Kapitel 7 – Begegnung im Supermarkt

Kapitel 7 – Begegnung im Supermarkt

 

Der Supermarkt kam in Sichtweite, doch Evelynn wollte noch nicht hinein. Insbesondere, da ihr etwas eingefallen war, was sie unbedingt noch tun sollte. Vor dem Supermarkt lag ein Kinderspielplatz. Und da sie heute nicht aufgrund der Öffnungszeiten zu eilen hatte, erlaubte sie Yannis, spielen zu gehen. Sie selbst setzte sich auf eine Bank. Das erste Mal seit einer Ewigkeit, sah sie ihrem Sohn beim Spielen zu und sah doch fast nichts durch ihre tränennassen, brennenden Augen.

Sie schniefte. Ihre Hand zitterte, als sie ihr Nokia aus der Tasche holte und die Nummer, die sie als Kind auswendig gelernt hatte, mit zitternden Fingern eintippte. Dreimal vertippte sie sich. Drei Mal drückte sie auf die Rücktaste und war kurz davor, sich vor dem Telefonat zu drücken. Doch dann tutete es. Einmal. Zweimal. Drei-

„Bei Brooks?“

Die helle, leicht misstrauische Stimme ihrer Mutter löste ein beklemmendes Gefühl in Evelynns Brust aus. Es war am Anfang ihrer Schwangerschaft gewesen, als sie von ihren Eltern an der Haustür abgewiesen worden war. Aber die Reaktion ihrer Eltern war berechtigt gewesen. Sie war zu dieser Zeit auf kaltem Entzug gewesen – noch nicht ganz bei sich –, hatte gerade erst von der Schwangerschaft erfahren und musste völlig benebelt gewirkt haben. Außerdem hatte sie ihrem Vater, bevor sie ausgerissen war, eine ganze Stange Geld gestohlen. Er hatte sie nie angezeigt. Aber auf seine Weise hatte er sie bestraft.

Evelynns Stimme bebte. Ihre Hand krampfte sich um das alte Klapphandy. „Hallo …, Mutter.“

Auf der anderen Seite der Leitung blieb es still. Eine ganze Weile befürchtete Evelynn, ihre Mutter würde einfach auf den roten Knopf drücken und ihre Tochter abweisen, wie sie es schon einmal getan hatte. Seit sie gesprochen hatte, hielt sie die Luft an. Aber es kam kein Piepton. Es kam kein Rüffel. Es blieb still und Evelynn ging langsam, aber sicher die Luft aus.

Irgendwann hörte sie ein abfälliges Schnauben. „Was willst du?“

Lautlos schnappte sie nach Luft. „Ich muss … euch … etwas sagen.“ Oh, es gäbe Vieles, so Vieles, was sie zu sagen hätte. Entschuldigung. Ihr habt ein Enkelkind. Euer Sohn ist tot. Hatte die Aufregung vor einer Konfrontation mit ihren Eltern sie gerade noch alles andere vergessen lassen, so schlug das Wissen um den Tod Emanuels jetzt mit voller Wucht wieder ein. Sie schluchzte unterdrückt. „Kannst du Vater dazu holen?“



„Tz. Willst du wieder bei uns angekrochen kommen? Noch mehr Geld für deine Drogen von der Kreditkarte deines Vaters stehlen?! Evelynn, wir wollen nichts mehr mit dir zu tun haben.“

Evelynns Augen klebten an Yannis. Er lachte. Da war ein anderer Junge, mit dem er spielte. Eine Träne tropfte von Evelynns rechtem Auge. „Es geht nicht um mich.“

Sie konnte förmlich sehen, wie ihre Mutter in einer Mischung aus Unglaube und Spott die Augenbrauen hob. „Es geht immer um dich.“

„Holst du ihn jetzt?“

„Nein. Dein Vater ist beschäftigt.“

„Er arbeitet doch aber von zu Hause.“

„Er ist beschäftigt.“

Daraufhin wurde es wieder still. Evelynn beobachtete Yannis. Sie schluckte. „In Ordnung“, hörte sie sich flüstern. „Emanuel ist tot.“ Sie holte Luft. „Mach’s gut.“ Und hängte auf. Sie starrte auf den kleinen Bildschirm und konnte kaum glauben, wie dieses Gespräch verlaufen war. Aber schlussendlich … hatte sie gesagt, was sie hatte sagen müssen. Sie hatte der Polizei versprochen, die Nachricht selbst an ihre Eltern weiterzuleiten. Damit war ihre Pflic…

