4. Hauptstädte

Ta´elga – Lad´rhor
»Es ist schon seltsam gewesen, zu erfahren, dass unsere Sternengöttin eine Waldelfe erwartet, die eine Sanguenritterin gewesen ist.«
(Min´ala, Priesterin Ahlunahs.)
Lange vor der Ankunft der Larisso in Nyat´thyra stand Ta´elga an der Reling des Seglers. Eine feine Unruhe lag in ihr, die sich mit jedem Herzschlag deutlicher regte.
Sie hatte sich von Larson verabschiedet, und der Abschied war ihr schwerer gefallen, als sie es sich eingestanden hätte. Sie hatten einander versprochen, sich bald wiederzusehen. Nun stand sie an Deck und blickte in den Nebel, als könnte er ihr Antwort geben.
»Was werde ich auf Ladimgar finden? Der alte Mann in Minae hat gesagt, dass ich nur auf der großen Insel etwas über mich erfahren könne. Was werde ich hier über mich erfahren?«
Dann endlich glitt die Larisso aus dem Nebel, und Ta´elga sah die Sonne wieder. Die klamme Kälte, die so lange an Haut und Gedanken gehaftet hatte, wich dem stillen Trost ihrer Wärme.
Hohe Klippen ragten aus dem Meer wie uralte Wächter. Weit in der Ferne erkannte die Ritterin Nyat´thyra; der Hafen schmiegte sich an den Fuß der mächtigen Felswände.
Das Schiff näherte sich dem Landesteg. Sie konnte die ersten Waldelfen erkennen, die sich auf die Ankunft des Seglers vorbereiteten. Kommandos ertönten, und der Segler wurde festgemacht.
Nun war der Augenblick gekommen. Die Elfenfrau war der Lösung ihres Geheimnisses um einen kaum messbaren, und doch bedeutsamen Schritt näher. Sie verließ die Larisso und setzte den Fuß auf die Insel Ladimgar. Noch einmal wandte sie sich um. An der Reling stand Larson und winkte ihr zum Abschied. Sie erwiderte die Geste, dann riss sie sich los und sah wieder nach vorn.
»Geheimnisse, ich komme.« dachte sie heiter.
Langsam ging Ta´elga bis ans Ende des Landestegs. Viel bot Nyat´thyra dem Blick nicht. Links vor dem Pier erhob sich ein großes Haus aus Holz, gebaut in jener leichten, offenen Weise, die den Elfen eigen war.
Normalerweise lebten Waldelfen in großen Wohnbäumen, die leicht dreihundert Ellen hoch waren. Wo es keine Wohnbäume gab, fand man die typischen Elfenhäuser. Waldelfen lebten gern im Freien; deshalb waren die untersten Etagen fast ausschließlich als überdachte Terrassen angelegt. Rampen führten in die oberen Stockwerke, in denen sich die Schlafräume befanden. Geschlossene Türen und Fenster waren in Elfenhäusern selten.
Darin spiegelte sich der Glaube der Elfen. Sie verehrten Ahlunah, die Sternengöttin, als Wächterin des Lebens. Nur wenn ihr Blick ungehindert auf sie fallen konnte, so glaubten sie, ruhte ihr Schutz über ihnen.
Den Glauben an die Göttin der Elfen hatte Ta´elga während ihrer Zeit im Magistrat verloren wie einen Namen, der zu lange nicht ausgesprochen worden war. Erst auf der Larisso hatte sie in einem alten Buch gelesen, dass die Waldelfen an die Sternengöttin Ahlunah glaubten. Wenn sie wirklich eine Waldelfe war, warum hatte die Göttin sie dann nicht beschützt? Warum hatte Ahlunah zugelassen, dass sie entführt worden war? Steckte die Sternengöttin hinter ihrer Befreiung? Oder war alles nur ein weiterer Kunstgriff, um einer Kriegerin der Herrscher habhaft zu werden?
Ta´elga musste Antworten finden.
In regelmäßigen Abständen suchten die Waldelfen einen Sternenbrunnen auf, um Ahlunah so nahe wie möglich zu sein. Die Sternenbrunnen waren von der Göttin selbst erschaffen worden. Im Reich des Magistrats und sogar in Minae hatte sie keinen gefunden.
»Hier auf Ladimgar muss es mindestens einen Sternenbrunnen geben, den ich aufsuchen kann, dort kann ich vielleicht mehr über mich erfahren.«
Vom Landesteg führte ein schmaler Weg den Hang hinauf. Ta´elga folgte ihm und gelangte zu einer Baiulobor, einer laubenartig wachsenden Pflanze. Aus ihrem Geäst wob sich ein bläulich schimmerndes Feld, heraufbeschworen von Elfenpriesterinnen. Mithilfe dieses Leuchtens konnte man jede andere Baiulobor im Elfenreich erreichen. Diese magischen Pflanzen wuchsen nur in der Welt der Elfen, in den Wäldern Ladimgars und auf dem Kontinent Tirganeiy.
In der Nähe der Pflanze standen ein paar Waldelfen, die sich angeregt unterhielten. Hier in Nyat´thyra gab es auch eine Flugmeisterin, die den ankommenden Reisenden ihre Dienste anbot. Sie hatte ihr Lager mit ihren Flugtieren in der Nähe der Baiulobor aufgeschlagen.
»Ahlunah bringt dir Licht und Schutz, Reisende. Willkommen in Nyat´thyra. Ich bin Flugmeisterin Ne´ella. Darf ich dir meine Dienste anbieten?«
»Das Licht umarme dich«, antwortete sie traditionsgemäß.
Ta´elga bewunderte Ne´ellas Flugtiere. Sie besaß drei wunderschöne Velicrays, vogelartige Tiere mit dunkelblauem Gefieder und grünem Kopf. Es reizte die Ritterin, ihre Reise auf einem solchen Flugtier fortzusetzen, doch zuerst wollte sie mit der Priesterin an der Baiulobor sprechen. Vielleicht erfuhr sie von ihr etwas über die Sternengöttin.
»Ich komme später wieder. Ich möchte vorher noch zur Priesterin«, sagte die Elfe zu Ne´ella.
»Die Herrscher gestalten den Tag«, begrüßte sie die Dienerin Ahlunahs absichtlich mit der im Magistrat üblichen Grußformel. Sie wollte sehen, wie die Priesterin reagierte. Enttäuscht stellte sie fest, dass die Priesterin auf diese Provokation nicht reagierte.
»Das Licht umarme dich, Ta´elga«, wurde sie begrüßt.
Sie war überrascht.
»Woher kennst du meinen Namen? Bin ich dir bekannt?«
»Natürlich, du bist Ta´elga, die Sanguenritterin. Mein Name ist Min´ala. Die Sternengöttin hat deine Ankunft angekündigt.«
»Ahlunah selbst?«, ungläubig schüttelte sie ihren Kopf.
