Kapitel 8 – Unerwartetes Wiedersehen

Kapitel 8 – Unerwartetes Wiedersehen

 

Mehrere Fotos lagen unordentlich auf dem großen Tisch vor Brian verteilt. Stirnrunzelnd beugte er sich über sie. Fast eine Woche hatte es gedauert, bis er endlich alles beisammen gehabt hatte.

Ganz oben waren Bilder von einem Toten im Leichenschauhaus. Obwohl das Gesicht heftig zugerichtet war, erkannte Brian ihn wieder. Emanuel. Unzufrieden nahm er das Foto in die Hand und betrachtete das Loch im Schädel des Toten. „Welch Ironie, Kleiner.“ War er am Ende also doch mit einer Knarre bedroht worden. Brian griff nach weiteren Fotos. Abfotografierte Polizeiberichte. Besonders der Fund der Leiche machte ihn stutzig. Sie hatten ihn in Charlestown aus dem Wagen geworfen. Was also hatte er in North End verloren? Und dem Bericht zufolge war die Leiche auch nicht post mortem bewegt worden.

„Spinner“, kommentierte Brian die Sache knapp und betrachtete auf einem Tatortfoto, wo die Leiche gefunden worden war. Nun würde er nicht mehr so leicht erfahren, wo Emanuel das Geld versteckt hatte. Umso wichtiger waren die anderen Fotos, die noch auf dem Tisch lagen. Brian zog sie auseinander. Acht Fotos verschiedener Personen, die in dem Haus ein- und ausgingen. Vermutlich wohnten sie alle dort oder waren zumindest regelmäßig zu Besuch.

„Na sowas.“ Brian fischte ein Foto heraus und betrachtete es genauer. Eine junge Frau mit schwarzen Locken und einem kleinen, blonden Jungen an der Hand. Wenn das mal nicht die Kleine aus dem Supermarkt war …

Nachdem er die restlichen Fotos gesichtet hatte, schickte er seinen Leuten die Anweisungen. Ab morgen würden sie die Anwohner überwachen und ihnen auf Schritt und Tritt folgen. Er selbst nahm das Foto von Mutter und Kind.

 

Evelynn quälte sich wie jeden Tag in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett. „Menschenquälerei ist das“, brummte sie müde, und blickte auf den schlafenden Yannis, neben dem auch die Welt hätte untergehen können – er hätte weitergeschlafen. Dann glitt ihr Blick zur Uhr und sie biss sich auf die Unterlippe. Sie strich ihm ein Brot, machte die neue Marmelade darauf, die er sich beim letzten Einkauf hatte aussuchen dürfen, und legte es ihm mit einem sorgfältig geschriebenen Briefchen auf den Tisch. Henriette hatte sich angeboten, heute auf ihn aufzupassen, die Besitzerin der katastrophal laufenden Bar im Erdgeschoss, und das stand auch in dem Brief. Einfache Buchstaben konnte ihr Sohnemann schon lesen. Und sie könnte nicht stolzer auf ihr Kind sein. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. Für das Kind einer Schulabbrecherin war er unglaublich klug geraten.



Hastig zog sie sich an, knüllte ihr Haar zu einem Knoten zusammen und schlich sich aus der Wohnung. Danach schnappte sie sich ihr Fahrrad und radelte los. Eine Viertelstunde Weg war es bis zur Bibliothek. Heute musste sie sich beeilen. Doch es war der letzte Tag der Woche, Samstag. Morgen hätte sie, zumindest den Tag hindurch, frei, und das beflügelte ihre Beine zu neuen Höchstleistungen.

„Hi, Evelynn!“

„Hi, Christopher.“

„Wie war die letzte Woche? Ist letzten Samstag alles … naja, gut gelaufen?“

Evelynns Kopf wiegte sich hin und her. Vor einer Woche war sie vor der Leiche ihres Bruders gestanden, in diesem kalten, ekelhaft sterilen Raum, und hatte apathisch genickt. Der Polizist hatte ihr gesagt, sie solle sich doch eine Woche freinehmen, um die Neuigkeiten zu verdauen. Evelynn hatte ihm nur einen ungläubigen Blick zugeworfen und genickt. Menschen, die dafür bezahlt wurden, krank zu sein, konnten solche Aussagen ja tätigen, hatte sie gedacht, ihre geistige Stimme vor Sarkasmus triefend. Auch ihre Eltern hatten begonnen, sich jeden Tag mindestens zweimal zu melden und ihr Nachrichten zu hinterlassen. Dummerweise ließ es ihr Gewissen nicht zu, sie zu blockieren, und so hörte sie die Nachrichten jedes Mal ab und begann von Neuem zu weinen.

