Kapitel 31

Der Rücken dankt es den hochwertigen Polstern für den kurzen Moment der Entspannung. Die Kinositze sind so bequem, dass Skyla ihren Hintern freiwillig nicht hochbewegen mag. Dank Knopfdruck fährt der Sitz aus. Die Lehne kippt langsam und die Beine werden hochverlagert. Die spärliche Beleuchtung sorgt für eine Wohlfühlatmosphäre, sodass Skyla freiwillig die Augen schließt und sich sogar ein kleines Powernapping gönnen kann. Bis Agnar sie einfach hochreißt.
„Hey, Mensch! Du wirst gerufen!“
Er klingt leicht gereizt. Doch Skyla muss sich kurz orientieren und blickt sich schlafgetrunken um.
„Kurzen Moment.“
„Wir können sie auch einfach hier lassen!“, tönt es aus dem Hintergrund.
Skyla hebt müde den Kopf, denn die Stimme passt zu Mia.
„Ich hätte auch nichts dagegen. Aber wer bin ich schon?“, gibt Naomi ihr Senf dazu.
Ein Blick hinauf und Skyla sieht die Silhouetten ihrer Gefährten.

„Ich dachte, das könnte etwas dauern“, meint sich Skyla zu erinnern.
„Hat es auch“, bestätigt Agnar ihr.
„Fühlt sich nicht danach an“, beschwert sich Skyla, während sie ihm hinterher trottet. Direkt zu den anderen.
Noch nicht mal angekommen haut Naomi mit weiteren schlechten Neuigkeiten um sich: „Mason war ein ehemaliger Soldat und der Jordangraben könnte viel von uns abverlangen. Macht euch auf alles gefasst. Je nachdem, wo wir gleich landen, könnten wir auch in ein Kriegsgebiet ziehen.“
„Och nö!“, jammert Skyla laut.
Zu Naomis Erheiterung. Mia hingegen gibt vorerst Entwarnung: „Der Verfluchte zeigte mir Bilder eines Höhlensystems natürlichen Ursprungs.“
„Und Höhlensysteme werden auch gerne von Soldaten genutzt“, verkündet Naomi mit einem Lächeln.
„Wir sollten keine Zeit vertrödeln, denn ein Soldat wird nach einer Alternativroute suchen. Zu gefährlich wäre es, am Ausgangspunkt des Portals zu verweilen“, meldet sich Agnar.
„Pah! Milan wird ein Wrack sein! Mental zerstört, nachdem er seine geliebte Fee verloren hat. Ohne mich wird er nicht mehr auf die Beine kommen!“, behauptet Mia felsenfest.
„Oh dann kennst du Mason schlecht.“ Skyla seufzt und überlegt, wie sie die Nachricht am besten schonend rüber bringt. „Vielleicht wäre Mason ja so gnädig, Milan bewusstlos zu schlagen. Schließlich bevorzugt er stille Gesellschaft und einen Erwachsenen kriegt er bestimmt locker einige Kilometer getragen.“




Mia verschränkt die Arme und betrachtet Skyla voller Bissigkeit, als wäre Skyla Masons Kontrollstation. Entwaffnend hebt das Medium daher die Hände hoch.
„Verurteile nicht mich, Mia. Mason mag erst kürzlich in mein Leben gestolpert sein, aber dieser Mann hinterlässt Eindruck. So wie eine gewaltige Bestie in Horrorspielen, die dir immer auf den Versen bleibt, egal, wie viel du rennst und überwindest.“

Zur Antwort erschafft Mia ihr Dimensionsportal und winkt einladend hinein.
„Dann lasst uns keine Zeit vergeuden! Ich hoffe für euch, Milan erfreut sich bester Gesundheit!“
„Skyla! Vortreten!“ Naomi schnippt fordernd. „Und forme auf der anderen Seite einen großen Schutz gegen einen Kugelhagel!“
Ein bekannter Prozess. Daher tritt Skyla entschlossen ans Portal, wo Emilie Gefallen an den schwimmenden Farben gefunden hat. Mit ihrem Finger wischt sie fröhlich durch das große Gemälde. Trotz knisternder Energie. Selbst als Mia angeflogen kommt und sich mit vorwurfsvollem Blick ins Bild schiebt, lächelt Emilie nur umso breiter und winkt der Fee kurz zu.
„Deine Schutzgeister haben einen Dachschaden!“, beschwert sich Mia bei Skyla.
„Es wird der Tag kommen, da werde ich dich fressen!“, entgegnet Agnar mit einem diabolischen Grinsen.
In seiner vorherigen Gestalt hätte er sich laut aufgeregt, nun aber scheint er an Reife dazugewonnen zu haben. Denn selbst Mias darauffolgende freche Konter scheinen ihn wenig zu beeindrucken.