»Ja, Ta´elga. Ahlunah hat mir aufgetragen, dir mitzuteilen, dass du die große Bibliothek in Lad´rhor aufsuchen sollst. Sprich dort mit dem Buchmeister Mog´il. Er wird dir sagen, was du für deine weitere Reise wissen musst. Du kannst gleich durch die Baiulobor gehen. Sie führt direkt in die Tempelstadt Lad´rhor.«
»Lad´rhor? Was ist das für ein Ort?«
»Die Tempelstadt ist so etwas wie die Hauptstadt der Waldelfen. Sie befindet sich in einem tiefen Tal im Süden von Ladimgar. In Wahrheit ist Lad´rhor viel mehr als nur die Hauptstadt des Waldelfenreiches. Mog´il wird dir sicher alles über Lad´rhor erzählen. Er ist ein sehr geschwätziger Elf.«
Min´ala kicherte ein wenig.
»Kann ich Lad´rhor auch mit einem Velicray erreichen?«
»Natürlich, aber durch die Baiulobor geht es schneller.«
»Ich möchte lieber das Flugtier nehmen. So sehe ich noch etwas von der Gegend hier.«
»Wie du wünschst, Ta´elga. Ahlunah bringe dir Licht und Schutz«, segnete die Priesterin die Sanguenritterin zum Abschied.
Sie kehrte zu Ne´ella zurück. Diese gab Ta´elga den größten und schönsten Velicray, den sie besaß. Im Sonnenlicht loderte sein Gefieder in tiefem Blau. Mit einem stolzen Schrei erhob sich das Flugtier in die Lüfte. Im raschen Aufstieg zog es an den hohen Felswänden vorbei, immer höher, immer weiter hinauf, und seine Rufe brachen sich an den schroffen Klippen.
Nach vielen Minuten hatten sie die Felsen hinter sich gelassen, und die Waldelfenfrau blickte auf Ladimgar hinab. Ihr erster Blick fiel auf einen Wald, der kein Ende zu kennen schien.
Bäume, so weit das Auge reichte. Große Bäume, kleine Bäume, grüne Bäume, blaue Bäume, mit großen Blättern, mit kleinen Blättern, Bäume, nichts als Bäume.
Noch immer gewann der Velicray an Höhe. In der Ferne konnte Ta´elga mehrere hohe Wohnbäume erkennen. Vögel zogen über den Wald, und hier und da stieg Rauch zwischen den Bäumen auf.
Das Flugtier wandte sich nach Süden in Richtung Lad´rhor. Es überflog mehrere Bäche, Flüsse und Seen. Auf einigen Lichtungen konnte sie Elfenhäuser in verschiedenen Größen erkennen.
Der Velicray folgte dem Lauf einer breiten Straße, die sich wie ein helles Band durch den Wald wand. In der Ferne hob sich eine niedrige Bergkette gegen den Himmel, dahinter vermutete die Elfe die Hauptstadt der Waldelfen. Sie überließ sich dem Flug. Der Himmel war wolkenlos, die Sonne lag warm auf ihrer Haut, und die klare Luft füllte sie mit einer seltsamen Leichtigkeit. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich ihr Herz nicht wie eine Last an.
»Fühlt es sich so an, wenn man nach Hause kommt?«
Viel zu bald begann der Flug sich dem Ende zuzuneigen. Sie überquerten die Bergkette und gelangten in ein gewaltiges, rundes Tal, das ringsum von Bergen umschlossen wurde. Dort unten, in seiner Mitte, lag Lad´rhor. Ta´elga stockte der Atem. Der Anblick war von jener Art Schönheit, die einen Augenblick lang alles Denken verstummen lässt.
In dem Tal wuchs nichts. Keine Pflanze, kein Baum war zu sehen, nur nackter, weißer Felsen. In der Mitte des Tals sah sie einen riesigen, kreisrunden See. Ebenfalls kreisrund war die Insel, die in der Mitte des Sees zu sehen war.
Inmitten der Insel stand ein wahrlich beeindruckendes Gebäude.
Plötzlich, beim Anblick dieses Bauwerks, erinnerte sie sich. Das war der Tempel der Sternengöttin.
Die Elfenfrau kannte dieses Bauwerk nur aus einem Buch, und doch erkannte sie Ahlunahs Tempel sofort. Sie wusste nicht, ob ihre Füße je zuvor über diesen Ort gegangen waren. Wie alles in diesem Tal war auch der Tempel kreisrund. Er maß mehrere tausend Schritt im Durchmesser, trug ein gewaltiges Kuppeldach und erhob sich mühelos bis in die Höhe eines großen Wohnbaums.
Ta´elga konnte die Maße natürlich nur schätzen, aber als ausgebildete Kriegerin besaß sie ein gutes Augenmaß.
Rund um den See führte eine breite Straße. In regelmäßigen Abständen standen um das Gewässer herum acht Gebäude, die kleinere Abbilder des Tempels der Sternengöttin waren.
Die Kuppeldächer dieser Bauwerke waren mit silbernen, das Dach des Tempels in der Mitte der Insel mit goldenen Platten belegt.
Von jedem der Gebäude führten breite Brücken zum Tempel der Sternengöttin. Ahlunahs Tempel, die acht Brücken und die Ringstraße waren aus weißem Marmor errichtet, durchzogen von goldenen Adern. Die kleineren Gebäude bestanden aus mittelblauem Stein, in dem silberne Linien schimmerten, als habe das Gestein selbst ein verborgenes Licht bewahrt.
Der Velicray überflog die Stadt von Norden her. Er nahm Kurs auf das südöstliche Bauwerk. Auf der Straße und auf den Brücken waren nicht viele Wesen unterwegs. Die Ritterin sah ein paar Wachen, ausnahmslos Elfen. Einige Zwerge und Menschen bewegten sich von und zu den verschiedenen Tempeln.
Das Flugtier befand sich nun im Sinkflug und steuerte einen Horst für Velicrays an, der sich neben dem Kuppelbau im Südosten der Stadt befand. Mit einem lauten Schrei landete der Vogel neben der Flugmeisterin. Die Elfenfrau verabschiedete sich von dem Velicray, indem sie das Flugtier streichelte, und bedankte sich bei ihm für diesen wundervollen Flug.
Nun stand sie in dieser gewaltigen Stadt, anders konnte Ta´elga sie nicht nennen. Ihre Bauweise war untypisch für Elfen.
»Wieso lebten sie dann hier und warum war sie das Zentrum des Elfenreiches?«
Sie wandte sich an die Flugmeisterin.
