Kapitel 37
„Oh nein!“
Wie so oft bekundet Tessa ihren Missmut genau mit diesen Worten. Ein vertrautes Muster der verwöhnten Prinzessin. Erzürnt wirft Tessa ihr Haar über die Schulter, während der Zorn durch ihre Augen blickt.
„Ich soll fortan in einem stinkenden Lost Places versauern? Garantiert nicht! Glaubt ja nicht, dass ich mich zu niederer Arbeit verdonnern lasse! Vergleicht mich nicht mit dem Arbeitervolk! Ich bin Akademikerin! Ein heller Stern am Himmelszelt! Ich mache Karriere und nichts und niemand hält mich davon ab!“
Nun darf Skyla lauthals lachen. Denn Tessa checkt einfach nicht, in was für eine Lage sie steckt.
„Mädchen, unsere Feinde werden dich zerfleischen! Denen ist egal, wovon du träumst!“
Tessas Augen werden schmal und wie eine Furie will sie sich auf Skyla stürzen, aber Oma Ulrike fängt sie rechtzeitig ab und drängt sie in den Hintergrund. Was das Biest nicht davon abhält, ihre Meinung hinauszuposaunen.
„Und wer hat uns überhaupt in diese Lage gebracht? Du machst nur Schwierigkeiten, Skyla! Du hast unser Leben ruiniert! Meine Eltern starben deinetwegen!“
„GENUG!“
Oma Ulrikes Verstärkung trifft zu spät ein, denn Tessas Pfeile schlagen bereits auf Skyla ein und zwingen sie auf die Knie. Die Hände voll mit Blut. Ihr Eigenes und das der anderen. Gemischt mit den herabfallenden Tränen. Zuerst folgt Lukas und dann Sina leistet ihr ebenfalls am Boden Gesellschaft. Ihre helfenden Worte gehen jedoch in dem Sturm um Skyla verloren. Tessas strafender Blick zwingt sie zur Flucht. Mühsam kämpft sich Skyla hinauf auf die Beine und weicht allen um sich herum aus. Sie schafft es irgendwie hinaus in die Tür, direkt in Justins Arme. Das Timing des Geisterjägers ist zum Verfluchen. Aber auch er schien nicht mit ihr gerechnet zu haben und kann nicht anders als ungläubig zu starren. Damit gibt er ihr die Chance, auch ihn abzuhängen. Schnell an ihm vorbeigedrängt tragen ihre Beine sie fort. Noch immer umgebenen von einem Sturm, der nur in ihrem Kopf tobt.
Mit getrübter Sicht treibt Skylas Boot ins unbekannte Gewässer. Machtlos und angetrieben von tiefen Schuldgefühlen. Eine ganze Weile treibt sie ziellos auf einem stürmischen Meer herum. Bis sie aus der Ferne ein Licht ausmacht. Einen Leuchtturm. Die Gestalt eines kleinen Mädchens, das hell wie die Sonne strahlt und die Hand helfend nach ihr ausstreckt. Ehe sich Skyla versieht, greift sie zu und findet sich einen Augenblick in einem unbekannten Patientenzimmer wieder. Ein Blick auf das Krankenbett und sie erkennt Narus Nachbarin. Nadine mit ihrem tragischen Schicksal. Während der Körper regungslos im Bett schlummert, lernte ihre Seele, sich vom Gefängnis zu lösen. Ihre Macht wirkte zuvor aggressiv und ungebändigt, nun aber verwandelt sich ein Teil des Patientenzimmers in ein freundliches Kinderzimmer. Leuchtend pink und mädchenhaft. An einem kreisrunden Tisch sitzt eine bunte Palette an süßen Kuscheltieren, die Tee und Kuchen genießen. Wie Kai steckt in jeder Plüschwatte Leben und ein jeder besitzt seinen ganz eigenen Charakter. Eine bunte Gesellschaft und doch ein harmonisches Team. Von einem Feen-Hasen zu einem Superhelden-Teddy und einem niedlichen Panda ist so einiges dabei. Keins der Dinger stört sich an Skylas Anwesenheit. Ihre Gespräche werden ungehindert fortgeführt. Erst als Skyla direkt neben dem Superhelden Teddy in die Hocke geht und ihn mit dem Finger berühren will, schlägt dieser ihre Hand fort.
„Entschuldigung! Aber das ist ja mal so etwas von unverschämt!“
Nur kurz funkelt er sie wütend an, bevor er sich kopfschüttelnd wegdreht. Doch Skyla pikst ihn dreist in die Seite und belächelt seinen erschrockenen Aufschrei. Womit nun Stille eintritt und sie von allen Plüschaugen angestarrt wird.
Skyla lächelt lieblich und hinterfragt: „Seid ihr Dämonen?“
Der Bär schnauft und schüttelt ungläubig den Kopf, während seine Freunde verneinen und Skyla einen Haufen Vorwürfe machen.
Verwirrt legt Skyla den Kopf schief, denn sie braucht einfach Gewissheit.
„Aber ihr seid doch Schutzgeister oder?“
Gelächter und wildes Gerede geben weniger Klarheit. Mit gespitzten Ohren versucht sie Informationen herauszufiltern. Unmöglich bei dem ganzen Durcheinander. Mit einem strengen Pfiff aus dem Hintergrund kehrt Ruhe ein. Absätze klackern und kurz darauf wird Skyla ausgiebig von der Seite gemustert. Zuerst geriet die Dame kurz in Vergessenheit, dabei kam sie beim Krankentransport zur Hilfe. Nur erinnert sich Skyla nicht mehr an ihren Namen. Anders als die Kuscheltiere vor Ort.
„Jessy, wie schön. Setz dich, Liebes.“
Der Hase im Feenkostüm rückt einen leeren Stuhl zu Recht. Tatsächlich steuert die Dame mit der strengen Frisur den freien Platz an und nimmt dort stumm Platz. Ihre karamellfarbenen Augen blicken geradezu Skyla auf, da wird das Medium von der Seite angesprochen.
„Eine Tasse Tee und süßes Gebäck würde dir ebenfalls gut tun, Skyla.“
Die Angesprochene zuckt in dem Moment zusammen, als eine kalte Hand ihre umfasst. Ungläubig blickt sie zu Nadines Geist, der weitaus friedlicher wirkt, als im vorherigen Krankenhaus. Gekleidet in einem festlichen Kleid. Fliederfarben und aus glänzendem Stoff mit einer dunkelvioletten Schleife. Das dunkle Haar wurde zu einem dicken Zopf geflochten und mit hübschen Schmetterlingsspangen versehen.
„Nadine. Dir geht es gut, wie schön.“ Skyla geht in die Hocke auf Augenhöhe und seufzt erleichtert. „Bin ich froh. Du warst unfassbar mutig. Ich danke dir für deine Unterstützung.“
Statt darauf einzugehen, deutet das Kind auf einen weiteren freien Stuhl.
„Sei nicht unhöflich und setze dich, Skyla“, meldet sich nun Jessy.
Skyla meint Ungeduld herauszuhören und für gewöhnlich würde sie solch einer Bitte nachkommen, doch nach Tessas Angriff bevorzugt sie es, ungestört zu sein.
„Dein Angebot rührt mich zu Herzen, Nadine. Aber ich fühle mich nicht nach einer geselligen Runde und will lieber allein mit meinen Gedanken sein.“
Skyla spielt auf Ehrlichkeit und hofft auf Verständnis, doch Nadine blinzelt ungläubig.
„Niemand will allein sein.“
Ihre Antwort lässt Jessy erheitert lachen. Nur ganz kurz und doch hat sie sämtliche Aufmerksamkeit. Skyla seufzt und blickt zurück zur Tür, die augenblicklich zuschlägt.
„Deine Freunde finden dich nicht hier. Du bist sicher vor ihnen. Versprochen.“
Zorn versteckt sich in der zittrigen Stimme von Nadine. Etwas, das Skyla Sorge bereitet. Auch Jessy nennt das Kind streng beim Namen.
„Wir zwingen niemanden, Teil der Teeparty zu sein.“
Jessys Worte zeigen Wirkung, Nadine blickt schuldbewusst hinab.
„Aber Skyla wirkt verloren und ich kann helfen. Sie mag ihre Freunde gerade nicht sehen und das hier ist ein gutes Versteck.“
Jessy schwenkt den Kopf hinüber und fixiert ihren Gast neugierig an.
„Hast du dich gestritten, Skyla?“
Für gewöhnlich reagiert Skyla schlagfertig, aber Tessa bricht sie immer wieder. Ihr Kopf ist voll von Negativität, dass es ihr die Sprache verschlagen hat.
„Nadine befindet sich im Koma und doch geistert sie herum. Als Astralreisende lernte sie ihren Kopf zu benutzen. All das hier ist ein Produkt ihrer Fantasie. Wahrlich echt und voller Leben. Ob Illusion oder nicht, das hier ist eine ganz große Nummer. Nach langer Zeit hat Nadine endlich wieder gute Laune, was ihre freundliche Welt uns vor Augen hält. Verärgere sie bitte nicht, denn ansonsten könnte sich das hier schnell zu einem Alptraum verwandeln.“
Als müsste Skyla nicht nur mit Jessys Worten überzeugt werden, beginnen die Augen des Pandas rot zu leuchten. Mit einem teuflischen Ausdruck, den Skyla ab und zu bei Kai sieht, nimmt der Bär ein Kuchenmesser bedrohlich in die Hand und lächelt böse. Etwas, das Jessy ebenfalls nicht entgeht. Daher nickt sie unauffällig auf den freien Stuhl. Skyla erkennt die Gefahr, denn sie kam ohne einen Schutzgeist. Dalika scheint ihr nicht gefolgt zu sein, was das Medium wundert, denn Dalika schien deutlich gemacht zu haben, nicht länger getrennt zu sein.
Wo mag der Nang Tani daher stecken?
































































Kommentare