Am Portal angekommen dackelt Emilie heran und schnappt sich freudig Skylas Hand. Ihre Mundwinkel zucken und die Augen strahlen.
„Wie aufregend“, kichert der Lockenkopf.
Skyla seufzt gedehnt und gesteht: „Du gehst sehr optimistisch an die Sache heran, Emilie. Wie Milan. Ich hingegen habe noch immer meine Zweifel mit der Reise per Portal.“
Emilies Grinsen gewinnt an Größe. „Klingt nach dir. Du denkst zu viel nach, Skyla.“
„Interessant“, beginnt Skyla und folgt Emilie zu der knisternden Energie. „Und wenn wir mal im Nirgendwo stecken bleiben, wie gedenkst du dann zu verfahren?“
Eine Frage, die sie schon immer mal Justin fragen wollte.
„Interessant“, meldet sich Naomi, „Es gibt tatsächlich wenige dokumentierte Fälle von Fehlschlägen. Die Betroffenen lassen sich tatsächlich nicht mehr aufspüren und bislang hörte ich von keiner Person, die zurück in unsere bekannte Welt fand.“




Emilie schüttelt sich auffällig, als betrete sie eine Kühlkammer. „So viel Pessimismus. Beschwört doch kein Unheil auf und denkt einfach positiv.“
Skyla rollt unbewusst mit den Augen und blickt zurück zur Hexe. „Naomi? Können wir zusammen reisen? Ich denke, im Fall der Fälle, wären meine Überlebenschancen mit dir höher.“
„Garantiert.“ Naomi schnippt lässig und grinst böse. „Doch ich bevorzuge es, allein zu verreisen. Ich mag keine Störungsfaktoren und Problemmagnete. Mit dir kann es nur schief gehen.“
Skyla wünschte, sie könnte frech kontern, doch zu viel Wahrheit steckt dahinter. Außerdem verweilt Emilie zu lange an einer Stelle. Stillstand kennt Emilie nicht. In ihr steckt zu viel Energie.

Verdächtig ist das Lächeln auf Emilies Lippen. Sie starrt Skyla keck an, als plane sie Dummes.
„Was…“
Der Rest bleibt Skyla im Hals stecken, denn mit einer saftigen Drehung tänzelt Emilie rückwärts ins Portal. Ohne ihre Freundin frei zugeben. Obwohl ihnen trockene Luft entgegenschlägt, lacht Emilie freudig und tanzt voran. Hinein in fremdes Areal. Die Füße versinken tief in den Sand und Skyla dankt Naomi, das sie mit festem Schuhwerk ausgestattet wurde. Emilies Blick schnell hinauf zu den einzigartigen Felswänden, die sie mitten in der Wüste begrüßen. Wellenartige Muster im roten Sandstein und windgeformten Steinbögen. Die Luft in der Wüste wirkt angenehm warm, aber nicht heiß. Anders als erwartet.
„Der Schutz!“, schimpft Naomi, die am Portalausgang aus ihren Schuhen schlüpft.
Skyla würde ihrem Befehl gerne nachkommen, aber Emilies tänzelt einfach sorglos mit Skyla weiter voran. Obwohl Skyla sie ständig beim Namen nennt und nun auch schon brummig reagiert. Doch im Ausblenden war der Lockenkopf schon immer gut.

Statt eine Chance für eine kleine Lagebesprechung zu gönnen, steuert Emilie einfach den Pfad zwischen den Schluchten an. Von wo Skyla einen Höhleneingang ausmacht.
„Jetzt warte doch mal, Emilie!“
Tatsächlich hält die Angesprochene inne und starrt verdächtig rüber. Obwohl sich für Skyla die Chance zur Aussprache bietet, machen Bewegungen unter dem Kleid ihr alles zu Nichte. Ruckartig reißt sich Skyla los und bekommt Panik, als sie die geschlängelte Aktivität unter dem Stoff wahrnimmt.




