03. Abendspaziergang

Das Essen war reichlich und schwer gewesen, wie immer. Gerade unternahm ich meine obligatorische letzte Runde, um die Verdauung in Gang zu bringen. Es war jetzt nachtschwarz; überall blinkten die Lichter der Bars, der Spielautomaten und Fahrgeschäfte. Zahllose Souvenirläden präsentierten ihren Ramsch, aus jeder Ecke tönte Popmusik. Ein Schwimmbad lockte mit verschiedenfarbig beleuchteten Becken, auf einer Minigolf-Anlage sah man die Spieler unter Flutlicht ihre Schläger schwingen. Auch einen Vogelpark gab es, wo sich bunte Papageien in großen Volieren bestaunen ließen. Die Tiere hockten auf ihren Stangen und blickten traurig auf die Welt jenseits der Gitterstäbe. Panoramafenster zeigten in Hotelsäle, wo Showmaster in Frack und Zylinder gestikulierten, zauberten und, begleitet von Applaus, Gewinne überreichten. Auf den Hotelterrassen ahmten Menschengruppen die Bewegungen laut kommandierender, meist noch sehr junger Animateure nach.

Der gesamte Süden dieser Urlaubsinsel sowie ein gutes Stück ihres Westens bestanden aus einem einzigen, massiven Granitplateau, das zu den Küsten hin steil abbrach. Felsspalten zogen sich vom Wasser bis weit ins Landesinnere und ließen imposante Täler entstehen. Diese hatte man, wo immer es ging, nutzbar gemacht. Die Hänge waren mit Hotelblöcken aus Glas und Stahl regelrecht verkleidet, die Senken dazwischen fanden sich in ausgedehnte Kirmesbetriebe verwandelt. Künstliche Strände mit exotischen Palmen sollten ein Flair von Karibik erzeugen, ein Gefühl von Leichtigkeit und ewiger Party. Mein Urlaubsdomizil lag im Südwesten des Eilands und hieß Plage d’Aiola. Aber das spielte eigentlich keine Rolle; ein Ferienort war hier wie der andere, die Namen dienten bloß zur Unterscheidung. Echte, gewachsene Dörfer oder Städte gab es in dieser Gegend kaum.

Erstaunlich, dass sich die Gäste an dieser Künstlichkeit nicht störten.Im Gegenteil: Die wahlweise sterilen oder kitschigen Hotelbauten, die harmlosen bis albernen Vergnügungsangebote waren augenscheinlich genau das, was sie wollten. Auch in meinem Hotel gab es jeden Abend Animationen, Events und Highlife, so platt und billig, wie ich es niemals für möglich gehalten hatte. Leider lag die Bühne genau unterhalb meines Fensters; man tat kaum ein Auge zu bei dem Krach, der wummernden Musik, dem nervtötenden Geschrei der DJs und Gäste. Vermutlich waren die Zimmer auf der entgegengesetztem Hotelseite ruhiger, allerdings hatten sie keinen Meerblick, deshalb zögerte ich, mich umquartieren zu lassen.



Ich kam zur Strandpromenade. Sie war nicht lang; rasch hatte man die letzten Boutiquen und Weinschänken passiert, auch die wenigen Spaziergänger zurückgelassen, die um diese Zeit noch hier flanierten. Schließlich machte der steil aufragende Felshang jedes Weiterkommen am Wasser unmöglich. Ich verweilte einen Moment, schaute gedankenverloren auf die nächtliche See hinaus. Am Horizont blinkten ein paar einsame Lichter – vermutlich Leuchtfeuer oder Schiffe, die dort vor Anker lagen. Wellen rollten in regelmäßigen Abständen aus der Dunkelheit heran und schlugen auf den Sandstreifen unterhalb der Promenade. Möwen schrien, es roch nach Tang und salziger Luft.

Man konnte nun dieselbe Strecke zurücklaufen oder seinen Weg auf der anderen Seite des Tals fortsetzen – meist entschied ich mich für letzteres. Obwohl auch hier die Gebäuderiegel und Hotelbunker dicht an dicht standen, wirkte diese Talseite ruhiger, gesetzter, distinguierter. Um diese Zeit sah man so gut wie keine Leute mehr, es gab nur wenige Läden und – vor allem – keinerlei Ferientrubel, keine Animationen. Die blinkenden Lichterketten der Fahrgeschäfte waren weit entfernt, der Lärm der Vergnügungsmeile wehte nur noch abgeschwächt herüber, vermischte sich mit dem Wellenrauschen, dem Geschrei der Möwen.

Nach ein paar Gehminuten erreichte ich den zentralen Verkehrskreisel. Er wurde auch jetzt noch dicht umströmt – der Reiseverkehr auf der Fernstraße kam Tag und Nacht nicht zur Ruhe. Es dauerte jedes Mal eine gute Weile, ehe man die Fahrbahn überqueren konnte. Hinter dem Kreisel wurde es rasch wieder ruhiger. Hier begann eine Siedlung mit Ferienapartments: helle, großzügige Bungalows, hinter deren erleuchteten Fenstern Menschen in trauter Runde zusammensaßen. Familien, Freunde, Abendgesellschaften, zwischen sich die gedeckte Tafel, die blitzenden Weingläser, die Karaffen, die Kerzenleuchter. Menschen, die dem Draußen ihr gediegenes Leben präsentierten, der Welt zeigten: Wir haben es geschafft, wir sind angekommen.