Der Bildschirm leuchtete auf. Sie rief zurück? Evelynn nahm den Anruf an. Im selben Moment fiel Yannis mit einem hellen Schrei vom Klettergerüst. „Scheiße!“ Erschrocken sprang sie auf und rannte zu ihm hin. „Yannis? Schatz, hast du dir weh getan?“

Yannis wischte sich über den Hintern, hopste wieder hoch und lachte laut auf. „Nein, Mami. Du weißt doch: Ich bin staaaark! Buoooooo! Und ich kann fliegeeen!“ Verspielt hob er einen Arm in die Luft und formte seine Hand zur Faust, sodass es aussah, als wäre er ein fliegender Superman.

Evelynn atmete erleichtert auf, lachte leise, denn ihr Herz war gerade um einen schweren Stein leichter geworden, und strich ihm durch die Haare. Bestimmt hatte Malvin mit ihm diesen alten Schinken geguckt. „Aber auch Superman muss auf sich aufpassen!“, rügte sie sanft, steckte sich das Handy, das sie bis jetzt in der Hand gehalten hatte, in ihre Hosentasche, hob ihren Sohn hoch und ließ ihn ein paar Mal im Kreis durch die Luft schwingen, so wie ihr Vater das früher immer mit ihr getan hatte.

I Ihr … Vater … Evelynn erlaubte Yannis, wieder spielen zu gehen. Ihre Hand zitterte noch weit mehr als zuvor, als sie dieses Mal nach ihrem Handy griff. Der Anruf war noch da. Evelynn hob das Telefon ans Ohr. Sie hatte sich umgedreht und blickte starr zum Eingang des Supermarkts. Ihr Atem stockte und ihr Herz pochte laut, als sie die Stimmen ihrer beiden Eltern hörte, die fassungslos und nicht gerade leise darüber diskutierten, was sie gerade gehört hatten. Schlagworte hörte sie heraus.



„…ein Kind?!“

„Adoptiert?“

„Schwanger?“

„Besoffen?“

„Stoned?“

„Ein fremdes Kind …“

Mit jedem Wort, dem sie lauschte, wurden ihre Augen größer und ungläubiger. Soweit sie das verstand, waren ihre Eltern der Meinung, sie hätte gerade mit einem fremden Kind interagiert, damit die beiden dachten … Schlimm genug, dass sie auf diese Weise von Yannis erfuhren, aber … aber sie glaubten es nicht einmal.

„Ist es so schwer zu glauben, dass ich Mutter bin?!“ Oh, ihre Stimme klang ganz und gar nicht mehr zittrig, unsicher oder flehentlich. Sie war sauer, wütend, zornig, erregt, fassungslos über die Taubheit, die ihre Eltern an den Tag legten. Über die Beleidigung … Denn nichts anderes war es.

„E…evelynn!“ Die vorher noch so distanzierte Stimme ihrer Mutter stotterte. Offenbar war sie auf Lautsprecher.

Evelynn zischte: „Ob ihr es glaubt oder nicht, ihr seid seit vier Jahren Großeltern. Hättet ihr mich damals ausreden lassen, hättet ihr das gewusst!“ Sie kochte.

„E…“

„Nichts da!“ Sie wollte die ruhige, besonnene Stimme ihres Vaters nicht hören. Jetzt nicht mehr. „Ich habe euch gesagt, wozu ich gebeten wurde. Ich habe heute Mittag seine Identität bestätigt. Wenn ihr ihn noch sehen wollt, er liegt im Leichenschauhaus. Boston. Das ist alles, was ich euch zu sagen habe.“ Und damit beendete sie den Anruf. Zum Zweiten.

Ihr Atem ging schwer. Das … die Worte ihrer Eltern hatten sie tiefer getroffen, als sie vermutet hätte. Wie oft hatte sie sich diese Situation während ihrer Schwangerschaft vorgestellt? Nach der Niederkunft war es weniger geworden.

„Mami? Ist alles in Ordnung?“ Der kleine Yannis hatte ihre Hand ergriffen und blickte zu ihr hoch.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ja. Alles gut, mein Schatz.“ Leise schniefend wischte sie sich die letzte Träne fort und griff nach Yannis’ Hand. „Fertig gespielt? Gehen wir einkaufen?“

Der Junge nickte und gemeinsam verließen sie den Spielplatz. Evelynn verbot sich den Gedanken an ihre Eltern. Stattdessen kamen die Schuldgefühle wieder hoch. Wut und Schuldgefühl stritten in ihrem Innern um die Vorherrschaft.

