Kapitel 1 – Ein neuer Lebensabschnitt
Kapitel 1 – Ein neuer Lebensabschnitt
Im Gras, zwischen Schmetterlingen und Grashüpfern liegend, atmete Evelynn tief ein und aus. Sie hatte die Augen geschlossen; ein entspanntes Lächeln lag ihr auf den Lippen. Ihre langen, schwarzen Locken hatte sie in einem lockeren Zopf gebändigt, der neben ihr im Gras lag. Ihre Haare waren lang geworden, dachte sie sich, während sie sich gähnend reckte und streckte. Der kleine Mittagsschlaf hatte ihr gut getan.
„Wo ist sie?!“
Evelynn verdrehte die Augen. Es war so schön hier in der Sonne. Sie wollte noch nicht aufstehen.
„Mami ist draussen!“
Kleiner Verräter. Evelynn hörte das Seufzen ihrer Mutter gar noch durch das Fenster hindurch, als diese Evelynns Faulheit mit diesem abwertend-schnalzenden Geräusch bekundete. „Sag ihr, sie soll mir helfen!“
„Aber Mami hat gesagt, wir sind Gäste und Gäste müssen nicht helfen, Grandma!“
„Yannis …“, seufzte sie schnaubend. „Kann er denn immer noch kein Geheimnis behalten?“ Evelynn öffnete ihre Augen und starrte in den strahlend blauen Himmel.
Während sie Yannis kichern hörte, konnte sie sich schon vorstellen, wie ihre werte Mutter die Treppen der Veranda herunterdonnerte, um sie an ihre Erziehung zu erinnern. Hastig richtete sich Evelynn auf, wischte sich schlaftrunken die feinen Fransen aus dem Gesicht und rieb sich die Augen. Es dauerte keine Minute, da stand ihre Mutter, die Arme in die Hüften gestemmt, vor ihr und sah böse auf sie herab. „Was bringst du deinem Kind bei, Evelynn?!“
Es war äusserst unangenehm so zu der grauhaarigen Frau aufsehen zu müssen, während man von ihr gerügt wurde. Entsprechend schnell war Evelynn auf den Beinen. „Das war ein Scherz, Mum, Yannis hat das falsch verstanden.“
„Jetzt tu doch nicht so, als wäre er noch ein kleines Kind, das alles missversteht!“
Evelynns Mund öffnete und schloss sich wieder. Schließlich zog sie beleidigt eine Schnute. „Er ist immer noch mein kleiner Junge.“
Der strenge Blick ihrer Mutter bröckelte, denn ihre Mundwinkel zuckten unübersehbar nach oben. „Jetzt ist er noch ein Kind, da hast du völlig recht, kleine Eve.“ Mathilda wandte sich schmunzelnd ab. „Komm und hilf mir jetzt in der Küche.“
„Ey, ich bin nicht mehr klein!“
Die Augenbrauen überrascht gehoben sah ihre Mutter zu ihr. „Aber du bist doch meine kleine Tochter?“
„A…“ Der Widerspruch blieb Evelynn im Halse stecken. „Na gut.“ Bitter. Es war bitter, wenn das eigene Kind erwachsen wurde. Ihr Junge war schon so früh erwachsen geworden. Mit fünf hatte er lesen können, mit sechs hatte er das Schreiben erlernt und mit sieben hatte er angefangen, Bücher zu lesen, die selbst Evelynn kompliziert fand. Jetzt, fünf Jahre später, war der Junge zu einem jungen Mann herangewachsen. Noch drei Jahre und er käme in die Pubertät. Verzweifelt stöhnte Evelynn auf, denn während sie so hinter ihrer Mutter hertrottete, wurde ihr klar, dass ihr Junge schon vor der Pubertät schlauer war als sie jetzt.
„Wie geht es bei der Arbeit?“
„Sie ist anstrengend. Während der Ausbildung haben sie mir immerhin die Nachtschichten erspart.“ Aber im Vergleich dazu, wie sie sich früher abgerackert hatte, waren sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Arbeitszeit und ihr Lohn mehr als anständig.
„Tja, du warst eben spät dran damit.“
„Ich bin siebenundzwanzig, Mum.“
„Du hast die Schule aber erst mit vierundzwanzig beendet, Schatz.“
Tja, wo sie recht hatte … Nachdem sie mit Yannis in regelrecht erbärmlichem Zustand vor der Tür ihrer Eltern aufgetaucht war, hatten diese sie wieder in ihre Arme geschlossen und aufgenommen. Jedoch unter der Bedingung, dass Evelynn regelmäßig auf den Streifen pinkelte und ihn ihren Eltern zeigte. Sie hatte die Abendschule besucht, ihren Schulabschluss nachgeholt und dann eine Ausbildung im medizinischen Bereich absolviert. Heute arbeitete sie als Krankenschwester im Boston Childrens Hospital.
„Kommst du?“
Evelynn war hinter ihrer Mutter zurückgefallen. Sie schüttelte den Kopf und schob ihre Gedanken damit von sich. „Aber sicher.“ Sie hatte ihren Eltern viel zu verdanken. Sie sah es keineswegs als selbstverständlich an, dass sie sie wieder aufgenommen hatten. Denn das war es nicht. Aber die beiden hatten Yannis nicht im Regen stehen lassen können. Und am Ende war sie immer noch ihrer beider Tochter. Und das, nachdem sie ihren Sohn verloren hatten. Für die wochenlange Funkstille nach Emanuels Tod, die aufgrund von Brians Kontrollwahn entstanden war, hatte sie dennoch lange gebüßt. Anfangs, ganz ohne Einkommen, war sie darauf angewiesen gewesen, dass ihre Eltern ihr alles bezahlten. So hatte sie ein Handy erst nach sehr langer Zeit wieder gesehen. Telefonzellen ließen grüßen – wenn man sie denn noch fand.
Ihre Mutter ging am Wohnzimmer vorbei, in Richtung Küche. Evelynn hielt auf dem Weg inne und betrachtete ihren Jungen dabei, wie er mit baumelnden Beinen auf dem Boden lag und seine Hausaufgaben erledigte. Er brillierte in der Schule. Anstelle der sechsten besuchte er mit zehn Jahren schon die achte Klasse. Evelynn sah ihn schon mit vierzehn ins College gehen. Wenn sie das denn bezahlen konnte … Und sie musste es bezahlen können, denn ihr Sohn hatte ein Talent, das weit über das Normale hinausging. Sicher dachten das alle Mütter, aber …
„Kommst du uns helfen?“
Yannis blickte noch nicht einmal auf. „Nein, ich muss erst die Hausaufgaben erledigen. Danach wollte ich noch lesen.“
Ein Funke Traurigkeit kam in Evelynn auf. Ihre Mutter hatte so verdammt recht. Ihr Junge wurde erwachsen, und das schneller, als sie realisieren konnte. Dann überflog er auch noch zwei Klassen. Ehe sie es bemerken würde, wäre er ausgeflogen und hätte seine eigene Familie gegründet. Wieso interessierte er sich nicht mehr für Baseball oder Football? Wieso … war er nicht etwas mehr Kind? Der Ernst des Lebens käme noch früh genug auf ihn zu.
„Evelynn!“
„Ich komme! Ich komme …“
„Eve!“
„Ja?“
Miranda kam mit großen Hundeaugen auf die ehemalige Stripperin zu. „Sag mal …, du möchtest doch mit mir Mittag machen, oder?“
Evelynn biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu grinsen. „Hm …, ja …, vielleicht? Wieso?“
Miranda schnaubte und verdrehte die Augen. Als Evelynn daraufhin jedoch nur amüsiert die Augenbrauen hochzog, verfiel Miranda schneller wieder in ihren Hundeblick, als Evelynn für möglich gehalten hätte. „Hättest du … nicht Lust … mir Zimmer zweihundertdrei und -vier abzunehmen?“ Evelynns Mundwinkel zuckten. Miranda bettelte. „Biiiiiteee!“
Schließlich konnte Evelynn keine ernste Miene mehr aufrechterhalten, lachte unterdrückt auf und nickte. „Aber natürlich übernehme ich die Teenager für dich, meine süße Miranda.“ Das hätte sie sowieso getan, denn Miranda, eine Praktikantin auf der Station, hatte keine Ahnung, wie man sich gegen Übergriffe wehrte. Und der junge Mann, der vor einer Woche eingeliefert worden war, hatte keine Ahnung davon, wo seine Hände hingehörten, und wo nicht. „Aber wieso auch Nummer vier?“
Mirandas Mund kräuselte sich. „Naja, weil ich mit meinen Patienten überhaupt nicht nach bin … Das eine Kind hat ein riesiges Drama gemacht, und ich will es der Stationsleitung nicht sagen, sie würde mich einfach die Mittagspause durchschuften lassen, weil ich ja absichtlich zu langsam wäre und so …“
Nun, da hatte sie nicht ganz unrecht. Auch wenn Evelynn ihre Arbeit hier liebte, so machten es ihr ihre Vorgesetzten nicht immer leicht.