Immer wieder zog es mich in diese Siedlung. Die perfekt arrangierten Szenerien hinter Glas übten einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Allein durch intensives Beobachten, so schien es, konnte ich Teil dieser Welt werden, wenigstens ein kleiner, unbedeutender. Es war wie zu Hause, wo ich nach der Arbeit vergleichbare Gänge gemacht hatte. Hinter den erleuchteten Scheiben meines Wohnviertels hatte sich ein ganz ähnliches Bild von Wohlstand und Behaglichkeit geboten wie hier, hatte ebenfalls diese Makellosigkeit in die Nacht hinaus gestrahlt. Als Ansporn für diejenigen, die sich etablieren wollten, es aber noch nicht geschafft hatten. Und als Vorwurf an die anderen, die es nie schaffen würden. Weil ihnen etwas fehlte, eine bestimmte Eigenschaft oder Fähigkeit, um Teil des Ganzen zu sein.



Und stets war ich dort an einem bestimmten Haus vorbeigekommen, hatte dessen Bewohner beobachtet, die gleichfalls beim Essen saßen: Vater, Mutter und ein blondgelocktes Töchterchen. Das Kind, das Alexandra sich so sehr gewünscht hatte – dort war es. Allerdings saßen andere Eltern mit ihm am Tisch…

Ich riss mich von diesen Gedanken los, setzte den Spaziergang fort. Das Grillenzirpen war laut und allgegenwärtig, die drückend-schwüle Hitze hatte trotz der späten Stunde kaum abgenommen. Im hinteren Tal wurde die Bebauung spärlicher, allmählich verklangen die Geräusche der Siedlung, die Stimmen aus Gärten und geöffneten Fenstern, der Lärm vorbeifahrender Autos. Stattdessen hörte man wieder Meeresrauschen, die Rufe der Wasservögel, aber nur leise, weit entfernt.

Dann endete die Siedlung. Nicht so jedoch die Straße: Sie lief mitsamt ihrer Beleuchtung einfach weiter, ein strahlender Boulevard hinaus in die Nacht, ins Nichts. Schon beim allerersten Rundgang vor drei Wochen hatte mich sein Anblick gefesselt. An jenem Abend hatte ich eigentlich nur die Gegend ums Hotel erkunden wollen und dann diese groteske Straße entdeckt. Auf ihr entlangzugehen war eine sehr ungewöhnliche, fast grenzwertige Erfahrung gewesen: Nirgends Menschen, keine Läden, Kneipen oder Restaurants, auf beiden Seiten nur Dunkelheit und Leere, dazu gespenstische Stille. Die fabrikneuen Gehwegplatten glänzten im Schein der Straßenbeleuchtung, in den Fugen dazwischen wuchs struppiges Gras empor. Zierpalmen vertrockneten in ihren Holzkübeln auf dem Grünstreifen am Rand. Die Müllbehälter waren leer, bis auf einzelne, verschrumpelte Palmblätter, offenbar von irgendeinem Reinigungsdienst zusammengekehrt und entsorgt. Welchen Sinn hatte eine solche Straße? Oder gab es schlicht keinen? Existierte sie bloß irgendeines Irrtums wegen? War sie Resultat eines Planungsfehlers bei den Behörden, den Projektentwicklern, der Baufirma? Und wollte man es nun, da der Bau halt abgeschlossen war, damit bewenden lassen? Den Lapsus durch schlichtes Ignorieren aus der Welt schaffen?

Kein Gebäude tauchte mehr auf, nicht mal eine Trafostation, ein Schuppen oder ähnliches. Der Zikadenlärm verstummte, dafür ertönten nun aus allen Richtungen seltsam quiekende Laute. Fledermausartige Wesen stießen sie aus, die über mir durchs Dunkel kreisten. Manchmal gerieten sie in die Lichtkegel der Straßenlampen, dann konnte man die Biester sehen, ihre ledrigen Flügel erkennen, die scharfen Krallen. Ob sie gefährlich waren? Ihr Geschrei klang irgendwie aggressiv. Aber dann hätte der Reiseführer sie bestimmt erwähnt…



Wohin führte dieses absurde Lichtband? Was wartete an seinem Ende? Falls es überhaupt eines gab. War dies vielleicht der Weg in eine andere Dimension, eine andere Zeit oder Welt? Fand man hier womöglich jene Freiheit, derer man schon so lange bedurfte? Die tollsten Einfälle kamen mir, während ich unter den Lampen dahinschritt, die neben Helligkeit auch sonores, durchaus hypnotisches Brummen verbreiteten. Bald würde vielleicht alle Mühsal hinter mir liegen, konnte ich endlich ins Licht gehen… und dann rissen Straße und Beleuchtung einfach ab, mitten im Nirgendwo. Es wirkte fast, als wäre den Arbeitern schlicht die Lust am Weiterbauen vergangen.