»Ahlunah bringe dir Licht und Schutz, Flugmeisterin. Ich benötige einige Informationen.«
»Das Licht umarme dich. Willkommen in Lad´rhor. Wie kann ich helfen?«
»Ich suche die große Bibliothek. Dort gibt es einen Buchmeister namens Mog´il.«
»Oh ja, den kennt hier jeder. Er weiß immer etwas zu erzählen. Du findest ihn im Tempel der Schriften. Das ist das Gebäude, das du rechts von uns sehen kannst. Dort findest du die große Bibliothek.«
»Kannst du mir auch sagen, wo ich meinen Durst und Hunger stillen kann und eine Unterkunft finde?«
»Natürlich. Dieses ist der Tempel der Reisenden.«
Die Flugmeisterin zeigte auf das Gebäude, neben dem die beiden Frauen standen.
»Hier findest du alles, was du für dein leibliches Wohl benötigst. Wirklich alles«, sagte sie mit einem Augenzwinkern.
»Danke, Flugmeisterin. Ahlunah sei mit dir.«
»Ahlunah erleuchte deinen Weg«, erwiderte diese, als Ta´elga in Richtung des Tempels der Reisenden ging.
Der Eingang des Tempels war von der großen Ringstraße aus zu erreichen. Auf einer Tafel las Ta´elga, dass diese Straße Ahlunahs Erleuchtung hieß. Wenige Schritte später stand sie vor dem Eingang des Kuppelbaus. Ein Tor gab es hier nicht; stattdessen spannte sich vor ihr ein breiter, hoher Rundbogen. Als sie eintrat, umfing sie sogleich ein gelbliches Licht, das den ganzen Tempel erfüllte. Sie legte den Kopf in den Nacken. Eine Quelle war nirgends zu erkennen, es schien, als ströme der Schein aus dem Kuppeldach selbst. Von hier unten wirkte es, als sei es aus Glas und Licht zugleich geschaffen.
In der Mitte des Kuppelbaus stand eine riesige Statue, die fast bis zum Zenit des Daches reichte. Sie zeigte eine weibliche Elfe. Ta´elga fragte einen vorbeigehenden Elf:
»Verzeih, wen zeigt diese Statue?«
»Sag bloß, du kennst die Göttin der Reisenden nicht?«, fragte er erstaunt und musterte die junge Elfenfrau.
»Nein, leider verlor ich meine Erinnerungen.«
»Ach du Ärmste. Das dort ist die Göttin Resineah. Sie beschützt alle Reisenden. Wie kann es sein, dass du nichts von unseren Göttinnen weißt? Du bist eine Waldelfe. Dir muss Schlimmes widerfahren sein, wenn du alles vergessen hast.«
»Ja, das ist richtig. Ich bin hier, um meine Vergangenheit zu finden«, bestätigte sie ihm seine Vermutung.
»Dann wünsche ich dir viel Glück. Ahlunah bringt dir das Licht«, verabschiedete er sich und entschwand in der Weite des Tempels.
Ta´elga ließ den Blick schweifen. Ringsum zogen sich an den Wänden bis hinauf zum Dach mehrere Emporen entlang, miteinander verbunden durch zahlreiche Rampen. Die Rampe in ihrer Nähe führte zu einer Herberge. Dem Hinweisschild entnahm sie, dass sie »Ruhender Waldelf« hieß. Sie beschloss, dort eine Unterkunft zu nehmen und ihren Hunger und Durst zu stillen.
Sie nahm im Gastraum der Herberge Platz. Eine emsige Waldelfe brachte ihr zu essen und zu trinken. Ta´elga beeilte sich. Fast schlang sie das Essen hinunter und trank hastig ihren Krug Wasser leer. Nun wollte sie so schnell wie möglich mit Mog´il sprechen.
Die Ritterin fühlte sich gestärkt und machte sich auf den Weg zum Tempel der Schriften. Es dauerte einige Minuten, bis sie vor dem Eingang der großen Bibliothek stand. Aus dem Innern schien ein bläuliches Licht.
Auch hier stand in der Mitte der Halle eine große Statue, die eine weibliche Waldelfe zeigte. Ta´elga kannte sie ebenso wenig wie das erste Standbild im Tempel der Reisenden. Wieder sah sie Emporen und Rampen wie dort, doch in diesem Tempel lag eine beinahe ehrfürchtige Stille, als wage selbst das Echo nicht, die Ordnung der Schriften zu stören.
Zahlreiche Tische und Stehpulte standen rund um das Abbild. An einigen lasen Elfen in Büchern oder Schriftrollen.
Sie machte einen Rundgang durch die Halle.
Langsam schritt die Elfe zwischen den Reihen aus Tischen und Stehpulten hindurch und ließ den Blick umherwandern. Als sie sich der Wand näherte, hörte sie seltsame Geräusche, die sie zunächst nicht einordnen konnte.
Bei näherem Hinsehen entdeckte sie Öffnungen in der Wand, in denen Plattformen auf und ab glitten. Die Kriegerin beobachtete einen Elf, der eine Schriftrolle auf eine der Plattformen legte, sogleich setzte sie sich nach oben in Bewegung. In einem anderen Schacht kam gerade eine Plattform an, und der Elf entnahm ihr ein Buch.
Das waren Aufzüge, die Bücher und Schriftrollen durch den Tempel transportierten, wurde ihr klar.
Sie sprach den Elf an, der mit dem Buch, welches er gerade dem Aufzug entnommen hatte, auf ein in der Nähe stehendes Pult zuging.
»Verzeih mir. Ich suche den Buchmeister Mog´il. Kannst du mir sagen, wo ich ihn finde?«
»Bitte was?«, schaute er sie etwas verdutzt an. »Oh ja, Mog´il. Warte. Hm. Ich glaube, ich habe ihn gerade in Richtung seiner Räumlichkeiten gehen sehen«, überlegte der Elf kurz.
»Gehe hier die erste Rampe hinauf. Sie führt zu seiner Schreibstube.«
Ohne sich weiter um die Elfenfrau zu kümmern, ging er weiter zum Stehpult.
»Danke«, rief sie ihm noch nach.
Scheinbar hatte der Elf sie schon vergessen. Als er das Pult erreichte, vertiefte er sich sofort in sein Buch.
Ta´elga stieg die Rampe hinauf, auf die der Elf gezeigt hatte. Sie endete an der ersten Empore. Dort folgte sie einem Gang, der an mehreren verschlossenen Türen vorbeiführte, bis sie vor einer Tür stand, auf der in goldenen Lettern der Name des Buchmeisters prangte. Zaghaft klopfte sie an. Von innen erklang eine Stimme.
»Tritt ein, Ta´elga.«
Mog´il war also auch über ihre Ankunft unterrichtet worden.
»Gibt es hier eigentlich jemanden, der nichts von meiner Anwesenheit weiß?«, fragte die Elfenfrau sich belustigt.
Sie trat ein und fand sich in einem hohen, fensterlosen Raum wieder. Obwohl nirgends eine Lichtquelle zu sehen war, lag alles in hellem Schein. Hohe Regale, die bis an die Decke reichten und unzählige Bücher bargen, füllten den Raum. Auf dem Boden türmten sich weitere Bücher und zahllose Schriftrollen. Mitten in diesem geordneten Chaos stand ein riesiger, dunkelbrauner Schreibtisch, hinter dem der älteste Elf saß, den sie jemals gesehen hatte.