Als sie bemerkte, dass Christopher seine Frage ernst gemeint hatte, und das nicht nur eine höfliche Floskel gewesen war, seufzte sie tief. „Mein Bruder … hat ins Gras gebissen.“ Ihre Unterlippe begann zu beben, ganz gleich, wie abstrakt sie versuchte, die Fakten zu umschreiben. „Jetzt weiß ich nicht, wie ich die Beerdigung bezahlen soll.“ Leiser und mehr mit sich selbst sprechend, fuhr sie fort: „Aber das spielt wahrscheinlich sowieso keine Rolle. Es wird niemand kommen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Na, los. Öffnen wir. Es ist Zeit.“

Es dauerte keine halbe Stunde, da trudelten die ersten Studenten ein. Innerlich verdrehte Evelynn die Augen. Frühaufsteher – wie sie diese Spezies hasste. Sie selbst gehörte zur Gattung ‚Nieschläfer‘, dafür hatte sie nämlich schlicht keine Zeit.

 

Brian betrachtete von außen die große Bibliothek. Die Kleine musste hier arbeiten, sonst hätte sie ihren Jungen sicher mitgenommen. Und das erklärte auch, warum sie nach über einer halben Stunde immer noch drinnen war.



Sichtlich genervt stieg er aus seinem Wagen, drückte auf die Zentralverriegelung und steckte den Autoschlüssel in die Hosentasche. Mit zügigen Schritten betrat er die Bibliothek und sah sich um. Die junge Frau saß hinter der Theke und guckte hochkonzentriert auf ihren Computer. Während er auf sie zuging, überlegte er fieberhaft, welches Buch er zuletzt gelesen hatte. Ihm fiel allerdings nur das Zombie-Buch ein. Naja, dann eben das. Würde es hier mit Sicherheit auch geben. Er trat auf den Tresen zu, lehnte sich lässig dagegen und tat so, als würde er sie gar nicht wiedererkennen. „Guten Morgen. Ich suche ein bestimmtes Buch, nur leider weiß ich den Titel nicht mehr so genau. Können Sie mir da helfen?“

Sie sah auf und stockte. Sie hatte ihn sofort wiedererkannt. Da hatte er wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der Anflug eines Grinsens machte sich auf seinem Gesicht breit.

„Äh, ja, nun … das ist natürlich nicht so einfach, wenn Sie den Namen nicht mehr wissen …“ Nervös fuhr sie sich mit einer Hand durchs Haar. „Um was geht es denn?“ Entweder fände sie es durch Schlagworte im System oder der liebe Herr, der ihr vor einer Woche die Dose im Supermarkt gereicht hatte, müsste durch die betreffende Abteilung gehen und den Einband suchen.

„Nun, ich weiß zumindest, dass ein Z oder Zombie im Titel vorkommt. Aber nicht World War Z, wie der Film. Ich will auch nicht das Buch zum Film.“ Brian rieb sich kurz am Kinn und sah auf das Namensschild von ihr. Evelynn Brook. „Oh! Wie witzig. Der Autor ist übrigens Max Brooks, der Sohn von Mel Brooks. Damit finden Sie das Buch sicher.“

„Äh … ja …“ Ihr Blick glitt zu ihrem Namensschild, dann lächelte sie unbeholfen. „Einen Moment bitte.“ Ihre Finger glitten über die Tastatur, während sie auf ihrer Unterlippe herumkaute. „Ah, hier.“ Ihre Stirn runzelte sich. „Operation Zombie? Wer länger lebt, ist später tot.“ Sie blickte auf, die Augenbrauen leicht erhoben und sein Gesicht noch einmal mit neuen Augen musternd. „Meinen sie dieses?“

„Ja, genau. Tolles Buch, aber wahrscheinlich nichts für Sie.“ Brian setzte sein charmantes Lächeln auf und stützte sich mit einem Arm an der Theke ab, um ihr noch etwas näherzukommen. „Können Sie mir den Titel noch notieren?“



„Natürlich …“ Evelynn griff nach Notizpapier und Stift. Was hatte der Mann hier zu suchen? Wollte er ihr ernsthaft sagen, er wäre an einem Teenagerroman interessiert? Ihr Blick fiel nochmal auf den Bildschirm. Horrorgeschichte. Nun gut … vielleicht interessierte er sich ja doch für solchen Kram. „Hier, bitte.“

