Ich begleite dich

21.03.2026

Ich begleite dich


Ich spüre es.

Ich spüre es tief in meinem Herzen.

Ich zweifle nicht.

Ich weiß es.

Und ich begleite dich.

Deine Reise beginnt.

 

Ich kenne dich seit deinem ersten Atemzug.

Wenige Sekunden nach deiner Geburt lagst du in meinen Händen.

 

Sanft streichle ich über dein seidiges, rotes Fell.

Du hast schon immer wie ein Fuchs ausgesehen.

Und jetzt, im hohen Alter, als dein Gesicht ergraut ist, erkenne ich es noch deutlicher.

Mein kleiner Fuchs.

 

Kannst du dich noch erinnern, als wir vor Jahren einem Fuchs auf dem Feld begegnet sind?  

Er hielt dich für einen von sich. 

Kam unerschrocken und freudig auf dich zu. Und erst wenige Meter vor dir erkannte er seinen Irrtum.

Ich lächle. 

 

Atme tief ein und wieder aus.

Ganz ruhig und entspannt liegst du auf der Seite.

Du hast keine Schmerzen.

Alles ist gut.

Auch wenn deine Reise jetzt beginnt.

 

Vor wenigen Tagen sind wir noch einen deiner Lieblingswege gegangen.

Durch den tiefen Wald. Durch die vielen Schluchten.

Wir hatten Spaß.

Du warst voller Kraft.

Lebendig.

Ganz da.

Jetzt muss ich mich sammeln.

Meine Gedanken sortieren.

Meine Gefühle ordnen.

Ich muss laufen. 

Ich brauche Ruhe.

Ich muss in den Wald.

 

„Im Wald findest du die Antwort“

Ich küsse dich und verabschiede mich für einen Moment.

 

Ich friere und habe Gänsehaut.

Meine Augen füllen sich mit Tränen.

Ich weiß, dass dieser Moment kommen wird.

Ich weiß, dass er jetzt ist.

Ich weiß, dass es richtig ist.

Und doch, will es nicht wahr haben.

Hoffe, gleich aufzuwachen.

Hoffe, es nur geträumt zu haben.

 

Ich laufe.

Unseren Weg.

Tief in den Wald.

Zu den vielen Schluchten.

Ich laufe wie in Trance.

Gedanken.

Erinnerungen.

Jahre.

Jahrzehnte.

Alles bewegt sich in mir.

Der Wald umhüllt mich. 

Schützt mich.

Führt mich.

Und doch muss ich aufpassen.

Die Wurzeln.

Das Geröll.

Die umgestürzten Bäume.

Es ist kein leichter Weg.

Aber es ist unser Weg.

Schritt für Schritt gehe ich weiter.

Tiefer in die Schlucht.



Es ist still.

Ein leises Knacken im Gehölz.

Ich blicke nach links.

Traue meinen Augen nicht.

Atme laut aus.

Schüttle den Kopf .

Blicke erneut nach links.

Ein Zeichen.

Mein Zeichen.

Unser Zeichen.

Ich bekomme Gänsehaut.

Es ist kein Traum.

Wir sind behütet und geführt.

Ein Luftballon.

Ein grüner Luftballon liegt inmitten der Schlucht.

Vor vier Tagen war er noch nicht da.

Kaum ein Mensch kommt hierher.

Und doch liegt er jetzt vor mir.

Wie die Luftballons, die mich durch mein erstes Buch begleitet haben.

Nur ist dieser grün.

Und nicht rot.

Und er ist nicht prall gefüllt.

Er verliert Luft.

Ganz langsam steigt in mir ein warmes Gefühl auf und umschließt mein Herz.

Es ist richtig.

Ich fühle es.

Ich vertraue.

Und ich begleite dich.

So wie du mich all die Jahre begleitet hast.

Unsere letzte gemeinsame Reise.

Eine Träne rinnt mir über meine Wange.

Ganz vorsichtig setze ich meinen Weg fort.

 

Ich küsse dich erneut.

Ganz leicht bewegt sich deine Rute.

Ich spüre, du freust dich.

Du hast keine Angst.

Du weißt, was kommen darf.

Vor vielen Jahren hast du deine Eltern auf dieser Reise begleitet.

Deine Trauer war damals in jeder Faser deines Körpers spürbar.

Wir sitzen in der warmen Januarsonne. 

Du liegst auf meinem Schoß.

Atmest ganz ruhig.

Bist ganz entspannt.

Mein Mann und mein Sohn sitzen neben uns.

Wir gehen gemeinsam diesen Weg.

Diese letzte Reise.

Wir fühlen.

Wir spüren.

Du heilst.

Du heilst unsere Wunden.

Wir begleiten dich.

Und doch bist du es, der uns führt.

 

Mittags bekomme ich eine E-Mail.

Seit einiger Zeit schreibe ich Texte für Zeitschriften.

Die E-Mail kommt von dem Chefredakteur.

Wir kennen uns nicht. 

Haben noch nie miteinander gesprochen.

Er schreibt mir jeden Monat das aktuelle Motto.

Dieses Mal:

„Alleine, aber nicht einsam.“

Und dann dieser Satz:

„Ich stelle mir vor, du gehst in den Wald – aber dieses Mal ohne Rudi.“

Ich bin sprachlos.

Kann es nicht glauben.

Kann es nicht fassen.

Gänsehaut umhüllt mich.

Er weiß nichts.

Nichts von diesem Moment.



Nichts von unserer Reise.

Und doch schreibt er diesen Satz.

 

… ein roter Faden wird sichtbar.

 

Nun liegst du wieder auf meinem Schoß.

Deine warme Nase berührt ein letztes Mal meine Wange.

Ich verspreche dir, morgen mit dir wieder laufen zu gehen. 

Ganz lange und tolle Wege werden wir gehen.

 

Ich weine.

Und du wirst leicht.

Ganz leicht.

 

Gib mir deine Hand,

sprach der Fuchs.

… und du hast sie nie mehr losgelassen.

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