Kapitel 6 – Leid, Reue und Schmerz

Kapitel 6 – Leid, Reue und Schmerz

 

Ein ruhiger Tag. Perfekt, um sich auf ihren Augenringen auszuruhen. Oh, wie schön es doch wäre … Evelynn schlief beinahe im Stehen ein. Die gestrigen Überstunden, kombiniert mit den schlechten Einnahmen im Club, hatten ihr einiges an Schlaf geraubt. Und dann war da noch Yannis. Nie würde er sich beklagen, er sähe seine Mutter zu wenig. Aber das musste er auch nicht. Sie sah es, spürte es, wenn er ihr mit stolz geschwellter Brust von seinen neuesten Errungenschaften erzählte. Der kleine, traurige Funke, dass sie es nicht selbst gesehen, nicht dabei gewesen war. Sie verpasste seine ganze Kindheit und sie konnte nichts dagegen tun. Einzig versuchen, noch mehr zu arbeiten, noch mehr zu leisten … damit sich ihre Umstände vielleicht irgendwann bessern würden.

Müde zuckte ein Lächeln an ihren Lippen. Sie kam sich vor, wie einer der Hauptcharaktere in diesen schlechten Romanzen, die sie früher, in ihrer Teenagerzeit, so gern gelesen hatte. Das Mädchen in Not, alleinerziehend und nicht fähig, ihrem verdammten Schicksal zu entkommen. Fehlte nur ihr Prinz. Obwohl … Nein. Sie hatte einen Prinzen. Bei sich. Zu Hause. Er konnte lesen, und das mit vier. Er wusste, wie man Pfannkuchen machte. Und das mit vier. Er liebte sie mit Leib und Seele. Und sie ihn noch eintausendmal mehr.

„Evelynn!“ Die trillernde Stimme zog das N in ihrem Namen extra lang. Ihre streng frisierte Chefin kam herbeigerauscht. Sie strahlte. Ein sehr ungewohnter Anblick, der Evelynn regelrecht die Angst in die Knochen trieb.

„Was…?“

„Ich mache Feierabend für heute, du schließt wieder ab! Tz! Du arbeitest sowieso zu langsam! Nimm dir einmal ein Beispiel an Christopher!“ Und damit rauschte sie hinaus.

Evelynn blieb wie erstarrt stehen. Eben hatte sie sich noch in einem stehenden Halbschlaf befunden, jetzt blinzelte sie zu dem Studenten am zweiten Schalter hinüber.

Christopfer zuckte mit den Schultern. „Die hat ’nen Knall.“

Evelynn nickte müde, apathisch. Eigentlich hatte sie längst vergessen, woran sie gerade noch gearbeitet hatte. „Jetzt wo sie weg ist; ich brauch ne Kippe. Vertrittst du mich kurz?“

„Aber klar, nimm dir ruhig Zeit.“

„Danke.“ Müden Schrittes kam sie hinter dem Tresen hervor, schnappte sich ihr Handy aus dem Mitarbeiterraum und verließ die Bibliothek durch die Hintertür. Gleich nachdem sie sichergestellt hatte, dass Rosalinda wirklich nirgends mehr zu sehen war. Mit trägen Bewegungen holte sie das Zigarettenpäckchen, das sie nun seit vier Monaten begleitete, heraus, und steckte sich eines der kleinen Röhrchen in den Mund. Stöhnend zündete sie es an und nahm den ersten Zug.



Evelynn rauchte nicht oft. Das hätte sie sich gar nicht leisten können. Aber manchmal … manchmal, wenn sie schlichtweg keine Nerven mehr übrig hatte …

Ihr Handy klingelte. Alarmiert und ohne nachzusehen, wer es war, nahm sie ab. Es gab nur jemanden, der sie bei der Arbeit anrufen würde, und das auch nur aus einem Grund. Etwas musste mit Yannis passiert sein.

„Hallo?“ Ihre Stimme klang angespannt, gepresst.

„Miss Brook?“

Evelynns Stirn runzelte sich. Das war nicht Malvins Stimme. „Ja …?“

„Miss Brook, ich bin von der Polizeibehörde Boston, Thomas Moon, mein Name. Ich muss mit ihnen sprechen. Es wäre wichtig.“

„W…was? Wieso?“ Hatte sie etwas angestellt, von dem sie nichts wusste? Hatte Yannis etwas gemacht? Wollten sie ihn ihr wegnehmen, weil sie nicht richtig für ihn sorgen konnte?! Gefestigter fragte sie nochmals: „Wieso?“

Sie hörte den Mann am anderen Ende schlucken. „Es wäre mir lieber, ihnen das persönlich mitzuteilen. Können Sie heute noch aufs Präsidium kommen?“

„Nein, ich arbeite. Was ist los?“

„Es … geht um ihren Bruder. Wir brauchen jemanden, der seine Identität bestätigen kann.“

Evelynn erstarrte. Das alte Klapphandy fiel ihr aus der Hand. Identität bestätigen? Hastig bückte sie sich nach dem Nokia und atmete erleichtert auf, als sie dessen Unversehrtheit überprüfte.

