Tränen. Die Kraft der Worte.

19.03.2026

Tränen. Die Kraft der Worte.


In mir kribbelt es.

Ich bin unglaublich aufgeregt.

Und gleichzeitig ganz ruhig.

 

In der Nacht erschien mir meine Großmutter im Traum.

Sie flüsterte:

„Kind, nimm Dir eine Decke mit.“

 

Und nun sitze ich hier.

Auf meiner gehäkelten Decke.

Und blicke mich um.

Es ist laut.

Hektisch.

Von überall hört man Musik. 

Grelles Licht durchflutet das große Gebäude.

Menschen.

Unzählige Menschen.

Ich sitze auf dem Rand einer weißen, leeren Bühne.

Mitten in einem Einkaufszentrum.

Umgeben von Modegeschäften, Parfümerien, Handyshops und Fast-Food-Restaurants.

In meiner linken Hand halte ich ein Mikrofon.

In meiner rechten mein Buch.

Gleich werde ich lesen.

Ich war noch nie auf einer Lesung.

Und seit der Grundschule habe ich nicht mehr vor Publikum gelesen. 

Ein Mikrofon hatte ich noch nie in der Hand.

Ich habe mich vorbereitet.

Mich eingelesen.

Gedanken durchgespielt.

Und habe auf die vertraute Stimme in meinem Traum gehört.

Links neben mir spielt eine DJane laute, schnelle Musik.

Vor mir füllen sich die improvisierten Sitzplätze.

Einige Gesichter kenne ich.

Viele nicht.

Die Moderatorin dreht die Musik leiser.

Greift zum Mikrofon. 

Kündigt mich an.

Ich atme tief ein.

Und wieder aus.

Gänsehaut erfüllt mich. 

Um mich herum verschwimmt alles.

Ich nehme kaum noch etwas wahr.

Ich vertraue.

Und beginne zu lesen.

Langsam und ruhig.

So,

als hätte ich noch nie etwas anderes getan.

Im Augenwinkel verändert sich der Raum.

Es wird stiller.

Die Geschäftigkeit lässt nach.

Menschen bleiben stehen.

Das grelle Licht wird weicher.

Neben mir spüre ich eine Bewegung.

Ich blicke kurz hinüber.

Die Moderatorin sitzt jetzt neben mir.

Sie lauscht.

Sie lauscht meinen Worten.

Hängt sprichwörtlich an meinen Lippen.

Nach einer guten halben Stunde beende ich die Lesung: 

„Liebe, Freiheit und Frieden … jedes Wort wäre nun zu viel.“

Und atme ein

Und wieder aus.

Lege das Mikrofon zur Seite.

Blicke in das Publikum.

Still.

Es ist still.

Die Hektik, der Trubel und die Geschäftigkeit sind für einen kurzen Moment verschwunden.



Einige Menschen wischen sich Tränen von den Wangen.

Eine Frau weint. 

Und lächelt. 

Sie faltet ihre Hände wie zu einem Gebet.

Die Moderatorin neben mir ergreift vorsichtig wieder das Wort.

Jetzt ruhig und achtsam.

Nicht mehr schrill und laut.

„Wundervoll! Danke! Wir danken dir! Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mir jemals die Zeit genommen habe, so intensiv zuzuhören.“

Ich bekomme Gänsehaut.

Ich bedanke mich.

Es fühlt sich anders an.

Prickelnd, elektrisierend 

… fast ein wenig bezaubernd.

 

Gib mir deine Hand, 

sprach der Fuchs.

… und ich reichte sie den Menschen.

… und ein roter Faden wurde sichtbar.

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