Kaum hatten sie den Laden betreten, riss sich Yannis von ihrer Hand los und ging auf Erkundungstour. Sie seufzte leise. Er war eben doch ein Kind. Ein lebenslustiges, fröhliches und neugieriges Kind. „Nichts anfassen!“ Rief sie ihm noch hinterher, war aber zuversichtlich. Er würde sich zu benehmen wissen und sich nicht zu weit von ihr entfernen.



Sie schnappte sich einen Korb. Ihre Augen flogen über das Gemüse am Eingang. Zögerlich griff sie nach zwei Auberginen. Niemand mochte sie, aber angeboten wurden sie, und so waren sie billig. Ihre Beine trugen sie weiter. Vor dem Regal mit den Fleischaktionen blieb sie stehen, doch heute war es leer. Verstohlen schielte sie zu den anderen Produkten, drehte sich aber schnell kopfschüttelnd davon weg und schnappte sich dafür einen billigen Tofu. Sie mochte das Zeug nicht, aber es sollte – soweit sie mitbekommen hatte – ähnliche Inhaltsstoffe haben, wie Fleisch. Und Yannis war im Wachstum.

Bei den Dosen weilte sie länger. Sie kam kaum dazu, frisch zu kochen, und allzu oft aß Yannis bei einem der Nachbarn, die auf ihn aufpassten, also brauchten sie auch nicht so viel. Acht Dosen Ravioli landeten in ihrem Korb. Erbsen und Möhren Dosen packte sie auch rein. Ganz oben im Regal fiel ihr Blick auf eine Dose mit Fruchtcocktail. Sie schielte zu Yannis, der am Ende des Ganges auf die Dosen starrte und deren Aufschriften lautlos vorlas. Ob sie ihm mit dem als Dessert eine kleine Freude machen konnte?

Sie griff danach. Entschlossen, sich das strahlende Lächeln ihres Sohnes ausnahmsweise auch wirklich einmal zu verdienen. Doch das Regal war hoch und Evelynn zu ihrem Leidwesen recht klein. Ihr fehlte fast ein halber Arm. Die Lippen zusammengepresst und fest entschlossen, stellte sie das Einkaufskörbchen neben sich ab. Sie war Stripperin. Das war Hochleistungssport! Sie sprang und kam ernüchtert wieder auf dem Boden auf. Da hatte sie ihre Beinkraft wohl überschätzt. Doch ihr Kampfeswille war ungebrochen. Sie ging in die Knie, spannte ihre Beine an und sprang erneut. Ihre Finger streiften die Dosen in der obersten Reihe. Fast …!

Die Dose wackelte. Frustriert biss sie sich – wieder auf dem Boden angekommen – auf der Unterlippe herum und steckte sich nebenbei den Zeigefinger in den Mund. Erst als sie das Eisen schmeckte, wurde ihr bewusst, wieso ihr Finger so ziepte. Angefressen klaubte sie sich ein Taschentuch aus der Tasche und wickelte es sich um den blutenden Finger, zusammen mit einem der Haargummis von ihrem Handgelenk. Sie wandte sich wieder dem Regal zu. „Dann eben so …!“ Ihr Fuß suchte das unterste Tablar und ihre Hand ein höheres. Das musste doch…



Eine Hand erschien in ihrem Blickfeld und schnappte sich die Dose, nach der sie sich abmühte. „Die?“

Evelynn machte einen Schritt zurück – vergessen war, dass sie auf den Boden des Regals gestiegen war. Nun wäre sie beinahe noch nach hinten gekippt, wenn da nicht diese starke Hand gewesen wäre, die sie am Rücken gestützt hatte.

„Äh …“ Zuerst noch verwirrt, dann immer beschämter, fand sie wieder ihr Gleichgewicht und nahm einen angemessenen Abstand ein. Ihr Blick glitt von der Dose in seiner Hand zu dem Gesicht hoch. Bartschatten, markantes Kinn und braune, gut gestylte Haare. Hitze stieg ihr in die Wangen. „Ja …“ Kam ihr dieses Gesicht nicht irgendwoher … bekannt … vor? Abwesend schüttelte sie den Kopf. Nein, sie sah am Tag so viele Leute, da war es zwar möglich, dass sie ihm schon einmal begegnet war, aber geredet hatten sie sicher nicht. „Danke …“ Sie traute sich nicht so recht, ihm die Dose aus der Hand zu nehmen. Sein Blick lag auf ihrem Körper … oder, nein, auf ihrer Hand?

