sicherlich nicht böse darum, wenn die Kleine hier kündigte, denn so großen Zulauf hatte sie nicht. Ganz vorn waren noch ein paar freie Plätze.

Brian stand auf und ging in langsamen Schritten ganz nach vorn. Während er einen 50er aus seinem Portemonnaie zog, setzte er sich. Indem er mit dem Schein wedelte, machte er auf sich aufmerksam. Er hatte ihr schon einmal ein Trinkgeld gegeben. Er hatte sie schon das letzte Mal ansprechen wollen. Dann war sie weg gewesen.

Devil lächelte in seine Richtung, ihre Augen aber blieben trüb. Sie trat von dem Podest, ihre Hüften verführerisch schwingend. Sie beugte ihren Oberkörper zu ihm vor, ließ ihn den Schein in ihren BH stecken und fuhr ihm mit der Hand sanft über die Wange. In einer fließenden Bewegung wurde sein Kinn angehoben und von ihren Brüsten, die von einem Hauch von Nichts verborgen wurden, weggezerrt, wo ihn ein verschmitztes – wohl eingeübtes – Zwinkern erwartete.



„Danke, Süßer.“ Ihre Stimme klang rau und ihr Atem roch nach Joint.

Als Dank für das Trinkgeld tanzte sie eine Weile nur für ihn. Immer wieder glitten ihre Hände über ihren Körper, um Wünsche und Begierden zu wecken. Ein subtiles Geschäft, aber es funktionierte. „Lust auf mehr?“, fragte er unverblümt und lehnte sich zurück.

Keine Sekunde schwand ihr Lächeln, aber in ihren Augen blitzte es. „So gut du auch aussiehst, mein Lieber“, schnurrte sie. „Damit würde ich anderen die Arbeit nehmen. Das tun brave Mädchen nicht.“ Ihre Hand glitt an ihrem Körper nach unten, wo sie sich subtil über die Vorderseite ihres Slips strich. „Wenn du ein Problem männlicher Art hast, musst du schon ins nächste Etablissement.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und kehrte auf ihre kleine Bühne zurück.

„Süße, wer hier ein Problem hat, bist definitiv du.“ Er lachte leise und schüttelte den Kopf.

Sie wandte den Kopf herum. „Wie darf ich das verstehen, der Herr?“ Zeigte ihm ihr Höschen zu wenig? Innerlich schnaubte Evelynn und fand sich selbst noch lustig dabei. Als sie hergekommen war, hatte ihr Boss, Nish, gerade draußen vor der Hintertür einen Joint geraucht. Irgendwo in der hintersten Ecke ihres Kopfes wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war, sein Angebot, auch einen Zug zu nehmen, anzunehmen. Er wollte wohl, dass sie lockerer wurde. Aber das war nicht, wie sie auf Cannabis reagierte.

„Ich wollte einen privaten Tanz. Aber du scheinst mir dafür nicht in Stimmung zu sein.“ Brian zog wieder sein Portemonnaie hervor und holte ein paar Scheine hervor. Demonstrativ sah er sich nach den anderen Tänzerinnen um, die die Gäste bedienten. Sollte die Kleine wirklich nur Geldprobleme haben, würde sie sich beim Anblick der Scheine sicherlich anbieten. Wenn nicht, wäre sie auch nichts für seinen Puff. Er brauchte keine Frauen, die angeekelt die Nase rümpften oder glaubten, sie seien zu gut für das horizontale Gewerbe.

Die Tänzerin, Devil, wurde um einige Nuancen blasser, als sie die Scheinchen sah. Kurz entschlossen setzte sie wieder ihr Lächeln auf und kicherte leise – künstlich. Aber sie machte es nicht so schlecht. Jemand, der sich nicht damit auskannte, hätte es ihr vermutlich abgekauft. „Ich habe Sie wohl falsch verstanden.“ Aufreizend spielte sie an ihrem Höschen rum. „Ich tanze sehr gern für Sie.“ Sie gab dem Barmann ein Zeichen, zwei Finger hatte sie erhoben. Dieser nickte ihr freundlich zu. „Séparée zwei.“ Unschuldig befeuchtete sie ihre Lippen. „Dort sehen wir uns gleich nach meinem Tanz.“



Brian nickte knapp, trank sein Glas aus und erhob sich. Immerhin wurde vorab bezahlt, direkt beim Barmann, Gio. Nur kurz überlegte er, ob er einen Schein mehr drauflegen sollte, um die vier zu buchen. Aber dann würde die kleine Lolita sicher auf dem Absatz kehrtmachen. Nur kurz sah er noch einmal zur Bühne. Da sie noch tanzte, bestellte er sich einen neuen Drink und zog sein Handy aus dem Jackett. Eine Nachricht von einem seiner Dealer. Er wäre ausgeraubt worden und habe Stoff und Geld verloren.

Brian verzog das Gesicht. Ausgerechnet heute, wo er die kleine Devil hatte abchecken wollen. Das musste also noch etwas warten. „Gio? Können wir das verschieben?“

 

Als Evelynn an den Tresen kam, um das Go für den Tanz zu bekommen, schaute Giovanni mitleidig drein. „Tut mir leid, Amore. Er musste gehen.“

Evelynn nickte. Sie beendete ihre Schicht, in dem Wissen, dass sie kein Brot, keine Butter und auch sonst nichts mehr zu Hause hatte. Der Fünfziger, der bereits sicher in ihrem Spind lag, kam ihr in den Sinn, und sie zuckte die Schultern. Morgen würde sie damit einkaufen gehen. In der Mittagspause.

 

Als Evelynn in dieser Nacht nach Hause kam, saß eine dunkle Gestalt vor ihrer Wohnungstür. Sie erstarrte. Sie kannte die schmächtigen Umrisse dieser Person. „Was machst du hier?“

„Evelynn …“

„Nein, Emanuel. Ich habe dir gestern gesagt, ich will dich nicht mehr sehen.“

„Lynni, ich muss irgendwo schlafen! Ich bitte dich, ich habe sonst nichts!“

Evelynn zischte abfällig. Die bleierne Gleichgültigkeit, die sie in den letzten Stunden immerzu in ihren Fängen gehalten hatte, hatte nachgelassen. Umso klarer wurde ihr nun, dass sie sich heute dazu hatte überreden lassen, Drogen zu nehmen. Und ob es nun fair sein mochte oder nicht – in Evelynns Augen war Emanuel an ihrer Misere schuld. „Raus!“

 

Brian saß auf der Rücksitzbank eines seiner schwarzen Vans und sah zu dem schäbigen Haus, in dem sein Dealer vor einer halben Stunde verschwunden war. „Wenn er in den nächsten zehn Minuten nicht rauskommt, gehen wir rein.“

Seine Männer nickten ernst. Sie alle hatten ihre Waffen für den Ernstfall dabei, auch wenn Brian nicht daran glaubte, diese heute zu brauchen. Sein Dealer, Emanuel, war eher einer der ruhigen Sorte. Und bisher war er auch immer verlässlich gewesen, hatte pünktlich seinen Stoff geholt und pünktlich den Gewinn abgegeben. Deswegen würde er halbwegs fair bleiben.



Brian prüfte seine Waffe. Dann blickte er noch mal auf sein Handy. Immer noch keine Nachricht von Emanuel.

„Da war gerade jemand.“ Sein Fahrer fummelte mit einer Hand am Innenspiegel herum. „Jemand ist reingegangen!“

„Zehn Minuten“, erinnerte Brian seine Männer. Immerhin wusste er jetzt, dass Emanuel Geld oder Stoff jemand anderem gegeben hatte. Unzufrieden knirschte er mit den Zähnen.

Nach nur sechs Minuten kam Emanuel wieder heraus. Der schmächtige Kerl zog seine Kapuze tief, steckte die Hände in die Hosentaschen und machte sich daran, eilig die Straße zu überqueren.

„Fahr ihm ein Stück hinterher“, wies Brian den Fahrer an. Zum Glück hatte Emanuel die Straßenseite gewechselt. So musste Brian nicht mal aussteigen, sondern seine Männer übernahmen das. „Hier!“

An einer Laterne stoppte das Auto direkt neben Emanuel. Die Türen auf der rechten Seite öffneten sich und Brians Männer stiegen aus. „Na, wen haben wir denn da?“, spuckte Rick, packte Emanuel grob am Kragen und schlug ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Sein Kollege holte ebenfalls aus und verpasste Emanuel einen heftigen Schlag in die Magengrube.

Brian sah ohne jegliche Gefühlsregung dabei zu, wie Emanuel von seinen Männern bearbeitet wurde. Erst als dieser kaum noch auf eigenen Beinen stehen konnte, griff Brian ein. „Genug. Schafft ihn ins Auto. Ich habe noch Fragen.“

„B…brian?“ Der schmächtige Dealer hob den Kopf, konnte durch das geschwollene Gesicht aber kaum mehr etwas sehen. „B…boss…“

Brian wies seine Männer mit Handzeichen an, den Dealer ins Auto zu befördern. Kurz darauf saß der reichlich lädierte Typ eingekesselt neben ihm und Rick, der sich wieder hinter den Beifahrersitz gesetzt hatte. „Fahr los.“

Das Auto fuhr weiter, in Richtung Main Street. „Und nun erzähl mir, wo mein Geld und der Stoff ist. Wo wurdest du ausgeraubt?“

Emanuel ächzte unter Schmerzen und wischte sich mit einem Ärmel seines Hoodies das Blut von der Nase. „Ecke Russel und Auburn.“ Seine Stimme klang nasaler als sonst. Offenbar hatten die Männer ihm die Nase gebrochen.

„Wann? Wie viele? Konntest du ein Gesicht erkennen?“ Brian wusste schon jetzt, dass Emanuel lügen würde. Aber er wollte ihm diese Chance geben, war er bisher doch immer verlässlich gewesen.



„Nein, Boss, ich hab nichts gesehen. Kein Gesicht.“ Emanuel spuckte das Eisen-Spucke-Gemisch in seinem Mund aus. „Sie hatten Masken auf. So verdammte Clownsmasken! Waren in der Überzahl und haben mich auf dem Hinweg zu meinem angestammten Platz abgefangen! So verdammte Witzbolde, mit Knarren in den Händen!“ Er keuchte. „Die haben ernst gemacht. Mich niedergeschlagen!“

„Knarren, ja?“ Brian schüttelte unmerklich den Kopf. „Und warum haben sie dich dann niedergeschlagen, wenn sie dir dein dummes Hirn hätten wegpusten können?“ Ein Blick zu Rick zeigte ihm, dass auch er nicht an die Geschichte glaubte.

„Dafür, dass sie dich niedergeschlagen haben, hast du aber vorhin noch ganz gut ausgesehen. Hast nicht mal gehumpelt oder so. Und dein Gesicht war auch noch heile“, bemerkte Rick und schlug Emanuel in die Seite. „Und wie viele waren es, hä?“

„Ich s…sage die Wahrheit, Boss! Würde dich nicht belügen! Würd ich nie wagen! Ich hab das Zeug nicht mehr!“

„Na, das will ich für dich hoffen, Junge. Du weißt, am Ende finde ich immer die Wahrheit heraus.“ Brian gab seinem Fahrer ein Zeichen. Dieser wusste, wo sein Boss hin wollte, und setzte an der nächsten Kreuzung den Blinker.

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