„Miss Brook? Sind Sie noch dran?“

Stimmt, da war ja was gewesen. „J…ja. Bin da.“ Ihre Hand hob sich zitternd und schob ihr die Kippe in den Mund. Das brauchte sie jetzt. Abschießen würde sie sich gerade auch gerne, aber das konnte sie jetzt nicht … Das war nicht der richtige Zeitpunkt, um in Selbstmitleid zu versinken. Zumal sie sich ganz sicher nur verhört hatte. „Was haben Sie gesagt?“

„Ich sagte, wir brauchen jemanden, der – so vermuten wir – die Identität ihres Bruders bestätigen kann. Können Sie die Arbeit früher verlassen?“

Sie hatte sich also doch nicht verhört. „Wie?“

„Alles Weitere würde ich ihnen mitteilen, sobald wir uns seiner Identität sicher sind.“

„Gut. Ja. Ich werde kommen.“

Der Mann, Mr. Moon, sagte ihr, wo sie hinzukommen brauchte, dass sie sich nicht zu viele Gedanken machen solle und er ihr sehr dankbar wäre … Dann hängte er auf und ließ Evelynn in dem hallenden Lärm der Großstadt, der ihr momentan aber wie eine klanglose Stille vorkam, allein.



Emanuel. Tod? Er war doch gestern noch an ihrer Haustür gewesen. Hatte darum gebeten, nein, gefleht, sie möge ihm ihr Bett zur Verfügung stellen. Was war passiert? Sie hatte sich, nachdem er gegangen war, ans Fenster gestellt, um sicherzugehen, dass er das Gebäude auch wirklich verließ. Als sich, kaum hatte Emanuel das Gebäude verlassen, ein Van aus der Dunkelheit herausgelöst hatte, war sie in erster Linie wütend geworden. Er hatte Scheiße gebaut, und kam zu ihr! Führte seine Verfolger direkt zu seinem Neffen!

Jetzt aber war er tot. Der Van hatte ihn verfolgt, Evelynn hatte es beobachtet und nichts unternommen. Sie hätte die Polizei kontaktieren können. Sie hatte es nicht getan. Sie war wütend gewesen. Jetzt fühlte sie, wie eine bodenlose Leere ihren Kopf einnahm. Ihr großer Bruder war tot. Ihretwegen. Sie hatte ihn nicht angehört, ihm keine Chance gegeben.

„Evelynn?“ Jemand tippte ihr auf die Schulter. „Evelynn du stehst schon eine halbe Stunde hier draußen! Ich dachte, du wolltest nur kurz eine rauchen?“ Die Kippe lag abgebrannt am Boden. Christopher trat um sie herum, bereit, seine Kollegin zu rügen, wie sie ihn, einen Studenten, nur so lange allein mit der Arbeit lassen konnte – da sah er ihr tränennasses Gesicht. „Evelynn?“ Jeder Ton der Klage war aus seiner Stimme verschwunden.

Die junge Mutter schluchzte auf, zuckte zusammen und stolperte einen Schritt zurück, gegen die Wand. Die Hände hatte sie erhoben und sich vor das Gesicht gepresst.

„Evelynn?“ Vorsichtig und reichlich unbeholfen nahm Christopher sie in den Arm. Er hatte keine wirkliche Erfahrung mit Frauen. Aber er hatte eine kleine Schwester. Dort halfen seine Umarmungen immer.

Evelynn akzeptierte die Arme, die sich um sie legten, kommentarlos, und begann leise zu schluchzen. Weder hatte sie die Kraft, ihn von sich zu stoßen, noch das Bedürfnis. Aber das Bedürfnis nach Nähe verspürte sie ebenso wenig, und so hingen ihre Arme regungslos neben ihrem Körper herab.

„Sh …“ Unbeholfen klopfte Christopher ihr auf den Rücken. „Was ist denn passiert? Etwas mit deinem Jungen?“

Es dauerte eine Weile, doch dann schüttelte sie den Kopf. „Nein“, schluchzte sie. „Die Polizei …“ Sie schluchzte auf. „Die Polizei hat angerufen. Ich soll jemandes Identität für sie … bestätigen.“



„Oh …“ Also war jemand gestorben? Oder meinte sie die Identität eines Lebenden? Dann wäre sie aber kaum so aufgelöst. „Also … soll … brauchst du jemanden, der dich begleitet? Wir können die Bibliothek auch ausnahmsweise früher schließen, das geht sicher.“ Nicht dass er sie gut genug kannte, um dafür eine geeignete Person zu sein. Aber er musste annehmen, dass sie sonst niemanden hatte. Alleinerziehend, das hatte der kleine Yannis ihm gestern brühwarm aufgetischt, als er ihm in der Spielecke verkündet hatte, wie stark seine Mutter doch wäre.

Evelynn aber schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss das schon selbst … Ich muss gehen. Bleib du, ja? Kannst du bleiben, bis zum Schluss? Ich gebe dir die Schlüssel, dann kannst du abschließen …“

„Ich machs. Im Notfall rufe ich dich an. Und dem Drachen sage ich kein Wort.“

 

Zwei Stunden später lief sie apathisch durch die Straßen des heruntergekommenen Viertels, in dem sich ihr Wohnhaus befand. Ihr Fahrrad schob sie neben sich her. Sie hatte absteigen müssen. Sie hatte keine Kraft mehr in den Beinen gehabt. Letztere zitterten noch immer.

Das blasse Gesicht. Grün und blau geschlagen. Schlaff der Körper. Leblos. Kalt. Ihr Bruder. Tot. Tot. Weg. Für immer. Und das … ihretwegen.

„Mami?“ Das aufgeregte Gesicht ihres Jungen strahlte ihr entgegen, kaum war sie durch die Tür getreten. Malvin musste mit ihm Zeit im Barraum verbracht haben. „Mami, Opa Malvin hat mir gezeigt…!“ Yannis hielt inne. „Mami? Wieso weinst du?“ Nachdenklich kratzte sich der junge Mann am Kopf. „Und wieso bist du schon zu Hause? Hast du eingekauft?“

Gedanklich klatschte sie sich die Hand an die Stirn. „Habe ich vergessen, Schatz.“ Sie nahm ihren Sohn in den Arm und drückte ihn fest an sich. „Ich gehe gleich noch einkaufen. Bleibst du nochmal bei Malvin?“

„Nein, ich kann doch mitkommen! Ich helfe dir!“

„Gut.“ Um zu widersprechen, fehlte ihr jegliche Energie. Sie nahm Yannis an der Hand und wandte sich wieder in Richtung Tür. Die Linke glitt in ihre Jackentasche, deren Fakeleder an einigen Stellen bereits abblätterte. Der Fünfziger, den sie gestern von ihrem davongelaufenen Privattanz bekommen hatte, lag zerknauscht und sicher darin und wurde von ihrer Hand umfasst. Nur zur Sicherheit. Sie durfte das Geld nicht verlieren. Sie durfte auch nicht vergessen, dass sie sich bei Arabella Schulden gemacht hatte. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen.



„Evelynn?“

Mit leerem Blick drehte sie sich Malvin zu. Der weiße Vollbart und die buschigen Augenbrauen, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, verliehen seinem Ausdruck etwas Besorgtes. „Pass auf euch auf. Und wenn du später bei einem Gläschen reden willst, bist du eingeladen.“

Sie nickte – dankbar – und konnte doch keine rechte Dankbarkeit in sich finden. Was würde es helfen, zu reden? Es machte ihren Fehler nicht ungeschehen. „Danke“, murmelte sie also bloß, drehte sich wieder um und nahm den halbstündigen Weg zum nächsten Supermarkt auf sich, Yannis an ihrer Hand.

„Mami?“

Die Häuser zogen an ihnen vorbei, ungesehen von der Frau, die verzweifelt versuchte, die immer neu aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. „Hm?“

„Was ist passiert?“

Wie sagte man einem Kind, das zwei Jahre alt gewesen war, als es seinen Onkel das letzte Mal gesehen hatte, dass ebendieser verstorben war? Umgebracht. Ermordet.

„Jemand, den deine Mami gekannt hat, ist gegangen.“

Stirnrunzelnd überlegte Yannis, wen sie meinen könnte. „Hattest du die Person lieb? Ist sie für immer weg? Wollte sie nicht mehr hier sein?“

Evelynn presste die Lippen aufeinander, um ein Schluchzen zu unterdrücken. „Die Person ist für immer weg. Und früher hatte ich sie lieb. Ganz fest. Aber das ist lange her.“

„Kann man jemanden plötzlich nicht mehr fest liebhaben?“ Jetzt war Yannis verwirrt. Und irgendwie kam eine unsichere Traurigkeit in ihm auf. „Hast du mich dann auch irgendwann nicht mehr fest lieb?“

Abrupt blieb Evelynn stehen, kniete sich neben ihren Sohn zu Boden und zog ihn in ihre Arme. „Nein, mein Schatz. Mami wird dich immer liebhaben. Du bist mein ganzes Leben. Alles, verstehst du? Ich liebe dich, bedingungslos. Daran musst du nie zweifeln.“ Sie rückte von ihm ab und nahm sein Gesicht in beide Hände. Sein blondes Haar stand wild von seinem Kopf ab, sodass sie sich nicht davon abhalten konnte, einmal mit ihrer Hand durch es hindurch zu fahren. „Das darfst du nie vergessen.“

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