„Na, hoffentlich ist die Dose den Preis wert.“ Er lächelte ihr charmant zu und drückte ihr die Dose in die Hand. Bildete sie sich das ein oder berührte er absichtlich ihre Finger? „Brauchen Sie noch eine Dose, Miss?“

„N…nein. Danke.“ Unsicher fuhr sie sich mit der unverletzten Hand durch die Haare. Sie hatte ihre wilden Locken in einem unordentlichen Dutt hochgebunden. Zwei oder drei Strähnen hingen ihr ins Gesicht. Der Ansatz war vermutlich fettig und die Augenringe – nicht zu vergessen die rot unterlaufenen Augen – konnten einen kaum zum Lächeln bringen. Also war das nur Freundlichkeit. Er war nicht an ihr interessiert. Nicht, dass sie es gewesen wäre. Nur ihre Libido sah das gerade anders. Verdammt, sie hatte gerade die Leiche ihres Bruders besucht und jetzt …! Jetzt war jede Erregung verschwunden. „U…und ganz sicher ist sie das.“ Sie hob die Hand mit dem Taschentuch, das schon Blutflecken aufwies, und zuckte mit den Schultern. „Das ist nicht so schlimm.“ Ihre Mundwinkel zuckten nach oben, während ihr Blick zu Yannis … Panik kam in ihr hoch. Er war nicht mehr da! „Yannis?“

„Mami?“

„Huh!“ Erschrocken fuhr sie herum. „Gott, Schatz, du hast mich erschreckt!“ Da stand er, gleich hinter ihren Beinen, und musterte den Mann vor ihr skeptisch.



„Hallo kleiner Mann“, grüßte der Fremde freundlich und beugte sich dabei vor. „Du heißt Yannis? Cooler Name, ehrlich.“

„Mh. Danke, danke. Meine Mami ist auch cool. Immerhin hat sie ihn für mich ausgesucht!“

Und jedes einzelne Wort davon sprach er mit hocherhobenem Kopf. Evelynn hätte vor Scham und Ehrgefühl zergehen können.

„Oh, hatte dein Papa etwa einen anderen Namen im Sinn?“ Der amüsierte Blick des Mannes glitt zu Evelynn, dann wieder zurück zu Yannis.

Yannis aber verschränkte die Arme. Bei diesem Thema verstand er keinen Spaß und Evelynn tat es einmal mehr leid. Ob ihm eine Vaterfigur sehr fehlte? Sie hatten noch nie darüber gesprochen. Nur wenn er darauf angesprochen wurde, wurde aus dem kleinen Sonnenschein ein ausgewachsener Sturm. „Papa ist gegangen. Leute, die einen nicht mehr fest lieb haben, gehen.“

Oh, Gott. Evelynn wollte im Boden versinken, so unangenehm war dieses Gespräch gerade geworden. Sie wollte es beenden, sich bei dem Fremden entschuldigen und sich verabschieden. Doch ihr Blick klebte an ihrem Sohn. War es das, was er aus ihrem Gespräch über Emanuel mitgenommen hatte? Dass sein Papa ihn nicht liebte? Sie seufzte leise. Darüber müssten sie noch einmal reden.

Der Blick des Mannes huschte erneut zu Evelynn und ruhte diesmal etwas länger auf ihr, bevor er sich wieder Yannis zuwandte. „Das hast du ziemlich gut auf den Punkt gebracht, Yannis. Und weißt du, was das Wichtigste an diesem Punkt ist? Man darf sich selbst nicht die Schuld daran geben, dass jemand geht. Man muss diese Leute ziehen lassen und ihnen trotzdem Glück wünschen, so schwer es auch ist.“

Yannis streckte dem armen Kerl die Zunge raus. Dabei hatte er es sicher nur gut gemeint! Evelynns Bann war gebrochen. Schnell schob sie ihren Sohn hinter sich. „Tut mir sehr leid. Er meint es nicht so.“ Unruhig drehte sie die Dose in ihren Händen umher. „Es … Ich danke Ihnen …“ Sie lächelte gequält, neigte verabschiedend den Kopf, legte die Dose in den dosenüberfüllten Korb und hob ihn hoch, während sie Yannis an die Hand nahm. „Einen schönen Tag noch.“

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare