02. Urlaubsparadies

Vom Hotelgelände führte ein schmales Treppchen hinunter zum Strand. Sonnencreme-Duft hüllte mich ein; im Rucksack klapperten die Wasserflaschen. Zwei Liter Flüssigkeit – trank man weniger, machte bald der Kreislauf schlapp. Zu drückend und feucht war die Luft, zu intensiv der südliche Sonnenschein. Und alles wäre noch schlimmer gewesen ohne den großen Becher Kaffee, den ich mir jeden Morgen nach dem Frühstück verabreichte.

Auf dem Treppenabsatz schlüpfte ich vorsorglich in die Flipflops – barfuß hätte man sich am Strand glatt die Sohlen verbrannt, so sehr heizte die Sonne den gelblichen, mit dunklen Schlieren durchzogenen Sand auf. Ich zog die Baseballkappe noch tiefer ins Gesicht, trotzdem bot sie kaum Schutz gegen das grelle Licht. Ich würde mir eine Sonnenbrille kaufen müssen. Die meisten Leute hier trugen eine, was ich zuerst für Angeberei gehalten hatte. Inzwischen wusste ich es besser.

Alles war längst wieder dicht bevölkert. Jeden Abend nahm ich mir vor, anderntags nicht so lange liegen zu bleiben, aber dann wurde es doch wieder neun Uhr oder später. Das Aufstehen war eine Qual in diesem Klima, der permanenten Schwüle, die auch nachts kaum abnahm. Zwar besaß das Hotelzimmer einen Ventilator, aber der erzeugte schon auf unterster Stufe einen regelrechten Sturm, weshalb ich ihn nie einschaltete, stattdessen lieber die Balkontür offen ließ. Allerdings erreichte auf diese Weise kaum ein Quäntchen Luft das Rauminnere; dementsprechend unerquicklich war der nächtliche Schlaf.

Ich musste wieder lange über den Strand laufen, fast bis zum Felshang, ehe ich eine freie Liege ausmachte. Rasch breitete mein Handtuch darauf aus, öffnete auch den zugehörigen Sonnenschirm. Letzterer hätte mir genügt, als Schutz gegen die pralle Mittelmeersonne; eine Liege brauchte ich eigentlich nicht. Aber natürlich gab es beides bloß im Doppelpack – zu einem entsprechend höheren Preis. Ein braun gebrannter, noch ziemlich junger Strandboy in T-Shirt und Bermudashorts kam angeschlendert, kassierte und versah meine Liege mit einem weißen Kreidekreuz.

Nachdem ich ausgepackt und mich eingerichtet hatte, überschaute ich kurz das Gewimmel: Badende, die sich übermütig in die Wellen stürzten, durchtrainierte Gestalten, die nach Frisbee-Scheiben oder Bällen hechteten, ölige, in der Sonne schmorende Leiber, Kinder, die mit Plastikwerkzeugen emsig im Sand buddelten. Dazwischen überall Afrikaner in bunten Kaftanen, ihren Tand feilbietend: Sonnenbrillen, Schmuck, Mützen. Einige trugen ganze Bauchläden mit Waren vor sich her. Landeinwärts ging der Blick gegen die steile Felswand, an der die Hotelbunker klebten und in der Hitze flimmerten. Eine Fernstraße wand sich aus den Höhen hinab ins Tal, passierte hier unten einen Kreisverkehr und stieg auf der anderen Seite wieder an, bis sie schließlich erneut zwischen den Felsen verschwand. Fahrzeuge glitten auf ihr entlang wie an einer Schnur aufgezogen: Autos, Motorräder, Busse und – vor allem – Baufahrzeuge.



Drei Wochen war ich bereits hier, und mittlerweile hatte sich ein fester Tagesablauf eingespielt. Nach dem Aufstehen und einer Katzenwäsche fuhr ich hinunter in den Speisesaal. Hier galt es, sich mit Essen zu versorgen, was stets aufs Neue eine sportliche Höchstleistung war: Das Gerangel, Geschiebe und Geschubste hätte jedem Schlussverkauf zur Ehre gereicht. Ich war immer völlig erschöpft, wenn ich alle Zutaten beisammen hatte. Und erleichtert, nun endlich mit der Mahlzeit beginnen zu dürfen.

Um halb elf öffnete die Poolbar. Nur hier bekam man frisch aufgebrühten, einigermaßen starken Kaffee. Die Plörre, die die Automaten im Speisesaal ausspuckten, ersparte man sich besser. Wenn die Rollläden der Bar hochfuhren, stand man idealerweise schon mit gezücktem Portemonnaie bereit. Nur wenig später war der Tresen regelrecht belagert von All-Inklusive-Gästen, meistens Russen und Engländer, die Caipirinha, Wodka-O-Saft und Cocktails in rauen Mengen bestellten. Dann konnte man ewig warten, bis man drankam.

Erst wenn das Koffein eines großen Milchkaffees mit doppeltem Espresso meine Kopfweh einigermaßen vertrieben hatte, konnten die weiteren Dinge angegangen werden. Zurück auf dem Zimmer packte ich den Rucksack, dann ging es hinunter an den Strand. Den Tag verbrachte ich nahezu komplett auf der Liege, schauend, lesend, dahindämmernd. Sehr selten raffte ich mich zum Baden auf. Falls nicht wieder eine Barriere aus fauligem, stinkendem Seegras den Zugang versperrte. Oder, wie so oft, großflächige Quallenteppiche durchs Wasser trieben, deren feuerrote Schweife man besser mied, wollte man nicht gefährliche Verbrennungen riskieren. Dass ich unter diesen gastlichen Umständen eher wenig Lust verspürte, ins kühle Nass zu springen, verstand sich wohl von selbst.

Spätnachmittags, wenn von der Felswand langsam Schatten herankam, machte ich mich auf den Rückweg. Das Areal war jetzt so gut wie menschenleer, die Strandboys sammelten überall Liegen und Schirme ein. Im hinteren Tal glommen bereits die ersten Lichter, von den Hotelterrassen hörte man das Klappern der Bestecke auf den Tellern.

Im Hotelzimmer empfingen mich Dunkelheit und abgestandene, drückende Luft. Zwar schlossen die Putzfrauen auf ihrer täglichen Runde immer die Sonnenvorhänge, aber das schützte kaum gegen die brutale Sonnenglut. Ich zog die schweren Tücher beiseite und öffnete die Balkontür, um den Mief zu vertreiben. Draußen waren die Terrakotta-Fliesen immer noch stark erwärmt, obwohl dieser Teil des weitläufigen Hotelkomplexes längst im Schatten lag. Als Handtuch und Badehose auf dem Trockenständer drapiert waren, ging ich unter die Dusche. Welch eine Wohltat, die Haut von Sand und Öl zu befreien, sich mit Body-Lotion einzucremen, schließlich frische Kleidung überzustreifen. Beim Hinunterfahren zum Abendessen fühlte ich mich immer sehr entspannt. Selbst dem neuerlichen Gewühl im Speisesaal konnte ich jetzt gelassen entgegensehen.



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