Sie verbeugte sich ehrfürchtig.
»Ahlunah bringe dir Licht und Schutz, Mog´il.«
»Das Licht umarme dich«, antwortete der Buchmeister mit tiefer Stimme, »komme näher, Ta´elga, komme näher.«
Er winkte sie zu sich.
Die Elfe betrachtete den Buchmeister genauer. Seine Haut war gräulich und rissig, die Ohren hingen leicht herab, und auf seinem Kopf hielten sich nur noch wenige Haare. Selbst für einen Elf war Mog´il von außergewöhnlicher Schmalheit. Gebeugt saß er hinter seinem Schreibtisch, und doch wohnte ihm etwas Unbeugsames inne.
»Wie alt mag dieser Waldelf wohl sein?«
»Eintausendsechshundertdreiundachtzig Jahre«, antwortete der Buchmeister.
»Kann er Gedanken lesen?«, dachte sie überrascht.
»Nein, kann ich nicht. Jeder, der mich zum ersten Mal sieht, stellt sich diese Fragen.«
Mog´il sah Ta´elga an.
Seinen Augen sah man sein hohes Alter nicht an, sie hatten nichts von ihrer Strahlkraft verloren.
»So, du bist also die Sanguenritterin, die auf der Suche nach ihrer Vergangenheit ist?«
»Ja, Buchmeister. Kannst du mir helfen?«
»Darum hat mich Ahlunah gebeten.«
»Wie kannst du mir helfen?«, fragte sie neugierig.
»Nun ja, hier im Tempel von Wilneah, der Göttin der Schriften, lagern alle Bücher und Schriften dieser Welt. Ganz gleich, von welchem Volk sie jemals verfasst worden sind, alle sind hier in dieser Bibliothek. Ganz gleich, was du wissen möchtest, wenn ich es nicht weiß, werde ich es hier irgendwo in diesen Schriften finden.«
Er zeigte dabei in einer alles umfassenden Geste auf die zahllosen Schriftrollen und Bücher.
»Wie ist das möglich?«, fragte Ta´elga erstaunt.
»Dafür sorgt die Göttin Wilneah. Sie ist dafür zuständig, die Schriften auf der ganzen Welt zu sammeln und hierher zu bringen. Ich katalogisiere sie dann und stelle sie den Interessierten zur Verfügung.«
»Ich verstehe das mit den Göttinnen nicht. Sie können doch nicht wirklich real sein, oder?«
»Oh je, Ta´elga. Du hast wirklich alles vergessen. Da müssen wir ganz von vorn beginnen«, klagte der Buchmeister.
Aaghyl – Muantur
»Ich hätte niemals erwartet, dass der unnahbare und scheinbar so emotionslose Oberbefehlshaber sich als gefühlvoller Liebhaber und guter Freund erweisen würde.«
(Yyehal, Kapitänin der Protektor von Muantur.)
Als die kleine Flotte Ruslahr verlassen hatte, nahm sie nicht direkten Kurs auf Noslahr. Stattdessen segelte sie nach Norden, um dem immerwährenden Nebel über dem Versteckten Meer so rasch wie möglich zu entkommen. In dieser dichten, feuchten Wand trieben sich häufig Schiffe der westlichen Königreiche umher. Einen möglichen Kampf wollte Aaghyl so kurz nach der Niederlage jedoch vermeiden.
Es war immer kälter geworden, je weiter die Schiffe nach Norden fuhren. Die Flotte war nun schon ganz in der Nähe des Eismeers. Plötzlich lichtete sich der Nebel, und nach vielen Tagen sahen die Seefahrer endlich die Sonne wieder, die an einem blauen, wolkenlosen Himmel stand.
Aaghyl beschloss, an Deck zu gehen. Auch ihm hatte der freie Blick auf die See gefehlt. Ein mäßiger Wind strich aus Westen herüber. Der Oberbefehlshaber trat an die Backbordseite der Galeere. Tiefrot stand die Sonne über dem Horizont. Er stützte sich auf die Reling und sah ihr beim Sinken zu. Nach einer Weile wanderte sie nach links; die Protektor von Muantur hatte Kurs nach Osten genommen, auf Noslahr zu. Halb schon im Meer versunken, stand die Sonne nun direkt hinter dem Heck und tauchte das Schiff in ein eigentümliches Zwielicht. Aaghyl blieb an Deck, bis sie ganz verschwunden war. Die ersten Sterne traten hervor. Ihn fröstelte, und mit einem Zauber schenkte er sich Wärme. Noch lange stand er an der Reling und blickte hinaus auf die ruhige See, die nur vom Sternenlicht berührt wurde. Schließlich richtete er sich auf. Es war Zeit, Yyehal aufzusuchen.
Er klopfte leise an ihre Kabinentür. Die Kapitänin forderte ihn auf, einzutreten.
»Guten Abend, Erhabener. Folge mir in meinen Wohnbereich. Ich habe ein kleines Mahl für uns vorbereiten lassen«, begrüßte sie ihn.
Er nahm an dem kleinen Steintisch Platz. Die Kapitänin setzte sich ihm gegenüber. Yyehal hatte eine Schüssel mit Nahrungsbrei, etwas Brot und Obst aufgetischt.
»Bitte bediene dich, Aaghyl. Ich habe noch einen guten Wein bereitgestellt. Ein besonderer Tropfen, der aus meiner Heimat stammt und sehr selten ist.«
Der Elfenmann nahm etwas Nahrungsbrei aus der Schüssel und streute ein paar von den gelben Laubbeeren darüber. Er brach sich ein Stück von dem Brot ab und roch daran. Er sog den Duft des Gebäcks tief in sich ein. Brot stand nicht alle Tage auf den Speiseplänen im Magistrat. Der Oberbefehlshaber aß mit Genuss. Die Laubbeeren gaben dem faden Brei einen süßen Geschmack. Yyehal nahm ein Stück von der roten Waldmelone.
Während sie schweigend aßen, betrachtete die Kapitänin den Elfenmann genauer. Aaghyl gefiel ihr. Er war größer als die meisten Steinelfenmänner und athletisch gebaut. Es war lange her, dass sie Gelegenheit gehabt hatte, einem Steinelfenmann so nahe zu sein. Als der Lord sein Mahl beendet hatte, lehnte er sich satt und zufrieden zurück. Yyehals prüfende Blicke waren ihm nicht entgangen. Sie mochte älter sein als er, doch in seinen Augen hatte sie nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Ihr hellblaues, schulterlanges Haar trug sie offen.