„Gut, gut. Mach ich.“
Erleichtert atmete die junge Praktikantin aus. „Danke!“
Evelynn nickte ihr zu und verschwand in Richtung Materialraum. Beim Teenager musste sie eine Körper- und Intimpflege durchführen, bei Patient in Nummer vier musste sie erst die Akte einsehen. Für den Teenager aber, konnte sie alles schon mal vorbereiten.
Es dauerte nicht lange, da stand sie vor dessen Tür, klopfte und trat bald darauf ein. Ein selten dämliches Grinsen, welches wohl anziehend wirken sollte, erwartete sie. Im Gegensatz zu den meisten anderen in seinem Alter war es ihm nicht peinlich, bei einer Krankenschwester einen steifen zu bekommen – umso unangenehmer war es für die Schwestern.
„Ey, Kleine!“
Evelynn schloss die Tür hinter sich und atmete tief aus. Hey, Pickelgesicht, antwortete sie stumm. „Guten Tag. Wie fühlen Sie sich?“
„Geil.“
„Dann ist ja alles beim Alten.“ Evelynn trat auf ihn zu. Den Wagen mit dem Material zog sie hinter sich her und streifte sich Handschuhe über. „Ich bin für die Intim- und Körperpflege hier. Ich mache Sie jetzt frei.“
„Nur zu.“ Das Grinsen wich keine Sekunde. Kurz fühlte sich Evelynn an einen anderen miesen Schurken erinnert, der auch immer so gegrinst hatte. Aber dessen Grinsen vermisste sie ironischerweise irgendwie.
Evelynn entblößte den Patienten und betrachtete sein erigiertes Glied fachkundig. Indessen fand die Hand des Teenagers den Weg zu Evelynns Arsch. Gekonnt schnellte ihre Hand herunter, packte den Patienten am Handgelenk und verdrehte es. „Scheinbar haben Sie ein Problem mit ihrer Körperkontrolle. Ich werde das an den behandelnden Arzt weiterleiten, der untersucht Sie dann sicher in aller Ausführlichkeit. Oftmals liegt das Problem bei Männern im hinteren Bereich. Eine Fehlfunktion der Prostata wäre möglich …“
Die Hand erschlaffte; der Ausdruck des Ekels wurde angeekelt. Und Evelynn? Die war noch nicht ganz fertig.
„Außerdem sehe ich schon zum siebten Mal diese Woche eine stehende Erektion. Ist das Dauerzustand?“
Hochnäsig rümpfte der junge Mann die Nase. „Aber natürlich!“
Evelynn grinste in sich hinein. „Nun gut.“ Sie seufzte theatralisch und griff nach der überdimensionalen Spritze, die unter dem Pflegepersonal gemeinhin liebevoll die Pferdespritze genannt wurde. „Dann werden wir das Problem mal beheben, nicht?“
Als Evelynn aus dem Raum trat, hatte sie Tränen in den Augen und musste an sich halten, nicht laut loszulachen. Selbstverständlich hatte sie die Spritze unbenutzt und verpackt wieder dabei, aber das kleine Ekel dürfte etwas gelernt haben. Was ihre Gedanken weiterführte. Was, wenn Yannis jemals so würde? Hatte ihn die Zeit, die sie bei Brian verbracht hatten, negativ geprägt? Oder ein weitaus erschreckenderer Gedanke: Würde sie es überhaupt bemerken, wenn er auf Abwege geriet? Der Junge war schlau. Es wäre ihm vermutlich ein Leichtes, seine Mutter zu täuschen …
„Miss Brook!“ Lächelnd kam der Pflegeverantwortliche des Hospitals auf sie zu. Ein Mann Ende zwanzig, mit einer beeindruckenden Laufbahn und einem noch beeindruckenderen Starrsinn, wenn es darum ging, ihr den Hof zu machen und sie zu einem Date zu überreden.
Hastig wischte sich Evelynn die Lachtränen aus den Augen. „Mr. Bleech?“
„Gehen Sie mit der Praktikantin in den Mittag.“
„Ich hätte noch ein Zimmer …“
„Machen Sie die Arbeit, die Sie nicht geschafft haben, danach, sonst kommen wir mit den Ablösungen nicht nach.“
Evelynn nickte. „Verstanden.“ Immerhin musste die Station immer mit genügend Leuten besetzt sein. Im Gegensatz zur Stationsleitung, hatte der Pflegeverantwortliche, der hier vor ihr stand, sowohl Verstand als auch Anstand.