„Oh nein! Etwa eine Schlange?“
Ihre Hysterie bringt Naomi zum Lachen, dabei sorgt sich Skyla um ihr Wohl. Bis unter dem Saum Borus Kopf hervorlugt. Der Drache zieht sich aus ihrem Kleid und wirbelt durch die Luft.
„Du hast ihn ganz vergessen oder?“, erkennt Naomi erheitert.
„Ich dachte, eine Wüstenschlange hätte es auf mich abgesehen!“, zischt Skyla.
Naomi überholt sie und lugt Richtung Höhleneingang. „Ich denke, er wittert Milan. Das ist gut. Passt aber auf, ich habe hier Skorpione gesehen.“

„Alles gut, kleine Blume?“ Dalika legt mütterlich ihre Hand auf Skylas Schulter. „Du hast dich sicherlich erschreckt.“
„Hab ich!“, gesteht sich Skyla ein und ärgert sich gleichzeitig für ihre Kopflosigkeit.
„Nadine ruht sich in meiner Welt aus. Ich denke, wir haben genug von ihr abverlangt“, informiert Dalika sie.
Verständlich.
Agnar befindet sich auch bei ihnen, was heißt, sie wären vollständig. Tatsächlich schwebt Boru in die Höhle und jault. Sein Echo verrät somit ihre Ankunft. Ein Grund mehr, sich auf den Feuerschutz zu konzentrieren. Um den Fokus zu behalten, überkreuzt Skyla ihre Arme. Eine Geste, die sie an die Anwendung ihrer Macht erinnern soll. Das magnetische Feld verrät sich in dem Moment, wo sich die Armhaare aufstellen. Beim genauen Hinsehen zeigen sich in der Atmosphäre auch leuchtende Partikel. Wie feiner Glitzerstaub. Keine hohe Ansammlung, womit die Transparenz gewährleistet wird.
„Das sieht albern aus“, kommentiert Agnar ihre Pose.
„Mir egal!“, kontert Skyla und setzt ihren Weg fort.
In Sorge, was sie in der Höhle erwarten könne. Eine Sorge, die Naomi anscheinend nicht teilt. Denn die Hexe schlendert einfach hinein, ungeachtet, ob der Rest der Gruppe folgt.

„Müsste es nicht heißer an jenem Ort sein?“, spricht Skyla ihre Bedenken gegenüber ihrer Schutzgeister aus.
Dalika lächelt wissend. „Wir haben nur eine Zeitverschiebung von ca. zwei Stunden. Zu unserem Glück beginnt der Morgen in diesem Lande und wir bleiben noch von der Hitze verschont.“
Eine beruhigende Tatsache. Wer weiß, wohin sie stolpern und wie lange sie an jenem Ort verweilen. Auf eine Affenhitze mag Skyla vorerst verzichten. Zumal ein derber Sonnenbrand Anfang Frühling mit Sicherheit auffallen wird. Hinzukommt, dass die Gruppe unvorbereitet in die Wüste kehrte. Ohne Wasser. Ein dummer Fehler, wie sie fürchtet. Aus Sorge gewinnen ihre Schritte an Größe und es geht hinein in eine lichtdurchflutete Höhle. In einen Raum voller Sandsteinsäulen, die weit hinauf reichen, dort wo durch große Risse Licht hineinfällt und Sand hinein rieselt. Die Wanderung überwältigt Skyla und lässt sie erneut so winzig fühlen. Wie in der Höhle, wo sich Mias Feenbaum versteckt. Die Ortschaft wirkt vom Menschen unberührt und unfassbar friedlich. Die Sandsteine strahlen eine angenehme Wärme in der Räumlichkeit aus. Eine Temperatur, wo es sich aushalten lässt.



„Wir haben die Gruppe verloren!“, behauptet Agnar.
In der Tat weiß Skyla nicht, wo sich Naomi mit Milans Schutzgeistern befindet und doch bleibt sie optimistisch. So wie Emilie, die summend ihre Hände über die Gesteinshände zieht.
„Sie können nicht weit sein“, spricht Emilie Skylas Gedanken aus.
Agnar bleibt hingegen skeptisch: „Die Höhle ist weitläufig.“
„Naomi hinterließ doch freundlicherweise Fußspuren“, teilt Skyla ihren Fund mit, der ihren Spinnendämon glücklicherweise besänftigt.
Die Spuren führen in die linke Ecke der Höhle und doch vernimmt Skyla Schritte aus dem Hintergrund.
„Sei gegrüßt, Skyla“, verrät sich der Beschatter.
Mit kräftiger und gefasster Stimme. Skyla wappnet sich auf einen Kampf und dreht sich herum. Bereit, die Arme hinab zu ziehen und eine Schockwelle loszuschicken. Der Kerl mit Glatze und dem halb tätowierten Gesicht erkennt sie jedoch auf Anhieb wieder. Ein unerwünschter Gast im Betrieb. Eine mysteriöse Gestalt, die ein Geschenk zurückließ. Jemanden, wo sie erhoffte, ihn so schnell nicht wieder zu sehen. Zumal sie sich fragen muss, wie er sie an solch einen Ort überhaupt ausfindig machen konnte.

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