Weshalb kam ausgerechnet hier das Ende? Fast verzweifelt suchte ich nach Hinweisen, Indizien, Erklärungen – vergeblich. Das nahezu absolute Dunkel jenseits der Straße verunmöglichte jedes sinnvolle Recherchieren.

Notgedrungen hatte ich an diesem Abend den Rückzug angetreten. Und war selbstverständlich gleich am darauffolgenden Nachmittag zurückgekehrt, um mir die Sache bei Helligkeit anzuschauen. Fledermäuse ließen sich heute keine entdecken, vermutlich wurden sie erst mit Anbruch der Nacht aktiv. Dafür sah man überall Planierraupen und Bagger emsig wühlen. Tieflader fuhren Erde ab, kehrten mit Baumaterial und Gerät zurück, eine Wolke aus Sand und Staub hüllte alles ein. Das also hatte es mit der geheimnisvollen Straße auf sich: Sie war nichts weiter als der Zubringer in eine neue, noch im Bau befindliche Siedlung, die nach ihrer Fertigstellung vermutlich genau wie alle anderen aussehen würde. Mithin sollte das letzte freie Stückchen des Tals noch zugepflastert werden, verfüllt mit Hotels, Ferienappartements, Läden und allem, was Gäste und Geld brachte.

Meine Enttäuschung war grenzenlos gewesen. Das Bild der rätselhaften Avenue hatte wie eine Verheißung gewirkt, ein Versprechen, die eigenen, engen Grenzen hinter sich zu lassen, neues Terrain zu entdecken, ungeahnte Möglichkeiten – und jetzt das! Weshalb war die Realität nur immer so brutal ernüchternd? Jede kühne Phantasie musste kläglich daran zerschellen. Kreativität, vielleicht gar ein bisschen Verrücktheit – Fehlanzeige! Am Ende blieb stets nur ein schales Gefühl der Leere; man stand da wie ein Idiot, ein hoffnungsloser Träumer.



Wie am Vorabend hatte ich umkehren und diesmal die Straße endgültig abschreiben wollen. Aber dann war mir eine unscheinbare Sandspur aufgefallen, ein schmaler, gewundener Pfad, der sich direkt ans abrupte Ende anschloss. Zu meiner Überraschung ließ er sich weit, sehr weit mit Blicken verfolgen. Hatte ich ihn doch noch gefunden, meinen so innig herbeigesehnten Weg? Würde er mich führen, wohin ich wollte?

Mit klopfendem Herzen setzte ich meine Erkundung fort. Allmählich verschwand der Baulärm hinter mir, während die Felswände immer näher heranrückten. Was würde gleich kommen? Welche Erkenntnis wartete auf mich? Bald war ich vor innerer Spannung wie berauscht.

Und wieder folgte die Ernüchterung auf dem Fuße, als der Pfad unvermittelt an einer steil abfallenden Wand endete. Ich lugte über den Rand in die Tiefe: Bauschutt war dort zu sehen, Abraum, Geröll. Der Anblick erinnerte an ein aufgeplatztes Geschwür, eine riesige, krebsartige Wucherung. Und endlich fiel der Groschen: Was ich die ganze Zeit für den Talgrund gehalten hatte, war in Wirklichkeit eine aufgeschüttete Halde. Man hatte dem Areal zunächst eine neue, synthetische Schicht verpasst und erst dann mit dem Bau der Häuser und Straßen begonnen. Das Feriengebiet war bis in seine Grundfesten falsch, eine einzige Lüge.

Gut fünf Meter unterhalb der menschengemachten Klippe kam die eigentliche Ebene zum Vorschein. Auch dort gab es einen Pfad, gleich meinem hier oben. Er wand sich aus staubigen Weiten heran – und wurde hier durch die Steilwand brutal abgeschnitten, regelrecht amputiert. Nun fehlte sein Ende; er war nutzlos geworden. Keines Menschen Fuß würde ihn jemals mehr betreten.

Und wenn ich es tat? Wenn ich den Weg wieder in Betrieb nahm, ihm sozusagen zu seinem Recht verhalf? War dies nicht ein Akt des Aufbegehrens gegen die Grausamkeit, mit der man Landschaft und gewachsene Struktur geschändet hatte? Fieberhaft suchte ich nach einer Möglichkeit, hinabzuklettern – und musste am Ende einsehen, dass es unmöglich war: Der Schutt konnte ins Rutschen kommen, mich womöglich unter sich begraben. Nein, das Vorhaben war zum Scheitern verurteilt, die Konstrukteure dieses elenden Feriengebietes hatten ganze Arbeit geleistet!



Auch an diesem Abend strahlte der Boulevard wieder taghell. Aber seit ich wusste, was es mit ihm auf sich hatte, seit ich sein Geheimnis kannte, ignorierte ich ihn. Und doch versetzte es mir jedes Mal einen Stich, wenn sein Leuchten am Rand der Siedlung erschien; ganz kurz kehrte das Gefühl von Frustration und Leere zurück, das ich im Moment der Entzauberung gespürt hatte.

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