Evelynn hatte sich schon umgedreht, da fügte Mr. Bleech nebensächlich an: „Haben Sie nach ihrer Schicht schon etwas vor, Miss Brook?“
Evelynn schluckte, lächelte und schüttelte den Kopf. Zeitgleich sagte sie: „Ich kann nicht, tut mir leid. Ich habe ein Kind, wie Sie wissen.“
Mr. Bleech trat einen Schritt auf sie zu, sodass er, nicht bedrängend, sondern viel eher mit dem Abstand eines wahren Gentlemans vor ihr stand. „Aber Sie wohnen doch bei Ihren Eltern?“
Evelynn musste zu ihm aufsehen. Eigentlich war er ja schon eine kleine – oder viel eher große – Sahneschnitte. Aber bei ihr regte sich nichts. Es war nicht so, dass sie seit fünf Jahren keinen Sex mehr gehabt hatte. Aber zum einen hatte sie es bald aufgegeben, nach einem Mann zu suchen, der Brian im Bett das Wasser reichen konnte, zum anderen stand sie – wie sie sich ehrlich eingestehen musste – einfach nicht auf die guten Jungs. Und das, obwohl eigentlich alles in ihr danach schreien müsste. „Ich habe … dennoch kein Interesse, Mr. Bleech.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Aber danke. Ich … gehe dann jetzt.“
„Und er hat dich wirklich in Ruhe gelassen?“ Miranda hatte die Augen weit aufgerissen. „Er hat dich nicht begrabscht?“
„Nein … Nicht nachdem ich ihm gesagt habe, dass man bei Erektionsproblemen mit der Pferdespritze absaugen muss, und bei kognitiven Störungen die Prostata untersucht werden muss.“
Der Tisch, an dem die Krankenschwestern aus dem ganzen Krankenhaus, die zeitgleich Mittag hatten, zusammengekommen waren, wurde mucksmäuschenstill. Elvira verschluckte sich. Miranda klappte der Mund auf. Simelia hatte die Augen weit aufgerissen und Bea hatte ein höchst debil wirkendes Lächeln auf den Lippen. Genau eine Sekunde lang dauerte diese Stille, dann brach der Pausenraum in gackerndes Gelächter aus. Datenschutz in allen Ehren, aber Evelynn hatte keine Namen genannt.
„Tz! Du hast einen Patienten belogen!“
„Uuuh“, machte Miranda leise. „Ärger im Anmarsch.“
Das Lachen am Tisch verstummte, doch Evelynn reckte den Kopf. Nachdem sie Brian entkommen war, hatte sie sich geschworen, nicht mehr zu buckeln. Und das hatte sie bis zum heutigen Tag auch nicht mehr getan. „Dorothy, hast du ein Problem?“
Die nervige, alte Greisin hatte die runzeligen Arme verschränkt. „Das ist kein Umgang mit einem Patienten! Zudem mit einem Kind!“
„Er ist ein Teenager.“
„Dennoch.“
„Also lässt du dich gern von Minderjährigen anfassen?“
Kollektiv atmeten alle scharf ein. Dorothy öffnete protestierend den Mund, wusste aber offensichtlich nicht, was sie dazu sagen sollte. „Das …!“
„Oh, Scheisse!“
„Was?“ Evelynns Blickkontakt mit der alten Schachtel brach ab und sie wandte sich Miranda zu.
„Hab mir das Oberteil vollgekleckert.“
Evelynn lachte auf. „Na, dann hol dir ein Neues.“
„Aber davon geht meine Freizeit ab …“ Brummend stand Miranda auf und trollte sich aus dem Raum.
Dorothy hatte die Ablenkung wohl genutzt, denn sie war ebenfalls nirgends mehr zu sehen.
Evelynn biss beherzt in ihre Frittata.
„Wie schaffst du es nur, trotz Kind und solchem Essen, so eine Figur zu halten?“, sinnierte Simelia, während sie auf ihren Salat starrte.
Evelynn zuckte mit den Schultern. „Genetik, schätze ich.“
Bea setzte sich gerader hin. „Eve? Hättest du nicht Lust, einmal an unseren Müttertreffen teilzunehmen?“
Müttertreffen? „Was macht ihr da?“
„Wir …“
„…reden offiziell über unsere Kinder. Aber inoffiziell …“
„…geht es vor allem um …“
„…Sex.“
„Meine Güte, Elvira, kannst du mich nicht einmal ausreden lassen?“
Elvira hob unschuldig die Hände. „Du hast so langsam geredet!“
Evelynn grinste, auch wenn sie bei diesem Thema nicht besonders viel beizutragen hatte. Zum einen wäre es jedoch unhöflich gewesen, die Einladung abzulehnen, zum anderen – so hatte sie in ihrem Leben gelernt – waren Freunde wirklich wichtig. „Ich komme gern.“































































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