Die Elfe erhob sich vom Tisch und ging zu einem kleinen Schrank, der in einer Ecke der Wohnkabine stand. Sie öffnete die Türe des Schrankes und holte eine Flasche heraus, die aus blauem Glas bestand. Mit der Flasche und zwei kleinen Gläsern kehrte sie zu Aaghyl zurück. Yyehal füllte die beiden Gläser mit dem tiefvioletten Wein, der dickflüssig aus der Flasche kam.
»Dieser Wein wird aus einer Beere gemacht, die nur in der Nähe meines Heimatwohnturms wächst. Die Sträucher, an denen sie wächst, findet man dort nur selten. Ich lasse mir immer einen Vorrat von diesem köstlichen Trank besorgen, wenn ich in Muantur bin«, erklärte die Elfenfrau.
»Aus welchem Teil Tirganas stammst du?«
»Ich stamme aus Cymtur. Das ist schon ein sehr alter, sehr hoher Wohnturm in der Nähe des Blausteingebirges. Der Turm wurde vor sehr langer Zeit aus dem blauen Fels des Gebirges gebaut. Cymtur liegt an einem kleinen Fluss, dessen Quelle in dem Gebirge liegt und irgendwo in der Wüste vor Muantur versiegt.«
Aaghyl hob sein Glas und roch an dem Getränk. Ein süßlicher, zugleich scharfer Duft stieg ihm in die Nase. Er nahm einen Schluck. Angenehme Kühle breitete sich in seinem Mund aus, und der fremde Geschmack entfaltete sich langsam auf seiner Zunge. Als er den Wein hinunterschluckte, rann Wärme erst durch seine Kehle und dann durch seinen ganzen Körper. Nachdenklich betrachtete der Lord sein Glas.
»Was für ein eigenartiges Getränk. Du hast einen guten Geschmack«, sagte er bewundernd zu Yyehal.
»Danke, Erhabener. Es freut mich, dass dir der Wein aus meiner Heimat schmeckt.«
»Es scheint, dass deine Heimat noch mehr Schönes zu bieten hat als nur guten Wein.«
Die Frau lächelte und verbeugte sich leicht.
»Guter Wein schmeckt nur in angenehmer Gesellschaft«, antwortete sie und hob ihr Glas.
Die beiden Steinelfen tranken ihre Gläser leer und Yyehal schenkte nach.
»Ich schätze, es wird ein sehr vergnüglicher Abend«, dachte Aaghyl.
»Yyehal, du hast gesagt, du könntest mir beibringen, wie ich meine Gefühle vor anderen Gefühlswebern verbergen kann.«
»Ja, das kann ich, Erhabener.«
Yyehal zuckte in Gedanken mit den Schultern.
»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.«
Sie erhob sich und führte den Lord in ihren Schlafraum. Vor dem Bett lag der blaue Teppich, auf dem am Vorabend Aaghyls Reinigungszeremonie stattgefunden hatte. Die beiden Elfen nahmen einander gegenüber Platz, als beginne nun eine andere, stillere Art von Prüfung.
»Entspanne dich, Aaghyl. Heute und in den nächsten Abenden werden wir ohne Magie auskommen. Der Trick ist, du musst lernen, deine Gefühle in deinen Zaubern zu verbergen.«
»Und wie mache ich das?«
»Jedes Wesen, das Magie beherrscht, stellt sich die Quelle seines Zaubers anders vor. Ich stelle mir verschiedene Steintruhen vor, in denen ich meine Zauber bewahre. Wenn ich einen Zauber benötige, öffne ich die entsprechende Truhe.«
»In Lagtur, wo ich aufgewachsen bin, bewahren wir unser Wasser in verschließbaren Gefäßen auf. Wasser ist bei uns immer knapp und daher wertvoll. Die Gefäße werden verschlossen, damit kein Wasser durch Verdunstung verloren geht. Ich stelle mir immer vor, dass meine Zauber sich in solchen Gefäßen befinden.«
»Gut. Mein Geheimnis ist, dass ich meine imaginären Truhen mit doppelten Böden ausgestattet habe. Ich verstecke meine Gefühle unter diesen doppelten Böden. Unter meiner Magie kann kein Gefühlsweber meine Gefühle entdecken. Sie sehen nur, was ich ihnen erlaube. Die doppelten Böden funktionieren aber nur bei mir. Jeder muss seine eigene Methode herausfinden. Das ist der Trick. In den nächsten Tagen, die uns bis zur Ankunft in Noslahr noch bleiben, müssen wir deine Methode finden.«
»Das hört sich einfach an.«
»Es ist schwieriger als du denkst. Wir werden Vieles probieren müssen, bis wir die richtige Art gefunden haben, um deine Gefühle zu verstecken.«
»Dann lass uns ohne weitere Verzögerung beginnen«, bat Aaghyl die Elfenfrau.
An diesem Abend arbeiteten die beiden Steinelfen stundenlang bis zur Erschöpfung, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen. Was immer sie auch versuchten, Yyehal konnte Aaghyls Gefühle noch immer sehen, sobald sie das Reinigungsritual begann.
»Aaghyl, lass uns für heute aufhören. Ich muss mich ausruhen.«
Sie war völlig außer Atem.
»Ja, Yyehal, du hast recht. Hast du noch etwas von deinem köstlichen Wein?«
Auch er war erschöpft.
»Lege dich auf mein Bett. Ich werde den Wein holen.«
Sie halfen einander auf. Aaghyl ließ sich auf das Bett der Elfenfrau fallen.
Yyehal ging langsam in den Wohnraum. Sie musste sich dabei an einigen Einrichtungsgegenständen stützen, um nicht hinzufallen. Aaghyl blickte ihr nach und musste lächeln. Nach wenigen Minuten kam sie zurück in die Schlafkabine. Sie brachte die Flasche mit, die sie ihm hinhielt.
»Trink, Lord Aaghyl, trink. Heute wollen wir keinen Tropfen übriglassen.«
Yyehal ließ sich neben ihn auf das Bett fallen. Aaghyl nahm die Flasche und trank einen großen Schluck. Die Kapitänin tat es ihm nach. Beide genossen die Wärme, die sie durchfloss. Der Elfenmann lachte.
»Ich glaube, ich bin nicht mehr in der Lage einen Fuß vor den anderen zu setzen, geschweige denn, meine Kabine zu erreichen.«
»Ich könnte ein paar Untoten befehlen dich zu tragen, Aaghyl.«
Er bemerkte den leicht ironischen Tonfall in ihrer Stimme.
»Möchtest du mich so schnell loswerden?«
Die Elfenfrau drehte ihren Kopf zu ihm und schaute ihn an.
»Nein, Aaghyl, nein. Ich möchte, dass du heute Nacht hierbleibst.«
Sie stupste ihn an.
»Und ein Nein akzeptiere ich nicht«, sagte sie lächelnd.
Aaghyl rückte näher an die attraktive Elfenfrau heran. Er atmete ihren Duft ein.