Brian nahm den Zettel entgegen. Sanft, als wäre es ein Versehen, streifte er dabei ihre Finger. Sein Blick hielt ihren mit einer ihr bisher unbekannten Intensität gefangen. „Sie haben übrigens einen tollen Jungen. Es ist sicher nicht leicht mit ihm.“

„Oh, Sie erinnern sich?“ Beim Gedanken an Yannis zog ein Lächeln auf ihren Lippen ein. „Sie widersprechen sich, aber ja, er ist ein wundervoller Junge. Und tatsächlich habe ich großes Glück mit seiner sanftmütigen Art. Nur …“, verlegen senkte sie den Blick, „wenn man ihn auf seinen Vater anspricht, teilt er aus. Das tut mir leid …“

„Nein, kein Widerspruch. Er ist clever für sein Alter. Das ist Fluch und Segen zugleich, nicht wahr? Wird er in irgendeiner Art und Weise gefördert?“ Ob sie das Geld hatte? Vielleicht war sie eine Ex von Emanuel? Es wäre gar möglich, dass Yannis sein Sohn war …

„Das stimmt. Er ist klug.“ Mehr sagte sie nicht. Stattdessen biss sie sich auf die Lippe und strich sich eine Strähne hinters Ohr. „K…kann ich Ihnen noch irgendwie helfen? Soll ich das Buch für sie holen?“

„Oh, danke, nein. Ich werde es im Buchhandel kaufen für einen Freund. Aber ich bräuchte einen Büchereiausweis. Können Sie den direkt ausstellen?“ Brian hielt das Lächeln aufrecht, auch wenn ihm die knappe Aussage dieser Evelynn nicht gefiel. Wurde das Kind nun gefördert? Gute Bildung kostete Geld, und davon war erst neulich eine ganze Menge verschwunden. In dem Haus, in dem sie wohnte. Er würde sie weiter beobachten müssen, und das, obwohl er deutlich Wichtigeres zu tun hatte!

„Natürlich, natürlich …“ Schon flitzten ihre Augen wieder über den Bildschirm. Evelynn spürte Christophers Blick auf sich, ignorierte ihn aber. „Ich bräuchte Name, Vorname, Adresse und ihre Mail.“ Erwartungsvoll sah sie zu ihm auf.

Brian griff in seine rechte Gesäßtasche und verzog dabei das Gesicht, dann klopfte er die anderen Taschen seiner Hose ab. „Ich glaube, ich habe den Führerschein im Auto liegen. Reicht es, wenn ich Ihnen die Daten einfach nenne, oder brauchen Sie einen Ausweis, Evelynn?“ Er lächelte weiterhin und neigte dabei leicht seinen Kopf. Ihm war durchaus bewusst, dass er mit dieser Pose besonders attraktiv für Frauen wirkte.



„Äh …“ Kurz blieb ihr tatsächlich der Mund offenstehen. „Einen … Lichtbildausweis bräuchte ich schon … für die Verifizierung …“

Einen beschissenen Ausweis … Den würde sie definitiv nicht zu Gesicht bekommen. Aber er hatte ja noch zwei gefälschte Führerscheine. Und es wäre ein Grund, um sie erneut aufzusuchen. „Dann muss ich wohl ein ander Mal wiederkommen. Sind Sie täglich hier, Miss?“

Sie nickte. „Ja.“

„Dann sehen wir uns wieder, Evelynn.“ Brian neigte seinen Kopf und ging. Er machte exakt fünf Schritte, bevor er sich noch einmal nach ihr umdrehte. Es interessierte ihn eigentlich nicht sonderlich, ob sie ihm nachsah, aber wenn, dann war sie interessiert und das würde es leichter machen. Sollte sie das Geld denn haben. Die Chancen standen eins zu acht.

Brian musste an sich halten, nicht zu lachen, als er ihr Starren sah.

Evelynn blinzelte hastig. „Äh … ja, dann auf Wiedersehen, Herr …?“

„So förmlich? Brian reicht.“ Er zwinkerte ihr zu und verließ die Bibliothek. Zeit, in eine seiner vielen Garagen zu fahren und die Drogen an seine Dealer zu verteilen.

 

Evelynn saß da und starrte dem verboten heißen Mann hinterher. Aber nein! Nein, sie konnte nicht an Männer denken, dafür hatte sie doch gar keine Zeit! Und welcher Mann würde eine Frau mit Kind wollen?

Christopher räusperte sich. Ein misslungener Versuch, sein Lachen zu verbergen. Noch einmal. Schon wieder.

„Was?!“, fuhr Evelynn ihn an.

Jetzt lachte der Student laut auf. „Du hast geflirtet.“

„Habe ich nicht!“

„Hast du doch. Und er auch.“

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