06. Januar – Die Nacht des Lichts

Das Licht kam leise, nicht als Blendwerk und auch nicht als Triumph. Es kam wie der erste Atem nach einem langen Traum – zart, klar und wahr. Die dreizehnte Raunacht trug keinen Sturm mehr in sich. Sie trug Weite. Der Schnee glühte im Morgengrauen, als hätte er das Licht in sich aufgenommen. Der Druidenkreis lag still und entladen da, die Steine waren nunmehr wieder nur Stein und doch verändert. Zwischen ihnen floss etwas Unsichtbares, ein stilles Einverständnis zwischen den Welten.
Ailina stand am Rand des Kreises. Sie spürte die Grenze noch immer, jedoch versperrte diese nicht mehr. Sie war durchlässig geworden, atmend und lebendig. Die Anderswelt lag nicht länger jenseits, sie befand sich direkt daneben.
Cáel trat zu ihr. Er war nicht mehr der Hüter, der er einst gewesen war, dennoch trug er die Erinnerung daran in sich. Seine Augen spiegelten nicht mehr ausschließlich die Ferne, sondern auch das Hier und Jetzt.
„Ich fühle sie“, sagte er leise. „Die Welten. Sie bedrängen einander nicht mehr.“
Ailina nickte.
„Sie hören zu.“
Beide blickten einander an. Die Liebe zwischen ihnen war still geworden, weit, wie ein Raum, den man gemeinsam betritt, ohne ihn in Besitz zu nehmen.
„Ich werde gehen müssen“, sagte Cáel schließlich. Es lag kein Schmerz  in seinen Worten… nur Wahrheit. „Nicht fort von dir, aber weiter.“
Ailina atmete tief ein.
„Und ich werde bleiben und gehen. Beides.“
Er lächelte.
„Du bist die Grenzgängerin.“
Sie hielten einander in den Armen. berührten sich an der Stirn, eine Geste, die älter war als jeder Schwur. Kein Kuss, kein Versprechen, ausschließlich Gegenwart.
Ein klares Licht durchzog den Kreis. Die Runen erschienen ein letztes Mal, neu geordnet und weich. Es gab weder eine Prophezeiung noch Zwang. Der Fluch war gebrochen, nicht durch Macht, nicht durch Opfer, alleinig durch eine Wahrheit, die getragen wurde. Die Welten blieben getrennt, damit sie bestehen konnten, doch zwischen ihnen floss inzwischen ein leiser Strom, den jene spürten, die bereit waren zuzuhören.
„Wirst du zurückkehren?“ fragte Ailina.
Cáel sah sie an.
„Wenn es an der Zeit ist.“
Das Licht begann zu verblassen. Die Raunächte schlossen sich – eine nach der anderen, wie die Seiten eines Buches.




Bevor er ging, legte Cáel seine Hand auf Ailinas Herz.
„Du hast mich nicht gerettet, du hast mich befreit.“
Ailina lächelte mit Tränen in den Augen.
„Und du hast mich nicht gehalten“, erwiderte sie. „Du hast mich gesehen.“
Er trat zurück. Der Bereich zwischen ihnen blieb offen und lebendig. Als der erste Morgen des neuen Zyklus anbrach, war Ailina allein im Steinkreis.
Die letzte Raunacht war vergangen. Eine Liebe war erfüllt worden, nicht indem sie blieb, sondern weil sie verbindend wurde. Und irgendwo, zwischen Nebel und Licht, atmeten die Welten neu.

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