»Ich habe auch nicht vor Nein zu sagen«, erwiderte er flüsternd und küsste sie.
Yyehal erwachte am nächsten Morgen sehr früh, obwohl die Nacht sehr kurz gewesen war. Sie betrachtete Aaghyl, der noch schlafend neben ihr lag. Sie lächelte, als sie an die vergangenen Stunden dachte.
»Er weiß genau, was eine Elfenfrau mag. Trotz seiner Jugend.«
Sie stand auf und ging in ihr kleines Bad.
Mittlerweile war auch Aaghyl aufgewacht. Er lauschte den leisen Geräuschen, die aus der Badekabine zu ihm drangen.
»Eine erstaunliche Frau, die weiß, wie man mit einem Elfenmann umgeht.«
Obwohl er eine große Zuneigung zu Taelga empfand und diese wohl auf Gegenseitigkeit beruhte, war er niemals mit seiner Schülerin zusammen gewesen. Es war lange her, dass er einer Frau, erst recht einer Elfenfrau, so nahe gekommen war.
»Ich hatte schon fast vergessen, wie befriedigend das ist.«
Als Yyehal in die Schlafkabine zurückkehrte, war Aaghyl schon angezogen. Er hatte sich mit einem Zauber gereinigt. Jetzt hatte er Hunger. Sie blickte ihn belustigt an.
»Du bist schon wach und sogar angezogen. Bist du etwa auf der Flucht?«
Aaghyl lächelte Yyehal an und nahm sie in seine Arme.
»Nein, natürlich nicht. Ich würde noch sehr gerne bei dir bleiben, aber leider rufen die Tagesgeschäfte wieder«, sagte er und streichelte dabei ihre Ohren.
Er fand, dass die Elfenfrau sehr schöne Ohren hatte, die ihn ein wenig an Taelga erinnerten. Yyehal schmiegte sich an ihn. Sie genoss seine Berührungen. Es war schon eine geraume Weile her, dass sie Zärtlichkeiten mit einem anderen Wesen ausgetauscht hatte.
»Du hast natürlich recht. Aber wir haben noch viele Tage vor uns, bis wir Noslahr erreichen und auch noch viele Nächte. Wir haben also noch viel Zeit, um deine Ausbildung fortzusetzen und für einige andere Dinge auch«, sagte Yyehal keck.
»Um nichts in der Welt möchte ich meine Ausbildung vernachlässigen.«
Aaghyl bemühte sich, möglichst Gleichgültig zu wirken.
»Ach, nur deine Ausbildung?«, fragte die Elfenfrau anzüglich und stupste ihn in seine Seite.
»Na ja, wenn du mich so fragst. Das eine oder andere wäre eine Wiederholung wert.«
Yyehal löste sich aus Aaghyls Umarmung.
»Wir sollten frühstücken gehen. Normalerweise esse ich immer hier. Heute Morgen möchte ich mein Frühstück in der Messe einnehmen. Begleitest du mich?«
»Falls es dir nichts ausmacht, mit einer Untergebenen gesehen zu werden«, fügte sie scherzhaft hinzu.
»Nein, schließlich habe ich wichtige Dinge mit der Kapitänin meines Flaggschiffes zu besprechen«, antwortete Aaghyl fröhlich.
Die beiden Steinelfen verließen die Kabine der Kapitänin und machten sich auf den Weg in die Offiziersmesse, in der sich nur wenige Untote aufhielten. Beim Frühstück, das aus dem üblichen Nahrungsbrei und einigen Früchten bestand, verabredeten sie sich für den Abend in Yyehals Kabine. Doch auch an diesem Abend und an den darauffolgenden Tagen kamen sie nicht weiter, was Aaghyls Gefühle betraf.
Darüber hinaus waren die Nächte für die beiden Elfen sehr kurzweilig. Inzwischen war der letzte Abend auf See angebrochen. Am nächsten Mittag würde die Protektor von Muantur ihr Ziel erreichen. Wie schon in den Nächten zuvor trafen sich die beiden Steinelfen auch an diesem Abend wieder in Yyehals Kabine. Ohne Umschweife begann Aaghyl das Gespräch. Die beiden Elfen saßen sich im Wohnbereich gegenüber.
»Hör zu, Yyehal. Wir haben an den letzten Abenden alles versucht, damit ich lerne, meine Gefühle zu verbergen. Ich bin wohl ein hoffnungsloser Fall«, sagte er niedergeschlagen.
»Nein, ganz sicher nicht. Bis morgen früh wirst du es können.«
Zuversicht war in ihrer Stimme zu hören.
»Was macht dich so sicher?«
»Warte es ab. Ich habe schon eine Idee.«
»Na gut, ich vertraue dir.«
Er lehnte sich zurück und sah die Elfenfrau erwartungsvoll an.
»Bei dir ist es tatsächlich etwas schwierig, das gebe ich zu. Du musst wissen, dass ich zu den besten Gefühlswebern gehöre. Kein Gefühl bleibt mir verborgen. Bei den meisten Gefühlswebern ist es aber anders. Sie sind nicht in der Lage so weit in die Tiefe des anderen Bewusstseins vorzudringen wie ich«, erklärte die Gefühlsweberin.
»Dennoch bist du bei mir gescheitert.«
»Nein, eigentlich nicht. Bei dir ist es nur anders. Es liegt an der Magie der Sanguenritter, vermute ich. Bei euch Rittern ist die Magie sehr stark. Euer Bewusstsein zu manipulieren ist fast unmöglich, aber nur fast.«
»Wie also kannst du mir helfen?«
»Mir ist da ein kleiner Trick eingefallen, von dem mir mein Lehrer vor sehr langer Zeit mal erzählt hat. Ich kam erst heute Morgen darauf, nachdem du schon weg warst.«
Aaghyl bemerkte Yyehals träumerischen Blick und musste lächeln.
»Was ist das für ein Trick?«
»Wir müssen bei dir einen leeren Zauber installieren.«
»Was ist denn ein leerer Zauber?«, fragte er überrascht.
Von einem leeren Zauber hatte er noch nie etwas gehört.
»Du musst dir einen weiteren Behälter für deine Magie vorstellen. Ihn werden wir aber nicht mit Magie füllen, sondern ihn nur so aussehen lassen, als ob er Magie enthielte. Darin versteckst du dann die Gefühle, die kein Gefühlsweber sehen soll.«
»Und das wird funktionieren?«
»Ja, allerdings mit einigen Einschränkungen.«
»Die da wären?«
»Wenn die leere Magie dich schützen soll, darfst du keinen Gefühlsweber aufsuchen, bei dem du schon einmal warst, denn der würde den Unterschied bemerken und misstrauisch werden. Du darfst außerdem nur Gefühlsweber aufsuchen, deren Magie nicht sehr stark ist.«
»Die erste Bedingung ist einfach zu erfüllen. Wie aber kann ich erkennen, ob bei einem Gefühlsweber der Zauber mächtig ist oder nicht?«
»Das ist die Schwachstelle bei dem leeren Zauber. Du kannst es nicht erkennen. Das ist ein Risiko, das du wohl eingehen musst. Es sei denn…«
Yyehal sprach nicht weiter.
»Es sei denn was?«
Sie senkte ihre Stimme und sah ihm tief in die Augen.
»Es sei denn, du suchst künftig mich auf. So können wir das Nützliche mit dem Vergnüglichen verbinden und gleichzeitig unser kleines Geheimnis wahren.«
Aaghyl lächelte.
»Nichts lieber als das, schöne Yyehal, nichts lieber als das. Können wir also beginnen?«
»Du möchtest wohl keine Zeit verlieren?«, fragte sie amüsiert.
»Nein, denn morgen Mittag werden wir uns trennen müssen und ich möchte mit dir noch eine letzte, lange Nacht verbringen.«
»Dann lass uns anfangen. Ich hoffe, du wirst dein Versprechen auch halten können, Elfenmann.«
»Habe ich dich denn in den vergangenen Nächten enttäuscht?«, fragte Aaghyl mit gespielter Entrüstung.
»Das werde ich dir in Noslahr sagen«, erwiderte die Elfenfrau mit einem hintergründigen Lächeln.
Die beiden Elfen erhoben sich und gingen in die Schlafkabine der Kapitänin. Der Teppich mit den goldenen Symbolen lag immer noch vor dem Bett. Yyehal und Aaghyl saßen sich auch dieses Mal auf dem blauen Teppich gegenüber. Die Gefühlsweberin ließ die magische Lichtkugel erscheinen, die er schon bei der Reinigungszeremonie gesehen hatte.
»Nun führe mich zu deinen Zaubern und denke an nichts«, sagte sie im eintönigen Tonfall.
Aaghyl entspannte sich. Er dachte an den Raum, in dem die Gefäße mit seinen Zaubern standen. Er konnte nicht erklären, was er in seinem Bewusstsein sah. Er spürte jedoch die Anwesenheit der Gefühlsweberin, die irgendwelche geheimnisvollen Dinge in und mit seinem Bewusstsein tat. Plötzlich war ein weiteres Gefäß bei den anderen. Wie aus weiter Ferne erklang irgendwann die Stimme der Elfenfrau.
»Es ist vollbracht, Aaghyl. Du kannst deine Augen wieder öffnen.«
Die Lichtkugel war verschwunden. Die Gefühlsweberin wirkte ein wenig erschöpft.
»Und du bist sicher, dass es wirkt?«
»Ja, unter den Bedingungen, die ich dir vorhin erklärt habe. Du musst nur die Gefühle, die ein Gefühlsweber nicht sehen soll, in diesem Gefäß verschließen. Jeder Gefühlsweber wird einen Behälter mit einem Zauber sehen. Nur sehr mächtige und sehr gute Magier können die Wahrheit erkennen, die in ihm steckt.«
»Ich hoffe, du behältst recht, wenn es eines Tages so weit ist«, seufzte der Elfenmann.
»Hast du noch etwas von deinem köstlichen Wein?«
Sie lächelte. Wortlos erhob sie sich vom Boden und ging in die Wohnkabine. Aaghyl machte es sich derweil auf dem Bett bequem. Nach kurzer Zeit kam die Elfe mit einer Flasche und zwei Gläsern zurück.
»Das ist meine letzte Flasche. Gern leere ich sie mit dir. In den vergangenen Tagen sind wir zu Freunden geworden.«
Sie zögerte einen Augenblick und sah ihren Geliebten an. Sie grinste breit, als sie weitersprach.
»Und nicht nur das.«
»Ja, Yyehal. Ich empfinde genauso. Ich bin froh, dass ich mich dir anvertraut habe.«
Die Elfenfrau gab ihm ein gefülltes Glas und setzte sich neben ihm auf das Bett.
»Mögen wir künftig noch viele gemeinsame Tage verbringen«, sagte sie zu dem Elfenmann.
Yyehal machte eine Pause und trank einen Schluck Wein. Sie schaute Aaghyl über den Glasrand an.
»Und noch viele gemeinsame Nächte«, fuhr sie fort.
Auch diese vorläufig letzte gemeinsame Nacht fiel für die beiden Steinelfen wieder sehr kurz aus. Den folgenden Vormittag waren die Kapitänin und der Oberbefehlshaber mit den Vorbereitungen zur Ankunft in Noslahr beschäftigt.
Schon vor zwei Tagen war die Protektor von Muantur wieder in den Nebel eingedrungen, als sie Kurs nach Südosten genommen hatte. Jetzt unmittelbar vor der Küste Tirganas lichtete er sich abermals, um den Blick auf den Kontinent der Elfen freizugeben.
Aaghyl hielt sich schon eine ganze Weile an Deck auf. Immer wieder glitt sein Blick zur Brücke des Schiffes, wo Yyehal stand. Die Kapitänin gab ihre Befehle mit souveräner Ruhe, und ein Magier an ihrer Seite leitete sie an die Flotte weiter. Die Protektor fuhr den anderen Schiffen voraus. Der Oberbefehlshaber trat an den Bug. In der Ferne ragte der Stadtturm von Noslahr majestätisch in den Himmel. Mit wachsendem Interesse sah der Lord der näherkommenden Hafenstadt entgegen.
Sinan und er würden sich nicht lange in Noslahr aufhalten können. Die Herrscher erwarteten die beiden Sanguenritter so schnell wie möglich in Muantur. Je näher die Protektor von Muantur dem Kontinent kam, desto wärmer wurde es.
Das Reich des Magistrats lag im Norden des Kontinents Tirgana und bestand hauptsächlich aus Wüsten, niedrigen Gebirgen und einigen großen Lavaseen. Im Magistrat war es meistens sehr warm und trocken. Bewölkung oder gar Regen waren dort äußerst selten. Noslahr gehörte zu den großen Ansiedlungen im Magistrat. Die Stadt war im typischen Steinelfenstil gebaut. Neben dem großen Stadtturm, der die Stadtverwaltung und andere Regierungsbehörden beherbergte, gab es noch zahllose Wohn- und Handelstürme, die unterschiedlich hoch und breit waren.
Aaghyl fand diese Stadt wegen ihres aus der Ferne imposanten Anblicks und wegen des quirligen Treibens, welches niemals zur Ruhe zu kommen schien, faszinierend.
Eigentlich wurden Vergnügungen von den Herrschern nicht gerne gesehen, aber Noslahr war in dieser und jeder anderen Beziehung eine Ausnahme.
Die Sanguenritter mussten ein asketisches Leben führen. Ihr Dasein war ganz dem Kampf und dem Drill gewidmet. Manchmal hätte er sich gern in dieses pralle Leben gestürzt und der einen oder anderen Vergnügung nachgegeben. Doch jedes Mal, wenn er sich in der Hafenstadt aufgehalten hatte, hatte er den zahlreichen Versuchungen widerstanden. Noch bis vor Kurzem war der Ritter stolz darauf gewesen, dass sein Wille stärker war als sein Verlangen. Jetzt regte sich tief in seinem Bewusstsein etwas, das beinahe wie Bedauern wirkte.
Das Schiff hatte mittlerweile die breite Hafeneinfahrt von Noslahr erreicht. Der Hafen wurde von einer hohen und dicken Mauer aus Stein umschlossen. Die Einfahrt wurde rechts und links von zwei mächtigen, viereckigen Türmen begrenzt, die weithin sichtbare Leuchtfeuer und Verteidigungsanlagen enthielten. Die Protektor von Muantur fuhr in den Hafen ein, gefolgt von den übrigen Schiffen der Flotte. Sie steuerte auf einen der zahlreichen Piers zu. Aaghyl konnte viele Wesen auf den Landungsstegen sehen, die alle auf die Ankunft der Schiffe gewartet hatten. Kurze Zeit später legte die Protektor an und wurde festgemacht.
Aaghyl ging noch einmal zu Yyehal, um sich von ihr zu verabschieden. Sein Stellvertreter saß schon auf seinem Reitdämon.
»Es wird nun Zeit nach Muantur zu reiten. Ich weiß nicht, ob wir uns jemals wiedersehen werden. Ich gehe mit schwerem Herzen, meine Freundin.«
»Ich bin sicher, dass wir uns wiedersehen werden, Aaghyl. Ich fühle es. Ich wünsche dir viel Glück, mein Freund.«
Ohne ein weiteres Wort verließ der Oberbefehlshaber das Schiff. Unten auf dem Landungssteg ließ er seinen Reitdämon erscheinen. Aaghyl winkte der Elfenfrau noch einmal zu, dann ritt er an der Seite Sinan Eldars in Richtung Muantur. Die Kapitänin blickte ihnen noch eine Weile nach. Sie spürte, dass ihre Augen feucht wurden. Sie wünschte sich sehr, dass sie ihren Freund und Geliebten wirklich noch einmal wiedersehen würde. So sicher, wie sie es ihm vorzumachen versuchte, war sie aber nicht. Sie unterdrückte die Tränen, Krieger weinten nicht. Keiner der umstehenden Wesen durfte Yyehals Abschiedsschmerz bemerken.
Die beiden Sanguenritter verließen Noslahr auf den schnellsten Weg. Sie wollten noch vor Anbruch der Dunkelheit in der Hauptstadt sein. Sie ritten mit der höchstmöglichen Geschwindigkeit, deren ihre Reitdämone fähig waren, durch die Einöde Tirganas. Viel sahen Aaghyl und Sinan nicht von der sie umgebenden Landschaft, dazu waren die Reitdämonen zu schnell. Die Wesen, die sich auf oder neben der Straße nach Muantur befanden, konnten von den beiden Rittern allerhöchstens einen starken Windzug bemerken, wenn sie an ihnen vorbeiritten.
Nach vielen Stunden pausenlosen Reitens erreichten die beiden Sanguenritter die Region, in der Muantur lag. Aaghyl und Sinan verlangsamten ihr Tempo jetzt so weit, dass sie die Gegend wieder in allen Einzelheiten sehen konnten.
Vor ihnen lag ein tiefes, kreisrundes Tal. Seine Landschaft hob sich scharf von der kargen Einöde ringsum ab. Wälder, Wiesen, Parks und Äcker breiteten sich darin aus. Ein breiter Fluss schlängelte sich von Norden nach Süden durch dieses unerwartet üppige Gebiet. Genau in seiner Mitte erhob sich der Palastturm von Muantur.
Der Turm war das einzige Bauwerk in dem Felsenrund. Riesig und prachtvoll stand er dort. Nachts erstrahlte er in hellem Licht, das noch aus weiter Entfernung zu sehen war und die umgebende Landschaft in einen geisterhaften Schein tauchte. Weder in den westlichen Königreichen noch an anderer Stelle im Magistrat fand man ein vergleichbares Gebäude.
Auf den Felsen, rund um das Tal herum, standen in regelmäßigen Abständen hohe, viereckige Wachtürme aus blauem Stein. Die Straße vor Aaghyl und Sinan Eldar neigte sich dem Grund des Tales zu. Sie passierten zwei der großen Wachtürme, auf denen Untote und Dämonen darauf achteten, dass kein Unbefugter Muantur betreten konnte.
Die zwei Befehlshaber setzten ihren Ritt zum Palastturm ungehindert fort. Rechts und links von den beiden Reitern wurden die Felswände immer höher. Sie mussten noch einige Zeit reiten, bis sie die Talsohle erreichten.
Die Felswände wichen und gaben den Blick auf eine weite Parklandschaft frei. Schon aus dieser Entfernung wirkte der Palastturm einschüchternd. Die Straße führte direkt zu ihm. Die beiden Krieger ritten langsam weiter. Irgendwann erreichten sie eine breite Steinbrücke, die den Fluss überquerte.
Die Sanguenritter hielten in der Mitte der Brücke an und schauten in die schäumenden Wellen des Flusses. So viel trinkbares Wasser hatten die beiden Männer schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Es war nicht mehr weit bis zum Eingang des Palastturmes. Aaghyl sah Sinan Eldar an und reichte ihm die Hand. Dieser ergriff sie.
»Mein Freund, Sinan, ich möchte mich bei dir bedanken und dich um Verzeihung bitten.«
»Erhabener?«
Sinan Eldar sah seinen Freund verständnislos an.
»Ich möchte dir für deine selbstlose Freundschaft danken. In all den Jahren warst du mir immer ein treuer Weggefährte. Ich möchte dich auch um Verzeihung bitten, denn ohne mich und deine Freundschaft zu mir, wärst du jetzt nicht in dieser Situation.«
»Ganz gleich, was uns die nächsten Stunden bringen werden, es war mir eine Ehre dein Freund zu sein. Es gibt nichts zu verzeihen, Aaghyl.«
»Sinan Eldar, auch mir war es eine Ehre. Komm mein Freund, treten wir unseren Herrschern gegenüber«, forderte er Sinan Eldar auf und löste den Händedruck.
»Ja, Erhabener, das wollen wir. Empfangen wir unsere Strafe!«, rief Sinan Eldar aus und stürmte auf seinem Reitdämon davon.
Der Oberbefehlshaber folgte ihm. Bald hatte er seinen Stellvertreter wieder eingeholt. Seite an Seite ritten sie auf den Eingang des Palastturmes von Muantur zu.


































































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